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Ritter
Der Rat der Sonnen wurde aufgelöst, ohne daß sie Gegenwehr leisteten. Sie wurden überschwemmt, ertranken in den Wogen der Dunkelheit. Alle Hoffnung schien verloren, als die Sterne zu ihrer letzten Schlacht anrückten, und das Gift der Verzweiflung ließ sie blaß und schwach werden...
Licht, das dem Wanderer in den Augen brannte, Licht der Taverne. Künstliches, grelles Licht. Doch der Wirt lächelte, als er den Wanderer erblickte. Torch strahlte geradezu, als er den Kristall in den Händen des Wanderers erblickte. Dieser Leuchtkristall würde die künstlichen Lichter überflüssig machen, zu mindestens in der Taverne, denn je mehr Lebewesen sich in der Nähe des Kristalls befanden, desto stärker leuchtete er. Und Torvernis war ein Ort, an dem für gewöhnlich viele Leute verweilten, denn wie ihm Torch vor seinem Auftrag erläutert hatte, lag die nächste Siedlung einige Meilen entfernt, daher gab es keinen anderen Ort für Menschen auf der Durchreise. Die meisten dieser Reisenden kamen aus den Nordländern, nur sehr wenige aus dem Osten jenseits von Sanarbar. Der Kristall würde hier bestens aufgehoben sein.
„Wanderer, setzt euch zu mir, und lasst euch einen Drink schmecken, wie ihr noch keinen zuvor getrunken habt. Und vor allem, zeigt mir den Kristall!!“
Ein gieriges Grinsen erschien dabei im Gesicht des Wirts, aber das war nicht weiter schlimm. Jeder gierte nach Licht, und dem Wanderer bedurfte es nicht nach dem Kristall.
Nachdem sich der Wanderer gesetzt hatte und Torch mit glänzenden Augen den Kristall betrachtete, war die Zeit gekommen einige Fragen zu stellen.
„Torch, woher wusstet ihr von diesem Kristall, wo er doch mitten im Sumpf lag?“
Torchs Blick löste sich widerwillig vom Kristall, doch sah der Wirt dem Wanderer nicht in die Augen. Stattdessen sah er nervös von links nach rechts, schien jeden Gast der Taverne im Blick zu halten.
„Nun ja, ich hörte Geschichten von Durchreisenden, die ein Leuchten bemerkten...“
Torch machte sich daran ein Bier zu zapfen, so als wäre das Thema mit dieser Aussage beendet.
„Durchreisende? Aus dem Norden kommen sie zuhauf, so sagtest du doch, Torch? Wie können sie dann ein Leuchten im Südsumpf gesehen haben?“
Dem Wanderer entging nicht der immer nervöser werdende Blick des Wirts.
„Wisst ihr, Wanderer, nicht alle Gäste kommen aus dem Norden. Seht euch an, ihr kamt aus dem Osten... und so kam jener Reisende, von dem ich nun rede, aus dem Süden.“
Der Tonfall des Wirts wurde immer leiser, fast schon geheimnisvoll. Ein Reisender aus dem Süden? Damit hatte der Wanderer nun nicht gerechnet. Wie konnte jemand von dort kommen, wo doch...
„Dort ist das Meer von Ajatt, und schon lange kommen keine Seefahrer mehr aus dem alten Kontinent. Wollt ihr mich nun also für dumm verkaufen, so würde ich euch dies nicht raten.“
Erschreckt blickte Torch dem Wanderer nun doch in die Augen.
„NEIN! Nicht doch, ich sage die Wahrheit. Ich weiß nicht, ob er Seefahrer war, aber er KAM aus dem Süden, er sprach Antallisch, die verlorene Sprache...“
„Die spreche ich ebenso, das sagt nichts!“ unterbrach ihn der Wanderer nun ungehalten.
„So lasst mich doch ausreden. Das unglaublichste war, er hatte einen schwarzen Tugir an seiner Seite, der ihm aufs Wort gehorchte. Ihr wisst sicherlich, dass diese Raubtiere seit Jahrzehnten nicht mehr in unseren Ländern zu sehen waren. Seitdem der Kontakt zum alten Kontinent abbrach.“
Doch der Wanderer hörte dem Wirt schon nicht mehr richtig zu. Es schien bedeutungslos, was er noch zu sagen hatte. Tugire waren katzenähnliche Raubtiere, die in den Urwäldern des alten Kontinents jagten, so sagten es jedenfalls die Bücher. Nur einmal hatte der Wanderer ein solches Tier gesehen. Und zwar ein besonders seltenes Exemplar. Einen schwarzen Tugir eben. Es konnte nicht anders sein. Es war der selbe Tugir, musste der selbe Tugir wie damals sein... und das hieß auch dass ER noch lebte... und es hieß noch viel mehr als das.
„Wie war der Name des Fremden, des Reisenden!? Sagt es mir!“
Torch wurde es nun sichtlich mulmig zumute, er schluckte schwer und schien die Wut des Wanderers nicht eben zu fürchten, doch zu respektieren.
„Wie ist der Eure? Er hat mir seinen Namen ebenso wenig mitgeteilt wie ihr mir den Euren!“
Torchs Stimme war empört, aber etwas zu schrill. Er verbarg etwas. Und den Namen wusste der Wanderer auch so, er war sich sicher, es konnte niemand anderes sein. Aber er wollte mehr hören, wollte alles genau wissen was Torch über IHN zu sagen hatte. Das hier konnte unglaublich wichtig sein, und vor allem konnte es kein Zufall sein.
