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Ehrengarde
Das alles sah Squall innerhalb weniger Sekunden. Entsetzt riss er sich von Hyne los und starrte sie an. „Was war das?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Das war die ‚Kurzversion’ meines Lebens, wie deine Freunde sagen würden.“, antwortete Hyne bitter. „Du hast gesehen, wie ich auf dieser Welt ankam. Ich wurde von meinem Volk ins Exil geschickt, weil ich... anders war. Mein Volk war der Ansicht, dass ein Menschenleben nichts wert ist. Ich teilte diese Ansicht nicht. Deshalb wurde ich hierher verbannt.“
Hyne schloss die Augen. Die Erinnerung an diese Zeit schien ihr nicht zu gefallen. „Ich war nach unseren Maßstäben noch sehr jung. Nicht älter als du. Ich musste mit ansehen, wie ein Sklave in meinem Haus zum Vergnügen unserer Gäste gefoltert und langsam getötet wurde. So etwas war eigentlich alltäglich, aber dieses eine Mal war zuviel.
Ich wollte danach nichts mehr mit irgendwelchen Festen meiner Eltern zu tun haben. Als ich das meinen Eltern mitteilte, ließen sie mich prüfen. Es wurde festgestellt, dass ich nicht grausam genug für mein Haus war.“ Hyne lachte humorlos. „Natürlich haben sie es anders genannt, aber es lief darauf hinaus, dass ich nicht grausam genug war.“ Sie schwieg eine Weile.
Dann fuhr sie fort. „Ich wurde hier ausgesetzt. Auf einem öden Planeten mit halbzivilisierten Menschen, die sich vor mir fürchteten. Ohne Freunde. Ohne Schutz vor der Sonne. Nur mit Zauberkräften ausgestattet, welche die Menschen überzeugten, dass ich eine Göttin wäre.“
Hyne sah Squall mit ihren seltsamen, roten Augen an. „Es war die Hölle! Ich war ganz allein, weil keiner dieser Feiglinge einer ‚Göttin’ zu nahe kommen wollten. Schließlich beschloss ich, selbst einen Menschen zu erschaffen. Einen Menschen, der zwischen mir und den anderen vermitteln würde, und mit dem ich reden könnte. Er sollte unsere beiden Welten vereinen. Deshalb schuf ich Vandell LaDiganè.“ Bei dem Gedanken an Vandell lächelte sie.
„Er war... anders als alle anderen. Als er mich das erste Mal sah, erschrak er nicht, wie all die anderen vor ihm. Er nahm es hin, das ich nun einmal nicht so aussah, wie die Menschen, bei denen ich ihn in Obhut gegeben hatte. Er war selbst immer ein Außenseiter gewesen. Wahrscheinlich wegen seiner ganzen Art und besonders wegen seiner Augen. Sie sahen aus wie meine. Die Menschen respektierten ihn, aber Freunde hatte er nicht. Genau wie ich. Er lernte schon außerordentlich früh, mit dem Schwert umzugehen, und das war auch ein Grund gewesen, warum ihn seine Zieheltern schon zu mir brachten, als er in deinem Alter war.“
Hyne begann in dem Zimmer auf und ab zu gehen, während sie weiter erzählte.
„Vandell wurde zu mir gebracht. Als er mich sah, blieb er stehen und starrte mich eine Weile einfach an. Dann ging er einfach auf mich zu, kniete vor mir nieder und küsste meine Hand. Ein perfekter Gentleman, war mein erster Gedanke. Dann sah er mir in die Augen und sagte: ‚Milady, mir wurde gesagt, Ihr hättet mich erschaffen, um Euer Beschützer zu sein. Ich werde mein Leben geben, um das Eure zu schützen.’ Als ich ihn fragte, ob ihn denn meine... Fremdartigkeit nicht störe, meinte er nur: ‚Nein. Ich finde, Ihr seid wunderschön.’
