Ich denke, für die Rezeption spielt es eine Rolle, also dafür, wie man die Figuren als Betrachter bewertet. Insofern ist es vielleicht auch schwer, diesen Gedanken fortzuführen. Wenn man eine Frau in einem Spiel etwas tun oder sagen sieht, dann wertet man das auch so, als ob es eine Frau tut oder sagt. Aber im Spiel selbst macht es keinen Unterschied, und damit bleibt es effektiv ohne Folge, ob die Figur nun eine Frau oder ein Mann ist. Die Frauen wie die Männer sind, von ihrem Aussehen abgesehen, meistens sehr neutral. Nimm ein beliebiges Spiel, und ändere den Cast so, dass die männlichen Figuren weiblich, und die weiblichen Figuren männlich sind, und dann überleg dir, wie viel man anpassen müsste, damit das Spiel noch glaubhaft bleibt. Ich würde behaupten, in den meisten Fällen muss man fast gar nichts ändern, weder am Handlungsverlauf noch am Dialog. Und hat das Geschlecht einer Figur keine Bedeutung für die Figur selbst, ist es nebensächlich, und verdient weiter keine Beachtung. Die Figur erscheint einem zwar natürlich männlich oder weiblich (selbst manche Roboter), aber wie ich schon sagte, stellt diese Figur nichts Geschlechtsspezifisches dar. Insofern meine ich, dass es oft wirklich keine Rolle spielt, ob eine Figur männlich oder weiblich ist.
Die Darstellung von etwas ist allerdings ein komplizierter Vorgang, vor allem in einem so umfangreichen Werk wie einem Videospiel. Eine Figur ist immer mehr als die Figur an sich, denn viele andere Dinge, wie Nebenfiguren oder die Spielwelt, prägen sie genauso mit. Ein rosa Elefant geht schließlich in einer rosa Elefantenherde im rosa Wunderland, in dem alles rosa ist, auch unter. Bei der Betrachtung all dieser Sachen muss gleichzeitig geschaut werden, welche Intentionen damit verknüpft sind. Insofern wäre eine solche Übertragung nicht immer ganz einfach, also die Änderung des Geschlechts der betreffenden Figur als Gedankenspiel würde nicht immer Sinn machen, wenn noch viele weitere Dinge hineinspielen, die das Geschlecht dieser Figur aufdrücken, oder eine Figur in einem Spiel nur als männlich oder weiblich akzeptabel machen, wie z.B. auch ein sehr süßliches, verniedlichtes Character-Theme, das in einem überwiegend fetzigem Soundtrack auffällt und die Wahrnehmung beeinflusst. Man müsste also erstmal all das rausfiltern, was gezielt Weiblichkeit oder Anti-Weiblichkeit vermitteln soll und nicht mehr ist als bloßes Akzidenz (wenn ich den Begriff in diesem Zusammenhang so gebrauchen darf) was um dieser Darstellung willen hineingeschmissen wurde.
Bei Sailor Moon (ist jetzt nur was, das mir gerade eingefallen ist) kann man sich schlecht vorstellen, dass die Titelfigur männlich sein könnte, wenn alles drum herum immer noch betont weiblich mädchenhaft ist. Wie der rosa Elefant im rosa Wunderland, der plötzlich grün wird. Es würde seltsam wirken. Bei Tomb Raider dagegen braucht man nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, wie ein Mann klettert, springt, ballert und Puzzles löst. Lara Croft scheint zwar ein gutes Beispiel gleichermaßen für "Powerfrau" wie auch "Männerphantasie" zu sein, doch sie stellt keine Frau dar. Nicht einmal dieses "Bestehen in einer brutalen, gefährlichen, von Männern dominierten Welt", was in den Spielen nichtmal wirklich eine Rolle spielt, ändert etwas daran. Würde dies auch gelten, diese "Männer" wären bloß die Vertreter des Bösen, und unsere Heldin vertritt das Gute. Lass einen Mann gegen die Tyrannei eines Matriarchats kämpfen, und es käme dasselbe dabei raus. Wäre vielleicht mal was anderes, aber ich denke, kaum jemand würde darin einen Beleg für Männlichkeit ausmachen. Es ist einfach nur eine Spielfigur die Entwickler und Spieler lieber als Frau denn als Mann sehen, und sie, falls nötig, in ein Szenario packen, das dem Ganzen noch eine dramatische Seite hinzufügt. Zumindest galt das für die älteren Teile, wo die Hintergrundgeschichte auch mehr hinzugedichtet wurde, damit noch etwas mehr an dieser Figur ist als nur das Aussehen. Die neueren Titel habe ich mir noch nicht angesehen.
Wir können die Überlegung ja mal durchspielen, bzw. schauen, wo und wie meine Theorie an ihre Grenzen stößt. Welche Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Figuren nimmst du denn in Geschichten konkret wahr, oder was wäre für dich ein Paradebeispiel?
Was mir als Gegenfrage einfiel: Spielt das Geschlecht für einen selbst als reale Person überhaupt immer eine so große Rolle? Unterbewusst wahrscheinlich mehr als bewusst, aber sicher öfter als man zugeben möchte. Allein die Frage, ob man Unterschiede zwischen Männern und Frauen wahrnimmt, und wozu man sich stärker hingezogen fühlt, ist doch Ausdruck eines solchen Bewusstseins. Für einen selbst spielt es eine Rolle, ob eine beliebige Person nun männlich oder weiblich ist, was sicher auch nicht wenig damit zusammenhängt, was man selbst ist. Ich denke, dies zu thematisieren, oder nur anzureißen, wäre schonmal ein solider Ausgangspunkt, wenn es darum geht, männliche oder weibliche Charaktere zu realisieren.
Hmja, weiß nicht. Wenn dem so wäre, müssten sich doch die allermeisten Spieler unterrepräsentiert fühlen. ^^Zitat
Womöglich fällt es einem leichter, wenn man eine Figur spielt, die einem ähnlich ist, andererseits basiert die Fähigkeit des Einfühlungsvermögens doch gerade darauf, sich selbst im anderen wiederzuerkennen ungeachtet der Unterschiede. Würde man auch immer nur das vorgesetzt bekommen, was einem selbst entspricht, verliert man vielleicht auf Dauer die Sensibilität dafür, was jenseits der eigenen Person das Spektrum des Menschlichen umfasst. Jedenfalls halte ich es nicht für grundsätzlich problematisch, dass Charaktere in Videospielen von der eigenen Person mitunter stark abweichen können. Es scheitert auch nur dann wirklich, wenn man sich mit diesem Charakter gar nicht befassen will.
Die Gleichberechtigung ist doch super. Jeder ist zu allem gleichermaßen berechtigt. Die Teilnahme ist bloß unausgeglichen. Etwas schade, aber ich weiß gerade auch nicht, was für einen Input du dir erhoffst. ^^Zitat








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