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Thema: Eine Unterscheidung treffen

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  1. #1
    Jetzt mal so ganz kryptisch aus persönlicher Erfahrung gesprochen: FachärztInnen sind in der Tat nicht immer in der Lage, eine Depression richtig zu diagnostizieren. Aber das sind Depressive selbst aufgrund ihrer Verfassung leider oftmals noch weniger. Eine gute Psychologin kann aber in vielen Fällen auch aus der Verbindung von Gesagtem, Beobachtetem und Ungesagtem die richtigen Schlüsse ziehen. Das Diagnosehandwerk ist stets ein deutendes, vor allem aber auch ein fehleranfälliges; während bei physiologischen Leiden eine Bandbreite von Tests und bildgebenden Verfahren zur Verfügung steht, sind ÄrtzInnen bei psychologischen Leiden aber oftmals auf Intuition und Beobachtungsgabe angewiesen, manchmal gar auf die bewusste Inkaufnahme einer womöglichen Scheindiagnose (z.B. weil es Betroffenen manchmal hilft, überhaupt einen Namen für die Sache und eine Behandlung dafür zu erfahren). Der rapide Anstieg an Depressionsdiagnosen die letzten Dutzend Jahre etwa ist ein Anzeichen für eine "laschere" Diagnoseschwelle, aber dadurch durchaus ein gutes, weil die Bereitschaft, eine Depression zu diagnostizieren, durchaus mehr wert ist als eine (ohnehin tendenziell unmögliche) absolut sichere Diagnose. ÄrztInnen sind dabei, auch wenn wir sie gern als Halbgötter imaginieren, immer noch fehlbare Menschen.

    Und oftmals ist selbst die Einschätzung dieser fehlbaren Menschen eine bessere als die Selbsteinschätzung, weil ihre Fehlbarkeit mindestens mit einer fachlichen Qualifikation gepaart ist. Aber selbst fachliche Laien können die persönliche Situation aus der Außenperspektive manchmal besser einschätzen als man selbst: Gerade Depressive sind sehr anfällig für eine Art der Verdrängung und Selbstverleugnung, die Anzeichen nach Außen produziert. Ich will das jetzt nicht zu weit treiben und um Himmels willen keine Fremddiagnosen ermuntern, aber es gibt beispielsweise Menschen, denen ein psychisches Leiden so etwas wie einen "pathologischen Gesichtsausdruck" zufügt, zum Beispiel ein sehr unnatürliches Lächeln, das maximale Beklommenheit übertüncht, oder auffällig Formen eines leeren Gesichtsausdrucks. Ich will damit nicht sagen, dass man psychisches Leiden am Gesicht ablesen kann, aber es gibt verschiedene Indikatoren, die außerhalb der Kontrolle und Wahrnehmung Betroffener liegen -- so ein "pathologischer Gesichtsausdruck" wäre eine besondere und prägnante Form davon. (Das ist KEIN Diagnoseinstrument, sondern eine Veranschaulichung.) So oder so, eine Diagnose bzw. überhaupt das Diagnosegespräch mit einem Facharzt setzt immer einen starken Vertrauensvorschub voraus. Der wird leider manchmal enttäuscht, aber oftmals auch belohnt, besonders dann, wenn ein fachlich qualifizierter Arzt, beispielsweise, aufgrund seiner Qualifikation erkennt, dass die vermutete Depressive ihm gegenüber tatsächlich an manischen Depressionen leidet, was teils völlig andere und wirkungsvollere Behandlungswege ermöglicht als eine bestätigende Diagnose von Langzeitdepression. Etc.

