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Thema: Eine Unterscheidung treffen

  1. #21
    Like Minds auf BBC ist übrigens ein sehr potenter Einblick in die Gefühls- und Denkwelten von Menschen, die mit (teilweise schwersten) psychischen Problemen zu kämpfen haben. Die erste Episode beschäftigt sich damit, wie man Menschen mit einer psychischen Erkrankung begegnet und wie man es besser nicht tun sollte. Durchaus ne Triggerwarnung: Ab Episode 2 können Betroffene durch die teilweise sehr zutreffenden Beschreibungen von schlimmen Gefühlszuständen zurückgeworfen oder getriggert werden. Das folgende Video dürfte aber unbelastend sein.


  2. #22
    Sorry nochmal. Momentan läuft es alles andere als glatt. Daher habe ich auch etwas überreagiert.

    Ich scheine aber doch nicht depressiv zu sein. Ich neige wohl immer zum Melancholismus und momentan läuft halt alles wirklich nicht so gut. Ich hoffe halt mal, dass es demnächst besser wird - es kann ja nicht immer so bleiben. Auf alle Fälle muss ich in meinen Bereich Beziehungen und Kontakte knüpfen. Normal bewerben ist tatsächlich der falsche Weg. Viele Unternehmen haben eben so Firmen die IQ-Tests machen oder eben Software, die Bewerbungen automatisch aussortiert. Das wurde mir jetzt auch von einer anderen Firma noch mal bestätigt. Es bewerben sich einfach zu viele - zwar die meisten überhaupt nicht qualifiziert, aber mein Lebenslauf würde eben auch gefiltert, da "freiberuflich" einer der Parameter ist, die sofort aussortiert werden. Jobcenter werde ich auch erst einmal meiden - zur Not gehe ich containern. Wird eh viel zu viel weggeworfen.
    Wegen meiner Gefühlslage - ich fühle mich tatsächlich wieder besser. Obwohl es nicht so gut läuft. Könnte aber schlimmer sein. Viel schlimmer. Sorry nochmal, dass ich damals nicht mehr darauf geantwortet habe. Habe den Thread aus den Augen verloren und vergessen wie er heißt "Eine Unterscheidung treffen". Is mir gar nicht so im Kopf geblieben.

  3. #23
    Zitat Zitat
    Ich scheine aber doch nicht depressiv zu sein.
    Ich hoffe, du warst beim Arzt?

  4. #24
    Zitat Zitat von La Cipolla
    Ich hoffe, du warst beim Arzt?
    Ne, leider noch nicht. Das geht erst im Februar. Der erste mögliche Termin.

  5. #25
    Zitat Zitat von Cuzco Beitrag anzeigen
    Ne, leider noch nicht. Das geht erst im Februar. Der erste mögliche Termin.
    Wenn mir die Frage gestattet ist: Mit welcher Begründung lassen sie dich so lange warten?

  6. #26
    Ich würde vermuten, die Begründung lautet schlicht: gesetzlich versichert.

  7. #27
    Zitat Zitat von Mordechaj
    Ich würde vermuten, die Begründung lautet schlicht: gesetzlich versichert.
    Das könnte tatsächlich der Grund dafür sein. Wobei die Wartelisten bei solchen Dingen immer lange sind. Ein Bekannter ist in der privaten Krankenversicherung, musste aber auch drei Monate warten. Das Problem hast Du bei nicht lebensbedrohlichen Sachen oft. Hautuntersuchung muss ich auch immer drei Monate im Voraus ausmachen - wenn man das weiß kann man sich drauf einstellen. Eigentlich ist unser System gar nicht so schlecht. Wenn Du etwas Akutes hast, dann kannst Du auch ohne Termin zum Facharzt. Muss man halt länger warten.