Das war auch eine seiner guten Eigenschaften: Er sagte immer, was er dachte.“ Hyne hörte auf, im Raum auf und ab zu laufen. Sie sah Squall an. „Das war das erste Mal, dass jemand zu mir gesagt hatte, ich wäre schön. Zuhause war ich als Missgeburt beschimpft worden. Sicher, manche Männer interessierten sich für mich, aber keiner hatte mich je schön genannt.
Vandell schon! Ich hatte ihn auf Anhieb gern.“ Sie sah wieder weg. Als sie weitersprach, war ihre Stimme rau. „Aber geliebt habe ich ihn damals noch nicht.
Nachdem ich schon fast tausend eurer Jahre an der Oberfläche gelebt hatte, bekam ich ein seltsames Fieber. Ich konnte es nicht senken, und auch die Schamanen der Menschen vermochten nichts auszurichten. Nach einiger Zeit kam kein Mensch mehr in meine Nähe. Nur Vandell blieb bei mir. Er war richtig verzweifelt. Ich schwebte in Lebensgefahr, und er konnte nichts tun, als an meinem Bett zu wachen. Manchmal, wenn er dachte, dass ich schlief, setzte er sich neben mich und hielt meine Hand. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Er saß einfach da und hielt meine Hand.“
Hyne machte wieder eine Pause. Sie setzte sich auf einen Thron, der eine ganze Wand beanspruchte. Squall setzte sich einfach auf den Boden. Fasziniert hörte er weiter zu.
„Einmal, nur ein einziges Mal, hat er mich geküsst.“ Hyne lächelte verträumt. „Er beugte sich über mich und küsste mich so sanft, dass ich beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Ich hatte natürlich in meiner Heimat schon Männer geküsst, aber keiner war so zärtlich wie Vandell gewesen.
Als er wieder aufstehen wollte, machte ich die Augen auf. Er war ziemlich erschrocken, als ich ihn fragte, wieso er mich geküsst hatte. Er wurde ganz rot und verschwand wie ein Blitz aus dem Zimmer. Danach ließ er sich zwei Wochen nicht mehr blicken. Als ich eines Tages wieder aufwachte, kniete er wieder neben meinem Bett und war eingeschlafen. Ich glaube, damals habe ich mich in ihn verliebt.“
Squall konnte sich gut vorstellen, wie sich Vandell gefühlt hatte, als sie ihn bei dem Kuss ertappt hatte. Schließlich war es ihm ähnlich gegangen, als er auf der Party nach dem Sieg über die Hexe Artemisia Rinoa zum ersten Mal geküsst hatte. Zwar hatte ihn nicht Rinoa gefragt, was er da mache (sie war auch viel zu beschäftigt gewesen!), dafür aber Edea. Kurz bevor sie beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, als sie bemerkte, was da vorging. Danach hatten alle anderen ihn und Rinoa angestarrt. Seine Freunde hatten sich nur mit Mühe ein Lächeln verkneifen können. Dann hatte Rinoa ihn (wieder einmal) auf die Tanzfläche gezerrt, wofür er ihr dankbar war. So war er den lästigen Fragen der anderen noch einmal entgangen.
Oh ja, er konnte sich gut vorstellen, wie Vandell sich gefühlt hatte!
Gebannt hörte er Hyne weiter zu.
„Schließlich, als das Fieber nicht zurückging, erzählte ich Vandell, dass ich nur in unterirdischen Höhlen überleben könnte. Sofort ließ er eine Stadt unter dem Meer bauen. Ich half dabei, so gut ich konnte.
Ich dachte nun, ich könnte endlich in Frieden leben. Doch selbst hier, in meiner Stadt, hatte ich Neider und Feinde. Die schlimmste Bedrohung war aber Vanessa. Ich glaube, sie sah in mir nur zum Teil eine Rivalin um den Thron. Größtenteils hasste sie mich, weil sie meinetwegen von Vandell abgewiesen wurde. Zumindest dachte sie das. Ich war mir dessen nicht so sicher. Nach dem einen Kuss hatte er nie wieder derartige Gefühle für mich durchblicken lassen. Sicher, er war mein bester, mein einziger Freund, aber mehr wollte er damals anscheinend auch nicht. Im Gegensatz zu mir! Ich hätte ihm so gerne gesagt, wie sehr ich ihn liebe, aber mir fehlte der Mut dazu. Tatsache ist, ich hätte nicht gewusst, was ich getan hätte, wenn er mich zurückgewiesen hätte.“
Sie sah ihn die Ferne. „Und jetzt ist er tot...“
Eine einzelne Träne lief über ihre schneeweiße Wange. Hyne schloss die Augen.