    Was das eigene Erkennen im Frühstadium angeht: Das ist unter Umständen möglich, will ich ohne jegliche Qualifizierung behaupten. Auch das kann aber zu einer Form der Pathologisierung (also der Unterstellung, dass der eigene Zustand eine tiefere Verwurzelung hat und nicht von selbst vorübergehen kann) führen. Das ist vor allem dann schwierig bis gefährlich, wenn man gegen diesen Zustand aktiv etwas tun möchte. Ich will nicht entmutigend klingen oder behaupten, dass Menschen sich nicht an den eigenen Haaren aus Sümpfen zu ziehen verstünden. Das gibt es bestimmt. Aber gerade dieses Selbstpathologisierung und der Wille zur Selbsttherapie kann den Zustand verschlimmern, bis er tatsächlich pathologisch wird, oder sodass ein bereits pathologischer Zustand verschlimmert wird.

    Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ich habe extreme Schlafprobleme, die mir merklich auf die Stimmung und meinen Energiehaushalt drücken, ich vernachlässige wichtige Dinge, kann mich nicht mal zu Aktivitäten aufraffen, die mir Spaß machen oder meine Lebensqualität verbessern. Das kann bereits eine depressive Verstimmtheit oder gar eine depressive Störung sein, das können einfach Schlafprobleme sein, die eben ihre Konsequenzen für den Alltag haben. Egal, was es ist, sage ich mir, ich werde einfach einen gesunden Schlafrhythmus erzwingen. Also stehe ich am nächsten Tag um sieben auf und nehme mir vor, den Tag über möglichst aktiv zu sein, viel zu schaffen; putzen, einkaufen, ein bisschen Sport, dann abends früher schlafen gehen und spätestens übermorgen sollte es mir besser gehen. Dann bin ich aber so erschöpft, dass es nur noch zum Einkaufen reicht, den Rest der Zeit verbringe ich mit Netflix, dann kann ich abends nicht einschlafen und mache mir Vorwürfe, dass ich gegen die Erschöpfung nicht angekämpft und wenigstens ein klein wenig Sport gemacht habe, schlafe gegen halb vier ein, überhöre am nächsten Tag den Wecker und wache erst kurz nach elf auf. Der neue Tag ist ruiniert, ich mache mir noch mehr Vorwürfe, ich habe versagt. Also neuer Versuch am nächsten Tag. Ähnliches Spiel, ich schaffe eine Aktivität, dann bin ich erschöpft, schlafe am Nachmittag eine Stunde, bin abends zu wach, um ins Bett zu gehen, halb fünf kann ich endlich einschlafen, ich wache am nächsten Tag kurz vor elf auf und fühle mich abgeschlagen, habe Kopfschmerzen; das Telefon klingelt und ich bin so voll mit Scham und Versagertum, dass ich nicht rangehen möchte.

    Nochmal, ich will nicht entmutigend klingen. Aber eine Selbsttherapie hilft bei schlimmen depressiven Zuständen (und ihren äquivalenten -- selbst wenn das Beispiel oben komplett nur durch Schlafprobleme verursacht wäre) meist nicht. Selbst eine depressive Verstimmtheit, die man also nicht länger als zwei Wochen hat, muss ganz oft leider ausgehalten werden, bis sie sich von selbst bessert. Unser Körper, unsere Psyche sind manchmal Arschlöcher like that. Ich will dabei aber nicht verschweigen, dass gerade depressive Verstimmtheit manchmal durchaus durch ein "Aufrappeln" behoben werden kann, dadurch sich vehement Gutes zu tun oder Rat, Freundschaft und/oder Zuneigung anderer Menschen zu suchen und zu finden. Manche persönliche Krisen lösen sich manchmal einfach durch den Schaum auf der Kaffeetasse nach dem Sonntagsschmaus bei den Eltern.

    Ich will aber auch nicht empfehlen, sich mindestens ärztlicher Zurkenntnisnahme zu Verweigern. Nochmal kryptisch: Eine Ärztin, die einem die eigene ostensible Depression als eine Art Übertreibung verkaufen will und nur blöde, nicht hilfreiche Fragen stellt, ist immer noch eine Stimme, die man ignorieren und durch eine andere Stimme ersetzen kann. Vielleicht fällt dieser Ärztin sogar ein Hilfebedürfnis auf, das sie dann schlecht einlöst. Selbst damit lässt sich umgehen. Wer aber so weit ist sich einzustehen, unter Umständen an einer Depression zu leiden, muss sich -- leider, ich fürchte -- auch eingestehen, dass eine Depression mit einem Hilfebedürfnis einhergeht, das man sich selbst nicht leisten kann.

