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Thema: Egal wie alt ich werde...

Baum-Darstellung

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  1. #10
    Ich leide eigentlich nicht an falscher Bescheidenheit und ich bin auch Stolz auf diese Geschichte und finde sie selbst sehr gelungen (wer das über seine Texte/Bilder nicht zumindest ansatzweise findet, hätte wohl auch gar nicht den Mutt, die hier zu posten). Aber so viel positive Resonanz und Lob überrascht (und freut!!!) mich sehr! DANKE
    Eigentlich wollte ich die Kapitel mit zwei Tagen Abstand posten, aber unter diesen Umständen, will ich es dann nicht zu sehr in die Länge ziehen. Insgesamt sind es übrigens 6 Kapitel, wir haben also ungefähr "Halbzeit"



    Kapitel 3

    Oh mein Gott, SIE fährt einen Mini. So schön diese Autos auch sein mögen, so sehr war ich ihnen bislang doch aus dem Weg gegangen. Aber an diesem Tag führte kein Weg mehr daran vorbei, die brennende Frage zu beantworten, ob ich in so ein Gefährt hinein passe, oder nicht.

    Erstaunlicher Weise funktionierte es ziemlich gut. Beine, Bauch und Kopf wurden erfolgreich im Wageninneren verstaut und ich kann sogar noch die Tür schließen. Für meinen rechten Arm wäre es zwar etwas eng, aber so habe ich eine gute Entschuldigung, ihn cool aus dem Fenster hängen zu lassen und trotz angelegtem Gurt, konnte ich sogar noch einigermaßen atmen.

    Sie schaltete die Anlage an, schenkte mir ihr hübschestes Lächeln und legte den Gang ein. Der Umstand, dass ausgerechnet Phil Collins aus den Boxen dudelte, erleichterte es mir nicht unbedingt, zurück zu strahlen. Als dem ersten Lied dann auch noch ein weiterer Song des ehemaligen Genesis Drummers folgte, erhärtet sich meine Befürchtung, dass es sich wohl nicht um einen Radiosender handelte.

    Ob ihr wohl bewusst ist, dass dies eine „Tempo 30“-Zone ist?
    „Schönes Auto, hast du das schon lange?“
    Achtung, die Ampel ist rot...puh, grade noch rechtzeitig. Ich hätte allerdings eher gebremst.
    „Jaja, es wird immer früher dunkel“
    Muss SIE eigentlich direkt hinter dem Bus herfahren? Die linke Spur wäre doch vollkommen frei
    „Nein ich weiß leider auch nicht, wie der Hauptdarsteller aus Tiger & Dragon heißt“...„Ja, ich fand den Film auch sehr schön“.
    Von was für einem Film redet SIE grade? Den Namen hab ich ja noch nie gehört...
    „Nein, ich habe doch nicht extra für dich meine Wohnung aufgeräumt. Wie kommst du denn darauf? Du warst doch nur ein paar Sekunden drin. Das wäre ja lächerlich“
    Mein Gott, kann mir denn nicht mal was vernünftigeres einfallen, als...oups, gut dass der Fahrradfahrer noch rechtzeitig gebremst hat.
    „Wie war denn so dein Tag heute?“
    Was für eine bekloppte Frage.
    „Aha, soso, sehr interessant“
    Hätte ich doch bloß was anderes gefragt.
    „Der HSV hat heute gewonnen!“
    Hmm, SIE interessiert sich nicht für Fußball. Aber SIE lächelt süß und...SIE hat das Stop-Schild überfahren.
    „Nein, nein, du fährst großartig, man merkt gar nicht, dass du zwischendurch mal jahrelang nicht gefahren bist.“
    Ob ich SIE nach dem Grund fragen sollte?
    „Ach, auf der anderen Kassettenseite ist Chris de Burgh?! Na, dass passt ja gut zusammen“
    Ich will hier raus...

    „Was für einen Film wollen wir eigentlich gucken“ fragte SIE mich, als wir schon fast da waren und auch mir fiel erst in dem Moment auf, dass wie diesen nicht ganz unwichtigen Punkt, noch gar nicht geklärt hatten.
    „Ich wäre ja für Shrek, der soll sehr lustig sein, wie mir mehrere Freunde versichert haben“, erwiderte ich. Außerdem ist es eine romantische Liebesgeschichte, mit einem wundervollen Happy End und – da es ein vom Computer animierter Film ist - ohne jegliche Gefahr, dass ich ob des Hauptdarstellers in Minderwertigkeitskomplexe verfalle. Aber so detailliert wollte ich ihr meine Beweggründe nicht darlegen.