„Vanessa fand schließlich einen Weg, um mich loszuwerden. Sie ließ von einem ihrer Anhänger eines meiner Zauberbücher stehlen und fand darin einen Spruch, der mich in eine andere Dimension ohne Magie schleuderte.“ Hyne war sichtlich unwohl bei dem Gedanken. „Es war grauenvoll. Aber glücklicherweise verging die Zeit dort langsamer als hier. Hier waren fast zwei Jahrzehnte vergangen, während ich das Gefühl hatte, nur ein paar Tage gefangen zu sein. Dann holte Vandell mich zurück. Er hatte Jahre gebraucht, um den richtigen Spruch zu finden, um mich zurück zu holen. Und noch länger, um ihn vorzubereiten und auszusprechen.
Vandell besaß mindestens so große Zauberkräfte wie Vanessa, wenn nicht mehr! Aber er war nicht sehr geübt im Zaubern. Als ich wieder vor ihm stand, sprang er auf und umarmte mich so fest, dass ich beinahe keine Luft mehr bekam. Vanessa war es noch immer nicht gelungen, ihn auf ihre Seite zu ziehen, aber als er mich zurückholte, bemerkte ich als Erstes, dass sie ihn mit einem Bann belegt hatte und er nicht mehr lange würde wiederstehen können. Ich nahm den Bann von ihm, mit dem Vanessa ihn belegt hatte. Er erzählte mir, dass ich die Einzige wäre, die Vanessa noch aufhalten könnte, und dass sie ihre Untertanen zu Tode quäle.
Deshalb fasste ich den Entschluss, den selben Zauberspruch auf sie auszusprechen, den sie über mich verhängt hatte, und schickte sie in eine Welt, in der sie keine Macht hatte und gezwungen war, immerwährend zu schlafen. Ich hatte jedoch noch nicht genug Kraft, sie vollständig dorthin zu schicken; ihr Körper blieb schlafend in dieser Ebene zurück. Ich ließ die Halle, in der ich sie besiegt hatte, verschließen, denn wenn ihr Körper aufwachen würde, wäre auch ihr Geist wieder in dieser Welt.“ Hyne erhob sich von ihrem Thron. „Doch dieser Zauberbann war gleichzeitig mein Todesurteil. Es war mir verboten, einen Bann aus meiner Heimat auszusprechen. Beim ersten Mal würde ich einfach nur sterben.
Beim zweiten Mal, so wurde mir gesagt, würde mein Volk mich wieder holen, um mich zu bestrafen.
Doch ich tat es gerne, um Vandell und mein Volk zu retten. Seitdem lebe ich hier als Geist. Ich habe geschworen, die Welt vor Vanessa zu beschützen. Und nun scheint es an der Zeit zu sein, ins Leben zurückzukehren.“
Nun verstummte Hyne. Squall sah sie verträumt an. „Das war wirklich romantisch.“, meinte er lächelnd. „Freut mich, dass es dir gefallen hat.“, sagte Hyne verbittert. Sie ging einen Schritt auf ihn zu und blieb wieder stehen. „Wenn ich ihm doch nur gesagt hätte...“ Sie brach ab.
Squall dachte kurz nach und lächelte dann. „Ihr beide seid ja noch langsamer gewesen als ich und Rinoa.“ Hyne starrte ihn an. „Machst du dich über mich lustig?“, fragte sie fassungslos.
