Ich meine damit zum Beispiel, wie man das Ende von Clair Obscur wahrnimmt, wie gut oder schlecht man es findet, wie es einen berührt. Das wäre nur dann falsch, wenn man von etwas ausginge, das sich als Irrtum entpuppen würde. Beispiel: Aber solche Fälle sind meiner Meinung nach Ausnahmen. Die Diskussionen drehen sich selten um Missverständnisse. Ich hab bisher nicht die Erfahrung gemacht, dass jemand sagt: Stimmt, hätte ich das gewusst, hätte ich das ganz anders gesehen.

Stattdessen hab ich den Eindruck, dass wir alle ganz unterschiedlich wahrnehmen oder andere Maßstäbe ansetzen. Das ist mir besonders bei Diskussionen über Animes aufgefallen. Ich halte einen für schlecht geschrieben und jemand anderes hält ihn für gut geschrieben. Er sagt nicht, dass er nur darüber hinwegsieht, weil ihm die Action so sehr gefällt, sondern er sieht es völlig anders. Und beide Seiten haben Argumente, die am Ende gar nichts bewirken, verstehen tut man sich trotzdem nicht.

Weil das auch meistens gar nicht das Ziel ist. Auf einer elementaren Ebene sollte man viele Gefühle verstehen können, weil man sie selbst schon empfunden hat. "Die Geschichte ist langweilig", "Die Geschichte ist schlecht geschrieben", "Die Geschichte ist unglaubwürdig" - am Ende läuft alles auf das Gleiche hinaus, das versteht eigentlich jeder. Das Verständnis ist nicht das Problem, sondern der Wille, es zu verstehen. Ich glaube nicht, dass diskutiert wird, um andere zu verstehen. Du hast natürlich recht, dass Aussagen wie die eben genannten so vage sind, dass niemand darauf eingehen kann. Aber ich bin skeptisch, dass ausführlichere Einlassungen zu mehr Verständnis führen und ich würde auch infrage stellen, ob das überhaupt jemand will, wenn die Ansichten weit auseinander liegen.

Man kann etwas dazulernen. Nur geschieht das meiner Meinung nach immer in festen Bahnen, es ist begrenzt. Mir fällt ein Beispiel ein: Videos, in denen gesagt wird, wie man gelassen bleibt und sich in angespannten Situationen gegenüber seinen Mitmenschen richtig verhält. Beim Schauen hab ich sofort gedacht, dass solche Videos nur von denen angesehen werden, die sie gar nicht nötig haben. Oder Videos, die mit Vorurteilen aufräumen. Die wird keiner schauen, der von ihnen überzeugt ist, und falls doch, wird er alles für Unsinn halten. Ich verstehe dich so, dass das Lesen einer neuen Perspektive dazu führen könne, zum Beispiel Clair Obscur mit anderen Augen zu sehen. So was hab ich bisher aber nur sehr selten erlebt. Meistens beharren alle auf ihrer Ansicht (und das ist vielleicht auch gar nicht falsch). Die Frage ist ja auch, warum ich das Spiel überhaupt mit anderen Augen sehen wollen sollte, unabhängig davon ob es mir gefallen oder nicht gefallen hat.