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Thema: Kummerkasten

  1. #2341
    Ich weiß, dass solche Krankenhausbesuche in dieser Generation kein Selbstläufer sind und den betroffenen Menschenleben vor allem Willen und Mut abverlangen. Ich hoffe daher, dass sie es schafft. So wie Du schreibst, scheinst Du ein gutes Verhältnis zu ihr zu haben. Vielleicht sieht sie ja gerade in Dir jemanden, an dem sie sich aufrichten kann. Sie wird es definitiv schaffen. Gute Genesung unbekannter Weise!

  2. #2342
    Ich weiß, das Elend in der Welt ist groß und es gibt jeden Tag tausende Menschen, denen nicht geholfen wird.

    Trotzdem macht mich jetzt gerade das Schicksal des kleinen Alfie Evans unendlich traurig. Der Junge ist knapp zwei Jahre alt und liegt seit über einem Jahr auf der Intensivstation eines Kinderkrankenhauses in Liverpool. Sein Gehirn sei durch einen Gendefekt zu stark angegriffen. Die Eltern wollen dem Sohn dennoch eine Behandlung im Ausland ermöglichen - es gibt sogar die Möglichkeit, Das Kind in das Kinderkrankenhauses des Vatikans zu verlegen. Das hat dieses auch zugesichert. Zudem wollen einige Spezialisten, sogar aus Deutschland, dem Fall annehmen. Es ist zwar so, dass das kleine Kind, das im Koma liegt, durch seine (bisher unerforschte) Erbkrankheit wahrscheinlich keine Chance mehr hat, ein normales Leben führen zu können, geschweige denn, dass sich der Zustand bessert.

    ABER: Eltern spüren doch das Band zum eigenen Kind. Und was bitte vertut man sich, wenn trotz wiederholtem Appell von Papst Franziskus man den kleinen Patienten mithilfe eines freiwillig gespendeten Überführungsflugzeugs direkt nach Rom fliegt, um ihn dort - vielleicht sogar nach technisch höheren Maßstäben - weiter betreuen möchte? Die behandelten Ärzte in England wollen das Kind sterben lassen, weil sie keine Hoffnung mehr sehen und eine weitere Behandlung nicht im Sinne des Kindes erachten.

    Der Fall ging etliche Male vor Gericht, da die Eltern ihr Kind nicht eigenmächtig verlegen durften z.B. nach München oder eben nach Rom ohne Zustimmung des Krankenhauses. Doch jedes Gericht entschied immer im Sinne der Ärzte. Und es wurde sogar ein detaillierter Plan erstellt, wie die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden sollten. Jede weitere Instanz lehnte die Prüfung ab. Der Termin wurde schließlich auf den heutigen Tag um 14 Uhr verschoben - so lese ich es zumindest heraus. Sogar die Chefärztin des Vatikan-Kinderkrankenhauses ist nach England angereist.

    Die Eltern kämpfen seit Monaten. Auf den Pressefotos sehen die beiden auch nicht mehr gesund aus. Sie versuchen alles, damit die Behandlung in Rom fortgesetzt wird. Sie veröffentlichen sogar "streng geheime" Dokumente, wie den Ablaufplan der Beendigung der lebenserhaltenden Maßnahmen. Als dieser bekannt wurde (das war irgendwann gestern oder heute), äußern sich plötzlich auch weltweit mehr Ärzte bedenklich. Anscheinend sollen dem Kind Substanzen verabreicht werden, die das Prozedere beschleunigen. Das geht schon sehr in Richtung aktive Sterbehilfe. Diese Tatsache gibt mir nun die Gewissheit, das irgendwas nicht stimmt. Anstelle nur das Beatmungsgerät abzustellen, verabreicht man dem Patienten noch ein Medikament, das die Atmung beeinträchtigen soll...

    Warum entscheidet überhaupt ein Gericht so gegen den Willen der Eltern und weiß angeblich besser, was für das Kind ist? Wohlgemerkt: Die Eltern haben nichts verbrochen, was ihr Sorgerecht gefährden würde. Die Unterstellung, sie klammerten sich verzweifelt an einen Strohhalm und könnten nicht loslassen würde ihr Urteilsvermögen der Fürsorge einschränken, kann ich mir zwar vorstellen, ABER: Wieso lässt man keine zweite Meinung von anderen Ärzten gelten? Was schadet es, das Kind mit modernster Technik in ein anderes Krankenhaus zu überführen? Warum vertraut man nicht auf die Fürsorge der Eltern? Ich traue es den Eltern - wenn sie auch verzweifelt sein mögen - sehr zu, dass sie am besten wissen, was gut für das Wohl des Kindes ist. Und was doch wirklich merkwürdig ist: Wieso enthält das "streng geheime" Protokoll eine aktive Gabe eines atemlähmenden Mittels? Ist das nicht was faul, da sogar andere Ärzte sagen, so solle das aber nicht sein? Ich kann mir auch gut vorstellen, dass so etwas in Deutschland gar nicht möglich ist, selbst wenn die Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sein sollten.

    In ca. einer Stunde soll mit der Prozedur begonnen werden. Wird nicht in letzter Sekunde einem Eilantrag an den Europäischen Gerichtshofs der Menschenrechte stattgegeben, dann wird das Unvermeidliche wohl passieren.

    Und das macht mich unendlich traurig.

