„Jetzt hört doch mal auf!“ rief Irvine, langsam in Rage kommend. „Wir haben auf seine Informationen hin eine Raumkapsel gefunden, die so stabil ist, dass sie der Träne des Mondes und dem Aufprall hier auf der Erde widerstehen konnte. Glaubt ihr nicht, dass er, wenn er diese Kapsel kennen würde, nicht eine aus dem selben Material hätte, wenn er sich in feindliches Gebiet wagt? Und wir haben Dokumente gefunden, die darauf schließen lassen, dass der Pilot aus Esthar stammt, auch wenn es nicht gerade ein sorgfältig geführtes Tagebuch ist! Was verlangt ihr eigentlich noch, bis ihr euch der Gefahr bewusst werdet?“ Er blickte die drei so wütend an, dass Ward sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und Kiros sich spannte.
„Und wieso verlangst du von uns, Bürger, die seit Jahrzehnten in Frieden leben, zu bewaffnen, gegen einen Feind, den wir nicht kennen?“ fragte Lagunas leise Stimme. Es wirkte irgendwie, als würde er mit einem uneinsichtigen Kind sprechen. „Was glaubst du, was passieren würde, wenn sich herausstellt, dass es diesen Feind gar nicht gibt? Die Leute würden durchdrehen! Vielleicht nicht alle, aber es würde mit Sicherheit Verletzte und möglicherweise auch Tote geben, wenn wir sie zum Narren halten. Willst du, dass wir uns so etwas aufs Gewissen laden, Irvine? Verlangst du das von uns?“
Der Scharfschütze sah betreten zur Seite. Er hatte sich nie sonderlich mit Politik beschäftigt, aber auch er verstand jetzt, was Laguna fürchtete. „Das heißt nicht“, beschwichtigte der Esthar-Präsident, „dass ich euch nicht glaube oder dass ich euch gar daran hindern würde, Nachforschungen über diesen Astronauten anzustellen. Aber ich kann euch erst dann helfen, wenn ihr mit eigenen Augen die Monsterarmee gesehen habt, die er eurer Meinung nach gerade aufstellt.“
Er stand auf und ging zum Fenster. Nachdem er kurz hinausgesehen hatte, lächelte er und drehte sich wieder um. Dann wurde er wieder ernst. „Was ich auf alle Fälle tun werde, ist, die anderen Staaten darüber zu informieren, dass möglicherweise auch für sie Gefahr droht. Wer weiß, was dieser Verrückte plant, wenn Esthar wirklich fallen sollte?“
„Du willst also die Hände in den Schoß legen und abwarten?“ Rinoa wirkte fast schockiert. „Du hast dich wirklich verändert, Laguna! Früher hättest du dich aufgemacht, um diesen Monsterbeschwörer alleine fertig zu machen, aber heute willst du lieber hier bleiben und auf den Tod warten? Ich kann dich nicht verstehen!“
Kiros lächelte traurig. „Das ist auch gut so. Wenn jeder von euch verstehen würde, zu welchen Handlungen Staatsoberhäupter oft gezwungen sind, dann würdet ihr euch wahrscheinlich von jeder Autorität abwenden. Aber es sind nun mal nicht alle so stark wie ihr, Rinoa. Diese Menschen da draußen in der Stadt haben seit Adells Herrschaft friedlich gelebt, und sie wollen das auch weiterhin tun. Willst du ihnen jetzt eine flammende Rede über Ehre und Kampf halten, die dich vermutlich mehr begeistern würde als sie, und sie dann in den sicheren Tod schicken?“
Rinoa sah nicht so aus, als wäre sie von der Entscheidung ihrer Freunde begeistert, aber Squall warf ihr einen Blick zu, nicht mehr weiter zu streiten. Er, der er selbst schon die Verantwortung über den gesamten Balamb-Garden innegehabt hatte, konnte Laguna verstehen. Es war nicht leicht, darüber hinwegzusehen, dass nicht jeder ein Kämpfer war, den man ohne Gewissen einsetzen konnte.
Laguna klatschte in die Hände. „Aber jetzt genug von der Politik“, rief er, und plötzlich war er wieder der ein wenig linkische, aber gutherzige Ex-Soldat, den sie alle kannten. „Ich habe jemanden herbestellt, der euch gerne einmal wieder sehen wollte. Und ich glaube, ihr möchtet auch mit ihr reden.“
Bevor der Gedanke, wer diese Person sein könnte, Gestalt in den Köpfen der Freunde annehmen konnte, öffnete sich auch schon die Tür und ein etwa 20-jähriges, braunhaariges Mädchen mit weißem Rock und blauer Bluse bekleidet kam herein: Ellione, ihre frühere große Schwester im Waisenhaus, die sie und Lagunas Truppe zusammengebracht hatte. Sofort hellten sich alle Gesichter, selbst das von Squall, auf.