    Ich möchte schlussendlich ein Diagnosetool nennen, das ich persönlich für aussagekräftig halte, ohne dass ich irgendeine Qualifikation in diese Richtung genieße oder mir einbilden darf, dass meine Meinung dahingehend irgendeine Validität besitzt: der Versuch, einen freien Tag selbstverantwortlich und dezidiert mit Aktivitäten zu gestalten; zum Beispiel einen Ausflug oder einen Hobbytag o.ä. Wenn das nicht gelingt -- also bei der Planung an Selbstzweifeln oder Lustlosigkeit o.ä., oder aber bei der Durchführung an ähnlichen Hürden scheitert --, dann möchte ich empfehlen, zumindest in Erwägung zu ziehen, über psychologische Beratung nachzudenken. Wenn all das gelingt und sich danach Gefühle wie Reue, Scham oder Gefühlsleere einstellen, wenn sich eine vorher empfundene depressive Stimmung dadurch nicht löst, bleibt die Empfehlung zu psychologischer Beratung.

    Und so viel möchte ich aus persönlicher Erfahrung (das ist gerade deshalb nicht verallgemeinerbar!) beigeben: Eine gesunde Psyche, ein gesundes Empfinden lassen es zu, schon kleinere Erfolge oder Glücksmomente zu genießen; sie machen es möglich, die freie, aktivitätsreiche Gestaltung eines freien Tages zu genießen und mindestens eine Weile lang ein Gefühl von Zufriedenheit zu verspüren -- selbst wenn nicht alles so schön war, wie man es sich vorgestellt hat. Fehlt das, kann das mehrere Ursachen haben. Fast alle dieser Ursachen verdienen das Eingeständnis, dass man vielleicht Unterstützung benötigt, um ein Mindestmaß an Zufriedenheit zu genießen.


    Ihr wisst mittlerweile, dass mein "schlussendlich" trügerisch ist, deshalb ein letzter Absatz: Ich will niemals derjenige sein, der sagt, etwas ist aussichts- und ausweglos, gerade im Falle einer Depression; es gibt viele Mittel und Wege, mit sich selbst und mit unzufriedenstellenden Gemütszuständen umzugehen. Ich möchte mir auch die Auffassung aufrecht erhalten, dass man selbst bei Rückschlägen in vielen Fällen selbst ganz gut weiß, wie man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht. Ich möchte dabei festhalten, dass ich ein starkes (und sicher irrationales) Misstrauen gegenüber Ärzten aller Couleur habe. Ich möchte dabei aber verstanden wissen, dass fachärztliche Beratung eine der Aussichten, Auswege und Möglichkeiten ist, dass auch das Teil des sich-an-den-eigenen-Haaren-Ziehens ist: einen Arzt aufzusuchen ist kein Scheiternseingeständnis, sondern eine mündige, selbstbestimmte Entscheidung, jemandes Einschätzung und Unterstützung zu suchen, der dafür qualifiziert ist. Ein mündiger, selbstbestimmter Mensch kann diese Ärztin immer noch furchtbar finden und aus der Praxis stürmen, oder sich von diesem fehlbaren Menschen da erzählen lassen, dass man am besten erstmal mit einem selektischen Serotonin-Nordrenalin-Wiederaufnahmehemmer und einer Gesprächstherapie beginnt und dann schaut, ob das was besser macht. Es gibt leider keine Patentrezepte, es gibt manchmal sogar eine gewisse Schicksalsabhängigkeit; aber man muss sich nicht dazu zwingen, früh um sieben aufzuwachen, um mit einer Depression zu verfahren. Man darf auch Hilfe suchen, die einem qualifiziertermaßen sagen kann, dass das Quatsch ist.