    Geändert von Cuzco (23.04.2018 um 13:14 Uhr)

  3. #2343
    Das ganze geht mittlerweile ziemlich chaotisch weiter. Ich verfolge den Fall ja schon seit Wochen. Mittlerweile hat sich Italien eingeschaltet und den Kleinen eingebürgert - dennoch wurden die lebenserhaltenden Maßnahmen gestern Nacht eingestellt. Dabei geschah ein kleines Wunder: Denn das Kind atmete selbstständig und ist bis jetzt noch am Leben - ohne künstliche Beatmung.

    Es scheint sogar ein Hubschrauber auf das Kind zu warten, um es endlich nach Italien auszufliegen, wo es weiter behandelt wird. Anscheinend sieht das britische Gericht trotz dieser Ereignisse keine Veranlassung, die Verlegung nach Rom zu erlauben. Das Verfahren läuft aber noch. Anscheinend möchte der Richter nun, dass das Krankenhaus die Entlassung des Kindes prüft, damit die gebeutelte Familie es zumindest noch mit nach Hause nehmen kann. Aber die Weiterbehandlung in Rom scheint das Gericht den Eltern verbieten zu wollen. Vor Ort sind einige italienische Diplomaten und die Leiterin des Kinderkrankenhauses im Vatikan, die sich alle für das Kind einsetzen.

    Alleine, dass Italien das Kind im Eilverfahren eingebürgert hat, wirft nun wirklich Fragen auf. Wenn doch die halbe Welt dafür ist, das Kind weiterzubehandeln, wieso weigern sich dann Krankenhaus und Justiz so. Irgendwie bin auch ich erleichtert, dass das Kind sein geplantes Sterbenlassen überlebt hat. Aber wie lange das ohne Weiterbehandlung gut geht, steht auf einem anderen Blatt. Das Kind sollte schleunigst samt Eltern nach Italien gebracht werden, um weiter behandelt werden zu können. Ich nehme mal an, dass die Ärzte dort den Fall wohl nicht so leicht aufgeben. Hoffen wir, dass das mit der Ausreise nach Italien klappt!

    p.s.: Momentan hat der Fall eine Tragweite erreicht, dass nun auch die deutschen Medien und nicht nur explizit katholische Nachrichtenseiten in aller Ausführlichkeit darüber berichten.

  4. #2344
    Ich würde es begrüßen wenn dieses Thema eventuell, etwas weniger einseitig, im Politik Forum besprochen werden könnte.

    Ich verstehe, dir das Thema und auch die Perspektive der Eltern emotional nahe zu gehen scheint. Doch es gibt durchaus noch eine andere Seite der Geschichte und ich fände es unpassend, wenn diese komplett unter den Tisch fallen würde.

    Ich würde liebend gern eine Diskussion zu dem Thema verfolgen, doch der Kummerkasten ist bei weitem nicht der geeignete Ort dafür.

    Alles in allem wünsche ich den Eltern jedoch auch alle Kraft der Welt. Ich will mir gar nicht vorstellen müssen welche psychologischen Folgen es für die Eltern haben muss, Ihrem Kind effektiv beim sterben zusehen zu müssen.

  5. #2345
    Ich dachte, so einseitig hätte ich das Thema jetzt auch nicht dargestellt. Wo ich doch auch geschrieben habe, dass sich der Zustand wahrscheinlich nicht verbessern würde und das auch die italienischen Ärzte nicht glauben. Aber da gibt es auch eigentlich nichts zu diskutieren. Ich wollte nur loswerden, dass mich diese Sache unendlich traurig macht. Man kann an der ganzen Sache auch leider nichts ändern. Ich nehme nur sehr stark an, dass in anderen Ländern solche Fälle wie bei Alfie oder Charlie nicht passieren würden.

    Im Politikforum möchte ich lieber sehr vorsichtig über Sachen wie dieses Polizei-/Psychisch-Kranken-/Landes-Trojaner-Gesetz von Herrn Söder diskutieren.

    Ich bin nur angesichts der Tatsache, dass jetzt - trotz des Überlebenskampfes des Kindes, was die Ärzte nachweislich falsch eingeschätzt haben, es nicht doch zu einer Entscheidung zu Gunsten der Weiterbehandlung in Italien kommt. Damit meine ich nicht nur die Intervention der katholischen Kirche, die ich sehr angemessen finde. Sogar der italienische Staat hat sich eingemischt und wenn mich nicht alles täuscht auch Politiker aus verschiedenen Ländern. U.a. hat sich sogar ein Münchener Krankenhaus für eine Weiterbehandlung angeboten. Das Nicht-Ausreisen-Lassen wirkt auf mich stur und borniert. Die Eltern, die gekämpft haben wie Löwen, werden auch vor den Kopf gestoßen. Obwohl doch der Wille von so vielen Menschen da ist zu helfen. Und das macht mich sehr traurig. Ich kann nichts daran ändern.

