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Thema: Wann ist ein Franchise für euch mehr als nur 'Unterhaltung'

  1. #1

    Wann ist ein Franchise für euch mehr als nur 'Unterhaltung'

    Guten Abend,

    im Zusammenhang mit Popkultur und Franchises verschiedenster Medien beschäftige ich mich dieser Tage mit der Frage, wann genau, respektive unter welchen Umständen ein bestimmtes Franchise für uns persönlich zu mehr wird als nur die pure Unterhaltung, weswegen wir es vielleicht kennenlernen. Bitte nehmt zur Kenntniss, dass ich mich damit auf alle denkbaren Medien beziehe, sein es Filmreihen, Realserien, Cartoons, Comics, Anime, Videospiele, Bücher oder jedes andere Beispiel, das euch betrifft. Ich poste es aber hier, weil sich das Forum dafür glaube ich am besten eignet. (Real-)serien sind ja ein sehr gutes Beispiel für Medien, die uns schnell ans Herz wachsen können.

    Wenn ich sage 'Mehr' meine ich natürlich etwas Bestimmtes, aber der Begriff ist ja sehr subjektiv und jeder wird für sich selbst definieren, was ein Franchise einem gibt wenn es über Unterhaltung hinausgeht. Wenn ich darüber spreche, was 'Mehr' für mich bedeutet, komme ich auch zu meinen Ansätzen, wann es denn dazu kommen könnte. Nehmen wir als Beispiel eine Serie - Ist eine Serie für mich mehr als nur Unterhaltung ab dem Zeitpunkt, an dem ich anfange länger über sie nachzudenken, möglicherweise permanent und immer wieder wenn ich sie nicht gucke? Wenn mir die Charaktere ernsthaft ans Herz gewachsen sind und ich über den Schauwert hinaus mit ihnen mitfühle? Oder wenn ich anfange mich mit fangemachtem Content zum Franchise zu beschäftigen? Oder vielleicht schon, wenn die Emotionen der Serie auch meine Emotionen beeinflussen, so dass es mich glücklich macht wenn die Charaktere der Serie gerade glücklich und und traurig, wenn sie es sind? Ist eine Serie mehr für mich, wenn ich bewusst und unbewusst aufhöre, klare Schwächen und Mängel zu sehen, oder diese ausblende? Oder könnte es vielleicht auch sein, dass eine Serie für mich mehr als nur Unterhaltung ist, wenn das Schauen, das darüber Unterhalten und 'Zelebrieren' mit anderen Fans der Serie mir ein Gemeinschaftsgefühl und eine tiefe, innere Befriedigung gibt? Vielleicht reicht es aber auch schon aus, wenn die Serie mich vergessen lässt, dass sie nur eine Serie ist, eine Fiktion, und mich dazu bringt, beim Schauen mitzufiebern, echte Emotionen herauszulassen und den Charakteren ein glückliches Ende zu wünschen? Das sind alles Ansätze die ich so auf meine Art und Weise, 'Mehr' an Franchises zu finden übetragen kann, aber wie gestaltet sich das bei euch?
    Habt ihr Franchises, für die ihr brennt und die euch etwas Signifikantes gegeben haben, das über Unterhaltung hinaus geht, und wenn ja, wann habt ihr das bemerkt? Wie reagiert ihr auf Missverständnis anderer, die dies so ganz und gar nicht nachvollziehen können?

    Mich würden eure Gedanken dazu sehr interessieren, ich hoffe, es finden sich ein paar Diskussionsteilnehmer.

  2. #2
    Interessante Frage, wenn auch sehr offen und deshalb vielleicht etwas einschüchternd. ^^


    Zitat Zitat
    wann genau, respektive unter welchen Umständen ein bestimmtes Franchise für uns persönlich zu mehr wird als nur die pure Unterhaltung
    Ich kenne tatsächlich einen Moment, den ich hin und wieder erlebe: Ein Medium ist entweder so sympathisch und mitreißend ODER aber trifft so zielgenau einen Nerv bei mir, dass objektive Qualitätskriterien fast vollständig aus meinem Blick verschwinden. Ob das Ganze wirklich konventionell "gut" ist, spielt sozusagen keine Rolle mehr.

