@Sylverthas
Herabsetzen war vielleicht ein zu hartes Wort, aber ich hatte das Gefühl, dass die Kritiker unter euch eine bestimmte Lesung des Spiels für besser halten als die andere. Und anscheinend hatte ja La Cipolla ein ähnliches Gefühl, zumindest lese ich das aus seinem Posting heraus. Ich kann mich natürlich irren. Wir verstehen uns deutlich schlechter als wir denken. Worte kann man unterschiedlich verstehen und von allem, was nicht gesagt und trotzdem gemeint wird, will ich gar nicht erst anfangen.
Wenn Eindrücke untermauert werden müssten, würde das doch bedeuten, dass sie falsch sein könnten. Gelingt das Untermauern nicht, hieße das: Stimmt gar nicht, du hast dich geirrt. Vielleicht meinst du das nicht so, aber so lese ich es. Ein nüchternes unbefangenes (was es natürlich nicht ist) Analysieren sei besser, als eine Geschichte auf Grundlage der Gefühle zu bewerten.
Es ist sicher etwas unfair, dass ich in die Diskussion einsteige, ohne zu wissen, was vorher alles gesagt wurde. Ich lese nur in diesem Unterforum mit. Aber eine gewisse Idee von eurer Meinung hab ich schon. Und es gibt in den Beiträgen hier einige Stellen, die sich aus meiner Perspektive so lesen, dass ich zu dem besagten Schluss gekommen bin.
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Den Rest lasse ich mal unkommentiert stehen.
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Im Sinne von: Was will der von mir?
Ich bin von den Erkenntnissen der Neurowissenschaften überzeugt. Am Ende der Kausalkette stehen für mich die biochemischen Reaktionen im Gehirn und die sind aller Voraussicht nach deterministisch und nicht kontrollierbar. Was ich damit sagen wollte ist, dass niemand sich entscheiden kann, wie er ein Spiel liest und wahrnimmt. Ich würde es falsch finden, wenn andere Ansichten nicht ernst genommen werden würden, weil sie einem fremd sind. Das will ich dir nicht unterstellen. Eine meiner Schwächen ist, dass ich gerne vom Kommentieren eines Beitrags zum Reden über allgemeines Verhalten wechsle und ja, das ist missverständlich.
Wenn Eindrücke untermauert werden müssten, würde das doch bedeuten, dass sie falsch sein könnten.
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Was meinst Du jetzt konkret mit "Eindrücke"? Den Prozess des Empfindens, oder das Empfinden selber? Wenn Du ersteres meinst: Natürlich ist das etwas, was nicht falch sein kann. Dann reden wir aber auch wirklich über einen sehr primitiven Vorgang. Die Einordnung, die wir unterbewusst machen, kann aber durchaus falsch sein. Passiert doch immer wieder, dass unser Bauchgefühl eine Person beispielsweise als gefährlich einstuft, dabei ist sie eigentlich supernett.
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Gelingt das Untermauern nicht, hieße das: Stimmt gar nicht, du hast dich geirrt.
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Nur, weil man keine Argumente für seine Eindrücke findet, heißt das nicht, dass sie falsch sind. Es heißt erstmal nur das: Es fällt einem nichts ein. Vielleicht helfen einem andere Leute, einen Finger drauf zu legen, oder man findet es später. Oder auch nie. Ich würde es nicht mal per se als "falsch" ansehen, wenn es widersprüchliche Argumente gibt - dann könnte es sogar besonders spannend werden, zu überlegen, wieso man trotzdem so reagiert hat.
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Ein nüchternes unbefangenes (was es natürlich nicht ist) Analysieren sei besser, als eine Geschichte auf Grundlage der Gefühle zu bewerten.
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Es ist halt Diskussionen zuträglicher. Gefühle kann man äußern. Dann kann eine andere Person sich ihnen anschließen oder ihre eigenen, anderen Gefühle äußern. Wenn keine Argumente da sind, dann kann man darüber schwer diskutieren, weil es nichts Überprüfbares gibt. Von dem Standpunkt her würde ich es tatsächlich als besser ansehen.