    Geändert von Mordechaj (06.11.2018 um 02:24 Uhr)

  2. #2
    Nachdem ich Mordechajs Symptomliste gelesen habe: muss ich mir jetzt eigentlich Sorgen machen?

    Zwar liegt mir nichts ferner als Selbstmordgedanken, aber...

    Zitat Zitat
    Andauernde Traurigkeit, Unruhe, oder ein Gefühl der "Leere"
    Check.
    Zitat Zitat
    Gefühle der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit, starke pessimistische Tendenzen
    Check. (Ist aber begründet. Bei 100 Bewerbungen ohne eine einziges Vorstellungsgespräch. Und vom Jobcenter einen wütenden. Sachbearbeiter, der sich wünscht, dass ich für den Rest meines Lebens Fenster putze und Mülltonnen ausleere...)
    Zitat Zitat
    deutlich erhöhte Reizbarkeit
    Check.
    Zitat Zitat
    Gefühle von Schuld und Hilflosigkeit, Überzeugung der eigenen Wertlosigkeit
    Ja, wenn ich ehrlich bin: Check.
    Zitat Zitat
    abrupter Verlust der Freude an Hobbys bzw. abruptes Desinteresse für z.B. aktive Freizeitbeschäftigung
    Teilweise.
    Zitat Zitat
    deutlich schnellere Erschöpfung, übermäßige Müdigkeit
    Teilweise.
    Zitat Zitat
    Verlangsamung von Bewegung und Sprache
    Check.
    Zitat Zitat
    Gefühl der Ruhelosigkeit, Probleme Entspannung zu finden oder gar still zu sitzen
    Nein.
    Zitat Zitat
    Konzentrations-, Erinnerungs- und Entscheidungsschwierigkeiten
    Check.
    Zitat Zitat
    Schlafprobleme, Verlust des Schlafrhythmus
    Check. (Ich schlafe momentan nur noch mit Licht ein.)
    Zitat Zitat
    deutliche Veränderungen im Essverhalten, Appetitlosigkeit / gesteigerter Appetit, deutliche Gewichtsschwankungen
    Check. +/- 15 kg
    Zitat Zitat
    Selbstmordgedanken, Selbstmordversuche
    Nein.
    Zitat Zitat
    Verspannungen, Schmerzen, Kopfweh, Krämpfe, Verdauungsprobleme o.ä., die keine erkennbare physische Ursache haben und/oder nicht auf konventionelle Behandlung ansprechen
    Check.

    Ich frage mich, was mit mir los ist. Ich bin immer noch kommunikativ. Aber anscheinend ist es wohl so, dass derjenige, der eine Depression hat, es selbst nicht merkt. Das macht mir grade ehrlich Angst.

    Geändert von Cuzco (07.11.2018 um 10:10 Uhr)

  3. #3
    Wie gesagt, eine Selbstdiagnose zu treffen, kann ganz schnell ausarten, da dort ein wenig dieses "Horoskop-Feeling" aufkommt: Man kann sich plötzlich mit jeder Aussage identifizieren. Wenn du das aber wirklich extrem bei dir beobachtest und ganz ehrliche Sorgen hast, dann solltest du vielleicht einen Facharzt aufsuchen.

  4. #4
    Zitat Zitat von poetBLUE Beitrag anzeigen
    Wie gesagt, eine Selbstdiagnose zu treffen, kann ganz schnell ausarten, da dort ein wenig dieses "Horoskop-Feeling" aufkommt: Man kann sich plötzlich mit jeder Aussage identifizieren. Wenn du das aber wirklich extrem bei dir beobachtest und ganz ehrliche Sorgen hast, dann solltest du vielleicht einen Facharzt aufsuchen.
    This. Wenn man wirklich Sorgen hat, dass man eine Krankheit hat - ganz gleich welche - hilft letztlich nur der Gang zum Arzt, denn sonst mach man sich nur selbst verrückt mit "Aber was wenn" (jeder, der gerne seine Symptome googlet, kennt das *hust*). Und selbst wenn da eine Depression oder eine depressive Verstimmung diagnostiziert wird, dann ist das nichts schlimmes: Das Kind hat jetzt einfach einen Namen, bei dem man es nennen und mit dem man arbeiten kann.

