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  1. #32
    Monster Girl Therapy

    Auch ich durfte mich vor einigen Wochen bereits als Betatester mit einer quasi fertigen Version von Cipos neuestem Wurf beglücken.

    Vor zwei Jahren, in meiner ersten Challenge in diesem Forum, habe ich eine Kategorie eingeführt, die sich „Sure Thing“ nannte. Darunter verbuchte ich ein Spiel, von dem ich bereits im Vorhinein sicher wusste, dass es mir gefallen wird. In dem Fall war das OMORI und ich sollte Recht behalten.

    Hätte ich dieses Jahr wieder so eine Achievement-Kategorie, wäre Monster Girl Therapy neben A Space for the Unbound der vielversprechendste Titel dafür gewesen. Nicht weil Ersteres ein Spiel ist, das von einem Freund gemacht wurde, sondern weil eben dieser ja seiner Zeit bereits das grandiose Vom Drachentöten rausgehauen hat und ich auch das wirklich in mein Herz geschlossen habe.

    Dazu kommt, dass Monster Girl Therapy konzeptuell wirklich VOLL mein Thema ist. Es ist kurz, (relativ) textlastig, dippt in meine Schwäche für Monster Girls, wurde von Cipo aber auch schon vor dem Release „Anti-Dating-Game“ genannt und versprach damit, mehr als Guilty Pleasure zu sein.



    Der namenlose Protagonist findet sich auf eigenen Wunsch in einem sterbenden Spiel wieder. Ein einst sehr aktives Game, dass er schon seit Ewigkeiten nicht mehr spielt, an dass er aber sehr positive Erinnerungen hat. Ans Raiden, ans Questen und natürlich an die heißen Monster-Girls. Wohl wissend, dass deren Existenz mit dem Abschalten der Server bald enden dürfte, wirft der selbsternannte Held sich also ins Abenteuer, um ein letztes Mal das Spiel seiner Jugend zu bereisen und die verbliebenen Monster Girls aus der sterbenden Welt zu retten.

    Die Nostalgie eines lange nicht mehr gespielten Community-Games dürfte viele abholen. In Zeiten, in denen Videos über „tote“ Spiele auf Youtube und co. viral gehen und sich Twitch-Streamer:innen aus Deutschland zusammenfinden, um als „Sauercrowd“ in ein großes WOW Classic-Projekt zu starten, trifft MGT mit diesem Spiel-im-Spiel-Ansatz sicher einen Nerv. Ich selbst habe zwar nicht im besonderen Maße nostalgischen Erinnerung an ein Spiel dieser Art, doch wenn ich mir vorstelle, dass irgendwann auch die Genshin-Server das Zeitliche segnen werden, macht sich in mir sowas wie eine existenzielle Panik breit.

    Lange hält sich MGT mit diesem Ausgangspunkt aber auch gar nicht auf. Denn viel wichtiger sind ja ohnehin die Monster Girls, für die man als strahlender Ritter in die Bresche springen muss, weswegen er sich durch die von Glitches durchsähte (Spiel-)Welt bewegt.



    Wie „Madame“, augenscheinlich eine Art Kitsune im sich betont „östlich“ (sic!) anfühlenden Biom des Elusive Emporium, bekleiden auch die anderen fünf Monster (Girls) im Spiel eine Funktion, haben eine Rolle. Dass sie darüber hinaus auch komplexere Persönlichkeiten zu haben scheinen, dringt wohl eher seit Kurzem durch, da ihre eigentlichen Rollen – zugeschnitten auf die (männlichen) Interessen der Spielerschaft – nicht mehr wirklich Geltung haben. Ihre Existenz ist irgendwo zwischen autonom und unzulänglicher Repräsentation, sei es in Bezug auf ihr Geschlecht, ihre Funktion oder einem ihnen zur Last fallenden Exotizismus im Spiel. Doch wie wichtig ist das überhaupt, wenn im Vordergrund doch die Befriedigung des anmaßenden (White) Savior-Komplexes des Protagonisten steht?

    Von den Monster Girls wird dieser Komplex jedenfalls ordentlich herausgefordert. Denn nicht alle der Seelen im Spiel wollen sich retten lassen. Und selbst wenn, verlangen sie dafür doch etwas. So muss der namenlose Held sich nicht selten in Minigames beweisen: In Rennen, Schalter- und Schieberätseln, Labyrinthen, als Inventurpraktikant und mehr. Jedes der Monster(-Girls) hat dabei einen eigenen Charme, aber auch ein eigenes Dilemma, nervt, betrügt, bedroht und verwirrt den Protagonisten, dessen guter Wille nicht immer ganz unberührt bleibt und an dessen Fassade doch brüchige Stellen entstehen, wenn es um seinen Stolz oder seine Motivation geht.