„Nein“, meinte Squall beschwichtigend, „Ich wundere mich nur. Ihr beide habt euch so lange gekannt, ihr habt euch jeden Tag gesehen, ihr wart beide verliebt, und ihr habt euch trotzdem nie getraut, es dem anderen zu sagen?“
„Ich sagte doch, ich weiß nicht, ob er mich...“, begann Hyne verärgert, doch Squall unterbrach sie wieder. „Denkt Ihr denn, er ist nur aus Spaß tagelang an Eurem Krankenbett gesessen? Und er hat Euch nur geküsst, weil er Euch so bewundert? Oder die Stadt bauen lassen, weil ihm gerade danach war? Und warum hat er wohl sein Leben riskiert, um Euch zurückzuholen? Wenn er auch nur ein kleines Bisschen ist wie ich, dann kann ich nicht glauben, dass er das aus Freundschaft oder Loyalität getan hat. Ich bin mir sicher, dass er Euch auch geliebt hat. Mit Verlaub. Eure Hoheit. Oder was auch immer.“
Hyne sah weg. Sie strich ihr schneeweißes Haar mit einer fahrigen Handbewegung hinter das Ohr. „Mag sein. Aber nun ist es zu spät.“, meinte sie mutlos.
Plötzlich straffte sie sich und war mit einem Ruck wieder die mächtige Hexe. „Ich kann hier nicht um ihn trauern, während Vanessa sich anschickt, die Welt zu erobern. Doch töten kann ich sie nicht. Das musst du tun.“
Squall machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch Hyne unterbrach ihn: „Ich weiß, dass du dies in deiner derzeitigen Form nicht vermagst. Doch so kurz nach dem Tod kann ich dich aus diesem Schattenreich zurückholen. Ich kann Vanessa ablenken, doch töten musst du sie selbst.“
Squall überlegte nur kurz. „Klingt fair.“, meinte er achselzuckend.
Hyne lächelte kalt. „Nun, mach dich auf Schmerz gefasst. Dein Körper wird sich gegen die Auferweckung sträuben.“ Sie hob eine Hand und malte bizarre Zeichen in die Luft, während sie in einer dunklen Sprache offenbar den Zauberspruch intonierte. Die Symbole umkreisten Squall einmal, zweimal, dann drangen sie in seinen Geist ein und veränderten irgend etwas. Er fühlte sich plötzlich schwerelos. Tatsächlich trugen die Zeichen ihn fort, durch die Stadt hindurch und auf das große Gebäude zu, aus dem er vor Vanessa geflohen war. Er sah den Raum, in dem sein Körper auf dem Altar lag. Er konnte jede Einzelheit sehen, aber immer, wenn er etwas genauer erkennen wollte, verschwamm das Bild vor seinen Augen. Er konnte zwar die Verbrennungen in seinem Gesicht erkennen, aber er konnte sich selbst nicht in die starren, toten Augen sehen. Er wusste, dass seine Kleidung ebenfalls von Vanessas Zauberei leicht angegriffen war, aber er konnte die Verbrennungen nicht sehen.
Und nun mache dich auf Schmerz gefasst. , ertönte Hynes Stimme in seinem Kopf.
Die Zauberrunen, die sich um seine Hände gelegt hatten, zogen ihn unbarmherzig auf seinen Körper zu. Als Squall seine eigene Hand berührte, fühlte er sich, als würde er in winzige Stücke zerrissen und anschließend in seinen Körper eingepflanzt. Er versuchte zu schreien, als er wieder die Kontrolle über seinen Körper hatte, aber kein Laut kam aus seiner Kehle; die Schmerzen schnürten ihm schier die Luft ab. Er machte einen einzigen, verzweifelten Atemzug, schlicht um nicht zu ersticken, nur um die Luft wieder in den riesigen Raum hinauszuschreien. Seine Hände krallten sich in den seltsamen Stein, auf dem er lag, als wollten sie den Altar zerbrechen.
Squall fiel auf den Boden hinunter, aber er spürte es nicht. Er lag zitternd und schreiend auf dem kalten Marmorboden, die Hände in sein Haar gekrallt, totenbleich im Gesicht, und brüllte diese unvorstellbaren Schmerzen in die Welt hinaus. Dann spürte er einen scharfen Stich in seinem Kopf, und es war vorbei. Squall blieb noch einige Minuten still liegen und atmete tief durch. Er hatte sich offenbar irgendwo den Kopf gestoßen, klebriges Blut lief über sein Gesicht herab. Mit einiger Mühe richtete er sich in eine sitzende Position auf und lehnte sich gegen den kühlen Stein des Altars. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie er jetzt wohl aussah. Blut im Gesicht, zerzaustes Haar, zitternde Hände, angekohlte Kleidung... Beinahe wie damals, als Cifer ihn im Training geschlagen hatte. Ha Ha!
