Aurion: Legacy of the Kori-Odan




Es ist in Hinblick auf meine diesjährige Challenge nicht leicht, gute Spiele aus Subsahara-Afrika zu finden, die nicht einfach irgendein Mobile Game-Schlonz sind oder aus Südafrika stammen. Gleichzeitig ist es mir aber auch ein Anliegen, Afrika als Kontinent hier abzubilden. Zwar heißt es in vielen Berichten, die verschiedenen afrikanischen Spieleproduktionsschmieden seien im Wachsen begriffen, doch so wirklich künstlerisch wertvollen Output findet man eben noch nicht. Ich habe das ein oder andere vielversprechend aussehende Spiel auf meiner Liste, das also noch in Entwicklung ist.

Aurion: Legacy of the Kori-Odan ist einer der wenigen Vertreter, die bereits da sind und mir wirklich vielversprechend erschienen. Es handelt sich um ein nicht gerade dialogarmes Action Role-Playing Game. Das „A“ in ARPG steht aber eben nicht nur für „Action“, sondern auch für „Africa“. Von einem Studio aus Kamerun entwickelt, ist Aurion explizit mit dem Anspruch gestartet, eine epische Geschichte zu erzählen, die sich aus verschiedenen afrikanischen Kulturen und Mythologien speißt. Für mich ist das natürlich total geil, weil ich das ja will, gleichzeitig aber nicht in die Falle tappen möchte, in meinem Blick auf Kunstwerke aus anderen Kulturkreisen zu überexotisieren und Dinge als kulturelle Äußerung zu verstehen, die eigentlich nur ein Ausdruck der jeweiligen Künstler:innen sind. Sehr dankbar also, dass das hier zur Experience dazugehören soll.



Aurion: Legacy of the Kori-Odan ist nicht frei von den Einflüssen westlicher Spieleindustrie(n). Warum auch? Es gibt freischaltbare Skills, Itemsysteme inklusive Schnellwahl-HUD und auch eine Weltkarte, auf der Zufallskämpfe passieren können und man sonst in die einzelnen Gebiete läuft oder schippert.

Doch worum geht es eigentlich?

Enzo Kori-Odan, frisch zu krönender König von einem eher kleinen, isolierten Reich namens Zama, wird bei seiner unter einen Hut gebrachten Krönung und Heirat mit seiner Angetrauten Erine von deren Bruder usurpiert und nach verlorenem Kampf mitsamt seiner Frau aus Zama geschmissen. Eine alte Weggefährtin, Trainerin und Mutterfigur erklärt ihm in der Fremde, dass er Zama nicht alleine wieder einnehmen können wird. Viel eher sollte er eine Heldenreise durch die Welt antreten, innerhalb der er nach Verbündeten sucht, vor allem aber zu einer Formierung seiner Persönlichkeit gelangt. Denn das mächtige „Aurion“, das ihm innewohnt, soll sich anhand seiner eigenen Persönlichkeitsmerkmale entwickeln können, die er aber erst noch zu ergründen und zu kultivieren hat. Und so setzt Enzo, in Begleitung seiner geliebten Erine, aus, um auf eine Quest zu gehen, die für ihn viele Überraschungen bereithalten wird.


Immer wieder wird es dabei zu Kämpfen kommen. Gegen Monster aus afrikanischen Mythologien, aber auch gegen andere „Aurionics“, die mächtige Positionen in der Welt des Spiels bekleiden. Diese Kämpfe sind im Wesentlichen 2D-Brawler mit einem recht eigenen Kampfsystem. Enzo kann seine Feinde innerhalb dieses Systems per Combos kaputtprügeln oder eben auf die immer vielfältiger und mächtiger werdenden Kräfte zurückgreifen, die in ihm schlummern und auf seiner Reise nach und nach erweckt werden. Erine steht ihm dabei semi-aktiv zur Seite, kann durch entsprechende Tastenkombination herbeigerufen werden, um Enzo zu heilen oder eigene Zauber auf Feinde loszulassen. Bei all dem müssen stets die HP im Auge behalten werden, aber auch die AP, auf Basis derer Zauber gewirkt werden können. Um beides aufzuladen kann man sich statt Erines Heilungen auch auch Items verlassen, die sich im Kampf per einfachem Tastendruck konsumieren lassen und von denen man im Spielverlauf reichlich findet oder kauft. Auch Stamina spielt aber eine Rolle – denn Enzo kann ausgiebig dodgen, um Attacken auszuweichen oder sich in eine andere Position zu begeben. Gerne wird während der Kämpfe auch mal gehüpft und eine Weile in der Luft geblieben, um nach oben beförderte Gegner dort zu verprügeln oder sich einen Moment der Hitze des Gefechts zu entziehen. Die Aurionic Abilities sind an Element-Arten gebunden. Je nachdem was für ein austauschbares Equipment bei sich trägt, funktionieren manche Elemente/Abilities besser als andere. Und auch Gegner haben ihre Schwächen und Resistenzen.

