Der Kerntwist ist, dass Nirmala und Raya eine Person sind (genauer ist ihr Name Raya Firtri Nirmala - hier nutzt das Spiel, dass indonesische Namen nur aus mehreren Vornamen bestehen können). Ein Twist, den man kommen sehen kann und das Spiel eher dadurch verhüllt, dass man alles aus Atmas Perspektive sieht. Man glaubt, dass er das Bindeglied zwischen den beiden ist. Das Buch ist hierbei in Teilen eine Nacherzählung von Rayas Kindheit.
Raya war ein sehr aufgewecktes Kind voller Fantasie. Sie hat es geliebt zu zeichnen und ihre eigenen Geschichten zu erfinden. Sie hatte auch ein paar Freunde - Erik, Lulu und Marin. Allen dreien hat sie geholfen aus ihrer Schale zu kommen, wie das Buch einem sagt. Als das Mobbing anfing haben sie alle aber im Stich gelassen - oder haben mitgemacht, wie Erik. Hier muss man sagen, dass das Buch klar aus ihrer Perspektive geframed ist. So wollte Marin immer ihre Freundin sein - aber Raya hat sie bewusst weggestoßen, aus Eifersucht. Erik hingegen, der ist einfach ein Arsch. Und bei Lulu - da hat Raya auch einige Fehler gemacht, die sie erst zu spät einsieht.
Man merkt klar in der Handlung, dass Raya ihnen nicht vergeben will. Sie sieht die Personen als Monster, die sie hintergangen haben.
Raya wurde von ihren Klassenkameraden als ein "Freak" angesehen. Sie hat nicht nur immer im Unterricht gezeichnet und in ihrer eigenen Welt gelebt, sondern sie war auch noch arm - denn die asiatische Finanzkriese 1998 ging an ihrer Familie nicht spurlos vorbei.
Und mit so einem Freak wollte niemand rumhängen - oder hatte die Kraft, sich den Mobbern zu stellen, wie Marin. Aber nicht nur in der Schule hat man Raya einen tiefen Sinn der Unzulänglichkeit vermittelt. Auch zuhause wollte ihr Vater, dass sie endlich Geld ranholt und keinen Scheiß macht wie irgendwelche Bilder zu malen. Er wurde dabei immer gewalttätiger. Es wurde innerlich das Gefühl aufgebaut, dass sie "nicht genug" sei, so, wie sie ist.
Bis Atma in ihr Leben trat. Er war ihre Stütze in dieser schweren Zeit. Selber ein Landstreicher, der gerne schreibt. So haben die beiden die Geschichte der Sternenprinzessin angefangen. Raya konnte bei ihm sie selber sein, konnte ihre familiären Verhältnisse vergessen. Bis es dann zum Unfall am Fluss kam, bei dem Atma starb. Sie gibt sich dafür die Schuld - wieder mal war ihre Unzulänglichkeit das Problem, diesmal mit tödlichen Folgen.
Sie hat ihren träumerischen, verspielten Teil unterdrückt - daraus ist bildlich Nirmala geworden, der sie die Schuld für ihre Situation gab - so, wie sich die Sternenprinzessin in ihrer Geschichte geteilt hat.
Der andere Twist ist, dass sich hier alles in Rayas Kopf abspielt (gegebenenfalls Collective Unconscious). Sie liegt, nach einem vermutlichen Selbstmordversuch, im Koma. "Vermutlich", weil das nie erwähnt wird - aber das Spiel eröffnet mit einer Suizidwarnung. Sie hat eine Traumwelt erschaffen, in der sie die Kontrolle hat - in der Atma noch lebt, in der sie beliebt ist und in der sie ihre Unzulänglichkeit unterdrücken kann.
Ist es aber vielleicht nur ihr Gehirn, was Ereignisse verarbeitet? Sie hat nämlich keine volle Kontrolle. Beispielsweise stellt sie zornig fest, dass in dieser Welt auch Erik, Lulu und Marin existieren, die sie eigentlich nicht sehen will. In ihrem Kopf probiert auch Nirmala, wieder Anschluss an Raya zu bekommen. Man kann dies als einen metaphorischen Kampf um Rayas Gesundheit ansehen - Atma und Nirmala versuchen, sie wieder ins Leben zurück zu holen, aus dieser Fantasie zu befreien.