„Wann war er hier, und was hat er über den Kristall gesagt? Und sprecht jetzt die Wahrheit, Torch, oder ihr könntet mehr Unheil verschulden, als es eure Schultern zu tragen vermögen!“
Der Wanderer erhob sich langsam bei diesen Worten, schrie nicht, aber hob die Stimme doch zu so imposant, dass er die anderen Gäste am Tresen dazu brachte, sich zurück zu ziehen.
„Oh Gott,“ brach es aus Torch hervor, „ich wusste ja nicht dass er Übles plante. Er kam vor fünf Wenden. Er sagte mir nur, dass der Kristall im Sumpf läge, und das schon bald jemand kommen werde, der ihn für mich holen könne. Das sagte er mir, er meinte er wisse SICHER das jemand Besonderes kommen werde... ich ahnte gleich, dass ihr derjenige sein musstet.“ Torch schwieg kurz, atmete durch, dann fragte er: „Woher wusste er das? Kennt ihr ihn?“
Der Wanderer blickte grimmig in sein Glas.
„Ich kenne ihn, und er kennt mich. Torch, hat er, bevor er wieder ging, noch mit irgend einem anderen Menschen in der Taverne gesprochen?“
Noch bevor Torch ihm antwortete, ja noch bevor er die Frage gestellt hatte, kannte er die Antwort. Mel...“vin!“
Der Wanderer rannte die Treppe des Hauptturms von Torvernis hinauf, so schnell es ihm möglich war.
-„Er sprach nur kurz mit ihm, doch worüber weiß ich nicht, Melvin wollte es mir nicht sagen. Seitdem benahm er sich... merkwürdig, angespannt, so als erwarte er etwas.“
- Mich -
Die Treppen schienen kein Ende zu nehmen, an immer mehr Zimmern rannte der Wanderer vorbei, während er beiläufig wahrnahm, wie das Licht des Kristalls alles erleuchtete.
-„Wo er jetzt ist? Oben bei seiner Frau, ganz oben im Turmzimmer, da lebt er. Aber was...“, doch der Wanderer war losgerannt bevor er Torch irgendetwas erklären konnte.
Er kannte diese Methode, er wusste welche Falle ER gestellt hatte.
Die Belohnung! Hoffentlich öffnete sie Melvin nicht gerade.
„Bist du sicher, dass es funktionieren wird, Melvin?“ Sanja stand die Sorge ins Gesicht geschrieben, doch vertraute sie auch ihrem Mann, der immer gut für sie gesorgt hatte.
„Aber ja, er hat gesagt, wenn der unheilvolle Fremde tot sei, werde der Fluch von diesem magischen Kubus genommen. Stattdessen werde ich meine Belohnung erhalten, wenn ich nun den magischen Satz spreche. Eine unendliche Menge von kleinen Lichtkristallen werde ich diesem Ding entnehmen können, so viele ich will. WIR WERDEN REICH!“
Sanja freute sich auch, doch noch immer erzeugte der Anblick des kleinen, metallischen Gegenstandes in Melvins Hand ein ungutes Gefühl in ihr. Mehr noch. Es erzeugte Angst.
Dann fing Melvin an den magischen Satz zu sprechen, und gleichzeitig schien jemand die Treppen herauf zu poltern.
Der Wanderer rannte und stolperte die letzten Stockwerke hinauf und hörte bereits das Gespräch. „WIR WERDEN REICH!“
- Oh nein, du Narr -
Dann hörte der Wanderer die beschwörenden Worte, und als er endlich die Tür des gebrochenen Mannes aufschlug, war ihm klar, dass ER sich eine der grausamsten Fallen hatte einfallen lassen, die ihm zur Verfügung standen.
Sanja sah den Fremden ins Zimmer stürzen, sah seinen entsetzten Gesichtsausdruck. Dann sah sie ihren Mann an, der den Fremden gar nicht zu bemerken schien. Melvin beendete soeben seinen Zauber, den Zauber, den ihm der Reisende vor fünf Wenden mitgeteilt hatte, den Zauber, der sie reich und glücklich machen sollte. Als Sanja die Augen des Fremden im Zimmer sah, wusste sie, dass der Reisende gelogen hatte. Dann ging alles sehr schnell.
Noch bevor der Wanderer irgend etwas Warnendes hätte ausrufen können, noch bevor er Melvin den Kubus hätte entreißen können, war der knappe Zauber auch schon vollendet. Dann wurde es blitzartig dunkel, und die Dämonen der Nacht, die Streiter des Chaos, kamen aus den Wänden gekrochen. Der Wanderer sah, wie sich das verzerrte, zu einer Karikatur von Glück entfremdete Grinsen Melvins zu einer entsetzten Grimasse der Erkenntnis verformte. Er folgte Melvins Blick und verstand dessen Entsetzen nur zu gut. Doch war es nun zu spät für Entsetzen... und für die Frau in der anderen Ecke des Raums.
Sanja sah mit einem Schlag fast nichts mehr. Doch auch ihr entgingen nicht die Schatten in den Schatten, die sich bewegten, auf sie zukamen, höhnisch und gierig grinsend, sie berührend, in sie eindringend, von überall... Kälte... Melvin...
Dann nur noch Dunkelheit. Ewige Dunkelheit.
Der Wanderer riss den erstarrten Mann, dessen Name Melvin war, einen gebrochenen Mann, der hier in dieser Taverne sterben würde, mit sich und rannte die Treppen hinunter, fort von den Schatten, den Dämonen, doch er wusste natürlich, dass er nicht wegrennen konnte. Er musste sich stellen. Doch zuvor musste er zu Torch.
To be continued, if anyone cares...
Geändert von Lonegunman81 (17.03.2004 um 08:24 Uhr)
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