Die Kämpfe in Aurion: Legacy of the Kori-Odan erinnern stark an ältere Dragonball-Spiele. So kann man sich mit dem Nach-Unten-Drücken des linken Analogsticks in einen Zustand versetzen, in dem man – wenn man ungestört ist und nicht getroffen wird – AP regeneriert und dabei aurische Energiefelder um einen herum wabern. Dabei kommt einem das ganze aber maximal wie eine Liebeserklärung an entsprechende Vorbilder vor, nie aber wie ein Rip-Off. Aurion hat nämlich ein System, dass es sehr gut auf seine Lore anzupassen weiß.



Vieles von dem, was man in Aurion sieht und hört, ist afrikanisch inspiriert. Die Background-Musik des Spiels selbst wabert irgendwo zwischen entsprechenden Klängen, verbindet das für meine Begriffe aber ganz fantastisch mit Soundscapes aus klassischen RPGs. Es gibt dieses eine Lied im OST, das immer dann kommt, wenn eine ernste Szene durch Komik gebrochen wird und beides funktioniert. Wie Enzo nach und nach seine Persönlichkeitsmerkmale zusammensucht und -findet, wie die jeweiligen Merkmale zueinander stehen, was das für seine Kämpfe, aber eben auch das größere ganze bedeutet, hat mich wirklich überzeugt. All das passiert in geopolitischen Verstrickungen, die für den König von Zama total neu sind, weil auch Zama bislang eben nicht über den eigenen Tellerrand geschaut hat. Jetzt befinden Erine und Enzo sich plötzlich inmitten von Kriegen, erfahren mit jedem Besuch etwas mehr über die komplexen Verstrickungen der Welt, die eigentliche Natur von Aurion und auch ihrer eigenen Rolle in Hinblick auf alles. Neue Erkenntnisse werden oft in Form von Storytwists in die Geschichte verwoben, innerhalb der außerdem viele explizite Erklärungen zur Welt stecken. Für mich fühlten sich all diese Twists auch verdient an, wenngleich sie schon sehr plötzlich kommen konnten und wiederholt gleich ein ganz anderes Licht auf bestimmte Umstände haben werfen sollen. So ergründen sich der spielenden Person aber auch nach und nach die Ebenen der Lore und Welt und der vielen darin verhandelten Philosophien und Welt- oder Menschenbilder. Es geht bei politischen Konflikten eigentlich auch immer um ideologische Gegensätze: Idealismus und Kollektivismus oder die Frage danach, inwiefern Krieg eine bessere Welt gerechtfertigt. Keines der Themen an sich ist noch nie dagewesen, doch im konkreten Mix aus Themenkomplexen und designtechnischer Darreichungsform und Vibe hat sich Kori-Odan hier in vielerlei Hinsicht sehr unverbraucht und spannend angefühlt.

Ich habe einen Moment gebraucht, um herein zu kommen. Nicht jede Humornote hat getroffen, nicht jede Weltbild-Entscheidung leuchtet mir ein. Dungeoneering-Abschnitte, die teils aus Kämpfen, teils aus Platforming und teils aus einfachen Umgebungsrätseln bestehen, haben mir hier und da ein klein bisschen zu lang gedauert, gerade auch weil Aurion für seine Ambitionen wirklich nicht immer poliert ist. Am Ende des Tages funktioniert aber alles, was funktionieren muss, mehr als gut genug, damit das Spiel seine beeindruckende, panafrikanisch geprägte Geschichte erzählen kann. Und die hat mich als Geschichte und als Verhandlung über diverse zeitlos aber auch zeitgeistlich relevante Themen total überzeugt.

Wenn man sich von ständigen Lore-Drops in Form von Dialogen mit interessanten, immer etwas über ihre Welt und Sozialisierung aussagenden NPCs nicht erschlagen fühlt, ist Aurion: The Legacy of Kori-Odan ein wirklich tolles und einen mal etwas aus dem bekannten Gaming-Trott heraushievendes Spiel, das ich wirklich als vollumfänglichen Erfolg im Sinne meiner Challenge verbuchen kann.

Ich vergebe dafür 8,5 von 10 Palmwein trinkende, royale Kumpels und füge mir mit stolz geschwellter Brust eine kamerunsche Flagge in meinen virtuellen Reisepass ein. Das sind dann auch schon 12 Spiele in Folge aus immer einem unterschiedlichen Land (13, wenn man ein Spiel dazu spielt, dass ich bereits in der ersten Januarhälfte gespielt habe, über das ich die Tage dann aber erst schreiben kann). Ganz schön stark von mir!