  6. #2346
    Die Eltern kämpfen um die Idee der bedingungslosen Hoffnung. Sie haben bei dem Leid, das ihnen widerfahren ist, alles Recht dazu. Ich kann mir nichts Schrecklicheres vorstellen, als dem eigenen Kind beim Sterben zuschauen zu müssen. Aber dass der Junge in Bälde stirbt und auch aktuell noch höchstens am Leben erhalten wird, aber auch in seinen letzten Tagen und Stunden keine menschenwürdige Existenz führen kann, sind unausstreichbare Tatsachen. In Großbritannien gibt es in Ansätzen die Idee eines Rechts zu Sterben. Dieses Recht hat Alfie in seinem Zustand, und sowohl Ärzte als auch Juristen tun gut daran, dieses Recht zu verteidigen. Ja, auch gegen die Eltern. Und wenn der ewiglange Rechtsprozess nur dazu gedient hat, dass diese beiden Menschen keinen Moment ihres Lebens glauben müssen, sie hätten nicht alles getan, um ihren Sohn zu retten, und ihnen keinen Moment ihres Lebens der Gedanke begegnet, sie hätten ihrem Sohn das Leben genommen, weil sie irgendwann die Geräte abgestellt hatten, dann ist das Teil eines würdevollen Umgangs dieser Gesellschaft mit dem Wert von Leben und den menschlichen Schicksalen, denen dieses Rechtssystem dienen muss. Nichts davon hindert die Tatsache, dass das Kind einen würdevollen Tod verdient hat.

    Und den kriegt es nicht, wenn es nach Italien verflogen wird, um dann dort noch weiter allerlei Prozedere unterzogen zu werden, die -- und selbst das wage ich anzuzweifeln -- seine Vitalfunktionen vielleicht verlängern; sein Leid aber in jedem Fall steigern. Und zwar dann nicht mehr um seines Rechts auf Leben willen, wie es seine Eltern sich wünschen, und nicht mehr um den Anspruch der Eltern willen, sondern um eines politischen Prinzips willen, um der katholischen Doktrin willen. Das schlimmste, was man diesem Kind jetzt noch antun kann, ist es für ideologische Augenwischerei zu instrumentalisieren -- was übrigens sogar schon geschehen ist. Ich bin dabei überzeugt davon, dass auch diese Kräfte nur am Wohl Alfies interessiert sind. Aber die Gemeinschaft, die für Alfie Verantwortung übernommen hat, das ist die Gemeinschaft, die gerade verordnet, ihn in Ruhe sterben zu lassen.


    Diese Situation ist herzzerreißend. Sie es vor allem deshalb, weil sie etwas in uns anspricht, nämlich die Gewissheit, dass wir Himmel und Erde in Bewegung versetzen würden, um die Menschen, die wir lieben, nicht zu verlieren. Jeder, der in seinem Leben schon einmal mehr als nur das eigene Körpergewicht gegen den Boden gespürt hat, wird nichts anderes können als tiefes Anteil an diesem Schicksal zu nehmen. Aber gerade all das macht es so wichtig, dass die Gemeinschaft -- in diesem Fall vertreten von Ärzten und Juristen -- Alfies Rechte auch gegen die eigenen Eltern durchsetzt: Denen ist nicht zuzumuten, aus dieser Situation heraus den Tod ihres Kindes hinzunehmen. Und gerade all das macht die politische Einmischung besonders Italiens ausgesprochen gefährlich.

    Und ich glaub, es war in etwa diese Verwicklung, die Gendrek mit der Einseitigkeit ansprach. Ein guter Mensch, wie du, Cuzco, nimmt Anteil am Schicksal der Eltern, am Schicksal Alfies. Manchmal vergisst man bei dieser Anteilnahme das große Ganze mit einzudenken; das kann man auch nicht immer; da liegt ein kleiner Junge im Sterben, da ist die Weltpolitik erstmal völlig egal. Aber unsere Gesellschaften haben Institutionen und Prozesse eingerichtet, die das für uns übernehmen, damit wir als gute Menschen trauern und Anteilnehmen können. Auch Alfie hat salomonisches Recht verdient.

    Ich wünsche den Eltern, dass sie in ihrem Kampf irgendeinen Trost gefunden haben. Ich kann mir vorstellen, dass zwei so starke Seelen ein wunderbares Kind in die Welt geliebt hätten.

  7. #2347
    Einer meiner besten Freunde, der mir in den letzten drei Jahren wie ein kleiner Bruder wurde, hat heute Nacht sein Leben selbst beendet.
    Ich bin fassungslos, es kam wie aus dem Nichts.

  8. #2348
    Zitat Zitat von Ben Beitrag anzeigen
    Einer meiner besten Freunde, der mir in den letzten drei Jahren wie ein kleiner Bruder wurde, hat heute Nacht sein Leben selbst beendet.
    Ich bin fassungslos, es kam wie aus dem Nichts.
    Mein tiefstes Beileid an dich und die Beteiligten. Es tut mir leid, dass dein Freund diesen Weg genommen hat, aber es ist jetzt wichtig, dass du und die anderen sich nicht die Schuld dafür geben. In so einer Situation tendiert man dazu, Gründe zu suchen, oder sich an Dinge falsch zurückzuerinnern. "Hätte ich früher was gemerkt, dann..." darf jetzt nicht zum Hauptaugenmerk werden, denn es trifft keinen eine Schuld. Viel Kraft an euch.

  9. #2349
    Zitat Zitat
    Ben

    Einer meiner besten Freunde, der mir in den letzten drei Jahren wie ein kleiner Bruder wurde, hat heute Nacht sein Leben selbst beendet.
    Ich bin fassungslos, es kam wie aus dem Nichts.
    Mein tiefstes Beileid. Das ist hart. Vor allem, wenn es wie aus dem Nichts kommt und man so gar nicht darauf eingestellt ist. Ich wünsche dir viel, viel Kraft, um das durchzustehen.