    Ich denke mal, schwierig wird es nur, wenn es ein Notfall ist. Klar, man kann immer zum Hausarzt gehen, aber das bringt nicht immer was. Ich hatte mal pochende Schmerzen im Kopf und ging zum Hausarzt. Der meinte, das ginge von alleine weg. Pustekuchen. Bin ohne Termin zum HNO und musste auch entsprechend stundenlang warten. Wurde dann ins naheliegende Krankenhaus zur CT von meinen Nebenhöhlen geschickt. Tatsächlich war eine stark zugeschwollen und entzündet. Der HNO konnte jedoch mit seinem Spezialwerkzeug in die Höhle eindringen und die entsprechende Stelle desinfizieren. Innerhalb von nur 30 Minuten ging es mir schlagartig besser. Hätte ich auf meinen Hausarzt vertraut, hätte ich wahrscheinlich heute noch Kopfschmerzen.

  8. #28
    Eigentlich war meine Frage blöd. In einer Welt, die krank macht, ist es eigentlich klar, dass die Wartezimmer der Ärzte überlaufen sind. Die Gründe für so lange Wartezeiten werden zum einen zu wenig Ärzte und zum anderen zu viele Patienten sein.

  9. #29

  10. #30
    Sozial zurückgezogen lebe ich nicht. Das ist schon mal gut zu wissen. Dennoch, am 28.12. habe ich endlich mein Erstgespräch mit einem Psychologen. Hoffe, der kann mir mehr sagen.

  11. #31
    Zitat Zitat von Cuzco Beitrag anzeigen
    Sozial zurückgezogen lebe ich nicht. Das ist schon mal gut zu wissen. Dennoch, am 28.12. habe ich endlich mein Erstgespräch mit einem Psychologen. Hoffe, der kann mir mehr sagen.
    Da wir mit dem fachlichen Diskurs an dieser Stelle, glaube ich, durch sind: Halt uns auf dem Laufenden, wenn du willst.

  12. #32
    Ich würde gern noch folgendes Video von SciShow Psych hier lassen, wo es um die Rolle von Selbstvorwürfen und Rumination / (zwanghaftes) Grübeln bei Depressionen geht:

  13. #33
    Also zwanghaftes Grübeln ist tatsächlich bei mir vorhanden. Der Psychologe meinte aber, dass das alles meiner Situation geschuldet sei und ich zeige keine besonderen Anzeichen. Da ich vom Wesen her immer schon etwas nachdenklicher bin, haben wir uns jetzt aber auf eine Kurzzeittherapie geeignet. Das geht in der Regel ohne Gutachten von der Krankenkasse und beinhaltet bis zu 30 Therapieeinheiten.

    Die Psychoanalyse ist insgesamt eine sehr gute Methode, um für sich einen Weg zu finden. Dringend nötig habe ich die Gesprächstherapie zwar nicht, aber sie tut mir ganz gut.