    Es gibt etwa Spiele, dessen Gameplay ich höchstens okayish finde, die ich aber trotz allem extrem liebe, weil sie mich stilistisch, konzeptionell oder inhaltlich komplett abholen. Diese Spiele bleiben mir als "Einfach nur gut!" in Erinnerung, obwohl ich sehr wohl Dinge daran auszusetzen hätte. Beispiele wären etwa Phantasy Star Online 1+2, die heute als "MMOs" eigentlich gar nicht mehr gehen ... aber holy fuck, liebe ich diese Spiele noch immer, ohne dass es "nur" Nostalgie wäre. Selbiges gilt für Guild Wars. (Lustig, zwei MMOs. Das war nicht geplant. ) Einige wonky West-RPGs gehen auch in die Richtung, etwa Alpha Protocol als wahrscheinlich krassester Vertreter, aber etwa auch NWN2: Mask of the Betrayer, bei dem man bloß nicht zu sehr über das Spielsystem nachdenken sollte.

    Es gibt Filme, die mich so sehr mitreißen, dass ich ihre Schwächen entweder toleriere oder gleich übersehe – manchmal kann ich den Unterschied nicht mal so genau festmachen. Ein krasses Beispiel ist The Dark Knight, wo ich den ganzen Hongkong-Subplot megalame und die erste Hälfte des Films eigentlich auch gar nicht mal so megageil finde ... aber wenn der Film dann richtig aufdreht, verfliegt all das in einem fetten "WOAH!", und dann ist mir alles andere vollkommen egal. 10/10, don't @ me. Konzeptuelle Fälle habe ich ganz oft bei Animes: Kyousougiga, Bubuki Buranki, Kakegurui und Durarara!! sind allesamt ziemlich speziell und sicherlich in mancherlei Hinsicht fehlerhaft oder problematisch, aber sie holen mich in ihrer Hingabe zu einem Konzept, das ich irgendwo faszinierend finde, SOWAS von krass ab, dass bei mir einfach nur noch pure, unvoreingenommene Emotion ankommt. Ich glaube aber, Animes sind sowieso sehr gut darin, ein Konzept durchzuhämmern, koste es, was es wolle, und es dann auch stilistisch entsprechend umzusetzen.

    Das sind zwei Möglichkeiten, auf die Medien für mich irgendwie "mehr" werden kann.


    Eine dritte muss ich Berufs wegen ergänzen, nämlich dieses hermeneutische Eindringen in ein Medium. Klingt jetzt abgefahren, heißt aber einfach nur: Ich konsumiere was, ich erkundige mich darüber. Ich konsumiere es mit meinem neuen Wissen noch einmal, merke neue Dinge, erkundige mich zu diesen neuen Dingen. Ich konsumiere mit meinem neuen Wissen noch einmal ... usw. Das hat mir schon oft geholfen, ein Medium zu mögen, das ich erstmal lame fand, auch wenn ich nicht der größte Freund davon bin, dass viele Schullektüren das heute praktisch "benötigen", um irgendwie anzukommen.

  3. #3
    Ich würde erst einmal sagen, dass meistens, wenn ich irgendwelche Medien konsumiere, Unterhaltung nicht der einzige Zweck ist, manchmal nicht einmal der Hauptzweck.

    Das, was du im Eingangspost erwähnt hast, spielt natürlich auch eine Rolle: Eine so große Leidenschaft für etwas zu entwickeln, dass es einen weit über den Zeitraum des „Konsumierens“ (eigentlich mag ich dieses Wort nicht) beschäftigt. Das war für mich bei den Dingen, die ich heute zu meinen größten Hobbys zähle, überhaupt der Auslöser oder Katalysator, um mich tiefer damit zu beschäftigen.