    Gemäß der Spieldauer von durchschnittlich wohl 4-5 Stunden ist die Weltkarte von Monster Girl Therapy überschaubar. Es gibt eine Stadt in und an der Wüste, ein eisiges Friedhofsrefugium, die Kerker-Dungeons einer Festungsstadt, einen Dschungeltempel und eine „fernöstliche“ Pagodenaufbaute. Auch darüber hinaus finden sich verglitchte Überbleibsel der einstigen Girl-Glorie. Man kann sich gut vorstellen, wie diese Welt mal voll von NPCs und Spielern war, doch sieht eben nur die Überreste des früheren Trubels.

    Ich betone ja immer wieder gerne, dass ich kurze Spiele mag. Weil lange Spiele selten wirklich gute Gründe für ihre Länge finden. Länge wird dann gerne ein sich selbst bestätigendes Argument für einen tollen Preis. Eine unnötig große Welt wird mit lieblosen Gamification-Details gefüllt, um den üblichen Triple A-Vollpreis in den Augen der gemeinen Masse zu rechtfertigen. Monster Girl Therapy spielt natürlich nicht in der gleichen Liga. Zum Glück. Es ist genau so lang wie es sein will und muss. Die Treffen, Auseinandersetzungen und Dialoge mit den Monster Girls sind knackig und dicht insofern als dass sie mit teils wenigen Worten viel Ausdrücken. Es ist wirklich erstaunlich, wie oft ich angehalten habe, um eine Dialogzeile zwei- und drei mal zu lesen. Nicht weil ich sie nicht auf Anhieb verstanden oder mich an ihr gestört hätte, sondern weil darin etwas zum Tragen kommt, worüber ich einen Moment länger nachdenken will.

    Im Beta-Test-Fragebogen habe ich diesen Aspekt (nebst anderen) des Spiels auch scherzhaft „gegenteilig zu Clair Obscur“ genannt. Aber so voll und ganz Scherz ist das eigentlich nicht. Wo ich besagtem GOTY 2025 ja beim Versuch, maximal emotional zu sein, nur Affekthascherei unterstelle, hat Monster Girl Therapy mich, ohne es darauf anzulegen, zum Weinen gebracht. Es ist weder besonders traurig und fast immer sogar ziemlich lighthearted, hat aber in Hinblick auf alle(!) seine Charaktere einen sehr aufrichtigen, emotionalen Kern und eine wahrhafte Absicht!

    Es spricht (und das mit einem hervorragenden Fingerspitzengefühl) über Unterdrückung und Ausbeutung, über Vertrauen und Täuschung, über das Innen und Außen von Kultur(en), über Hilfsbereitschaft und Einsamkeit, über Ambition und den Wert von Menschen (oder Monstern), über Ängste und die Komplexität der Welt, über Trauma und darüber, wer eigentlich an allem Schuld hat. Und noch über so viel mehr. Ich finde, man kann diesen Punkt nicht genug hervorheben: Es gibt so viele lange, große Spiele, die so viel tun und so viel Aufwand betreiben, um so wenig zu sagen.

    Und dann gibt es Spiele wie Monster Girl Therapy, die in so wenig Zeit so viel ausdrücken und beweisen, was gute Spiele eigentlich ausmacht. Ich habe Cipo nach dem Beta-Testen schon persönlich gesagt, was ich gerne unter erneuter Leugnung eines Freundschafts-Biases wiederhole: Für mich ist Monster Girl Therapy ein Meisterwerk. Ich finde es noch toller als Vom Drachentöten und sehe meine ohnehin hohen Erwartungen übertroffen.

    Also kauft das Spiel gefälligst und überzeugt Cipo davon, dass es sich auch vermarktungstechnisch lohnt, unabhängig solche fantastischen Spiele zu basteln und in die Steam-Maschinerie zu schicken.

    Helft ihm! Denn jeder verdient Hilfe. Sogar er!

    Monster Girl Therapy bekommt von mir 9,5 von 10 sicher nicht beim ersten Mal akkurat gezählten, runden(!) Spiegeln.

    PS: Wenn euch irgendeines der Minigames überfordern sollte, fret not! Ein wirklich charmanter und sehr attraktiver junger Mann hat Guides zu gleich zwei Stellen im Spiel geschrieben, die ihr im Community Hub auf Steam findet. :P
    Geändert von MeTa (12.03.2026 um 18:01 Uhr)

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