Als menschliche Erfahrung sind sie für mich gleichwertig.
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Im Sinne von: Was will der von mir?
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Eher im Sinne von: Was tun wir dann eigentlich hier? Ich finde das Beharren auf einer deterministischen Ansicht nicht wirklich diskursfördernd. Vielleicht kann man nicht genau bestimmen, was man denkt, aber man kann ja durchaus seine Denkbahnen schulen (mehr Wissen, Argumentationstechniken) und seine Gedanken bewusst in bestimmte Richtungen lenken. Wenn ich etwas spiele, kann ich z.B. bewusst auf Dialoge achten und würde eine andere Erfahrung kriegen, als hätte ich mich bewusst auf die Musik konzentriert. Ich glaube nicht, dass der Einfluss so gering ist, wie es in Deinen Beiträgen klingt.
Ich meine damit zum Beispiel, wie man das Ende von Clair Obscur wahrnimmt, wie gut oder schlecht man es findet, wie es einen berührt. Das wäre nur dann falsch, wenn man von etwas ausginge, das sich als Irrtum entpuppen würde. Beispiel: Aber solche Fälle sind meiner Meinung nach Ausnahmen. Die Diskussionen drehen sich selten um Missverständnisse. Ich hab bisher nicht die Erfahrung gemacht, dass jemand sagt: Stimmt, hätte ich das gewusst, hätte ich das ganz anders gesehen.
Stattdessen hab ich den Eindruck, dass wir alle ganz unterschiedlich wahrnehmen oder andere Maßstäbe ansetzen. Das ist mir besonders bei Diskussionen über Animes aufgefallen. Ich halte einen für schlecht geschrieben und jemand anderes hält ihn für gut geschrieben. Er sagt nicht, dass er nur darüber hinwegsieht, weil ihm die Action so sehr gefällt, sondern er sieht es völlig anders. Und beide Seiten haben Argumente, die am Ende gar nichts bewirken, verstehen tut man sich trotzdem nicht.
Weil das auch meistens gar nicht das Ziel ist. Auf einer elementaren Ebene sollte man viele Gefühle verstehen können, weil man sie selbst schon empfunden hat. "Die Geschichte ist langweilig", "Die Geschichte ist schlecht geschrieben", "Die Geschichte ist unglaubwürdig" - am Ende läuft alles auf das Gleiche hinaus, das versteht eigentlich jeder. Das Verständnis ist nicht das Problem, sondern der Wille, es zu verstehen. Ich glaube nicht, dass diskutiert wird, um andere zu verstehen. Du hast natürlich recht, dass Aussagen wie die eben genannten so vage sind, dass niemand darauf eingehen kann. Aber ich bin skeptisch, dass ausführlichere Einlassungen zu mehr Verständnis führen und ich würde auch infrage stellen, ob das überhaupt jemand will, wenn die Ansichten weit auseinander liegen.
Man kann etwas dazulernen. Nur geschieht das meiner Meinung nach immer in festen Bahnen, es ist begrenzt. Mir fällt ein Beispiel ein: Videos, in denen gesagt wird, wie man gelassen bleibt und sich in angespannten Situationen gegenüber seinen Mitmenschen richtig verhält. Beim Schauen hab ich sofort gedacht, dass solche Videos nur von denen angesehen werden, die sie gar nicht nötig haben. Oder Videos, die mit Vorurteilen aufräumen. Die wird keiner schauen, der von ihnen überzeugt ist, und falls doch, wird er alles für Unsinn halten. Ich verstehe dich so, dass das Lesen einer neuen Perspektive dazu führen könne, zum Beispiel Clair Obscur mit anderen Augen zu sehen. So was hab ich bisher aber nur sehr selten erlebt. Meistens beharren alle auf ihrer Ansicht (und das ist vielleicht auch gar nicht falsch). Die Frage ist ja auch, warum ich das Spiel überhaupt mit anderen Augen sehen wollen sollte, unabhängig davon ob es mir gefallen oder nicht gefallen hat.