Last Time I Saw You fand ich fantastisch. Until Then fand ich mehr als fantastisch. Fehlt für das sogenannte „End of Memories“ Bundle also nur noch ein Eintrag.
Wo bin ich?
Das fragt sich Atma, der Protagonist weiter Teile von A Space for the Unbound, kurz nachdem er aus einer bittersüßen Vision aufwacht, an deren Ende er das Leben verloren haben soll? Ein schlechter Traum? Eine Zukunftsvision? Irgendwas ist auf jeden Fall nicht in Ordnung mit Atma. Das bemerkt auch Raya, seine Klassenkameradin und Freundin. Doch egal – die beiden haben schließlich was vor. Wie zum Beispiel ein Feuerwerk zusammen ansehen. Oder ins Kino gehen. Oder andere Dinge tun, die sie auf ihre spontan angefertigte Bucket List packen.
Es dauert jedoch überraschend kurz bis andere Ungereimtheiten Einzug ins fragwürdige Idyll des indonesischen Dörfchens um die Jahrtausendwende finden. Das Spiel macht von Anfang an keinen Hehl aus seinen übernatürlich anmutenden Elementen, die in der Vision am Anfang genau so funktioniert haben wie später in der ‚echten‘ Welt. Aber… was ist schon echt? Und was hat Raja mit all dem zu tun? Schon bald streift Atma nicht mehr nur die Schule schwänzend durch das Dorf, um Alltägliches zu erledigen, sondern jagd seiner Freundin und der Wahrheit hinterher.
Na gut! In der Zwischenzeit gibt es schon einige Minigames. Und Kloppereien. Oder beides auf einmal halt. Die meiste Zeit ist man aber damit beschäftigt, Probleme anderer Menschen auf adventurige Weise zu lösen. Indem man ihnen Dinge bringt, die sie brauchen, um einem helfen zu können. Oder indem man a la Inception irgendeine innere Blockade bei ihnen löst. A Space for the Unbound funktioniert in diesen Phasen ein bisschen puzzlig. Man taucht als hilfsbereiter Atma per „Spacedive“ in das Unterbewusstsein diverser NPCs ein, findet dort ein Dilemma vor und streift dann und streift dann meist durch die Welt, um die Items oder Hinweise zu finden, die das Dilemma beheben können. Mal sind diese Geschichten recht straightforward, doch oft verbirgt sich auch eine zweite Ebene dahinter. Ein wahres Subconscious. Ein Eigentlich. Hier lernt man an der Seite von Atma, dass manche Probleme keine einfachen Lösungen haben und es einen zweiten oder dritten Blick braucht, um zum Kern vorzudringen.
Trotzdem kommt Atma einfach nie auf die Idee, dass es einfach eine Lösung sein könnte, sich nicht einzumischen. Ich weiß nicht sicher, ob ich das voll und ganz gut finde. Das Spiel erzählt die Geschichte letztendlich natürlich so, dass sein Eingreifen sich ultimativ auszahlt und vor allem der zentralsten Figur seiner Aufmerksamkeit geholfen wird. Doch dafür muss Atma auch viele Male die klar gesetzten Grenzen dieser Person übertreten. Ist das noch ein wohlgemeinter Helferkomplex oder versucht da jemand die Leere der eigenen Existenz mit Sinn zu füllen?
Die Welt ist jedenfalls mit allerlei schönen und kreativen Bildern gefüllt. Es gibt eine ganze Menge Katzen (yay!), aber – wie man hier sieht – auch Gänse. Eine besonders dumme Gans (not my words) sitzt hier auf dem Thron und leitet in ihrem eigenen Unterbewusstsein ein Verfahren, für das man die nötigen Beweise finden muss. Während die Rätsel in A Space for the Unbound, was ihr Design betrifft, selten herausragen, tun sie das inhaltlich schon. Weil sie Sinn ergeben und man gleichzeitig mehr über die Welt und ihre Einwohner lernt. Ich bin mir auch da nicht ganz sicher, ob es mir nicht etwas zu sehr an der Oberfläche bleibt, hier und da – gerade in Bezug auf ein paar mobbende Gestalten – mehr Komplexität behauptet als es beweist. Aber im großen und ganzen funktioniert das alles trotzdem gut und hält einen an der Stange. Ob Erik wirklich irgendwelche redeeming Qualities haben soll, weiß ich ja nicht. Das Spiel will es so aussehen lassen als würde etwas Gutes in ihm schlummern, aber irgendwo muss Toleranz für imperfekte Individuen auch aufhören.