    „Oh ja, das wäre auch meine Vorschlag gewesen. Du bist ein Schatz“ Und während SIE das sagte, warf SIE mir einen Blick zu, den ich und meine berechnenden Motive, nicht verdient hatten. Dann schon eher den Auffahrunfall, den SIE dabei beinahe verursachte.
    „Das soll doch eine sehr romantische Geschichte mit Happy End sein. Bei so etwas kommen mir immer die Tränen, aber es gut jemanden bei mir zu wissen, der dann für mich da ist“.
    Mit diesen Worten knuffte SIE mir grinsend in die Seite.
    „Außerdem spielen da keine Frauen mit, die hübscher sind als ich und die du die ganze Zeit anstarren würdest. Du sollst heute doch schließlich mich angucken“

    Schon wieder diese unglaubliche Ehrlichkeit! Von soviel Naivität (oder doch Charme?) war ich vollkommen irritiert. Mußte SIE so strahlen, so liebe Dinge sagen, so verflixt blendender Stimmung sein? Hätte SIE nicht ein ganz klein bißchen aufgeregt wirken können? Kann man so widerlich gut gelaunt sein, wenn es in einem kribbelt?
    Ich wollte nicht nur „lieb und nett“ und die ideale Begleitung für einen Kinoabend mit anschließendem Klönschnack sein. Ich wollte verwegen, aufregend und interessant auf SIE wirken. Ich wollte, dass ihr Herz klopft, wenn SIE an mich denkt, Ursache ihrer Transpiration sein und dass SIE sich jeden Satz dreimal überlegt, bevor SIE ihn ausspricht, denn mir ging es schließlich auch nicht anders.
    Natürlich könnte ich mir auch wünschen, genauso unverkrampft und locker zu sein wie SIE, aber als egozentrisches Sensibelchen erwartete ich selbstredend, dass SIE sich mir anpasst.

    „Wir sind da!“ vermeldete SIE triumphierend.
    In der Tat, das war nicht untertrieben. SIE hatte einen Parkplatz direkt vor dem Kino bekommen. An einem Ort, den ich mich bei einer Parkplatzsuche, nicht mal trauen würde, in Erwägung zu ziehen. Sicherlich war es ein Vorteil, dass SIE „Mini“ fuhr, denn mit einer „S-Klasse“ hätte man sich wohl nicht in die Lücke quetschen können, aber so hatten wir die beste mögliche (legale) Abstellfläche gefunden.

    „Du bist ein richtiges Glücksbärchen für mich. So einen guten Parkplatz hatte ich noch nie“

    Ob ich SIE wohl dazu überreden könnte mich auf der Stelle zu heiraten, anstatt so einen doofen Film zu gucken?

    Ich schälte mich aus ihrem Auto und versuchte meine unbeholfenen Verrenkungen zeitlich so abzupassen, dass SIE mit andere Dingen beschäftigt war, als mir dabei zu zugucken.
    Gemeinsam steuerten wir auf die große moderne Glasfront des Kinos zu und SIE witzelt, dass es in einem der Smarts, die im Autohaus nebenan stehen, für mich noch enger gewesen wäre. Da SIE sich aber gleich darauf bei mir einhakt, mutiert mein gequältes Lächeln, dann doch zu einem Honigkuchenpferd-Grinsen.

    Bei dem Versuch, ganz Kavalier zu sein und der Dame die Tür zu öffnen, scheitere ich freilich zum wiederholten Male kläglich. Es gelang mir zwar noch rechtzeitig, auszumachen, welche dieser vielen Glasscheiben, wirklich als Tür und nicht bloß als Schaufenster dienten, aber das mit dem „Ziehen“ und „Drücken“ muss ich wohl noch etwas üben.
    Ich zerrte jedenfalls vergeblich an einem Türgriff, während SIE (sich von meinem Arm lösend) ohne jegliche Anstrengung die Tür daneben aufstieß und anschließend mir - mit einem gar nicht mehr so engelsgleichem Grinsen - die Tür aufhielt.

