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Thema: Before Sharia Spoiled Everything

  1. #1

    Before Sharia Spoiled Everything

    Ich bin eben auf dieses hochinteressante Video gestoßen:



    Es geht darum, dass ein Schweizer mit türkischem Migrationshintergrund, der integriert ist, eine Facebookgruppe

    Before Sharia Spoiled Everything

    gegründet hat, in welcher er Fotos aus der Zeit vor 1979 postet und sammelt, als Länder die die Türkei, der Iran etc. weniger
    islamisiert waren als heute. Oder in Kurz: Araberinnen ohne Kopftuch.

    Frau Wernli aus dem Video interviewt den Initiator bezüglicher seiner Motivation und daraus ergibt sich ein nettes Interview.
    Ich finde das teilens und sehenswert.

  2. #2
    Während das Interview tatsächlich überraschend spannend ist, will ich kurz darauf hinweisen, dass es sich bei Wernli einerseits um eine konservative Ideologin handelt (selbst für Schweizer Verhältnisse), die vor allem eine antifeministische Agenda fährt; und im Video andererseits Zusammenhänge verkürzt werden, die elementar wichtig gewesen wären sie zu hinterfragen. Etwa wie Butlers Haltung zustandekommt. Ich find's dann auch ein wenig fatal, dass man die Nasser-Rede da als Abbild der Verhältnisse vor 1979 hernimmt, dann aber vergisst Nasser als souveränen Diktator zu bezeichnen und in den Blick zu nehmen, dass u.a. seine Säkularisierungsbestrebungen effektiv zur Radikalisierung des politischen Islam beigetragen haben.

    Das macht das Interview nicht irgendwie schlecht oder bedenklich; sowas kann und sollte auch eine ideologische Richtung haben, Wernli ist nicht die ARD, sondern sie betreibt einen Youtube-Kanal und vertritt eine Meinung -- genauso wie Erken hat ne bestimmte Meinung vertritt; beide durchaus reflektiert und informiert.

    So viel sollte dabei aber festgehalten bleiben: Hier unterhalten sich zwei konservative Stimmen, die sich recht insular mit dem Zusammenhang vom Kopftuch in Europa und der Rolle der Frauenrechte in islamistisch geprägten Gebieten auseinandersetzen. Das ist durchaus fruchtbar, kann aber am Ende nur in die Falle tappen, den politischen Islam als vormittelalterlich-rückschrittig zu bezeichnen, während das Gegenteil der Fall ist: Der Islamismus ist eine postkoloniale Erscheinung, und damit fortschrittlicher und moderner als das Europäische Projekt. Und spätestens, wo das auffällt, lohnt es sich zu fragen, mit welchen Bewertungskriterien wir hier rangehen können -- ob Fortschrittlichkeit dazugehören sollte --, und ob der Nasserismus wirklich funktioniert hat, oder ob es einen Grund hat, warum diese Systeme immer wieder in sich zusammenstürzten.

    Das Kopftuch ist das Symbol einer religiös begründeten, politisch ausgetragenen identitären Unterdrückung. Das Kopftuch ist gleichzeitig Ausdruck kulturellen Bewusstseins und identitärer Selbstbestimmung. Das Kopftuch ist dabei -- weil seine alleinige Präsenz eben gerade nicht die Wirksamkeit des ideologischen Unterbaus behauptet -- weder das Hakenkreuz, noch ist es -- weil es eng mit traditionellen muslimischen Rollenverhältnissen verwoben ist -- die freie Wahl zwischen Kleid und Hose. Genauso aber, wie man mit der Verbannung des Hakenkreuzes aus dem öffentlichen Raum dem faschistischen Gedankengut nicht Herr wird, ein Hosenverbot für Frauen die persönliche Freiheit massiv beschränkt, genauso nutzlos und freiheitsfeindlich ist die Idee eines Kopftuchverbots.

    Außerdem war die Lage im Nahen Osten "vor der Schari'a" auch nicht unbedingt rosiger. Sie war nur westlicher.

  3. #3
    Na wenn die Wernli heißt und Schweizerin ist, dann stammt sie sicher aus Bernli, oder?
    Gibts dazu auch was in Textform? Wenn nicht gucke ich vielleicht mal das Video - ist ja etwas länger.
    Bevorzugt mag ich aber sowas lieber in Text, kann man besser "drüberscrollen" und die interessanten Stellen raussuchen.