    Mein eigener Kummer:
    Ich bin gerade irgendwie in einem seltsamen Zustand. Bzw. ist dieser im Allgemeinen nicht so seltsam, aber ich weiß aktuell keinen klaren Umgang damit. Ich habe mich unglücklich verliebt und es geschafft, mein Selbstbewusstsein und meinen körperlichen Zustand in diesem Zustand so dermaßen an die Wand zu fahren, dass ich jetzt gerade irgendwie am Boden bin. Am Besten fange ich mit der Geschichte von vorne an.

    Anfang 2015 kam ich aus einer relativ toxischen Beziehung heraus. Wir beide waren, würde ich retrospektiv sagen, in vielen Punkten menschlich inkompatibel, und taten uns auch damit oft gegenseitig weh. Da ich zu der Zeit auch noch recht frisch zum Studium in Darmstadt war, kaum jemanden kannte, und in einer WG mit zwei Mitbewohnern, die sich sehr oft stritten und laut waren, und zwischen denen ich in diesen Konflikten irgendwie oft stand, wohnte, fühlte ich mich in der Zeit oft allein. Ich versuchte in diesem Rahmen, einige lose Bekanntschaften zu engeren Freundschaften werden zu lassen und dies gelang mir mit einigen Leuten, unter anderem mit einem Menschen, den ich im Folgenden zwecks Datenschutz mal Hans nennen möchte. Ich traf mich oft mit Hans, wir redeten über Literatur, Filme, Serien, Politik, Gesellschaft und es entstand eine gute Freundschaft. Nach ein oder zwei Monaten lud mich Hans ein, zum Geburtstag seiner Freundin (nennen wir sie im Folgenden mal Steffi) mitzukommen. Steffi stellte sich als sehr angenehmer und wunderbarer Mensch heraus. Eine Frau dieser Sorte, die einen mit ihrer ganzen Art und Weise zu fesseln weiß. Im Folgenden unternahm ich immer wieder Dinge mit Hans und Steffi und zu beiden entwickelte sich eine innige Freundschaft. Einige Wochen später brachte ich eine Schulfreundin von mir, nennen wir sie Mona, zu einem dieser Treffen mit. Diese integrierte sich super in diese Konstellation und wir unternahmen viele Dinge zu viert. Hieraus entstand bei mir auch die Idee, da ich mich in der meinigen ja nicht wohl fühlte, mit den anderen dreien eine eigene WG zu gründen. In einer angesichts des überlaufenen Darmstädter Wohnungsmarktes fast schon verwunderlichen Weise fanden wir innerhalb kürzester Zeit eine passende Wohnung, und so zogen Mona, die gerade ihr Studium in Darmstadt begann, Steffi, die bisher immer aus einem Dorf von außerhalb hergependelt war, und mit einigen Monaten Abstand auch Hans, dessen alte WG im Auflösen inbegriffen war, sowie ich zusammen. Das restliche 2015, sowie 2016 war das eine gute Konstellation. 2016 gründeten Steffi und ich auch eine Band, mit der wir uns nach und nach eine kleine, aber feine Fangemeinde aufbauen konnten.

    Ende 2016/Anfang 2017 ging es mit Steffi körperlich bergab. Sie schlief lange, kam kaum noch aus dem Bett, schwänzte die Uni, hatte plötzlich kaputte Zähne. Ab einem gewissen Punkt öffnete sie sich mir dahingehend, dass sie Bulimie habe. Ich war hierbei innerhalb des Freundeskreises der erste, dem sie davon erzählte. Nichtmal Hans wusste davon, da sie es verstand, die ganze Sache sehr gut zu verstecken. In Folge dessen unternahmen wir, gerade auch angesichts dessen, dass sie Angst hatte, sich vor ihrem Freund zu öffnen, und dieser oft lange arbeiten musste und ganze Tage weg war, viel zu zweit oder auch zu dritt mit Mona. Steffi schaffte es, in dieser Phase mit der Bulimie aufzuhören. Sie bekam von der Kasse neue Zähne bezahlt, lernte langsam wieder, sich normal zu ernähren, öffnete sich auch irgendwann ihrem Freund. In dieser Zeit waren wir uns so nahe wie nie zuvor. Vorher fand ich sie zwar immer irgendwie anziehend, aber hatte eigentlich ein oder zwei andere Frauen im Kopf, hinter denen ich eher her war, auch wenn es mit keiner davon etwas wurde. In dieser Phase aber entwickelte sich aber das erste Mal so richtig in meinem Kopf der Gedanke, mit Steffi zusammen sein zu wollen. Da war aus der schlichten Anziehung Verliebtheit geworden. Natürlich blieb es beim Gedanken, da Steffi ja noch in ihrerer Beziehung war, ich mit ihrem Freund ja selbst sehr gut befreundet war, und ich mich damals auch nicht öffnen wollte, um mir eine mögliche zukünftige Chance zu verbauen. Gerade angesichts dessen, dass ihr Freund die Bulimiesache und ihre Angst, sich ihm anzuvertrauen, nur schwer verkraftete, und es auch im Zusammenleben der beiden Schwierigkeiten gab, ging die Beziehung der beiden Ende 2017 in die Brüche. Hans zog aus und wir nahmen einen neuen Mitbewohner auf.

