Kapitel 8

Liete erzählte ihren Freunden die ganze, tragische Geschichte von Havione und seiner Jahrhunderte währenden Gefangenschaft. Feena und Leen hörten ihr gebannt zu, aber dennoch empfanden sie kaum Verständnis für die Taten, die wahrscheinlich seine verspätete Rache darstellten. Justin schaute ungewohnt ernst und legte Feena seine Hand auf die Schulter.
„Keine Angst, wir werden diesem Havione die Flügel stutzen, wenn wir ihn in die Finger bekommen!“
Liete lächelte betrübt.
„Übernimm dich nicht, Juss. Dieser Ikarier ist stärker, als wir es uns vorstellen können!“
„Ha! Bis jetzt haben wir doch alle unsere Gegner besiegt, da werden wir bei einem durchgedrehten Hypnotiseur wohl nicht halt machen!“
Die Magierin schwieg, als die Gruppe das offen stehende Haupttor der Garlyle-Basis erreichte, die das Gaia-Monster in seiner Rage offenbar zerwütet hatte. Einige Soldatenleichen zierten ihren Weg über die langen, metallenen Treppen des Hauptquartiers. Leen stand der Mund offen, und sie brachte kein Wort hervor. Leen mochte den Kampf, aber was sie nun sah, was der Teufel in Mullens Körper hier angerichtet hatte, vernichtete ihre Kampfeslust. Kommandantin war ein harter Posten, aber was die Toten hier durchgemacht haben mussten, überstieg ihre Vorstellungskraft. Die Abenteurer erreichten nach vielen Schritten die Kommandozentrale, in der sich bis auf drei Schemen im Hintergrund niemand mehr aufhielt. Leen grinste und machte glücklich einen Schritt nach vorne.
„Hey! Mio! Saki! Nana!“
Liete stoppte ihre Freundin, als die Drei nicht reagierten.
„Du musst vorsichtig sein, Ikarierin. Kaum etwas ist noch so, wie es scheint.“
In dem Moment drehte sich Nana um, und eine bösartige Fratze mit rot glühenden Augen überraschte Justin und seine Freunde.
„Seid gegrüßt.“
Auch Saki blickte nun in ihre Richtung.
„Wir haben einen Auftrag.“
Und auch Mio folgte den anderen Beiden.
„Wir sind hier, um euch umzubringen!“
Mit diesen Worten zückten die Kommandantinnen ihre Schwerter und gingen auf die Helden los. Rapp konnte nur lauthals lachen.
„Pah! Wir haben euch vor Urzeiten schon einmal fertig gemacht, ihr habt nicht die geringste Chance!“
Sein Messer blockte Nanas Klinge, aber das Mädchen schien die Worte ihres Kontrahenten gar nicht zu vernehmen und fauchte ihn nur animalisch an. Liete stoppte Mios Bewegungen mit einem Zauber, aber diese windete sich in dem Kraftfeld, als wäre es ihr egal, was mit ihrem Körper geschah. Feenas Peitsche knallte wie eine Schlange auf dem Boden entlang und wickelte sich dann um den Fuß der dritten Garlyle-Kommandantin. Noch ehe Justin sein Schwert gezogen hatte, waren die Gegner außer Gefecht gesetzt und der Abenteurer kratzte sich verlegen an der Schläfe.
„Nicht schlecht, Mädels. Aber die waren ja auch nur die „Vorspeise“, nicht wahr?“
Feena starrte auf die drei bewusstlosen Mädchen, Justin ignorierte sie völlig.
„Los, ich spüre, wo Havione ist. Folgt mir.“

Der Ikarier stand auf dem Balkon und schaute auf die Welt herab. Ein grünes, pulsierendes Etwas lag in seiner Hand und brannte in das Fleisch, aber das interessierte Havione nicht mehr. Die Erde merkte ebenfalls, was passierte, denn purpurne Blitze zuckten vom Himmel und verwandelten den Horizont in ein Meer aus Angst.