Rayas Leben wurde durch das Leugnen Nirmalas nicht besser. Sie wurde eine "fake bitch", wie Lulu es schön sagt. Notentechnisch war sie an die Klassenspitze, aber sie war so einsam wie nie zuvor. Genau wie die Sternenprinzessin. Auch ihr Image als Freak hat sie nie abgelegt, wie ein Gespräch mit Marin gegen Ende enthüllt. Raya war wieder mal nicht genug.
Also wollte sie es sich bei der Organisation des jährlichen Lintan Festivals beweisen. Was auch komplett nach hinten losging. Sie wollte alle Arbeit alleine machen, ließ niemanden an sich ran. Sie war arrogant, aus Angst. Die Vorbereitung waren ein kompletter Reinfall. Raya war einfach nicht genug.
Dieses Szenario spielt sich in einer abgewandelten Form in ihrem Kopf ab. Sie will das Fest organisieren, um mit Atma eine tolle Zeit zu verbringen. Es ist ein Punkt auf der Bucket List - die sich jetzt schon wie eine Doomsday Clock anfühlt. Aber ihr wollen die Bewohner nicht helfen und ihre schroffe, befehlshaberische Art kommt nicht gut an. So war es auch beim echten Fest und sie hat sich nicht geändert. Sie greift zu immer drastischeren Mitteln - wie die Manipulation der Bewohner. Nun sieht sie jeden anderen als ihren Feind - denn nicht mal in ihrer Traumwelt kann sie erreichen, was sie möchte.
Im echten Leben ist sie bei dem nationalen Abschlussexamen eingeschlafen. Ich vermute, dass sie dadurch die Abschlussprüfung in den Sand gesetzt hat. Wie so viele Male zuvor war Raya nicht genug. Schließlich hat sie versucht, ihr Leben zu nehmen - vermutlich auf der Brücke, auf der sie sich auch bereits von Nirmala getrennt hat. In der Traumwelt beschwört sie die Person herbei, die ihr bisher als einzige im Leben eine universale Stütze war: Atma. Er hat sie immer akzeptiert.
Aber diese Raya - ohne Nirmalas Seite - kann er nicht bedenkenlos unterstützen. Denn sie ist manipulativ, selbstsüchtig und probiert die Welt so zu biegen, wie es ihr passt - sogar, indem sie den Bewohnern schadet. Das eskaliert so weit, dass sie die Welt selber zu zerstören droht. Sie ist innerlich davor, ihren Kampf zu verlieren.
Das endet mit einem etwas übertriebenen Bosskampf, den es meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte - denn die Szene danach bezweckt das, was dieser tun sollte, viel besser: Ihren inneren Widerstand, endlich aufzuwachen, sich ihren Problemen zu stellen, aufzuzeigen. Und endet sowieso in einer der schönsten Szenen vom Spiel, als sich Raya und Atma auf dem Dach unterhalten.
Während die Traumwelt um sie zusammenbricht, erkennt Raya mit Atmas Hilfe langsam, dass sie Nirmala nicht verleugnen kann - dass sie ihre Ängste und Fehler akzeptieren muss, um wieder vollständig zu sein. Dass der internalisierte Selbsthass nicht alles ist. Dass Raya und Nirmala gemeinsam genug sind. Dass Atma, ihre Stütze, immer in ihren Gedanken bleiben wird.
Und so erwacht sie wieder aus dem Koma. Ihr erster Schritt im neuen Leben wird es sein, selber Punkte der Bucket List abzuhaken. Das ist ihr erster, kleiner Ankerpunkt daran, wieder Anschluss im Leben zu finden.
Leider beantwortet das nicht alle Fragen. Beispielsweise: Wieso löst man in Rayas Traumwelt Probleme der Bewohner und diese sind dann in der realen Welt gelöst - wie es der Epilog zeigt? Es kommt mir eher wie eine symbolische als logische Sache vor, was durchaus ein Plothole sein könnte.
Aber Atma sagt auch zu Raya, dass diese eigentlich die Bewohner der Stadt gemocht habe. Kannte sie diese also so gut, dass der Lebenswandel von jedem einzigen einen Weg in ihre Traumwelt gefunden hat? Man könnte es auch mit dem Collective Unconscious erklären - aber dann würden ihre Handlungen eine ganz andere Dimension annehmen - sie würde aktiv die Leben von echten Menschen manipulieren.