    Leider blieb mir gar nicht die Zeit, mein Glück zu versuchen, und mich Steffi hinsichtlich meiner Gefühle für sie zu öffnen, da sie nur einige Tage nach der Trennung mit einem ihrer Kommilitonen spontan im Bett landete und in der Folge erstmal hinter diesem her war, auch wenn sich daraus nichts ergab. Ich schluckte meinen Frust darüber erstmal herunter. Ab diesem Punkt leuchtete mir langsam ein, dass das mit Steffi und mir nichts würde. Ich suchte schließlich das Gespräch mit ihr. Ihre Reaktion war, dass es ihr furchtbar leid tue, weil ich ein wunderbarer Mensch sei, aber sie für mich keine romantischen Gefühle hege. Das traf mich.

    Ich zog mich erstmal etwas zurück, und fing an, mich jeden Abend so lange zuzukiffen, bis ich ob des Rausches gefühlsmäßig taub wurde. In dieser Zeit (Frühling 2018) fing ich auch an, die Trauer über die Ablehnung auch irgendwie gegen meinen Körper zu richten. Da Steffis Typ vor allem schlacksige Männer sind, ich aber ehr der Typus groß, breit mit kleinem Bauch und etwas Hüftspeck bin und Übergewicht, das immer wieder zwischen 5 und 15kg pendelte, redete mir mein Unterbewusstsein ein, dass es ja vielleicht noch klappen könnte, wenn ich nur genug abnähme und mein Aussehen dahingehend änderte. Mein Selbstbewusstsein hinsichtlich meines Körpers war eh nie das Beste, bedingt durch Mobbingerfahrungen, vorherige Zurückweisungen, in denen mitunter mein Aussehen als Grund angeführt wurde, etc., und retrospektiv hatte ich mich damit nie tief auseinandergesetzt und das kam nun in den letzten Monaten wieder hoch. Ich startete eine Radikaldiät, die von einfachem intermettierenden Fasten immer mehr in den Grenzbereich zur Essstörung driftete. Ich fing an, haufenweise Schwarztee, Kaffee und zuckerfreie Energydrinks zu konsumieren, um meinen Stoffwechsel anzuregen und eine abführende Wirkung zu erzeugen. Ich fing wieder mit dem Rauchen an, um damit Hungergefühle betäuben zu können. Ich aß kaum noch und meist erst dann, wenn mir mein Körper durch eine Unterzuckerung anzeigte, dass es jetzt langsam echt Zeit wäre, da er sonst kollabieren könnte. Tatsächlich zeigte diese "Diät" Wirkung. Ich verlor innerhalb von zwei Monaten 15 Kilo und würde mich jetzt tatsächlich als dünn bezeichnen, auch wenn ich mir das beim im Spiegel betrachten immer noch nicht so eingestehen kann, weil das alte Selbstbild da noch nachhallt. Schmerz und Depressionen betäubte ich mit Cannabis.

    Logischerweise zeigte das hinsichtlich Steffi natürlich nicht die von meinem Unterbewusstsein implizierte Wirkung. Sie bandelte stattdessen mit einem gemeinsamen Freund an, mit dem sie jetzt auch zusammen ist. Traurigerweise ist dieser auch noch einer meiner besseren Freunde, sodass es doppelt weh tut, auch wenn ich es den beiden, da ich sie gern habe und sie gut zueinander passen, echt gönnen will.

    Ich weiß jetzt nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll. Es ist nicht das erste Mal, dass ich unglücklich verliebt bin. Meine vergangene Strategie, damit umzugehen, war es, die entsprechende Person aus meinem Leben zu streichen und Abstand zu gewinnen. Dies hat in der Vergangenheit immer gut geklappt. Genau dies klappt in der jetzigen Situation aber nicht. Steffi und ich wohnen ja immer noch in einer gemeinsamen WG. Wir spielen zusammen in einer Band, die die erste Band ist, in der ich bin, von der ich sagen würde, dass damit mehr als nur ein Auftritt hier oder da in kleinen Lokalschuppen drin ist. Loser Kontakt zu Labels und Bookern, den wir eigentlich in nächster Zeit vertiefen wollten, existiert. Das will ich eigentlich nicht aufgeben. Wenn ich aus der WG auszöge, müssten, da ich der einzige Hauptmieter bin und unser Vermieter darauf lautert, die Wohnung nach unserem Auszug zu sanieren, um sie dann als Eigentumswohnung verkaufen zu können, alle ausziehen. Angesichts des völlig überlaufenen Wohnungsmarktes hier, bei dem es in den Sternen steht, ob man irgendwo etwas annehmbares findet, wäre das allen gegenüber irgendwie scheiße, da sie ja nichts für meine Gefühle können, und der Nachfolger von Hans ja auch erst sehr kurz hier überhaupt lebt und froh ist, da er aus Norddeutschland hergezogen ist, in uns allen Anschluss gefunden zu haben. Weiterhin überschneiden sich Steffis und mein Freundeskreis in sehr weiten Teilen. Selbst wenn ich auszöge, begegnete ich ihr allein dadurch bedingt eh noch sehr oft. Außerdem zieht mein bester Freund, der mich in der Vergangenheit in so Situationen immer wieder gut auf den Boden gebracht, und mir geholfen hat, fest zu seiner Freundin nach China, sodass auch diese Konstante irgendwie erstmal wegfällt.

