Wie jeder andre Tag auch...
Der Tag begann wie jeder andre Tag auch.
Die Sonne schien durch das Fenster meines Fensters und erhellte den ganzen Raum.
Das offene Fenster schickte eine warme Sommerbrise in mein Gesicht und holte mich sanft aus meinen Träumen. Als ich die Augen aufmachte drang der Geruch von Rauch und Feuer in meine Nase. Hustend und röchelnd setzte ich mich auf. Ich schaute mich um und bemerkte, dass es nicht Tag war der anfing , und nicht die Sonne mein Zimmer erhellte, sondern ein loderndes Flammenmeer, welches aus dem gegenüberliegenden Haus emporstieg. Es war mitten in der Nacht, 3:27 um genau zu sein. Ich stand da in meiner Unterhose und sah hinüber in ein Fenster des anderen Gebäudes. Dort stand eine junge Frau. Nicht älter als 25 und schrie nach Hilfe. Rundherum brannte es wie die Hölle. Aus allen Hausöffnungen flammte es und fing so langsam an auch auf mein Haus überzuspringen. Einzig und allein ihr Fenster und auch ihr Zimmer hinter ihr war noch wie durch ein Wunder unberührt.
-- Springen -- Dieses Wort schoss mir wie ein Blitz durch meine Gedanken. Doch im fünften Stock diese Möglichkeit in betracht zu ziehen war mehr als Irrsinn. Zumal die schmale Gasse unter uns einem Fluss aus Feuer gleichkam. Wir würden verbrennen ehe wir den Boden berührten: Die Flammen hatten inzwischen die ersten Ableger auf das Haus in dem ich wohnte geworfen und fraßen sich Stockwerk für Stockwerk nach oben.
Doch noch war es nicht zu spät, weder für mich noch für die Frau. Ihr Fenster war nicht mehr als vierten Meter entfernt. Sie könnte es schaffen.
Mit ihrem flehenden, von Tränen zermürbten Gesicht sah sie mich an. Ihre Hilfeschreie drangen nur leise in mein Ohr. Genauso leise wie die Sirenen der Feuerwehr , welche noch zu entfernt waren um uns rechtzeitig zu helfen.
Endlich wachte ich aus meinen Gedanken auf und überlegte wie ich der Frau helfen konnte.
Panikartig zog ich mir erst mal was über, Hose, Socken, Shirt. Dann ging ich in die Küche und schaute dort aus dem Fenster auf die Hauptstrasse. Die Feuerwehr bog 300 Meter entfernt gerade von der Kreuzung in meine Strasse ein, während die Polizei schon da war und die Strassen ab sperrte. Aus den umliegenden Häusern liefen die Leute hinaus in Sicherheit. Einer der Beamten brüllte etwas zu mir rauf doch ich reagierte nicht. Mein Gebäude schien soweit leer zu sein und ich war wohl noch als einziger im obersten Stockwerk. Denn unten standen einige meiner Nachbarn die mir ins Auge fielen. Miss Chadwick, Herr Lombardo mitsamt seiner Familie und die beiden Streithähne aus der zweiten Etage.
Dann fiel es mir wieder ein. Die Frau, die Schreie. Schnell rannte ich wieder zurück ins Schlafzimmer und schaute nach ihr. Sie hockte inzwischen auf ihrem Fenstersims und hustete. Offensichtlich war sie kurz davor sich in die Flammen zu stürzen aus Panik und Angst. Entsetzt rief ich zu ihr hinüber. „ Warten sie, springen sie nicht es gibt eine andere Möglichkeit als das.“ Nebenbei bemerkte ich das irgendwie der Boden unter meinen Füssen langsam wärmer wurde.
Sie jedoch schien mich gar nicht zu zuhören und hustete vor sich hin.
Dann klopfte es an meiner Wohnungstür, nein es wummerte und ich hörte zwei Stimmen.
