Zitat Zitat von Rusk Beitrag anzeigen
Und ich verstehe bis heute nicht, wie der Typ es einfach so in die Gruppe geschafft hat, ohne dass jemand seine Hintergründe wirklich hinterfragt. Seine Geheimniskrämerei ist so offensichtlich und irgendwie stört es keinen - nur erst wenn es story-relevant wird.
Lune ist schon zu Beginn etwas skeptisch, aber das wird eben auch auf die maximal klischeehafteste Weise und als Pseudo-Charakterzug ihrer Protokoll-Orientiertheit erzählt und auch immer dann fallen gelassen, wenn die Dialoge zwischen den beiden es gerade nicht brauchen. :<

Aber es gibt auch noch gute Spiele! Höhö.

Umamusume: Pretty Derby


(Sinnbild zu meinem Umamusume-Spielverhalten)

Mir ist schon klar, dass ich nicht einfach so ein kritisches Clair Obscur-Review schreiben kann, um in Folge Umamusume zu lobpreisen. Klar ist natürlich: Um an Umamusume Gefallen zu finden, muss ich Vieles ignorieren. Im Gegensatz zu Clair Obscur kann ich aber auch vieles ignorieren. Damit das alles nicht untergeht, packe ich es trotzdem mal in einen kleinen Block an den Anfang.


Also: Natürlich ist Umamusume ein komplett flaches, oberflächliches Gacha mit konventionell attraktiven (Pferde-)Mädchen, die man anhimmeln soll. Es verbindet süchtigmachende Gacha-Mechaniken samt manipulativem Oberflächen- und Sounddesign mit Pferderennsport, rührt für diesen die Werbetrommel und trägt damit auch noch dazu bei, dass Tiere zum (Um)Amusement von Menschen durch eine Arena gescheucht und gequält werden. Ich könnte jetzt sagen, dass ich das Spiel selbst nicht unterstützte, weil das Gacha für mich nicht effektiv ist, aber das geht natürlich bei Weitem nicht jedem so – gerade in Japan, wo das Spiel ja schon einige Jahre populär ist, wird es die sich um ihr Leben arbeitenden Cubicle-Worker, die in der vollgepferchten Bahn wie im Reitstall stehen, um auf ihren kleinen Smartphone-Displays Mayano Top Gun und Eishin Flash beim Über-die-Rennbahn-Eilen zuzusehen, hochgradig in Geiselhaft nehmen und in Tatgemeinschaft mit Pachinko einen kleinen oder auch mal nicht so kleinen Teil zu ihrem Hamsterrad-Dasein beitragen. Naja, und für das Male Gaze-Problem hat es überraschenderweise auch keine Lösung parat. Umamusume ist der konsumerfreundliche Pferde-Horror in quietschbunter Gestalt. Das ist wahr und das ist traurig und es ist mein Privileg, darüber hinwegsehen zu können und mir mit einer Gewalt von zehn Pferdestärken einzureden, dass ich es ja nicht mit meinem Geld unterstütze und ich es deswegen auch mögen darf.



Was? Der Rennstall leuchtet in Regenbogenfarben? Na das kann nur heißen, dass ich ein 3-Star-Horsegirl gepullt habe. In diesem Fall die Gute Maruzensky.



Ja, die Pferdemädchen haben sehr belustigende Namen. Das liegt, so wie ich das verstanden habe, schlichtweg daran, dass sie nach echten Rennpferden benannt sind. Eine Parallele, die mir einerseits das oben erwähnte Ignorieren der schlimmen Umstände schwieriger macht, der aber auch einen Teil der Faszination des Spiels ausmacht. Also mir ist egal, ob irgendein Pferd so heißt. Aber mir ist nicht egal, dass das halb-ironische Abfeiern dieses Edeltrash-Spiels damit echt noch viel leichter ist. Wenn Charaktere, die hauptsächlich cute Girls sind, „Gold Ship“, „Symboli Rudolf“, „Manhattan Cafe“, „Matikanetannhauser“ und co. heißen, ist das irgendwie amüsant. Und irgendwie auch charmant.

Es ist ganz wild und auch ein bisschen traurig, dass das, was ich hier „Edeltrash“ nenne, nicht nur bei den Namen der Umamusume das Spiel so interessant macht.

Der Trainings-Sim ist okay, aber flach. Es gibt fünf Werte, die zum Teil für sich selbst stehen und zum Teil etwas Erfahrung erfordern, um verstanden zu werden. Jedes Horsegirl hat ihre eigenen Stärken und Schwächen. Manche sind beispielsweise nur für kurze Meilenrennen geeignet, andere versagen auf der Meile, aber können dafür auf langer Strecke richtig Ausdauer beweisen. Auch Untergrund und Lauftaktiken fallen unter die Stärken und Schwächen der jeweiligen Girls. Untere Letztere fällt beispielsweise die Entscheidung, ob ein Umamusume eher von Anfang an allen ganz vorne davonzulaufen versucht, sich im Windschatten hinter eben solche Frontrunner heftet und am Ende vorbei zieht oder die entspannte Position hinten nutzt, um im Verlauf des Rennens Kräfte zu sparen, um dann im Endspurt alle zu überholen. Klingt komplex, ist aber eigentlich recht straightforward, weil man im Career-Mode, in dem ein Playthrough so 45 Minuten dauert, ohnehin fast immer nur Rennen läuft, die auf die eigenen Stärken zugeschnitten sind.