Diese Toleranz – vor allem im Umgang mit sich selbst – ist am Ende nämlich das große Takeaway von A Space for the Unbound. Ich gebe zu. Im letzten Chapter hat das Spiel für mich zwischenzeitlich etwas geschliddert und mich fragen lassen, ob ich denn eigentlich gut finde, worauf es wohl hinauslaufen wird. Eben auch aufgrund der fremdauferlegten und unerwünschten Hilfe. Then again – es lässt sich sicher argumentieren, dass Atma ein Teil von Raya ist und sie sich letztlich selbst geholfen hat, es also eigentlich doch wollte. So ganz überzeugt bin ich davon nicht und ein wenig entsteht auch ein Spannungsfeld zwischen Atmas Rolle sowie Rayas Dilemma und einem der für mich besten Dialogmomente im Spiel.
„So you’re real. Not just a figment of my imagination.”
“I can’t be both, Atma?”
Wie dem auch sei. Das Ende war bombenstark inszeniert und hat auch thematisch wieder einiges rausgeholt. Gerade die Entscheidung, dass man zwischenzeitlich doch Raya steuert und mit ihr entlang eines dunklen Pfades die vielen Konfrontationen erlebt, die sie peinigen. Auch dass das keine Konfrontationen mit den tatsächlichen Menschen sind, sondern mit ihren Vorstellungen oder Manifestationen dieser Menschen ist ein besonders starkes Detail. Während das Spiel auf seiner gesamten Strecke für mich manchmal an Tiefe eingebüßt hat, hat es mich am Ende dann doch wieder sehr berührt.
Bevor ich zu meiner Wertung komme, muss ich aber jetzt auch noch auf den großen, philippinischen Elefanten im Raum zu sprechen kommen. Denn Until Then und A Space for the Unbound sind sich wirklich ähnlich genug, um hier und da miteinander verglichen werden zu können. Ich habe versucht, dass diese Vergleichbarkeit nicht zu Lasten von Letzterem fällt. Es ist mir größtenteils gelungen, glaube ich. Trotzdem möchte ich in den folgenden Spoilertags noch etwas ausführlicher darauf eingehen, anhand welcher Vergleichsaspekte ich auch Nuancen erkenne, die Until Then für mich A Space for the Unbound voraus hat. Das gibt mir immerhin eine Möglichkeit, mein eher schwaches Until Then-Review von letztem Jahr etwas auszugleichen.
Das alles sagt wirklich und eindeutig mehr darüber aus, warum ich Until Then so liebe und weniger darüber, dass A Space for the Unbound unzulänglich wäre. Ich mag’s ja trotzdem sehr. Und, to be fair, würde ich auch bei kaum einem anderen Spiel so nitpicky sein. Aber ASftU hat eben das „Pech“, Teil dieser Doppelschöpfung zu sein.
Es ist für mich – das Spiel zu dem ein Review Stand jetzt noch aussteht mal ausgenommen – trotzdem bisher das beste Game des Jahres. Hat mich gerührt und selbst in den Dingen, in denen ich vielleicht nicht ganz zufrieden bin, immerhin dafür gesorgt, dass ich dazu in Gedanken komme.
Mit 9 von 10 zu streichelnden Katzen ist A Space for the Unbound für mich zwar das schwächste der drei End of Memories-Spiele, aber immer noch ein ganz, ganz tolles Ding.