Dann lernen wir uns also doch noch richtig kennen
Zaghaft erwiderte Celina sein Lächeln. Es war also kein Fehler gewesen, ihm das alles zu erzählen.
Mein Name ist David, freu mich dich kennen zu lernen Celina!
Nun wurde ihr Lächeln breitet. "Mich freut es ebenso", antwortete sie mit einem angedeuteten Knicks.
Und noch was, entschuldige dich bei mir niemals wenn du keinen Fehler gemacht hast. Ich bin froh das mir jemand wie du so sehr vertraut um mir das alles an zu vertrauen. Das erwartet man nicht wenn man grob ein Jahr in einem Zwielichtigen Loch gelebt hat wo keiner dem anderen auch nur 10 Zentimeter vertraut weil alle Angst haben.
Stimmt, er hatte ja seine Camp Hope-Zeit im Hole verbracht. Wie schlimm es gewesen sein musste, dort zu leben, konnte Celina sich kaum vorstellen.
Nicht, dass sie den Menschen im Village damals vertraut hätte - aber im Gegensatz zum Hole war es dort keine Überlebensmaßnahme gewesen. Das schlimmste, was ihr dort hätte geschehen können, wäre wohl gewesen, dass man um ihren Geisteszustand erfahren hätte. Und vermutlich nicht einmal das hätte sie zurück ins Hole gezwungen.
Also nickte Celina nur und schwieg dann.
Auch David sprach einen Moment lang kein Wort.
Nun, wie gesagt ich danke dir dafür das du mir so weit vertraust.
Verlegen senkte Celina den Blick und murmelte schüchtern: "Nun, i-ich bin einfach froh, dass du zugehört hast..."
Eine weitere Pause folgte.
Doch womit Celina nicht gerechnet hatte, war Davids Erzählung, die auf die Pause folgte.

Aufmerksam lauschte sie seinen Worten und musterte sein Gesicht.
Der Beginn von allem mit Tollwutberichten im Fernsehen, die Flucht aus einem chaotischen, menschenleeren Oklahoma City, die Infizierung seiner Schwester, der Krankheitsverlauf und schließlich... David sprach nicht zu Ende, doch Celina konnte sich denken, was geschehen war. Sie war nicht mehr naiv. Sie wusste, dass Geschichten wie diese kein Happy End hatten.

Ähm… Ent-Entschuldigung, ich wollte dir nicht noch mehr Angst machen… Ich hatte …Das sollte mir als Anführer der Gruppe nicht passieren… es … es tut mir leid
Überrascht schaute Celina ihr Gegenüber an.
Angst?
Nein, Angst war nicht, was sie fühlte.
Eigentlich war sie sogar etwas beruhigt. Warum, das wusste sie selbst nicht so genau.
Vielleicht war es der Ausdruck gewesen, mit der David seine Geschichte erzählt hatte. Celina hatte sehen können, wie jedes Wort ihm schwer fiel. Wie er versuchte, etwas Unfassbares in Worte zu fassen. Die Erinnerung an jene Hilflosigkeit und Verzweiflung von damals.
Das alles war auf merkwürdige Weise so vertraut.
Celina war nicht durch ihre verwüstete Heimatstadt geflohen, hatte nicht erlebt wie jemand ihr Vertrautes sich in ein blutrünstiges Etwas verwandelte.
Sie hatte niemals wirklich jemanden verloren. Auch wenn sie sich manchmal fragte, ob das Wissen um den Tod eines geliebten Menschen nicht besser wäre als dieses ewig währende Wechselspiel von Hoffnung und Sorge.
Somit konnte Celina sich nicht anmaßen, tatsächlich zu wissen, wie so etwas war.
Aber in Davids Augen hatten sich Gefühle wiedergespiegelt, ähnlich denen, die sie selbst bei ihrer Erzählung gehabt hatte.
Das schuf eine gewisse Verbundenheit.
Wer sich verbunden fühlte war nicht einsam.
Wer nicht einsam war, hatte nicht so viel Angst.
"N-nun... sagtest du nicht eben selbst, dass ich mich nicht entschuldigen muss, wenn ich keinen Fehler begangen habe? Genauso wenig musst du das tun, David. Du hast mir keine Angst gemacht...", sie zögerte kurz und fuhr dann entschlossen fort: "...und ich bin dir ebenfalls dankbar, dass du mir etwas so Persönliches anvertraut hast. Sehr dankbar sogar."
Was sie jetzt sagen sollte, wusste Celina nicht.
Sie sah, wie schlimm die Ereignisse damals für David gewesen waren. Sie fühlte mit. Und genau deshalb war es so schwer, die richtigen Worte zu finden.
Einen Moment lang überlegte sie, ihn einfach zu umarmen. Doch als sie zu Bewegung ansetzte, hielt sie inne.
Das ist zu früh. Er soll mich nicht als aufdringlich empfinden. Oder das falsche denken.
Oder das richtige?
Misch dich doch bitte ein Mal nicht ein, Will!

Anstatt David also in die Arme zu schließen, griff Celina nur nach seinen Händen und drückte sie sanft. "Ich halte dich nach wie vor für einen guten Anführer. Ich bereue meine Wahl im Gemeinschaftszentrum nicht, egal wie angetrunken ich war." Nach einer kurzen Überlegung fügte sie aufmunternd lächelnd hinzu: "Und was auch immer passiert ist - ich bin überzeugt, dass deine Schwester einen wunderbaren Bruder hatte."

Dann ließ sie seine Hände los und ließ den Blick über Dolphin und Kowloon streifen. Jetzt wo sie sich einigermaßen beruhigt hatte, wäre es wohl Zeit, Bericht zu erstatten. Wirklich hilfreiche Informationen hatte sie nicht - aber völlig umsonst wollte sie sich nicht in Gefahr begeben haben.
Ernsthaft schaute sie David in die Augen. "Ich habe noch etwas in Erfahrung gebracht. Vorhin habe ich mich auf diesem Geisterschiff", sie deutete in die entsprechende Richtung, "umgesehen. Das war wirklich nicht das Klügste, aber der ganze Stress hat mein Urteilsvermögen wohl etwas gemindert und so schnell werde ich etwas Derartiges nicht wiederholen..." Sie verzog das Gesicht bei der schauderhaften Erinnerung und blickte sich verstohlen nach potentiellen mörderischen Untoten hinter sich um. Da sie keine entdeckte, fuhr sie fort: "Dort gibt es einen Lagerraum mit Containern. Irgendetwas war seltsam dort und ich habe mich genauer umgesehen. Nun... lange Rede, kurzer Sinn: Anscheinend wurden in einem Container Untote transportiert. Ich weiß nicht wohin und zu welchem Zweck, aber die Sache kommt mir äußerst suspekt vor. Vielleicht wäre es interessant, noch mehr über dieses Schiff in Erfahrung zu bringen - sofern das einigermaßen gefahrlos möglich ist."