  14. #34
    Was wenn negatives und destrkutives Denken einfach eine Folge der persönlichen Erfahrungen ist? Ich meine, man fängt damit nicht an, wenn alles reibungslos funktioniert, sondern höchstwahrscheinlich erst dann, wenn man sich nach langer Zeit darin bestätigt sieht, dass absolut alles, was man anfasst, auf irgendeine Art scheitert. Besonders deutlich ist es doch, wenn man eine Sache macht und sich denkt "halt mal! Dies und jenes könnte schiefgehen. Ich sollte hier gut aufpassen, damit dies und jenes nicht passiert." und am Ende passiert genau das -- entsprechend Murphys Law. Wie soll man eine positive Denkweise entwickeln, wenn man sich beispielsweise durchaus bewusst ist, dass man ein Wasserglas in der Hand hat und nichts verschütten sollte und genau das im nächsten Moment einfach passiert, obwohl man einkalkuliert hat, dass dies passieren könnte und deswegen eigentlich darauf Acht gegeben hat? Für manche mag das lächerlich klingen; für andere ist diese Spirale des Scheiterns vermutlich ein echtes Problem. Anfangs versucht man vielleicht noch, irgendwie logisch und rational herauszuarbeiten, wieso nun wieder genau das schiefgegangen ist, mit dem man im Vorfeld sowieso gerechnet hat, dass es schiefgehen wird. Und irgendwann erscheint die einzig logisch-rationale Lösung einfach nur noch diejenige zu sein, kein Wasserglas mehr in die Hand zu nehmen. Übertragen wir das auf alle möglichen Tätigkeiten, dann endet man irgendwann damit, dass man am Ende gar nichts mehr macht, weil man restlos davon überzeugt ist, dass es ohnehin schiefgehen würde. Man kapselt sich also von allem ab, verliert das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, weil man davon überzeugt ist, dass diese komplett nicht vorhanden sind, weil die Vergangenheit dies ja deutlich gezeigt hat. Theoretisch müsste einfach etwas passieren, das reibungslos funktioniert und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederherstellt. Wenn man allerdings mit der Einstellung an Dinge dran geht, dass alles, was man macht, ohnehin nichts wird und nichts dabei herauskommt, wie soll es dann funktionieren? Ich frage mich, wie man aus dieser Denke wieder raus kommt, wenn man einmal drin ist. Und außerdem: Hat das dann überhaupt noch etwas mit Depression zu tun oder ist das einfach eine gewisse Form der Selbstaufgabe, die hiervon abzugrenzen ist?

    Geändert von Ken der Kot (27.02.2019 um 13:09 Uhr)

  15. #35
    Wobei das, denke ich, ein anderer Aspekt ist, nämlich erlernte Hilflosigkeit, die durchaus ein Hauptaspekt bei vielen Ausprägungen von Depressionen darstellt. Rumination im Rahmen von Depressionen ist eher ein ständig unabgeschlossener Analyse-Prozess negativer Erfahrung; es kommt in diesem Sinne also nicht einmal zu der letztendlichen Feststellung, man sei hilflos oder unfähig, es kommt (zumindest "bewusst") nicht mal zur Anwendung der negativen Erfahrungen auf aktuelle Situationen. Beim Ruminieren schreitet man die negative Erfahrung immer und immer wieder ab, inklusive der damit verbundenen Emotionen, kommt von Hölzchen auf's Stöckchen, was passierte davor, was danach, wie hing das zusammen, was hat sich ähnlich angefühlt, was hat noch dazu beigetragen, warum ist das passiert. Das (sorry) "Krankhafte" daran ist diese ständige Unabgeschlossenheit: das negative Erlebnis bleibt immer mit derselben negativen Qualität 'erfahrbar', so als wäre es ein aktuelles Erleben. "Normales" Grübeln macht das Erlebnis quasi historisch, es schließt die Erfahrung irgendwie ab. Das kann man vielleicht annähernd veranschaulichen an gedanklicher Streitführung unter der Dusche, wo man also einen mal geführten Streit gedanklich weiterführt oder einen möglichen Streit gedanklich vorbereitet/durchgeht. Im "Normalfall" werden dabei die negativen z.B. emotionalen Qualitäten neutralisiert, der gedankliche Streit wird zu sowas wie einem Ende gebracht oder sozusagen nachträglich korrigiert. Daraus resultiert eine Lernerfahrung etwa für zukünftige Streitsituationen oder die Einsicht, dass man argumentativ unter- oder überlegen ist etc. Selbst ein resignierter Abbruch des gedanklichen Streits stellt eine Art des Schlussprozesses dar, man entscheidet z.B., dass das "Weiterstreiten" keinen Zweck hat.

