Mein Spiel erscheint in einer knappen Woche, mein Kopf ist VOLL mit eher nervigem Publicity-Shit… und gerade deshalb mache ich jetzt mal einen Schritt zurück.

Das hier ist eigentlich Teil meines Dev Blogs, aber ich denke, es gehört definitiv in den allgemeinen Teil! =]


Erinnern an 200X …

Mein erster Eindruck des RPG Makers war vermutlich Ente die Ente. (Fragt BITTE nicht, welcher Teil!) Bei einem Freund, und obwohl sich in diesem Moment die weite Welt der Videospielentwicklung vor mir eröffnen sollte, erinnere ich mich vorrangig an Cartoon-Tiere mit MS-Paint-Flair und einen Antagonisten namens Atze Hutler. Auch Vampires Dawn habe ich kurz darauf kennengelernt, mit einer zutiefst jugendlichen Vorliebe für Blutfontänen und einem völlig albernen Überschuss an Ausrufezeichen. Und wenn ein Spiel damals wirklich gut aussah, hatte man die Ressourcen definitiv aus Secret of Mana oder WELCHEM JRPG AUCH IMMER gerippt. (Die meisten Entwickler hatten keinen Schimmer!) Darauf hat sogar die angesagte Bravo-Tochter Screenfun geschissen, als sie Maker-Spiele mit derartigen “Qualitätsstandards” auf die 100.000er Auflage ihrer Heft-CDs gebrannt hat. Schön.

Willkommen in der deutschen RPG-Maker-Szene der frühen 2000er!



Gespielt habe ich damals gar nicht allzu viel. Ich wollte einfach nur Spiele basteln, aber leider war ich auch einfach nur 15 fucking Jahre alt. Und obwohl ich gewaltigen Respekt vor den Leuten habe, die sich mit 15 an Riesenprojekte gesetzt (“Final Fantasy, aber als MMO!!”) – und es dann auch noch in irgendeiner Form DURCHGEZOGEN – haben, gehöre ich definitiv NICHT zu diesen Leuten. Mehr Ausdauer hatte ich allerdings für die Community-Foren! Egal, welcher Name da gerade drüber stand (von RPG-Ring bis Multimediaxis), welche Unterforen fusioniert sind oder sich wutentbrannt abgespalten haben, wer auch immer gerade Forenpolitik und persönliche Beziehungsschlammschlacht in einen Topf geworfen hat … Diese Foren waren immer für mich da. Vor allem der kreative Teil! Community-Treffen wie die NATO (please don’t ask) oder das noch immer stattfindende BMT waren soziale Feuerproben, die mich wahrscheinlich im Alleingang vor den allerhärtesten Auswüchsen meiner persönlichen Nerd-Weirdness bewahrt haben, und tatsächlich kommen meine meisten Freunde – und meine Lebensgefährtin! – aus genau diesen Foren. Ihr wisst, wer ihr seid!

So viel zu mir, yada yada. ABER …


Der RPG Maker ist eine ziemlich nice Sache!

Nicht wahr? Ich weiß, meine Community hat 25 Jahre damit verbracht, sich in Walls of Text, ausufernden Zitatschlachten und 100% persönlichen Flame Wars über die Engine und ihre Schwächen auszulassen … Die Vorteile allerdings werden dabei viel zu oft als selbstverständlich hingenommen. Nicht so heute!
  • Der RPG Maker ist ein chilliger Mittelweg. Natürlich gibt es üblichere Engines, und mächtigere, aber der Maker läuft nun mal auch für blutige Anfänger ohne Hintergrundwissen, mit ein paar simplen Youtube-Tutorials … und liefert DOCH auch gleich Möglichkeiten, um tiefer in all die technischen Hintergründe einzutauchen. Ich würde sagen, er motiviert sogar dazu, an den Stellen, wo er sich der Einfachheit halber auf das Nötigste reduziert. (Man kann es aber auch lassen, und das ist mindestens genauso viel wert!)