    Wie diese Arbeit damit dann aussieht - Gruppentherapie, Gesprächstherapie, gar keine Therapie sondern vielleicht auch bloß bestimmte Übungen, Medikation j/n - kommt immer drauf an.

  5. #5
    @Cuzco: Arbeitslosigkeit fühlt sich sehr oft per se schon wie eine verordnete Depression an. Und nein, du solltest dir keine Sorgen machen, weil diese Symptome vielleicht auf eine Depression hindeuten. Ob's eine ist oder nicht, ist im Prinzip völlig irrelevant, man braucht das Wort nur, um die Diagnose eine Krankheitsphänomens zu kommunizieren. Sorgen solltest du dir hingegen machen, wenn du all diese Symptome (a) für längere Zeit (zwei-Wochen-Rahmen) und (b) in einer Schwere erlebst, die sich negativ auf deine Lebensqualität und deinen Alltag auswirken. Dann ist es egal, welchen Namen man dem Ganzen gibt: Bitte lass dich fachärztlich beraten und lass dir helfen, diese Phase glimpflich zu überstehen.

    Von einer depressiven Störung würde man vermutlich erst sprechen, wenn sich das Leiden verselbstständigt; es also überhaupt nicht von deiner derzeitigen Situation abhängt, dass es dir eher schlecht geht. Wie gesagt: Arbeitslosigkeit fühlt sich sehr oft per se schon wie eine verordnete Depression an. Das bedeutet einerseits, dass du solche Symptome nicht überbewerten solltest -- siehe meine Vorredner -- und sie unter Umständen sogar verpuffen, sobald sich deine Situation verbessert hat; andererseits heißt das nicht, dass das irgendwie ein weniger ernstzunehmendes Leiden sei.


    Und noch ein letztes klarstellendes Wort zu deinem letzten Absatz: Depressive wissen in der Regel schon sehr gut, dass mit ihnen (sorry für die Ausdrucksweise) "etwas nicht stimmt". Sie nehmen die Beeinträchtigung ihres Alltags und ihrer Lebensqualität aber oftmals und sehr schnell als selbstverursacht und als persönlichen Makel wahr, den man vor der Außenwelt verbergen muss, um nicht als unfähiges Wrack oder zerbrechliche Mimose entlarvt zu werden. Das Krankhafte an Depressionen sind nicht die Gemütszustände per se und auch nicht die gesundheitsschädlichen Auswirkungen per se, sondern die Verselbstständigung des Leidens. Viele undiagnostizierte Depressive würden zwar nicht sagen "Ich habe Depressionen"; aber sie würden sich einreden, dass sie zu schwach/dumm/unfähig seine, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, mit dem Alltag umzugehen etc. Weil sie ein verselbstständigtes Leid als ihren Makel wahrnehmen.

    Ob irgendwas davon auf dich zutrifft oder nicht, das will ich auch nochmal bekräftigen, kann dir am besten eine Ärztin oder ein Arzt sagen. Ein/e PsychologIn kann dir auch dann weiterhelfen und Wege aufzeigen, wenn es dir halt "bloß" mit deiner momentanen Situation -- verständlicherweise -- nicht sonderlich gut geht.

  6. #6
    Mordechaj sagt es eigentlich ganz gut. Sogar für Fachärzte sind Diagnosen von psychischen Krankheiten nicht einfach, egal wie viel Berufserfahrung die haben. Da kann man nur erahnen, wie falsch man manchmal selber liegen kann.
    Sich bei einem Facharzt Hilfe zu suchen ist der erste große Schritt, er ist schwierig und vielleicht klappt es nicht beim ersten Anlauf, aber es ist wirklich der erste Schritt um zu schauen, was für Möglichkeiten man hat.