Ich ging in den Flur und sah die Polizisten auf mich zukommen.
„Kommen sie bitte, wir müssen schnellstens aus diesem Haus raus. Die Feuerwehr wird gleich hier sein und sich um alles kümmern.“
Sie wirkten bedrohlich auf mich, als wäre ich ein Verbrecher und hätte jemanden getötet.
-- getötet.. töten.. – „Die Frau“ stieß ich entsetzt auf. Ich drehte mich um und sah wie sie sich immer mehr aus dem Fenster hing. Ich hatte nur ein Möglichkeit ihr Leben zu retten.
Nichts sie sondern ich musste springen.
Ein letzter Blick zu den zwei Beamten beendete ich mit einem Lächeln
Ich hörte ihre Worte nur noch leise hallend in meinem Verstand, „Nein tun sie’s nicht“ , während ich Anlauf nahm und mich auf einen Hechtsprung von etwa vier Metern vorbereitete.
Die Zeit bis zum Fenster verlief so langsam als hätte jemand die Slowmotion – Taste an einem DVD Player gedrückt. Wildentschlossen macht ich einen Satz nach dem anderen.
Den Blick ständig auf die Frau gegenüber gerichtet.
Ein oder zwei Schritte vor meinem Fenster sprang ich auf den Sims und trat mich mit der letzten Berührung die ich spürte so stark ich konnte nach vorne ab. Die Arme nach vorne gestreckt als wenn ich etwas abwehren wollte flog ich durch die Luft. Ich nahm nichts um mich herum war. Nur die Frau im Blick und der Gedanke an den Aufprall füllten meinen Kopf aus. Wie lange ich über dem Feuer schwebte kann ich nicht sagen, doch es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Die Frau schein mich noch immer nicht zu bemerken. Erst in der Sekunde als meine Hände sie schon leicht berührten zuckte sie zusammen. Doch da war es schon zu spät. Mit meinem Körpergewicht, rammte ich sie vom Fenster ins Zimmer innere und wir schlugen beide mit voller Wucht auf den Boden.
Ich brauchte einige Sekunden, um zu mir zu finden. Starrte an die Decke über mir und spürte wie ein schluchzendes Wesen sich an meinem Körper schmiegte und sich weinend bei mir bedankte.
Im selben Augenblick durchbrach eine Axt eine Tür. Aus dieser trat ein Mann in Uniform.
Sein Gesicht verborgen von einer Sauerstoffmaske, reichte er mir eine Hand und half mir auf die Beine. Ein anderer Feuerwehrmann nahm mir meine menschliche Last vom Körper und versuchte sie zu beruhigen. Leider wurde mir keine Zeit gelassen um mich von meiner Flugeskapade zu erholen, sondern man zerrte mich mit den Worten: „Wir müssen sofort raus hier das Haus hält nicht mehr lange stand“ in den Raum aus dem sie gekommen waren.
Dort loderte das Feuer nicht mehr so stark, um nicht zu sagen, nur noch in kleinen Flämmchen. Diese wurden von gewaltigen Wasserstrahlen die durch das Fenster drangen am Minimum gehalten. Am Fenster stieg ich dann zusammen mit dem uniformierten Engel in eine Gondel die uns sicher auf den Boden brachte.
Von dort sah ich nun das wahre Ausmaß des Infernos. Beide Häuser standen in Flammen und konnten nur mit Mühe von den vielen Wassermassen daran gehindert werden, dass das Feuer sie ganz verschlang.
Ich saß auf einer Trage und lies mich von einem der Sanitäter vor Ort unter suchen, während die Männer der Feuerwehr weiterhin gegen die Flammen kämpften.
„Wissen sie“, sagte ich zu dem Herrn an meiner Seite, „ Morgen ist sicher wieder alles beim alten. Und die Tage beginnen wie jeder andre auch.“
Er lächelte mich nur an und kontrollierte meinen Blutdruck weiter.