Langsam stand er auf. Vorsichtig hielt er sich am Altar fest, während er erste Schritte machte. Überraschenderweise knickten seine Knie nicht bei jedem Schritt ein, wie er schon insgeheim befürchtet hatte. Nein, er war sogar relativ sicher auf den Beinen, wenn man bedachte, dass er vor wenigen Minuten tot gewesen war!
Ein weiterer Pluspunkt war, das Vanessa offenbar die Möglichkeit nicht bedacht hatte, dass er ohne ihre Hilfe wieder aufwachen könnte: Seine Gunblade lag auf einem niedrigen Tisch an der Wand. Squall nahm seine Waffe in beide Hände. Das vertraute Gewicht der Löwenherz in seinen Händen beruhigte ihn ungemein.
Plötzlich hörte er draußen einen Donnerschlag. Ihm fiel siedendheiß ein, dass Hyne versprochen hatte, Vanessa abzulenken, damit er sie ausschalten konnte. So schnell er konnte, lief er zum Ausgang... und ging ebenso schnell hinter einer großen Statue neben dem Eingang in Deckung, als er sah, das Vanessa direkt vor ihm stand. Glücklicherweise drehte sie ihm den Rücken zu, weil sie sich auf eine durchsichtige Gestalt konzentrierte, die zwei Meter über dem Platz schwebte. Squall fiel ein Stein vom Herzen, als er Hyne erkannte. Doch sie hatte sich sehr verändert. Statt des weißen Kleides, das sie vorhin getragen hatte, trug sie nun einen hautengen Anzug aus dunklem Leder, der ihre makellose Figur und ihr bleiches Gesicht besonders unterstrich. Auf ihrer Stirn glänzte das Diadem mit dem blauen Edelstein, wie auf dem Bild im Tempel. Außerdem schien sie... lebendiger zu sein. Sie hatte mehr an Substanz gewonnen, seit Squall sie zum letzten Mal gesehen hatte. Und er musste zugeben, er konnte sich nun gut vorstellen, warum die Menschen sich damals vor ihr gefürchtet hatten, wenn sie sich in dieser Aufmachung gezeigt hatte. Sie wirkte in ihrer fremdartigen Kleidung wirklich furchterregend.
Andererseits stand ihr das hautenge Leder wirklich gut...
Als Squall sich Rinoa in dieser Kleidung vorstellte, musste er lächeln. Obwohl sie Hyne sehr ähnlich sah, würde diese abgefahrene Lederkluft nicht stehen. Viel zu düster. Würde nie zu ihrem heiteren Gemüt passen.
Squall schüttelte den Kopf und verdrängte diesen albernen Gedanken. Er konzentrierte sich auf das Gespräch zwischen den beiden Kontrahentinnen.
„Du bist nur ein Geist!“, höhnte Vanessa gerade. „Und du willst mich aufhalten? Lachhaft!“
„Nun, ich könnte dich wieder in die Traumwelt schicken.“, meinte Hyne lächelnd.
„Klar könntest du. Aber was würde dann aus diesem süßen Jungen? Du würdest endgültig von dieser Welt verschwinden, und er wäre für alle Zeiten ein Geist.“ Vanessa grinste irre. „Das möchtest du ihm doch nicht antun, oder? Nachdem du selbst seit 3 000 Jahren so ‚leben’ musst.“
Hyne schien zu überlegen. „Nun, vielleicht ist er mir egal. Was dann?“
Vanessas Grinsen wurde noch breiter. „Das glaube ich nicht. Allein die Ähnlichkeit zu Vandell...“
Aus Hynes Augen und Händen zuckten Blitze, die dicht vor Vanessa in den Boden einschlugen. „Wage es nie wieder, diesen Namen auszusprechen!“, schrie sie wütend.