    (Zwanghaftes) Ruminieren im Rahmen von Depressionen (aber nicht nur in diesem Rahmen) würde z.B. eine als sehr belastend erlebte Streitsituation höchstens ansatzweise derart weiterführen, was viel stärker passiert ist das nochmalige Erleben der negativen Empfindungen inklusive von allem, was dazu geführt hat und was daraus folgte etc.pp. Die grübelnde Person ist dann überhaupt nur schwer dazu in der Lage, den Grübelprozess irgendwie abzubrechen, die nacherlebten Emotionen lassen sich nicht neutralisieren, wenn man endlich aus dem Grübelprozess ausgebrochen ist, ist die analysierende Verarbeitung unabgeschlossen, die Erinnerung behält quasi weiterhin den Tag "noch zu bearbeiten". Und so fressen die negativen Erfahrungen eben ein großes Stück geistige Verarbeitungskapazität auf und verselbstständigen sich.

    Das hat alles viel mit erlernter Hilflosigkeit zu tun und befördert sie ganz maßgeblich. Das besonders Schlimme an dieser Form der Rumination ist aber, dass ihr keine "echte" Spirale des Scheiterns zugrundeliegt, man scheitert nicht immer wieder an verschiedenen alltäglichen und unalltäglichen Situationen: man scheitert immer wieder an demselben negativen Erlebnis und allem, was mit ihm zusammenhängt. In einer etwas weniger kognitivistischen Perspektive als im Video (Stichworte episodic und working memory) könnte man sagen: Die Erfahrungs- und Empfindungsarmut Depressiver halt viel damit zu tun, dass negative Erlebnisse und Empfindungen nicht abgeschlossen und als geschlossene Episoden in der eigenen mentalen Vorgeschichte eingepflegt werden können, sie bleiben ständig potentiell mental präsent und für das erneute Nacherleben verfügbar.

    Oder kurz gesagt: Es wird unmöglich zu sagen "Oh Gott, war das scheiße, ein Glück, dass ich das überstanden habe.", es bleibt bei einem "Oh Gott, ist das scheiße, wie kann ich das nur überstehen?" Ein Großteil der erlernten Hilflosigkeit resultiert daraus: Wie kann ich diese neue Situation meistern, wenn ich noch nicht mal die andere bewältigt habe, die mir zudem immer noch kognitive Energien raubt?


    Was dann die Frage der Abgrenzbarkeit bzw. ob erlernte Hilflosigkeit / negatives Denken nicht einfach eine sozusagen "logische" Folge von gehäuften negativen Erfahrungen ist: Die Depression oder Angststörung beginnt vermutlich unter anderem genau dort, wo diese Erfahrungen nicht mehr neutralisiert und quasi in ein Lehrreiches überführt werden können. Die Angststörung unterscheidet sich dabei von der Depression besonders darin (ganz oft geht aber beides mindestens in einem gewissen Maße miteinander einher, mind you), dass die negativen Erfahrungen auf zukünftige Erfahrungen projiziert werden -- das ist eben der Angstaspekt. Eine psychisch (wieder sorry) "gesunde" Person würden die vielen Rückschläge natürlich auch arg belasten und sicherlich missmutig bis depressiv verstimmen. Sie wäre aber nach und nach in der Lage, mit den Erlebnissen abzuschließen, daraus eine Art strategischen Nutzen zu ziehen. "Ich nehme kein Wasserglas mehr in die Hand" wäre genaugenommen auch eine, wenn auch keine sehr "gesunde", da in diesem Sinne "ängstliche" strategische Folgerung aus ständigem Scheitern am Wasserglas. Hier wieder die Scheidung von der Depression (wie gesagt, Angststörung und Depression gehen oftmals miteinander einher): Da fällt nicht die Entscheidung, kein Wasserglas mehr in die Hand zu nehmen, es wird viel eher nur schwer erträglich bis unmöglich zu bewältigen, ein Wasserglas in die Hand zu nehmen.