Rinoa löste sich sofort von Squall und rannte auf das ältere Mädchen zu, um es zu umarmen. „Ellione!“ rief sie. „Du ahnst ja gar nicht, wie du uns gefehlt hast! Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? Wir haben dich bei keinem einzigen unserer Besuche gesehen!“
Ellione lächelte wie eine Mutter, die ihr Kind streichelt. „Ich bedaure auch, dass wir uns so lange nicht sehen konnten, Hexenschwester“, flüsterte sie. Mehr konnte sie nicht sagen, denn schon waren die anderen heran. Xell und Selphie warfen sich ihr ungestüm an den Hals, während Quistis und Irvine sich damit begnügten, ihr auf die Schulter zu klopfen und sie mit leuchtenden Augen anzustarren. „Genug, genug“, lachte sie schließlich. „Ich freue mich ja auch, euch wiederzusehen, aber wenn ihr mich nicht bald loslasst, werde ich es mir genau überlegen, bevor ich noch einmal zu euch komme!“
Nachdem sie sich einigermaßen von ihren Anhängseln befreit hatte, ging sie auf die verbleibenden vier Personen im Raum zu. „Du hast dich sehr verändert, Squall!“ bemerkte sie. „Früher wolltest du mich nie mit jemandem teilen, und jetzt willst du mich nicht einmal mehr begrüßen? Was ist mit dir los?“
„Ich habe lediglich gelernt, dass nicht alles mir gehört, was ich mir wünsche“, entgegnete dieser. Dann grinste er und umarmte seine liebste Spielgefährtin aus Jugendtagen. „Schön, dich wiederzusehen, große Schwester!“
Einen Moment lang ließ sich Ell diese Zärtlichkeit gefallen, dann löste sie sich sanft von ihm und wandte sich ihrem Adoptivvater und dessen Freunden zu, die sich offenbar schon vernachlässigt fühlten. Squall sah ihr nach, bis er ein vertrautes Gewicht an seinem Arm spürte.
„Ich hoffe, du bist mir nicht böse, weil ich einfach so weggerannt bin“, flüsterte Rinoa ihm zu. Dann veränderte sich ihr Blick und sie fragte drohend: „Aber was hatte diese innige Umarmung eben zu bedeuten, hä? Kann ich dich denn keine drei Sekunden aus den Augen lassen, ohne dass du mir untreu bist?“
Squall schob seine Hand unter ihr störrisch vorgeschobenes Kinn und wisperte ihr zu: „Was glaubst du denn, wie ich mich gefühlt habe, als du mich so mir nichts, dir nichts wegen Ell verlassen hast? Kannst du mir etwa verdenken, dass ich mich irgendwo wegen dieses Seelenschmerzes trösten musste? Du musst mir eben versprechen, mich nie wieder zu verlassen!“
Rinoa schmunzelte. „Das ist annehmbar!“ meinte sie und schlang die Arme um seinen Hals, bevor sie ihm einen langen Kuss gab.
„Jetzt fangen die schon wieder an“, stöhnte Xell auf. „Passt auf, irgendwann ersticken sie noch mal daran!“ Die beiden ließen sich davon nicht stören, sondern genossen es, die Lippen des anderen genauestens auf den Geschmack zu prüfen.
Erst, als Laguna sich zurückhaltend räusperte, kappten sie die Verbindung wieder, nicht ohne Bedauern. Sie sahen sich um und blickten direkt in Ells und Lagunas Gesicht, die sie wie glückliche Eltern ansahen, und eben diese Mienen ließen sie ein wenig rot werden und die Arme vom Körper des anderen wegnehmen. Squall erinnerte sich noch genau daran, wie Edea und Cid geschaut hatten, als sie sahen, wie er und Rinoa sich ihren ersten Kuss gaben. Das war auf der Feier im Garden anlässlich ihres Sieges über Artemisia gewesen, und die beiden waren, angelockt durch Irvine, Selphie und Quistis, die wie gebannt auf die Terrasse sahen, Zeugen dieses Ereignisses geworden. Xell, der ebenfalls zu ihnen gestoßen war, hatte schon befürchtet, seine Ziehmutter würde in Ohnmacht fallen und hatte sich auffangbereit hinter sie gestellt, aber Cid hatte Edea lediglich den Arm um ihre Schulter und sie ihren Kopf an seine gelegt. Dann hatten sie wie stolze Eltern lächelnd zugesehen. Er und Rinoa hatten erst nachher gemerkt, dass die beiden auch zugesehen hatten und waren sofort noch röter geworden als jetzt.
„Ich wollte euch die Szene ja nicht verderben“, äußerte Laguna, sonderbar hustend, „aber Ell möchte euch gerne einladen, noch einen Tag hier zu verbringen. Wenn die Monsterarmee kommt, müsst ihr ohnehin hier bleiben, um die Stadt zu verteidigen, und außerdem sieht man noch keine Anzeichen für dieses Unternehmen. Also wagt es nicht, dem Befehl eurer großen Schwester zuwiderzuhandeln!“
Squall sah die anderen an und nickte. Mit Ellione wollte sich keiner der unbesiegten Hexenbezwinger anlegen.