„Warum nicht? Der Arme hat über 6 000 Jahre bei dir gelebt, ohne je mit einer Frau zusammen zu sein. Und das nur, weil du ihn mit einem Zauberbann belegt hast, oder etwas ähnliches.“
„Das ist nicht wahr! Ich würde ihn nie verzaubern wollen, selbst wenn er noch leben würde. Dafür liebe ich ihn viel zu sehr!“
Vanessa erstarrte. „So, so. Du liebst ihn? Du, die bei ihrer Geburt noch nicht einmal wusste, was dieses Wort bedeutet!“
„Nun, im Gegensatz zu dir habe ich gelernt, was es heißt, einen Mann zu lieben.“ Hyne lächelte kalt. „Aber nun ist es genug! Diesmal wirst du entgültig sterben.“
Squall verstand den Wink sofort. Er stand auf und ging so leise wie möglich auf die Herrscherin zu und nahm eine Angriffsposition ein. Vanessa bemerkte ihn nicht einmal.
„Du kannst mich in diesem Zustand nicht töten!“, lachte sie höhnisch.
Squall packte die Gunblade fester. „Aber ich!“, sagte er leise. Blaue Blitze zuckten aus dem Boden. Squall spürte dankbar, wie Hyne ihm half.
„Herzensbrecher!“, flüsterte er kaum hörbar.
Er stieß mit aller Kraft zu.
Rinoa saß auf ihrem Bett in ihrem Quartier im Garden. Sie besaß im Garden ein eigenes kleines Apartment, mit eigenem Bad, Schlafzimmer und einem kleinen Wohnzimmer mit eigenem Fernseher. Squall hatte ein ähnliches Apartment bezogen, nur war es ein bisschen größer gewesen.
Zu ihren Füßen hatte es sich ihre Hündin Angel bequem gemacht. Angel sah ihre Herrin unglücklich an. Sie war ein äußerst sensibles Tier, und sie spürte, dass Rinoa unglücklich war. Sie winselte leise.
Rinoa lächelte schwach. „Was soll ich nur machen, Angel?“, fragte sie den Hund. Angel erhob sich und legte ihre Schnauze in Rinoas Schoß. Rinoa streichelte das seidigweiche Fell. Tränen liefen über ihre Wangen, als sie wieder daran dachte, dass Squall nicht mehr bei ihr war.
Sie stand auf und ging aus dem Zimmer. Sie beschloss, Quistis aufzusuchen, doch bevor sie das Zimmer ihrer Freundin erreichte, drang eine Durchsage aus den Lautsprechern an der Decke.
„Rinoa, würden Sie bitte ins Direktorat kommen!“ Direktor Cid klang angespannt. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass Squall so wie ein Sohn für ihn gewesen war. Natürlich hatte er das nie zugegeben.
Rinoa seufzte und machte sich auf den Weg. Angel folgte ihr rasch. Im Mittelgang des Gardens befanden sich viele Kadetten, die alle in Gespräche einstellten, als Rinoa an ihnen vorbeiging. Dennoch konnte sie einige Gesprächsfetzen aufschnappen: „... Angeblich ist er freiwillig geblieben...“ „... Nein, sie hat ihn in den Tod geschickt...“ „... Hast du gehört? Sie hat schon einen neuen...“ „... Heute will sie angeblich ihren neuen Hexenritter vorstellen...“ Rinoa blieb stehen, als sie diese Sätze hörte. Sie drehte sich langsam um und sah, dass einige Mädchen aus Squalls ‚Fanclub’ diese Lügen über sie verbreiteten. Sie hatte diese durchgedrehten Gören nie leiden können. Jetzt begann sie, sie zu hassen.
„Wie könnt ihr es wagen?“, zischte sie. „Wie könnt ihr es nur wagen, so über mich zu sprechen? Ich hätte ihn nie freiwillig zurück gelassen.“ Ihre Hände zitterten unmerklich. Sie setzte so viel von ihren Hexenkräften frei, dass ihre Augen nun in einem grellen, roten Licht glühten. Sie hasste diese vorlauten Gören in diesem Moment so sehr, dass sie tatsächlich beabsichtigte, sie mittels Magie zum Schweigen zu bringen.