    Meine Angst ist, dass ich von ihr nie ganz loskommen kann, wenn ich sie so oft sehe und mich dabei völlig gegen die Wand fahre. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich aus dieser Situation überhaupt zu einer "normalen" Freundschaft zurückkomme, die ja die Lösung all der Probleme wäre. Mein erster Punkt ist, meine Ernährung wieder zu stabilisieren. Ich will wieder mit Sport anfangen, den ich über dieser Ernährungsform aufgegeben habe, um damit meinen Gewichtsverlust hoffentlich halten zu können, während ich meine Ernährung normalisiere. Danach will ich, sobald das Gewicht stabil ist, und ich dadurch nicht plötzlich wieder stark zunähme, mit dem Rauchen aufzuhören. Schritt für Schritt mit dem ganzen Scheiß, den ich mir so angetan hab, aufräumen. Wenn ich wieder ein bisschen Eigenwürde gewonnen habe, will ich mich wieder ins Daten stürzen, in der Hoffnung, da einen guten Fang zu machen. Dennoch hab ich Angst, dass es mich, Steffi ständig zu sehen, immer wieder zurückwerfen könnte. Ich weiß nicht...

    Geändert von Satyras (19.08.2018 um 13:51 Uhr)

  10. #2350
    Hey Satyras. Das sind ja turbulente Zeiten, die du da durchmachst. Zuallererst: Es ist richtig und wichtig, dass du dir von selbst bewusst machst, wie du deine Gefühlssituation gegen deinen Körper gerichtet hast, und entschlossen bist, das wieder rückgängig zu machen. Das wird vielleicht nicht alles so wie geplant klappen, und unter Umständen solltest du, wenn du die Möglichkeit dazu hast, diesen Plan auch mit jemandem durchsprechen, der sich mit diesen Themen noch besser auskennt (es muss nicht gleich ein/e ErnährungswissenschaftlerIn oder ein Arzt bzw. ne Ärztin sein sein). Rauchen als Gewichtskontrolle ist beispielsweise immer noch ein sehr ungesunder Weg -- nicht, weil alle Raucher nach der zweiten Zigarette offenbar tot umfallen und in die Hölle kommen, sondern weil du deinen Ernährungswandel dann in gewisser Weise um's Rauchen herumbaust. Je nach deinem Rauchverhalten und nach dem Sport, den du so betreibst, könnte auch der Sport das Rauchen substituieren. In jedem Fall dürfen Essen und Rauchen und Rauchen und dein Körpergewicht nicht miteinander verknüpft sein. Ich würde deshalb beispielsweise empfehlen, dass du gleich mit dem Rauchen aufhörst (und, weil man das weiter oben liest, weiter unten aber nicht mehr: möglichst auch mit dem Kiffen wenigstens für ne Weile) und dich gleich wieder in den Sport stürzt. Wie gesagt aber solltest du dich hier nach Möglichkeit auch nochmal professionell(er) beraten lassen.

    Und ganz ehrlich, ich weiß, dass sich das aus der Außenperspektive immer voll leicht sagt, und letztlich ist das einzig wichtige erstmal, dass du dich in deinem Körper wohl fühlst. Aber: Scheiß drauf, wenn du in der kommenden Zeit jetzt ein bisschen stärker zunimmst. Wenn du ein bisschen auf deine Ernährung achtest, wird sich das in Grenzen halten. Das hieße nämlich Normalisieren in diesem Kontext: Du futterst dir jetzt nicht 15 Kilo wieder an, sondern du arbeitest an einem normalen Essverhalten. Du hast offenbar (und ich sage mal: trotz allem) eine starke Selbstkontrolle und bist in der Lage, deine Routinen umzustellen. Was dir deshalb in die Quere kommen könnte, wären Entmutigungen (à la "Jetzt bin ich dicker als zuvor, hat alles nur schlimmer gemacht") und Scheiternsängste (à la "Jetzt hab ich dieses oder jenes nicht so geschafft, wie ich wollte, hat also alles keinen Sinn"). Jemand, der innerhalb von zwei Monaten stur 15 Kilo abnimmt und dann sich selbst gegenüber so ehrlich ist zu sagen "Das war Mist", dem fehlt es nicht an Willenskraft und Selbstreflexion -- und auf die kommt es jetzt weiter an.

    Apropos Selbstreflexion, die ganze Sache hat ja einen/mehrere Auslöser: Und ich muss dir echt sagen, dass Steffi* deine Zuneigung für was missbraucht hat, das manche Leute mit selbstdestruktiven psychischen Problemen tun (und das deshalb Teil ihrer Krankheit und nur manchmal wirklich ihre eigene Schuld ist). Man sucht sich da oft "Heiler", die nicht aus dem direkten Umfeld stammen, die man dann mit den Problemen belasten kann und die einem auf die Beine helfen. Das heißt, die werden auf diese Fürsorgerolle verpflichtet und tragen dann stark die negativen psychischen Folgen, die anderen erspart bleiben. Und manche Leute gehen in dieser "Heiler"-Rolle sehr auf und verbinden die Fürsorge, die sie geben können, mit romantischer Zuneigung -- was oft sogar Teil des Kalküls (das kein echtes Kalkül, sondern Teil der Krankheit ist) dahinter ist, sich diese Leute als "Heiler" rauszusuchen. Das hat selbst wiederum was Toxisches. Ich schwurbel um diese Sache eigentlich nur deshalb rum, um dir klar zu machen: Einerseits wird sie aus ihrer eigenen persönlichen Krise, schätze ich mal, selbst noch nicht vollständig raus sein. Andererseits bist du momentan auch nicht an einem Punkt in deinem Leben, wo du eine ohnehin schon vorbelastete Beziehung führen willst. Bei alledem, was dich daran hindert, den Kontakt zu ihr abzubrechen: Stell dir mal vor, was passieren würde, wenn ihr ne Beziehung (unter, nochmal, aktuell einem sehr schlechten Stern) anfinget und die dann in ein paar Monaten zerbrechen würde.