  7. #7
    Danke, das ist lieb von Euch. Ich wollte evtl. zu einem Psychotherapeuten schauen - wobei ich doch sehr hoffe, dass es mir wieder besser geht, wenn es bergauf gehen sollte. Hausarzt kann zu meinem Zustand gar nix sagen - alle anderen Ärzte haben Wartezeiten von vier bis sechs Monaten. An meiner Situation bin ich jedoch wohl selbst schuld. Ich meine, was mach ich auch so etwas exotisches... Das Problem: Vor 15-20 Jahren waren solche Leute wie ich tatsächlich händeringend gesucht. Aber ich hab den Anschluss verpasst, weil ich einfach - wie bei allem - zu spät komme. Ich hatte vor Jahren auch die herbe Enttäuschung als ich mich umschulen wollte und dann nach zwei Jahren Ausbildung rausgeworfen wurde mit dem Tenor "Du passt hier nicht rein!". Genau so etwas ähnliches mach ich jetzt auch wieder durch, wobei ich in meinem neuen Leben in NRW sehr viel Wertschätzung für mein Tun erfahren durfte. Umso härter erwischt mich nun die Realität des mittlerweile menschenverachtenden Arbeitsmarktes.

    Eine Bekannte ist Personalerin: Sie hat mir das so erklärt. Heutzutage bewerben sich die Leute auf viel zu viele Stellen. Viele Menschen, auch wenn sie keine Qualifikation haben, dafür aber super Lebensläufe, bewerben sich als Quereinsteiger und machen sich interessanter. Mir hingegen ist noch nie etwas wirklich zugeflogen - alles was ich erreicht habe, ging immer nur durch harte Arbeit und hohen finanziellen Einsatz meinerseits. Auf jeden Fall sind es immer die, denen alles zufliegt, die auch hier glänzen. Auch wenn diese Menschen weder ein Mischpult bedienen, noch Noten lesen können - bei mir wird immer schon der extravagante Lebenslauf ein Hindernis darstellen. Ich kann zwar fachlich sehr viel, aber wenn man sich bewirbt, dann sind das eh nur 10% der Stellen in dem kreativen Bereich, die überhaupt ausgeschrieben werden. Ergo: 2000+ Bewerbungen auf eine solche Stelle (davon 9 von 10 von Quereinsteigern). Daher werden erst einmal Bewerbungen sortiert und dabei landet meine Bewerbung immer im Papierkorb wenn - O-Ton meine Bekannte - der Personaler nicht vollkommen bekloppt sei. Und dass obwohl ich eine tolle extravagante Aufmachung und auf die Stellenanzeige geschneiderte Anschreiben ausfertige.

    In NRW wurde mir das wenigstens ehrlich kommuniziert. In Bayern kriegt man hingegen so etwas bestenfalls hintenrum mit böswilligen Unterstellungen mit, da die dortige Bevölkerung alles in Schubladen steckt. Zum Beispiel "Musiker OHNE absolutes Gehör - geht doch gar nicht!" oder "Du bist seltsam, weil Du selbst kreative Dinge machst". Auch die Sache mit den Videospielen ist so. In Nürnberg wird man schief angeschaut wenn man mit der Switch rumläuft. Man wird gleich als sonderbarer Nerd abgehandelt. Super Mario, Zelda - oh meine Güte was für ein Kind. Das kriegt man von Leuten zu hören, die Pokemon Go gespielt haben als es noch cool war. Das habe ich nie angerührt, weil ich das sogar richtig peinlich finde.
    In Regensburg wurde ich mal wegen meines angeblich leicht südländischen Aussehens nicht in eine Diskothek hineingelassen. Außerdem laufen in Bayern alle Leute sehr gestylt rum - Undercut und teuere Klamotten sind in Regensburg Pflicht - nicht nur bei BWL-Studenten. In Würzburg ist man hingegen sehr hipster - Leute tragen Jutebeutel und Hornbrillen, auch wenn sie gar keine brauchen. Jedes zweite Lokal ist komplett vegan.
    In NRW ist es mir bisher noch nie so ergangen. Hier sehen die Leute recht "normal" aus - mit Ausnahme natürlich Düsseldorf. Man kann sogar seine Switch offen in der S-Bahn oder im RE mitnehmen - mit dem Ergebnis, dass man in zwei von drei Fällen sogar jemanden findet, dem man den anderen Joycon in die Hand drücken kann.