  • Rollenspiele sind perfekt geeignet für jugendliche Nerds. Rollenspiele sind Fantasien, sie lassen uns wortwörtlich in eine andere Rolle schlüpfen, also praktisch DAS Genre für Eskapismus – aber natürlich auch für Utopie und Dystopie, für Symbolik und Allegorie, letztlich also dafür, sich selbst zu erkunden! Wenn sich jemand durch Videospiele ausdrücken will? Rollenspiele! o/

  • Der RPG Maker bietet einen Zugang für ein komplexes Genre. Rollenspiele sind allerdings auch HART, multidisziplinär, im Bestfall mit epischer Musik, eingängigem Writing, hübschem Art Design und so weiter und so fort … Und der Maker liefert all das in einem runden Paket! Erfahrene Entwickler mögen die Nase rümpfen, wenn sie aus der Entfernung Standard-Ressourcen wittern, aber coole Anime-Bildchen und fertige Sound-Effekte so geliefert zu bekommen, dass sie tatsächlich zusammenpassen, ist UNBEZAHLBAR.

  • All das ist verdammt frei. Ich meine nicht unbedingt die “freien” Ressourcen, die damals so fröhlich aus beliebten JRPGs gerippt wurden … aber vielleicht schon! Auf der legaleren Seite kann ich schier unendlich viele Maker-Spiele finden, ohne einen Cent auszugeben, und kostenlose Ressourcen zu PRAKTISCH ALLEM! Ich liebe aber auch, dass ich auf dem Maker ein Dragon-Ball-Fangame aus Brasilien spielen kann, oder ein japanisches Horrorspiel, das mich an der geistigen Gesundheits des Entwickler zweifeln lässt, oder Visual Novels mit einem regelrecht frei wählbaren Niveau an Porno. Und wenn ich Werbung für mein Spiel machen will, kann ich die Fonts, die Symbole und sogar die Musik des Makers benutzen. Nichts davon ist selbstverständlich!

  • Der RPG Maker hat FLAIR. Sicher, man soll lieber gleich Engine XY nutzen … aber liebe Leute, der Maker ist ein BRAND, ausnahmsweise (!) im positiven Sinne. Hier spielt das runde Gesamtpaket abermals eine Rolle, aber noch wichtiger ist vielleicht die Geschichte, all die Dinge, die da mit dran hängen, eben weil der RPG Maker ein so viel spezielleres Ding ist als Engine XY. Wir haben zum Einen wirklich große, beeindruckende Spiele, oftmals mit künstlerischem Anspruch (Schon mal in LISA mit Anlauf über eine Felsklippe geradelt? Schon mal in To the Moon über einen popkulturellen Witz gestöhnt?), zum Anderen aber auch eine Unmenge an Schrott … überaus PERSÖNLICHEN Schrott! Und zusammen mit der Community ergibt all das echtes Flair.
Wenn ich mir die beiden vergangenen Absätze noch mal anschaue: Ich verstehe zu 100%, warum der RPG Maker damals so viele Jugendliche zusammengebracht hat. Es hilft natürlich auch, dass er früher, äh … “kostenlos” war *hust*, und dass man heute die älteren Versionen spottbillig bekommt – gerade für Jugendliche, und GERADE in Regionen, die weniger privilegiert und weniger ausgestattet mit modernen Konsolen sind. Demokratisches Spielebasteln für alle!




Und jetzt?

Ich traue mich gar nicht, es auszusprechen, aber ich befürchte, dass Minecraft – und vor allem Roblox! – an die Stelle des Makers getreten sind, zumindest für die meisten Jugendlichen. Und abgesehen von den gesichtslosen, abgrundtief bösartigen Megakonzernen dahinter ist das vielleicht auch gar keine allzu schlechte Sache …? =_=’ Ich jedenfalls empfehle den Maker auch weiterhin!

Und ich habe ihn, offensichtlich, vor ein paar Jahren wieder entstaubt. Das war abartig nostalgisch, und einige Fähigkeiten waren direkt wieder da, aber es war auch eine ziemlich wilde Lernerfahrung, mit Ende 30 und einer sehr viel funktionaleren Selbstwahrnehmung als mit 15 … Insofern kriegt man dann auch mal was fertig. Also ja: Monster Girl Therapy erscheint am 10. März! Abgesehen von all der Publicity fand ich es aber auch einfach megacool, wieder so richtig “einzutauchen” und zu sehen, dass sich vieles verändert hat (oftmals zum Besseren!) und dass hier einfach noch so RICHTIG was geht. In diesem Sinne, lieber Maker und liebe Maker-Menschen: Dankeschön und dickes Herzchen!

Lasst gerne auch eure eigenen Maker-Erinnerungen da!