    Mir scheint das ganze abgesehen von den psychischen Schwierigkeiten und den damit einhergehenden Entgleisungen im Lebenswandel, die sowohl ihr als auch dir passiert sind, eine ganz gute und vielleicht sogar gesunde Freundschaft zu sein. Wenn ich das richtig sehe, versteht ihr euch gut, könnt Dinge miteinander unternehmen, euch miteinander und mit anderen organisieren, ohne dass das zu Reibereien führt. Du scheinst ihr keine Vorwürfe zu machen weder für ihre Inanspruchnahme noch für ihre Zurückweisung (für nichts von beidem, finde ich, solltest du ihr Vorwürfe machen). Gleichzeitig hast du dich ihr gegenüber als wirklich, wirklich guter Freund erwiesen, du warst (bis auf deine selbstdestruktive Überzeugungsstrategie) ehrlich zu ihr, was deine Gefühle angeht. Wenn du meinst, dass du auf dieser Basis mit ihr reden kannst, dann solltest du ihr auch sagen, dass dich deine Gefühle für sie immer noch belasten und du momentan daran arbeitest, dass sie das nicht mehr tun; sag ihr um Himmelswillen nicht, dass du unter anderem ihretwegen an deinem Körper rumgeschunden hast. Bitte sie darum, dass sie im Rahmen des Machbaren etwas Rücksicht nimmt und Verständnis dafür hat, wenn du dich hier und da mal rausnimmst oder auch mal komisch verhältst. Wenn eure Freundschaft so viel Ehrlichkeit hergibt, glaub mir, dann wird es das sowohl für dich als auch für sie einfacher machen.

    Gleichzeitig, würde ich empfehlen, solltest du zwei Dinge für die nächste Zeit versuchen zu tun und zwei Dinge für die nächste Zeit unbedingt unterlassen:
    (1) Versuch Situationen zu meiden, in denen "zu viel" an Intimität mit Steffi* entsteht. So begehrenswert und gut sich solche Momente auch anfühlen mögen, sie wecken immer den Wunsch nach mehr und führen eigentlich auch immer dazu, dass man sich einbildet, da wär eigentlich auch noch mehr. Selbst, wenn da mehr wäre: Ich bin überzeugt davon, dass keiner von euch beiden viel von einer gemeinsamen Beziehung hätte. Das gilt übrigens auch, wenn sie sich morgen urplötzlich von ihrem Freund trennte und dir in die Arme fiele: Das kann sowohl ihr als auch dir momentan nur schaden. Gleichzeitig solltest du Situationen, in der ihr beide als Teil eures Freundeskreises eingebettet seid (gemeinsame Abende in der WG-Küche, mit der Clique was unternehmen, die Band ...), ganz normal und wie üblich wahrnehmen. Du kannst und solltest dich vor allem auch darüber freuen, dass Sie Teil dieser Situationen ist, wie man sich über gute Freunde halt freut (und manchmal freut man sich über manche halt etwas mehr). Du wirst sicher auch da weiterhin manchmal mit deinen Gefühlen konfrontiert werden, aber Gefühle hat man nunmal, ausstellen hilft da nix. Und du wirst mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nie an dem Punkt ankommen, wo Steffi* halt nur eine Kumpeline unter vielen ist, aber das ist auch nicht das Ziel: Wo du ankommen willst, ist eine stabile Situation (und übrigens klingt mir dein Umfeld eigentlich ganz stabil so, wie es ist), in der es dich nicht unglücklich macht, dass dass da nicht mehr zwischen euch beiden ist.

    (2) Such dir -- wenn du das nicht schon getan hast -- jemanden in diesem Umfeld, der oder dem du dich so weit anvertrauen kannst, dass sie oder er Bescheid weiß über deine Situation. Das heißt, dass du im günstigsten Fall in der WG, im Freundeskreis, bei möglichst allem Gemeinschaftlichen halt, eine/n Verbündete/n bei der Seite hast gegen jeden Anflug von Ärger, Zweifel und Illusionen, die/der vielleicht sogar im richtigen Moment fragen kann "Willst du dir diesen einen Abend mit Steffi und ihrem Freund wirklich antun?" oder dir im richtigen Moment besorgte Blicke zuwirft. Du musst diese Person nicht in alles einweihen, was dir in den letzten Monaten und Jahren so passiert ist (wenngleich dir zu wünschen wäre, dass du jemanden hast, der/dem du das alles sagen könntest), aber irgendwer sollte dir dabei helfen, das Minenfeld, auf dem du in Sachen Steffi* wahrscheinlich grad läufst, zu sondieren.