    Im Foyer starrten wir auf die Monitore, die anzeigten wann wo welcher Film läuft und endlich konnte auch ich mal meine rasche Auffassungsgabe unter Beweis stellen. In dem WirrWarr von Zahlen und Informationen entdeckte ich „Shrek“ zuerst (Kino 8) und schritt entschlossen in Richtung der ersten Kasse. SIE folgte mir und war tief beeindruckt davon, dass ich ihr eine Kurze Inhaltsangabe sämtlicher Filme geben konnte, deren Plakate aushingen (und bei denen, die ich nicht gesehen hatte, dachte ich mir einfach etwas aus - Splange ich souverän und weltmännisch auftrat war alles in Butter).

    Wie wir da so zusammen in der Schlange standen, versuchte ich ihr unentwegt meinen Arm anzubieten, auf dass SIE ihn doch erneut ergreifen möge, aber seit dem SIE ihn losgelassen hatte, um mir die Tür zu öffnen, hat SIE keine erneuten Anstalten in dieser Richtung unternommen. Mittlerweile bohrte sich mein Ellenbogen schon in ihre Taille, aber ihre Hände suchten in ihrer Handtasche weiterhin nach der Geldbörse.
    Die Wahrscheinlichkeit, dass SIE dabei ihr Gleichgewicht verliert und nach Halt suchen muss, ist bei so einer Tätigkeit eher gering und zwingen konnte ich SIE schließlich auch nicht.

    Ich ließ SIE weiter nach ihrem Geld suchen.
    Natürlich hätte ich auch sagen können, dass SIE das nicht muss, da ich SIE einlade, was SIE natürlich vehement ablehnen würde, worauf ich noch energischer darauf bestände. Nach einigem hin und her, würde SIE es mir dann wahrscheinlich doch erlauben. Ich muss aber gestehen, dass ich weder diese Art von Diskussionen mag, noch das Gefühl, SIE nur aufgrund ihrer Gnade einladen zu dürfen. Wenn ich so etwas schon tue, will ich mich doch wenigstens ein kleines bisschen als Held dabei fühlen.
    Ich hab es mir in solchen Fällen daher angewöhnt, im Vorfeld nichts zu sagen und dann an der Kasse einfach zwei Karten zu kaufen. In der Regel gibt es dann keine ausgeprägten Proteste mehr.

    Als ich an der Reihe war, verlangte ich „zwei Karten , Loge“ (was nur eine wohlwollendere Bezeichnung für „nicht in den ersten drei Reihen“ ist), „mittig und bitte nicht direkt hinter einer Basketballmannschaft“.
    Der Witz war zwar nicht grade umwerfend, aber er reichte aus, um SIE - der übrigens just in dem Moment als ihr klar wurde, dass ich SIE einlud, wieder meinen Arm ergriff – zum lachen zu bringen.
    Da es für einen Mann keine größere Befriedigung geben kann, als sein „Objekt of Beauty“ zu erheitern, heiligte in diesem Fall der Zweck die Mittel.
    Der Mann hinter dem Tresen hingegen, der mir träge die Karten rüber schob und unverschämte 16 Euro dafür kassierte, schaute so, als hätte er diesen Spruch in der letzten Stunde ein halbes Dutzend Mal gehört. Aber für ihn war diese Bemerkung schließlich auch nicht bestimmt.

    Die Gelegenheit, mit einer schönen Frau an meinem Arm durch das Kino zu flanieren und mir den Neid aller (Single)Männer gewiss zu sein, versuche ich besonders intensiv aus zu kosten und schwadronierte noch weiter über alte Filmklassiker, während wir an den Plakaten entlang schlenderten.
    Mein selbstverliebtes Gefasel ging ihr dann aber wohl doch auf die Nerven (schade, ich war grade dabei meine Nervosität abzulegen), denn freundlich aber bestimmt, zerrte SIE mich zur Rolltreppe, die in den ersten Stock zu den Kinosälen führt. Immerhin konnte SIE dabei meinen Arm nicht loslassen.

    Ohne dass sich einer von uns in der Rolltreppe verklemmte, kamen wir oben an und SIE drückte mit ihr Portmonee mit den Worten in die Hand „Wenn du die Karten bezahlst, übernehme ich wenigstens die Snacks. Kauf uns doch was leckeres, ich muß mir noch schnell die Nase Pudern“. Ihr Grinsen dabei verriet, dass das wohl nur die höfliche Umschreibung für ihr wahres Vorhaben auf der Damentoilette war - Wir Männer bräuchen dafür lediglich einen Baum.

    Geändert von Lisa Jewell (10.01.2004 um 22:20 Uhr)

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