    Jetzt weiß ich zumindest woran es hakt: Ich soll den "verdeckten" Stellenmarkt verstärkt ins Visier nehmen. "Verdeckter" Stellenmarkt ist ein Euphemismus für "Vitamin B" sowie "informeller Rechtsweg" für "Erpressung". Leider ist genau das das Problem. Ich habe zwar ziemlich viele coole Leute kennengelernt, aber kaum jemand, der mir etwas "bringt" - vielleicht frühestens in 10 Jahren. Und die Hochschule ist eher ein hermetisch abgeriegelter Bereich für Spinner, die zwar allesamt richtig was drauf haben, aber es außerhalb wohl nicht zeigen können.

    EDIT: Ach ja. Ich merke zusehends: Ich werde reizbarer und fühle mich bei Kleinigkeiten schon gestört. Wenn jemand schmatzt, wenn ich angerempelt werde reagiere ich mittlerweile aggressiver und fluche jetzt beim Autofahren wie ein schottischer Werftarbeiter. Das habe ich alles vorher nicht gemacht.

    Geändert von Cuzco (08.11.2018 um 10:23 Uhr)

  8. #8
    @ Cuzco: Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du deinen Weg machst. Jedoch tanzt dein Beitrag sehr aus der Reihe. Wir sollten dringend beim Thema bleiben und uns nicht in Tendenzen zum Smalltalk verlieren. Stylingaccessoires wie Jutebeutel und Hornbrillen, vegane Restaurants, Arbeitsmarktsituationen in diversen Bundesländern, Bewerbungsmöglichkeiten, Diskobesuche... all das soll hier nicht Thema sein, da ich nicht möchte, dass das Topic zu weit vom eigentlichen Thema abschweift und wir uns am Ende in einer Situation vorfinden, in der dieser Thread von Personen genutzt wird, die hier über das erstbeste reden, was ihnen so in den Sinn kommt. Das wird dem Thema nicht gerecht! Ich danke dir für dein Verständnis.

  9. #9
    Scheiße! Das war keine Absicht! Ich mach einfach immer alles falsch!

  10. #10
    @Cuzco: Ken meinte das ganz sicher nicht tadelnd. Wir haben die Unterhaltung ja unter anderem aufgrund deiner Bezugnahme zu deiner eigenen Situation weitergeführt, ganz fern lag es da nicht, dass du dich dazu nochmal äußerst. Wenn du meinst, dir könnten Input und Ratschläge zu dem oben Geschilderten helfen, dann könntest du deinen Beitrag zum Beispiel in den Kummerkasten kopieren oder einen eigenen Thread hier in der Lounge eröffnen (das haben andere vor dir auch schon gemacht), wo du dein Problem nochmal ähnlich umfassend schilderst und vielleicht kurz angibst, in welcher Form du dir Hilfe/Ratschläge wünschst bzw. was dich besonders beschäftigt etc. Ken hat Recht, dass das diesen Thread etwas aus der Bahn wirft, wenn er für persönliche Angelegenheiten genutzt wird. Das sollte dich aber nicht davon abhalten, das Gespräch mit den Forennutzern zu suchen -- nur ist das an anderer Stelle besser aufgehoben, auch weil man sich deiner Situation dort eingehender und unabhängig von den eher allgemeinen Fragen dieses Threads widmen kann. Sieh das bitte als Ermunterung an, ich bin mir sehr sicher, dass dir viele hier mit Rat und Denkanstößen zur Seite können und wollen; oder auch "nur" mit Ermutigungen und Anteilnahme (was manchmal viel zählt). Die Gesprächsverläufe in unserem Kummerkasten sind dafür immer noch ein guter Beweis.