    Geändert von Mordechaj (27.02.2019 um 14:09 Uhr)

  16. #36
    Zitat Zitat von Ken der Kot
    Was wenn negatives und destrkutives Denken einfach eine Folge der persönlichen Erfahrungen ist? Ich meine, man fängt damit nicht an, wenn alles reibungslos funktioniert, sondern höchstwahrscheinlich erst dann, wenn man sich nach langer Zeit darin bestätigt sieht, dass absolut alles, was man anfasst, auf irgendeine Art scheitert. Besonders deutlich ist es doch, wenn man eine Sache macht und sich denkt "halt mal! Dies und jenes könnte schiefgehen. Ich sollte hier gut aufpassen, damit dies und jenes nicht passiert." und am Ende passiert genau das -- entsprechend Murphys Law. Wie soll man eine positive Denkweise entwickeln, wenn man sich beispielsweise durchaus bewusst ist, dass man ein Wasserglas in der Hand hat und nichts verschütten sollte und genau das im nächsten Moment einfach passiert, obwohl man einkalkuliert hat, dass dies passieren könnte und deswegen eigentlich darauf Acht gegeben hat? Für manche mag das lächerlich klingen; für andere ist diese Spirale des Scheiterns vermutlich ein echtes Problem. Anfangs versucht man vielleicht noch, irgendwie logisch und rational herauszuarbeiten, wieso nun wieder genau das schiefgegangen ist, mit dem man im Vorfeld sowieso gerechnet hat, dass es schiefgehen wird. Und irgendwann erscheint die einzig logisch-rationale Lösung einfach nur noch diejenige zu sein, kein Wasserglas mehr in die Hand zu nehmen. Übertragen wir das auf alle möglichen Tätigkeiten, dann endet man irgendwann damit, dass man am Ende gar nichts mehr macht, weil man restlos davon überzeugt ist, dass es ohnehin schiefgehen würde. Man kapselt sich also von allem ab, verliert das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, weil man davon überzeugt ist, dass diese komplett nicht vorhanden sind, weil die Vergangenheit dies ja deutlich gezeigt hat. Theoretisch müsste einfach etwas passieren, das reibungslos funktioniert und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederherstellt. Wenn man allerdings mit der Einstellung an Dinge dran geht, dass alles, was man macht, ohnehin nichts wird und nichts dabei herauskommt, wie soll es dann funktionieren? Ich frage mich, wie man aus dieser Denke wieder raus kommt, wenn man einmal drin ist. Und außerdem: Hat das dann überhaupt noch etwas mit Depression zu tun oder ist das einfach eine gewisse Form der Selbstaufgabe, die hiervon abzugrenzen ist?
    Mein Therapeut hat auch das angesprochen. So ist es bei mir ja schon exemplarisch, dass im Moment noch alles scheitert. Es ging wirklich so alles schief in dem Bereich. Natürlich überlege ich, was mit mir nicht stimmt. Wieso nichts funktioniert. Ich gebe dabei nicht automatisch den Fehler Anderen, aber ich suche ihn auch nicht ausschließlich bei mir. Das ist wahrscheinlich der wichtigste Beweis dafür, dass ich keine Depression habe. Wieso ich dann immer scheitere?

    Auch das ist wohl sehr subjektiv. Ich habe etwas erreicht, dass viele Menschen nie erreichen würden. Ich stand mit meiner Musik schon vor Orchestern, die dann den vermeintlichen Blödsinn den ich dann im Notensatzprogramm zusammengeschoben habe, in beeindruckender Weise abgefeuert habe. Ich habe die meisten dieser "Sessions" selbst organisiert, dabei ziemlich viele Leute von meiner Musik überzeugt und auch noch einen Abschluss mit Bestnote an der Uni hingelegt. Alleine mein Organisationstalent und die Begeisterungsfähigkeit sowie der Umgang mit anderen Leuten (andere Leute dazu zu bringen, mit Dir zusammenzuarbeiten) seien meine wichtigsten Softskills. Und diese seien im aktuellen Arbeitsmarkt äußerst selten.

