Re: Re: Re: Madrid - Heuchelei und unterschwelliger Rassismus?
Zitat
Original geschrieben von Shinigami
Ich bin kein Iraki, aber ich habe letztes Semester eine extrem interessanten Vorlesung zum Thema "Demokratie und der Koran - unvereinbar?" verfolgen dürfen. Gegen Ende der Vorlesung wurde der Einwurf eines Moslem besprochen, der meinte, er möchte nicht, dass seine Kinder in einer Demokratie aufwachsen und somit wurde das Thema etwas ausgedehnt. Schlussendlich kam der Sprecher (ein ziemlich bekannter Autor der selbst zum Islam übergetreten ist, leider will mir jetzt sein Name partout nicht einfallen
) zur Frage, ob eine Demokratie (so wie wir sie kennen) im Irak möglich sein wird. Seine Antwort war ein klares nein, da viele Moslem die klassische Demokratie als klaren Widerspruch zum Koran sehen und sie somit strikt ablehnen.
Das Besatzerland Amerika macht aber genau das. Er setzt diesen Menschen eine Demokratie vor die Nase, wie sie bei ihnen auch mehr oder weniger gut funktioniert. Gläubige Moslem sehen dies aber unter Umständen als Angriff auf den Koran. Das Problem liegt IMO darin, dass man einen Kompromiss finden müsste, der demokratischen Massstäben entspricht und in den Augen der Iraker mit ihrem Glauben vereinbar ist. ...
Ich würde also nicht allzu viel darauf geben, wenn ein einzelner bekehrter Moslem sagt, dass er seine Kinder lieber nicht in einer Demokratie aufwachsen lassen würde. Zum einen weil Neubekehrte immer besonders Fanatisch sind und dazu tendieren alles niederzumachen, was ihnen ihr ganzes vorheriges Leben lang heilig war und zum anderen, weil er sein Leben nicht in einem der weniger demokratischen Islamischen Staaten verbringen musste.
Unter Saddam war der Irak ein säkularisierter reicher Staat mit hohem Bildungsniveau und dementsprechend halten anscheindend viele Iraker wenig von einer islamistischen Regierung. Wenn die Amerikaner die Bevölkerung einfach machen lassen würden und ihnen nur Unterstützung zukommen ließe, dann hätte der Irak das Potential zu einer islamisch geprägten Demokratie. Aber höchstwahrscheinlich wird ein pro-amerikanisches Regime an die Schalter der Macht gesetzt werden. Eine Regierung, die aus Vertretern des Volkes besteht könnte sich daran erinnern, wem der Irak seine momentane Lage zu verdanken hat, die Ölvorkommen verstaatlichen und den Amerikaner den Hahn abdrehen. Für Öl gibt es genügend Käufer und nachdem man keine Massenvernichtungswaffen gefunden hat ist wohl mit Sicherheit klar, das Öl der einzige Kriegsgrund war. Regimewechsel ist eine schlechte Ausrede, die USA hat in ihrer Geschichte definitiv mehr Regime ein- als abgesetzt.