    Der zweite Aspekt, der für mich wichtig ist, ist das Lernen. Das trifft für mich in gewisser Weise auf alle Medien, aber besonders auf das Medium Anime zu. Ich will wissen, wie etwas ist und das Gefühl haben, es zu kennen, wenn etwas den Ruf hat, einflussreich oder bemerkenswert zu sein. In will es in den Gesamtkontext des Mediums einordnen können, historische und kulturelle Zusammenhänge verstehen und selbst ziehen und kreative und handwerkliche Leistungen würdigen können. Dabei hat der Unterhaltungswert nicht immer oberste Priorität. Ein Beispiel dafür ist der Film Hols, Prince of the Sun aus dem Jahr 1968. Als ich den geschaut habe, fühlte ich mich wirklich nicht allzu sehr unterhalten. Der Film nimmt aber eine historische Schlüsselstellung im Anime-Kosmos ein: Nicht nur war der Film als gemeinsames Projekt von Isao Takahata, Hayao Miyazaki und Yasuo Otsuka enorm prägend für zukünftige Zusammenarbeiten, es war auch der erste Anime-Film der Nachkriegszeit mit einer politischen Botschaft, ein Film mit einer (historisch gesehen) äußerst faszinierenden Frauenfigur, ein Film der zur Zeit der Gewerkschaftsaufstände entstanden ist und in wirklich vielerlei Hinsicht revolutionär war. Auch wenn der Film als Unterhaltungswerk nach 50 Jahren schlecht gealtert ist und mir persönlich emotional nichts bietet, ist er äußerst faszinierend, wenn man ihn im historischen Kontext schaut.

    Das ist für mich wichtig und im Laufe der Zeit auch immer wichtiger geworden.

  4. #4
    Hallo. Verzeihung für die etwas (" ") späte Reaktion. Danke für eure beiträge.


    Zitat Zitat
    Ich kenne tatsächlich einen Moment, den ich hin und wieder erlebe: Ein Medium ist entweder so sympathisch und mitreißend ODER aber trifft so zielgenau einen Nerv bei mir, dass objektive Qualitätskriterien fast vollständig aus meinem Blick verschwinden. Ob das Ganze wirklich konventionell "gut" ist, spielt sozusagen keine Rolle mehr.
    Ist dies vergleichbar mit dem, was man manchmal bei einem Rauschfilm erlebt? Also ein Film, der so intensiv ist, vielleicht etwa ein magenumdrehender Psychothriller, dass man bis zum Ende tief in seinem Sessel sitzt sich festkrallt und Adrenalin spürt und deswegen kaum noch empfänglich ist für handwerkliche Fragen nach dem Wie? Ich hatte etwas Ähnliches zuletzt bei Climax. Ich denke du zielst auf etwas Gesetzteres und Nachvollziehbareres ab, aber vielleicht ist das Prinzip ja ähnlich.

    Zitat Zitat
    Es gibt etwa Spiele, dessen Gameplay ich höchstens okayish finde, die ich aber trotz allem extrem liebe, weil sie mich stilistisch, konzeptionell oder inhaltlich komplett abholen.
    Könnte man dies auch synonimisieren mit, du magst ihre Atmosphäre, die Ausstrahlung, die Stimmung, die diese Spiele haben? Also die Bauteile sind vielleicht alle gar nicht so perfekt und aus dem Augenwinkel siehst du die unsauberen Kanten, aber zusammen ist da irgendwie der Funke, der dich grinsen lässt? Sowas kenne ich auch, das habe ich momentan ganz stark bei Carmen San Diego.

    Zitat Zitat
    Kyousougiga, Bubuki Buranki, Kakegurui und Durarara!!
    Bei Kakegurui bin ich ganz bei dir, da habe ich zwar nicht dieses Phänomen wie ich es etwa bei RWBY habe, aber ich mag die Serie sehr für diese ganz spezielle, schmutzige Nische, die sie bedient. Kyousougiga habe ich mal angefangen aber irgendwie nach ein, zwei Folgen das Interesse verloren, vielleicht sollte ich es nochmal probieren. Kannst du sagen, was hier der Funke für dich war?

    Ich habe auch dein Lost and Found zu Pyre gesehen und fand es sehr interessant und aufschlussreich. Ich kann mich dir da zwar nicht ganz anschließen und kämpfe noch immer damit das Spiel endlich mal abzuschließen, aber deine Ausführungen haben mir gut gefallen. Schade, dass es nicht viel mehr von deiner Reihe gibt.