    Warum schaffe ich es dann nicht, einfach ins Berufsleben einzusteigen? Es gibt viele Komponisten, die im Business finanziell erfolgreicher sind, aber deren Musik nicht die "Verspieltheit" und "Ideenvielfalt" hätten, denen aber Beziehungen und ein besseres Verkaufen mehr nutzten.
    Mein Therapeut hat gemeint, dass ich nur das Kämpfen aufgegeben habe. Ich bewerbe mich ja sehr breit auf eine Vielzahl verschiedenster Jobs, da ich kein Vertrauen in meine Fähigkeiten, Musik zu schreiben oder zu produzieren, hätte. Er meint, dass ich weiter kämpfen müsste. Und mich nicht als Totalversager sehen sollte, der ja nix kann.

    Da mich das Jobcenter ja nicht nimmt (ich müsste erst mal meine private Rentenversicherung von meinen Großeltern verlustbringend auflösen und dann von dem Geld leben) und ich keine Sozialhilfe bekomme, stehe ich damit aber unter einem Druck endlich einfach IRGENDWAS zu finden. Mein Therapeut hat gemeint, ich solle kämpfen. Ich würde in meinem Bereich mit Sicherheit irgendwann einmal unterkommen. Der Grund, warum so gar nix geht, sind meine Mutlosigkeit aufgrund der ganzen negativen Erfahrungen (an denen ich nicht komplett Schuld bin, sondern die sich eher durch ungünstige Konstellationen ergeben haben) und absolut mangelndes Selbstbewusstsein. Allerdings eine Depression sei etwas ganz was anderes.

    Und so bliebe mir nur der höchst unbequeme Weg, mich aufzuraffen und - da mir ja die Beziehungen in die Branche komplett fehlen - die entsprechenden Personen so lange zu nerven, bis mir endlich mal jemand die Chance gibt. Denn in meinem Alter ist es schwer einen Mentor zu finden. Aber den Weg, den ich bisher gegangen bin - mit Bewerben und dem ständigen Scheitern - das sorgte für eine Enttäuschung bei mir, die auch bei anderen spürbar war. Und von daher sei es wohl so, dass mir auch keiner eine Chance geben würde - weil zu viel negatives Karma.

    Die Quintessenz: Würde ich mich nicht auf meinen Problemen ausruhen und in Selbstmitleid ertränken, sonder kämpfen, dann würde sich meine Wirkung nach Außen massiv steigern - mit zwei Effekten: Einerseits würde es mir persönlich besser gehen, andererseits ist die Wahrscheinlichkeit etwas zu finden, wesentlich höher.

    Genau deswegen mache ich eine Gesprächstherapie (Psychoanalyse), um da überhaupt hinter zu kommen. Und um eine Methode zu entwickeln, wie ich wieder zu Kräften komme, um zu kämpfen und nicht um mich zu bemitleiden.

    Daher fühle ich mich im Moment auch besser, auch wenn ich noch keine Ideen habe, wie ich diese Herkulesaufgabe angehen soll.

    Es war also keine Depression, aber eine Psychoanalyse kann auch bei anderen Problemen sehr sehr hilfreich sein. Ich suche mir auf jeden Fall neben meiner Freiberuflichkeit noch einen Kellner-Job, bis ich dann endlich was Vernünftiges finde. Ja, so viel dazu.

    EDIT:
    Übrigens trägt unser System und der Umgang in der Bundesrepublik Deutschland auch gerade dazu bei, dass es hierzulande vielen Menschen schlecht ginge. Ein höherer Hartz IV-Satz wie ihn die SPD vorschlägt, bringt da nicht viel.

