Es gibt viele Sachen, bei denen ich stark bleibe, es gibt auch richtig viele Momente, wo einfach ich derjenige bin, der für andere da ist, sie stützt, zuhört ggf. aufmuntert und was weiß ich nicht alles...
Aber das...!

Ich bin seit dem 21.Juli mit meiner wundervollen Freundin zusammen. Und als ob mir das Schicksal irgendwie ans Bein pissen wollte hat sich das alles überschlagen, wie es sich überschlagen kann. Sie bekam Krebs. Lungenkrebs! Als ob sie nicht genug andere Scheiße am Hals hätte. Davon möchte ich nicht erzählen. Jedenfalls war ich immer wieder für sie da und habe alles menschenmögliche für sie getan. Allerdings hatte ich auch mal keine Zeit, wegen der Schule, wegen anderen privaten Dingen die manchmal einfach ohne wenn und aber erledigt werden mussten. Gut, dass es den tollen Halbbruder von ihr gab. 25 Jahre, schwul und einfach ein wahrer Ehrenmann. Er war für sie da, wenn ich nicht für sie da sein konnte, wir zwei verstanden uns blind, er war schon fast kann man sagen wie ein großer Bruder und das war mir einfach ein Junge, der den Anschein machte, dass er richtig korrekt ist, denn das sind finde ich einfach von unserer "Sorte" zu wenige und dafür schäm ich mich schon fast. Jedenfalls war alles super, bis sein Verlobter an einem Tumor gestorben ist. Der Halbbruder kam damit gar nicht mehr klar, was macht er also? Er setzt sich in seinen Ford Mustang GT, ab auf die Landstraße und volle Lotte gegen den nächsten Baum. Jetzt war nicht nur das schöne gute Lieblingsauto von mir, sondern auch er selbst am Arsch. Er ist ebenfalls gestorben, in einem Abschiedsbrief meint er, er wolle "seiner Bestimmung" folgen. Er hat eine Kiste zurechtgepackt, mit Dingen, die uns an ihn erinnern sollen, sein Trikot ausm Verein, seinen lieblingskuschelhasen, seiner Lieblingsbiermarke und sein geheimes Tagebuch...Er ist so unwürdig gestorben...Sorry für den radikalen Gedanken, aber anstatt durch die Scheibe zu fliegen sodass es gleich aus gewesen wäre musste er sogar an seinem eigenen Blut qualvoll ertrinken!

[...]
Es war mittags als ich nach Hause kam und mich die Todesnachricht per Handy ereilte. Ich hatte eine völlig verheulte Freundin am Apperat. Als sie mir es dann gesagt hat, hat es mir echt den Boden unter den Füßen weggerissen. Sie hat so unendlich lange geweint und ich musste sie trösten und ich wollte es - und ich konnte es! Ich war der starke Mann! Der die Stütze für sie war. Ich habe gesagt, dass er es so gewollt hat. Dass die Liebe zu seinem Freund schier so unendlich war, dass er ihm einfach gefolgt ist.

Haltet mich ruhig für irre wenn ich es sage, aber dieser Tod erinnert mich fast an eine Szene in SKS, als Arson in den Brunnen stürzt. Vormerken!

Nun waren meine Freundin und ich wieder für mich, sie neben mir. In der Hand ihre Kiste. Wir fingen an, sie auszupacken und über ihn zu reden, und wie aus dem Nichts und als ob alle Dämme brechen würden habe ich dermaßen zu flennen angefangen! Sie konnte mich nicht trösten, ich war kurz vor dem Kollaps, weil ich so geflennt habe dass ich keine Luft mehr gekriegt habe. Sie wollte mich schon vom Notarzt einbuchten lassen, habe aber abgelehnt. Ich habe aber irgendwie erst in diesem Moment erst richtig realisiert, dass er jetzt nicht mehr da sein wird, dass kein weiser Rat mehr seinen Mund verlässt, dass er die schützende Hand ab sofort nur noch von oben über sie legen wird...Dazu noch die Kiste mit all den Erinnerungen an ihn...Das hat mich in diesem Moment einfach noch so fertig gemacht! Genau da kam mir die Szene mit SKS in Erinnerung. Es wird mein liebstes Werk werden das fertiggestellt wird und wenn Arson in den Brunnen stürzt, werden Tränen kullern. Ganz sicher! Versprochen!

...Und irgendwie bereue ich es, dass ich so den starken Mann für meine Freundin gespielt habe...Ich war keinen Deut besser, am Ende habe ich mich sogar schlimmer dran ausgelassen als sie selbst, weil das alles einfach nur verdammt ungerecht war. Er war doch so ein toller, liebenswerter wundervoller Mensch. Sein Tod ist jetzt drei Wochen her und noch heute ringe ich um Fassung.

Ich lache wieder, doch die Wunde bleibt. Ich werde damit leben müssen. Aber es wird sehr schwer! Die Bösen und ungerechten baden im Campangner und die Guten trifft es immer am allerhärtesten...sterben viel zu früh! Das ist etwas das mir regelrecht Angst macht...Denn ich bin auch herzensgut, möchte später in den Rettungsdienst! Habe schon Leben auf offener Straße gerettet...Werde ich irgendwann mit meinem Leben für all das bezahlen müssen? Wenn es einen Gott gibt, wird er mich früher hochholen, weil er meine Taten gut findet? Muss ich Angst haben, etwas gutes zu Leisten? Ich will nicht zu ihm. Gott ist nicht gut. Wer Kinder in Afrika verhungern lässt, die besten zu früh sterben lässt oder einen Bischof zulässt, der sich einen See Genezareth im Garten anlegt, um darauf Wasserski zu laufen ist für mich kein Gott.

...Ich musste eben all das einfach mal richtig los werden. Es hat sich angestaut und es ging nicht mehr zu halten. Entschuldigt den langen Text! ._.'