    Zitat Zitat von Narcissu
    Der zweite Aspekt, der für mich wichtig ist, ist das Lernen. Das trifft für mich in gewisser Weise auf alle Medien, aber besonders auf das Medium Anime zu. Ich will wissen, wie etwas ist und das Gefühl haben, es zu kennen, wenn etwas den Ruf hat, einflussreich oder bemerkenswert zu sein. In will es in den Gesamtkontext des Mediums einordnen können, historische und kulturelle Zusammenhänge verstehen und selbst ziehen und kreative und handwerkliche Leistungen würdigen können. Dabei hat der Unterhaltungswert nicht immer oberste Priorität.
    Oh ich denke ich verstehe sehr gut, was du meinst. Wenn Leute sagen, Filme, Serien, Bücher, Anime zu gucken und zu lesen wäre nur 'Unterhaltung', finde ich das schwierig. Ich konsummiere (Verflixt es ist schwer Synonyme zu finden) viele Dinge und Serien, weil ich sie meiner Datenbank, meinem Horizont hinzufügen möchte, um zu lernen. Ich glaube, das 'Nachholen von Klassikern' bzw. die Situation "Was, du hast PORTAL noch nicht gespielt und Der Pate noch nicht gesehen???" basiert stark auf diesem Lernprinzip, es gibt große Platzhirsche der Popkultur die wir für uns als Bildungsgut in dieser Kultur verstehen. Ich möchte Stereotypen erkennen und kritisieren können, ich möchte verstehen, wie Geschichten aufgebaut sind und sich wahrscheinlich entwickeln, ich möchte sehen, welche visuellen Möglichkeiten Filme, Serien, Spiele, Anime haben. Das ist ein wichtiger Punkt.



    Es gibt vielleicht einen Term für dieses Phänomen das wir hier besprechen, da ich ihn aber nicht kenne, habe ich selbst einen erfunden: Franchise-Addiction. Man ist quasi so eng mit einem Franchise verwoben, dass es schwerer fällt sich davon loszusagen oder vielleicht auch Kritik und Fehler darin zu erkennen oder zuzulassen.

    Ein interessanter Punkt der mir ab und zu aufkommt, auch wenn er vielleicht nicht unmittelbar viel mit dem Thema zu tun hat ist Musik. Musik hat, meiner Meinung nach weit mehr als Optik, die Fähigkeit einem Medium mehr Kraft, Tiefe und Bedeutung zu verleihen. Ein großartiger OST kann eine mittelmäßige Serie zu einer tollen Serie machen. Die ältesten Videospiele und Pixelmatschhaufen liegen uns heute noch nostalgisch und warm in den Ohren, weil manche von ihnen solche ikonischen Melodien hatten. Ich höre öfter den grandiosen Soundtrack eines mittelmäßigen Filmes oder Anime ohne viel Tiefe, denke daran wie toll der Film doch war um dann zu diesem zurückzukommen und festzustellen, dass er das nicht war. Der Soundtrack war einfach nur sehr gut darin, das zu überspielen. Optik hat nicht im gleichen Maße diese Wirkung, zumindest fällt mir spontan kein Beispiel ein. Style over Substance ist nicht das, was ich meine. Ich meine tiefgehende, bewegende Musik. Lustigerweise fallen mir dabei nur zwei Anime ein, Anime haben oft sehr starke Soundtracks.

    Einmal Aldnoah.Zero, was spätestens in Staffel zwei eine inhaltliche und konzeptionelle Katastrophe war, mir aufgrund des melancholischen und orchestralen Soundtracks heute noch einzutrichtern versucht, dass er Poetisches und Bahnbrechendes zu erzählen hatte, uns Your Lie in April, das ich überhaupt nicht mochte, das aber durch seinen bittersüßen Soundtrack ewig im Ohr bleibt und mich trotz meiner Abneigung und meines Desinteresses gedanklich immer wieder zu Szenen und Momenten der Serie zurückholt.
    Habt ihr ähnliche Beispiele feststellen können?

    Euch schöne Ostern

    Geändert von Pacebook (20.04.2019 um 13:30 Uhr)

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