    @Mordechaj:
    Ich darf mich eben nicht in meiner Hilflosigkeit ausruhen. Ich habe jetzt eingesehen, das ich bei vielen Sachen meine Einstellung ändern muss. Man sieht ja immer nur das Negative. Die ganzen Sachen, die ich dann tatsächlich doch erreicht habe, wirken bei weitem nicht so stark, wie das ständige Scheitern. Daher muss man sich selbst einfach aufraffen. Ein Depressiver schafft das wohl nur mit einer aufwendiger Therapie. In meinem Fall muss ich die Bequemheit dieser Hilflosigkeit abstreifen und mich aufraffen.

    Geändert von Cuzco (27.02.2019 um 14:13 Uhr)

  17. #37
    Gleich hinterher geschickt: Ich (und gewisslich nicht nur ich) finde es super, mit welcher Offenheit du uns an deinen Erfahrungen und auch dem Diagnose-/Therapieprozess teilhaben lässt, Cuzco. Das erhellt sehr viel und hilft gewiss auch anderen, ihre Situation einzuschätzen. Ich wünsch dir möglichst viel Kraft, die hoffentlich schon bald wieder zum Kämpfen reicht. Eins will ich noch beigeben: Ja, man darf sicherlich nicht alles in Selbstmitleid ertränken. Kräftesammeln heißt aber auch, sich hin und wieder mal klar zu machen, dass man ein denkendes und fühlendes Wesen ist, das all die Erfolglosigkeit nicht verdient hat. Auch das hat was mit gesundem Selbstwertgefühl zu tun, nämlich zu wissen, dass du verdammt nochmal mehr wert bist als diese ständige Ablehnung und Misserfolge.

    Und wenn ich das aus eigener und fremder Erfahrung aus einem Berufsfeld berichten darf, in dem FußFassen manchmal ähnlich aussichtslos ist wie in deinem: Sehr oft ergibt sich aus der notgedrungenen Zwischenlösung (wie in deinem Fall z.B. vielleicht das Kellnern) überraschend eine langfristig gute und beglückende Lösung, oder gar etwas völlig neues. Für was immer auch da auf dich zukommt: alles Gute.

  18. #38
    Zitat Zitat von Mordechaj
    Auch das hat was mit gesundem Selbstwertgefühl zu tun, nämlich zu wissen, dass du verdammt nochmal mehr wert bist als diese ständige Ablehnung und Misserfolge.
    Das ist der springende Punkt! Auf alle Fälle.

    Man muss auch eingestehen, dass das Leben einfach nicht fair ist. Es geht schon damit los, in welchem Land Du aufwächst, in welche Familie Du geboren wirst und was für kognitive bzw. körperliche Talente Du mitbringst. Und genau so ist das mit den Chancen. Es gibt Menschen, denen fällt alles in den Schoß, aber es gibt auch Menschen, die erfolglos kämpfen.

    Nur Aufgeben ist der denkbar schlechteste Weg oder - wie ich - einfach 90 Bewerbungen schreiben und dann den Sand in den Kopf stecken, da es nicht funktioniert. Weil es bequemer ist, als sich auf die Hinterfüße zu stellen, seinen Fähigkeiten zu vertrauen, stärker auf die Leute zuzugehen trotz der Angst vor Zurückweisung und Blamage und vielleicht auch mal die Brust rauszutragen (muss ja nicht gleich der Ellbogen sein). Und wie heißt ein schönes Stichwort: Wer nicht kämpft, der hat schon verloren!

    Danke!

  19. #39
    @ Cuzco: Alles Gute.

    Problematischerweise ist es ziemlich schwierig, ernsthaft zu denken, dass alles gut laufen wird, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass es eben nicht so ist. Ich meine: Woher soll die positive Einstellung kommen, wenn in der Vergangenheit alles schiefging, ergo: auf welcher Grundlage? 100%ig möglich dürfte das nur schwer sein, aber ich denke man kann sich entsprechend konditionieren, frei nach dem Motto "Fake it, Till you make it". Man wird ja, wie man denkt., vielleicht hilft dann positives Gedankengut zu "erzwingen", bis man es tatsächlich auch wieder hat.

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