  11. #11
    Zitat Zitat von Cuzco Beitrag anzeigen
    Scheiße! Das war keine Absicht! Ich mach einfach immer alles falsch!
    Zitat Zitat von Mordechaj Beitrag anzeigen
    @Cuzco: Ken meinte das ganz sicher nicht tadelnd.
    Ich möchte Mordechais Antwort hier noch einmal hervorheben, denn es ist genau so wie er sagt. Hinzuzufügen ist folgendes: Du solltest dich wegen meines Kommentares hier jetzt auf gar keinen Fall aus dem Thread vertrieben fühlen. Der eigentlich interessante Aspekt deiner Kommentare hier ist nämlich die Frage inwieweit deine Lebenssituation an deiner momentanen Stimmung schuld ist. Vielleicht geht es dir ja besser, sobald sich die Situation bessert. Bei einer tatsächlichen Depression wäre dies ja wahrscheinlich nicht mehr so ohne weiteres möglich. Vermutlich wird eine Depression ja durch eine schlechte Lebenssituation (zb Tod eines nahen Angehörigen) hervorgerufen und über längere Zeit während des schlechten Lebensabschnittes entwickelt, aber geht von allein nicht mehr weg, wenn die Sonne wieder scheint. Oder doch?

  12. #12
    Etwas komplexer ist es schon. Depressionen können durch traumatische Ereignisse o.ä. hervorgerufen werden - und klar, natürlich auch durch widrige Lebensumstände - können aber auch eine biologische Ursache haben. Vor allem aber können sich auch depressive Verstimmungen auch zu Depressionen auswachsen.

    Grundsätzlich halte ich persönlich es für eine gute Idee, dass man, wenn man weiß, dass die eigene Lebensweise gerade sehr suboptimal ist, da ansetzt (sofern möglich) und schaut, ob es besser wird. Manche Leute raten auch dazu, im Kalender täglich zu vermerken, wie es einem geht, um so zu schauen, ob sich da Trends ergeben, aber ich bin da skeptisch, da man dafür ja doch selbst auch einschätzen können muss, wie denn so der Gemütszustand ist. Unruheattacken bekommt man manchmal mit Achtsamkeitstraining in den Griff (ist aber vllt. auch nicht für jeden was und erfordert vor allem auch eine gewisse Disziplin, da das am Anfang erstaunlich schwierig ist).

    Wie gesagt, im Zweifel schadet es bestimmt nicht, mal zum Arzt zu gehen, gerade, wenn man den Eindruck hat, sich selbst nicht helfen zu können oder wenn man die Ursache wo vermutet, wo man selbst keine oder nur schwer Handhabe hat. Ich kenne leider auch Fälle, die über sowas dann psychosomatische Probleme bekommen haben und in die Arbeitsunfähigkeit abgerutscht sind, und da wieder rauszukommen stelle ich mir noch einmal schwieriger vor. Ich will damit nicht den Teufel an die Wand malen, bloß sagen, dass man bei Verdacht, dass da was im Argen liegen könnte, das ruhig abklären kann bzw. sollte. Wenn ich glaube, dass ich mir was gebrochen habe oder mich mit was fiesem angesteckt habe, gehe ich ja auch zum Arzt, wenn ich merke, dass die Hausapotheke da überfordert sein könnte. Bei psychischen Erkrankungen sollte man da imho die Messlatte nicht plötzlich höher legen - klar hat nicht jeder sofort eine Depression, und klar gibt es Leute, die mit dem Begriff um sich werfen, wenn es definitiv nicht angebracht ist, aber das heißt ja nicht, dass man's nicht abklären lassen kann, wenn man sich tatsächlich Sorgen macht.

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