Langsam hob sie ihre Hände und bemerkte mit Genugtuung, dass die Mädchen furchtsam zurückwichen. Angel bellte laut, als wollte sie Rinoa davon abbringen. Doch ehe diese ihre Kräfte einsetzen konnte, packte sie jemand von hinten und riss sie herum. Wütend versuchte sie, sich loszureißen, aber gegen ihren Gegner hatte sie keine Chance. Xell verpasste ihr eine schallende Ohrfeige ehe er sie losließ.
„Bist du verrückt geworden?“, brüllte er mit überschnappender Stimme. „Was fällt dir ein? Du kannst doch nicht einfach hier herumlaufen und irgendwelche Kadetten umbringen, nur weil du deprimiert bist!“ Er drehte sich zu den Mädchen um und fauchte nur um eine Winzigkeit leiser: „Und ihr! Verschwindet, bevor ich mich vergesse!“ Als die Mädchen seinem Befehl nachkamen, schrie er ihnen noch nach: „Und wagt es nie wieder, solche Lügen über Rinoa zu verbreiten!“
Er wirbelte wieder zu Rinoa herum. „Und jetzt zu dir.“, sagte er etwas leiser, aber seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. Rinoa sah ihn mit blitzenden Augen an. „Wieso mischst du dich ein? Du hast ja keine Ahnung...“
„Gut, vielleicht weiß ich nicht, wie du dich fühlst!“, brüllte Xell. „Aber du bist nicht die Einzige, die Squall vermisst. Immerhin war er mein bester Freund!“ Rinoa fuhr unter seinen Worten zusammen, als hätte er sie geschlagen. Aber Xell dachte nicht daran aufzuhören.
„Und den anderen geht es genauso. Was denkst du, wie Ellione sich fühlt, oder Edea und Cid? Und erst Laguna? Aber laufen sie deswegen hier herum und wollen die Kadetten umbringen, nur weil die dumme Kinder sind und nicht wissen, was sie sagen? Nein!
Und denkst du, dass Squall das gewollt hätte?“
Der letzte Satz war zuviel. Rinoa brach weinend auf dem Boden zusammen. Xell nahm sie tröstend in die Arme.
„Tut mir leid. Aber ich war einfach wütend, als ich gesehen habe, was du da vorhast.“
Rinoa nickte. „Schon gut. Ich weiß gar nicht, was...“
„Wir alle vermissen ihn. Aber Kadetten zu erschrecken macht es auch nicht besser.“, meinte Xell leise. Als er ihr beim Aufstehen half, fügte er noch hinzu: „Glaub mir, ich hab’s versucht.“
Rinoa lächelte. „Das weiß ich doch. Aber...“
Sie sah weg. „Squall hat gesagt, dass du auf mich aufpassen sollst. Bisher hast du deine Sache gut gemacht. Danke.“, sagte sie nach einer Weile.
Xell sah verlegen zu Boden. „Schon okay. Aber du solltest jetzt besser zum Direktor.“
Rinoa nickte. „Weißt du, warum er mich sprechen will?“, fragte sie.
Xells Gesichtsausdruck wurde etwas düsterer. „Oh, ja. Und es wird dir nicht gefallen.“ Abrupt drehte er sich um und rannte weg.
Verstört lief Rinoa weiter zum Lift. Angel war mit Xell verschwunden. Das war kein gutes Vorzeichen.
Im dritten Stock öffnete Rinoa vorsichtig die Tür. „Sie wollten mich sprechen?“
Direktor Cid drehte sich um. „Nun, nicht direkt. Aber hier ist jemand, der sie sprechen will.“ Rinoa erschrak, als sie die hochgewachsene Gestalt erkannte, die in einem der bequemen Stühle saß. Der Mann war niemand geringerer als Oberst Caraway.
Ihr Vater war hier, um sie nach Deling City zurückzuholen.
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