So trainiert man jeden Zeitabschnitt einen Wert, der dadurch steigt, rested wenn sich die Energie des Uma erschöpft, verbessert in kleinen Recreation-Events die Laune des Schützlings, läuft ein Rennen, um Fans und Skillpunkte zu sammeln oder geht in die Infirmary wenn man es mit dem Training mal etwas zu weit getrieben und eine Heroine sich verletzt hat. Auch das ist nicht sonderlich tief.



Zwischendurch laufen Visual Novel-artig kleine Stories ab, in denen teils durch Entscheidungen weitere Boni für den Playthrough erwirtschaftet werden können. Das Spiel verfügt auch jenseits des Karriere-Modus über so eine Art Story, also eine „Main Story“, „Event Stories“ und „Character Stories“. All das setze ich in Anführungszeichen, weil da nicht wirklich etwas erzählt wird. Es sind bedeutungsschwache Pseudogeschichten ohne große Dramaturgie. Ich skippe sie fast immer vollständig. Ironischerweise ist auch das ein Teil des Edeltrashs, den ich mit ironischem Schmunzeln genieße. Umamusume hat in den vergangenen zwei Wochen zwar viel Zeit gefressen, fühlt sich gleichzeitig aber nicht danach an, weil ich ja so viel skippe. Die Flachheit hat System und ist Teil der Spielerfahrung. Erstaunlich ist vielleicht nur, dass für die Benutzung des Skip-Buttons mit der Zeit nicht Geld verlangt wird. :x

Es gibt reichlich Belohnungen und sowieso leuchtet und glänzt ziemlich viel, damit man spielothekenartig in den Bann seines Screens gezogen wird. Wahrscheinlich funktioniert das am Handy auch noch besser, wo es nicht, wie am PC diesen zweigeteilten und damit etwas entschlackten Spielbildschirm geben dürfte. Für mich verhindert die Flachheit, dass ich auch nur das geringste Interesse daran habe, Geld für das Gacha auszugeben. Genshin erwirtschaftet sich mein Geld, weil es wirklich extrem gute Writer hat – Umamusumes Konzept würde das natürlich im Weg stehen. Aber mich braucht das Spiel eben auch gar nicht als zahlenden Kunden. Distanziert-ironisch abfeiernde Pappnasen (wie ich) und sicher auch aktive Verächter des Weird-Bating-Konzepts tragen immerhin auch indirekt zum Erfolg bei.





In den storylastigeren Events wird teilweise auch mit Cinematics, oft aus den Rennen selbst, gearbeitet. Dabei gibt es oft Focus Shots auf die entschlossenen (aber süßen) Gesichter der Girls, die meist direkte Konkurrenzkämpfe untereinander austragen und deren Geschichten von Sieg und Niederlage sich seicht an den gängigsten Sport- und Anime-Tropes abarbeiten. Underdog-Stories, Rivals to Friends und so weiter. Den Höhepunkt nehmen die besonders wichtigen Rennen dann in den…

Winner Concerts!



Ganz genau! Denn natürlich sind Umamusume nicht nur süße Girls UND Rennpferde, sondern – wie es sich gehört – natürlich auch Idols. Die Gewinneren eines Rennens, die in diesen Gesangssequenzen zentral in den Fokus genommen werden, performen an der Seite von den Mitrennenden, die unabhängig von ihrer Platzierung im Wettkampf freudestrahlend idol-grinsen, trällernd ein zum Erfolg „passendes“ Lied. Die sind… musikalisch uninteressant und lyrisch das allerletzte pseudomotivationale „Glaub an dich selbst!“-Poster. Es funkelt aber alles ganz sparkly, die Animationen sind hübsch und… EDELTRASH!

Das Einzige an Umamusume, für das ich tatsächlich ehrlich etwas Respekt habe, sind die Karriere-Rennen selbst. Zumindest wenn ich mich hier nicht täusche. Denn die scheinen, was ihren Verlauf betrifft, recht frei gestaltet zu sein. Die Werte, Stimmung, Skills und Eignung eines Pferdes entscheiden zwar über das Potenzial und die wahrscheinliche Leistung. Doch es kann auch sein, dass ein Horsegirl sich ob ihrer schlechten Startposition einfach irgendwo im Teilnehmerfeld verfängt, nicht ausbrechen kann und unter ihrem Potenzial bleibt. Das freut einen dann nicht gerade, weicht den Trainings-Simulationsaspekt auch nur weiter auf, aber ist als Renn- und Zufallssimulation irgendwie interessant und ungewöhnlich unmanipulativ für dieses Spiel.

Ansonsten ist Umamusume: Pretty Derby aber wirklich durch und durch feinster, manipulativer Edeltrash. Und damit irgendwie auch so bipolar aufrichtig in seiner Manipulation und Serotonin-Jagd, dass ich mich doch etwas wohler damit fühle, es zu mögen. Glaubt mir, ich hätte zu Beginn des Jahres trotzdem lieber Gefallen an einem guten Clair Obscur und Missfallen an einem schlechten Pferdemädchen-Gacha gefunden. Aber so zerbröselt der Keks nunmal.

Ich vergebe 7,5 von 10 Karotten und Proteinshakes, die natürlich alle mein Umamusume-Bias Tosen Jordan bekommt.