    Ich hoffe man geht nicht zu sehr in Richtung Kopftuch = Unterdrückung. Unterdrückung hat nämlich jede Religion (meiner Meinung nach) - gegen Mitglieder innerhalb, um den Zusammenhalt zu fördern. (Es ist quasi auch bei Männern Zwang da, zu Beschneidung oder bestimmten Kleidungen.) Da sollte man schon darauf hinaus, dass es freiwillig ist - und der Staat auch dafür sorgt, dass es so bleibt (bei Druck sich Frauen an Polizei oder andre Hilfestellen wenden können) - aber nicht komplett Kopftuchverbote einführen. (Ausnahme "Verschleierungsverbot" aus Sicherheitsgründen, damit keine Waffe mit sich geführt wird - in bestimmten Situationen wo das eben jetzt schon gilt und weiter gelten sollte und aber dann nur komplette Verschleierung erfassen soll.)

    (Gibt ja manche die sowas wollen und mit dem Hintergrund dann auch ihre Posts verfassen und sich Quellen raussuchen.)

  4. #4
    Von einer Zeit "vor der Scharia" zu sprechen ist irreführend, weil es die nur vor dem Islam gab. Die Scharia ist Teil des exoterischen Glaubensgerüsts und damit von exegetischen Diskursen abhängig. Wer vom Dogma der Kirche spricht, kann auch nur einen zeitaktuellen Kontext meinen, keinen zeitübergreifenden. Was wünscht man den islamischen Nationen denn? Dass sie sich wieder säkularisieren? Dass sie die Scharia anders interpretieren? Dass sie die Scharia als Richtlinien, statt Verordnungen vorgeben? Ich bin da bei Mordechaj: "Vor der Scharia" war es anders genauso schlecht. "Vor der Scharia" war nach dem aufgeklärten Kolonialismus. "Vor der Scharia" hat die USA abwechselnd gegen Saudi Arabien, gegen Iran, gegen Irak und vice versa interveniert. Das ist so ein politisches, konfessionelles und kulturelles Kuddelmuddel, dass islamisches Recht gleichzeitig eine Verbindungs- und eine Trennlinie darstellt.

  5. #5
    Zitat Zitat von Mordechaj Beitrag anzeigen
    .., will ich kurz darauf hinweisen, dass es sich bei Wernli einerseits um eine konservative Ideologin handelt (selbst für Schweizer Verhältnisse)
    Sicher? Ich kenne keine Schweizer persönlich, aber das enttäuscht mich jetzt doch. Ich dachte die Leute wären da noch viel konservativer.
    Doch kein Auswanderungsland für mich

  6. #6
    Ich hab das Video dann gestern abend doch mal komplett geguckt. Sooo schlecht ist es nicht. Da ein bissl Infos gegeben werden. (Aber gut, dass Mordechaj auf die Probleme hier hinweist - dass bestimmte Sachen hätten ausführlicher sein können/müssen.)
    Bei dem Kerl hab ich allerdings den Eindruck, dass er einfach das Kopftuch verbieten will, weil ers nich mag.

    Wo genau das jetzt negativ zu bewerten ist, dann man Kopftuch weiter erlauben würde - und Frauen es freiwillig tragen ... das kam mir da nich so raus. (Dagegen sehe ich nur die Unterdrückung, wenn man es verbietet und das freiwillige Tragen nicht mehr erlaubt.)
    Ich bleibe weiter dabei, dass man nur das erzwungene Tragen verbieten sollte - das der Staat ja jetzt schon tut. Nötigung und andere Straftaten die danach vielleicht folgen (wenn jemand Gewalt androht und dann später auch anwendet) sind ja jetzt schon strafbar.

    Was dann genau Religion ist ... und ab wan das dann plötzlich Gesellschaftspolitik ist und nich mehr Religion ... das sollte doch jedem, der die Religion ausübt selber überlassen bleiben. (Richtige Politik machen am Ende eh nur die gewählten Abgeordneten, da gefährdet das Kopfuch - wenns seiner Meinung nach Politik ist - doch nicht die echte Politik.)

    (Ich frage mich dann, was er zur Beschneidung sagt - die oft durchgeführt wird und nicht von den Kindern freiwillig, sondern durch die Eltern auferlegt, da die Kinder noch nicht in dem Alter, in dem sie entscheiden können. Vermutlich stört es ihn nich und er stört sich nur daran, dass das Kopftuch nach außen gezeigt wird, nich daran, dass irgendwer was gegen seinen Willen macht oder mit ihm gemacht wird. Also wohl gar nich mal relevant, dass manche Frauen das Kopftuch auch gegen ihren Willen tragen müssen. Sondern rein, dass es irgendwie präsent sichtbar ist. Dann könnten wir auch mal gleich alle Kreuze, etc. abhängen.)

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