    (3) Und da sind wir beim Vermeiden: Dating, um von jemandem loszukommen, ist ne denkbar schlechte Idee. Das ist im Prinzip Rauchen, um keinen Hunger zu haben, nur dass dich so ne Zigarette nicht zusätzlich auch noch abblitzen lassen kann und auch ansonsten sozial recht konsequenzarm ist. Du solltest dich ohnehin fragen, in wie weit du momentan eine gesunde Beziehung führen kannst. Du sagst selbst "wenn du wieder ein bisschen Eigenwürde gewonnen hast"; ich glaub, die hast du gar nicht eingebüßt, sondern etwas seltsame Ansprüche an dich und an Beziehungen entwickelt. Ich meine das nicht als Verdikt à la "Schau dich mal an, wie kaputt du bist", sondern vor allem, um den Druck rauszunehmen, der da offenbar ein bisschen für dich mitschwingt: Brauchst du dringend ne Beziehung aktuell? Wär's ne Rebound-Beziehung, um über Steffi* hinwegzukommen? Wär's ne "Heilerin", die du dir suchst, um mit deinen Schwierigkeiten umzugehen? Wär's ein neues Fürsorgeprojekt für dich? All die Liebe und Fürsorge, die du geben kannst, musst und vor allem darfst du jetzt erstmal dir selber widmen. Dein Körper, deine körperliche Gesundheit, dein Selbstwertgefühl und überhaupt deine ganze soziale Situation sind das absolut wert. Und du wirst mit großer Wahrscheinlichkeit sehen, wie schnell das geht, wenn du dich erstmal ne Weile auf dich selbst konzentrierst, dass du schlagartig echte, und nicht nur irgendwie bedürftige Kapazitäten für eine Partnerschaft hast. Eine Beziehung kann auch in solchen Phasen sehr helfen, das will ich nicht bestreiten. Aber das meistens um den Preis, dass eine Person mehr von sich abgibt als die andere; und grade denke ich, solltest du einerseits mit deinen Ressourcen haushalten und andererseits nicht in eine Situation geraten, wo du auf eine Fürsorgebeziehung angewiesen bist. Wenn indes in der nächsten Zeit die Liebe um die Ecke läuft: Ja, dann schnapp sie dir. Aber such jetzt erstmal nicht danach, das bringt dir grad wenig und benimmt dir viel Energie, die du dir selber widmen solltest.

    (4) Wir sind hier immer noch beim Vermeiden, diesmal gar doppelt: Vermeide Gefühlsvermeidung. Wirklich, ich spreche hier aus tiefster persönlicher Erfahrung, die vor allem deinen Cannabis-Konsum zur riesigen roten Alarmleuchte macht. Wenn du deinen Konsum gut kontrollieren kannst (und frag dich bitte richtig, richtig ehrlich selbst, ob du das kannst), dann schadet das sicher nicht, um hin und wieder mal den Kopf frei zu bekommen. Wenn nicht, dann lass det. Mach Yoga oder so nen Scheiß, mach Musik bis dir die Ohren bluten, hau eine Büste von Cobain aus einem Mamorblock. Mach Dinge, die dir nicht die Fähigkeit und Möglichkeit nehmen, dich mit deinen Gefühlen auseinanderzusetzen, sondern mach Dinge, die dir Ausdrucksmöglichkeiten geben. Und das Kiffen wird wahrscheinlich nur eine Strategie der Vermeidung (gewesen?) sein, schau dir wirklich mal ganz selbstkritisch auf die Finger, was du sonst noch so machst, um dich nicht mit diesen oder jenen Dingen auseinandersetzen zu müssen. Dass und wie du deine Lage hier schilderst, beweist definitiv, dass du dazu in der Lage bist, dich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, und das ja offenbar auch aktiv tust. Dazu gehört aber auch, deine Gefühle zuzulassen, auch wenn sich das manchmal ein bisschen wie Selbstfolter anfühlt. Und du solltest jetzt wiederum auch nicht alles auf Teufel komm raus "zwangsfühlen", bis deine Finger taub werden. Aber deine Psyche weiß schon ganz gut, wann sie sich mit dunklen Gedanken rumplagen muss, wann sie auch mal Kummer hat, wann sie mal unnötig euphorisch wird. Und wenn sie es dir doch zu bunt treibt, dann darfst du natürlich auch mal trotzig entgegen wirken und dich mindestens ablenken. Aber du darfst dich halt nicht komplett von dir selbst ablenken, und Kummer und Schmerz gehören nunmal auch zu dir dazu.



    Alles in allem: Kümmer dich jetzt erstmal komplett um dich, tu dir selbst gut. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich viele der scheinbaren Unwegbarkeiten von selbst in Luft auflösen, sobald du wieder mit dir selbst im Reinen bist. Das wird länger dauern, als dein Essverhalten, den Sport und das Rauchen/Kiffen-Aufhören auf die Reihe zu bekommen. Es wird sicherlich auch nicht immer was mit Steffi* zu tun haben, sondern ganz viel mit dir selbst (was gut ist, es geht hier nämlich um dich!). Und wenn's dich doch irgendwo zurückwirft: Das fühlt sich doof an, aber das passiert und heißt nur, dass du offenbar genug Abstand geschaffen hat, um überhaupt zurückgeworfen werden zu können. Schlimm ist's erst, wenn gar nichts mehr passiert und du dir selbst nicht mehr wichtig genug bist. Ich glaub, mit deiner Willenskraft, deiner Gabe zur Selbstreflexion und einer gehörigen Portion sehr angebrachter Selbstachtung meisterst du das. Und behalt vor allem eins weiter im Hinterkopf: Dein Körper ist dein Körper. Und nur du musst damit zufrieden sein; das heißt: im Höchstfall du musst damit zufrieden sein; vor allem musst du eine gesunde, selbstbewusste Beziehung zu deinem Körper haben.

    Ich wünsch dir für die nächste Zeit alles Gute und starke Nerven. Und nochmal: Kleine Rückschläge gibt es immer mal. Sisyphus' Stein kann aber nur den Berg wieder runterrollen, weil er ihn vorher hochgerollt hat.

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