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Ritter
Ivan hatte eigentlich längst in seiner Behausung sein wollen, doch die urplötzliche Soldatenpräsenz hatte ihn daran gehindert, den "Balkon" zu verlassen, also war er an das Geländer heran getreten, hatte dort Platz genommen und beobachtet, was sich weiter unten so alles tat, wie zahlreiche Menschen in die Räumlichkeiten kamen, die Bühne vorbereitet wurde, die Pfadfinder die Koordination der glücklichen mit Sitzplatz übernahmen und letzten Endes diese... Show... statt fand. Eine Show deshalb, weil trotz der widrigen Umstände auf der Insel verdächtig wenige Soldaten ihre Paradeuniformen trugen, während die meisten ihre reguläre Uniform trugen, samt Bewaffnung und die beschränkte sich einzig auf Schlagstöcke. Auch war ihm am Treppenabgang, wo man ihn gestoppt hatte, ein Schild aufgefallen, das beschrieb, was im Falle eines Aufruhrs zu tun sei. Er kannte diese Schilder eher als Seiten eines Lehrbuchs, wie er es als Kadett bei der roten Armee bekommen hatte damals. Auch waren die Soldaten allgemein recht angespannt, wenn sie einen derart barschen Tonfall an den Tag legten wie bei dieser jungen Frau, die wohl knapp an den zwanzig Jahren vorbei war. Auch mit ihm war man nicht all zu freundlich gewesen, doch ließ Ivan das recht kalt.
Über diese... Show... die sich auf der Bühne zugetragen hatte, musste er nur müde lächeln. Hätte er nicht seine RPK74 samt Munition bei seinem Eintritt in den Ruhestand abgeben müssen, würde er sicher eher von Nutzen sein als so, nur mit seinem Kampfmesser, das er unter seinem stets geschlossenem Mantel trug. Ein Schuss aus seinem Gewehr würde schon genügen, um einem der Untoten den Kopf vom Körper abzutrennen. Zwar war eben dieser Schuss äußerst laut, doch effektiv. Damals, tja... als er noch in besserer Verfassung und aktiver Söldner war. Damals gab es Anrufe vom Auftraggeber, der Auftrag wurde vorgestellt, Geld wechselte seinen Besitzer, es gab Zielkoordinaten und eine Namensliste der weiteren Söldner, die daran teil nahmen und ehe Ivan es sich versah, war er damals im Einsatzgebiet und seilte sich meist von einem tiefer fliegendem Helikopter ab, gemeinsam mit dem Rest des Teams. Dieser verrückte Fidel Dahan zum Beispiel, der mit einer automatischen Waffe in der Hand absolut unberechenbar wurde, allerdings jeden noch so komplexen Sprengsatz legen und entschärfen konnte. Oder sein Neffe, mit dem Ivan und Helmut Grunter gemeinsam äußerst viele Aufträge abwickelten.
Ivan schüttelte den Kopf. Neben den Leuten, die außer ihm noch auf diesem Balkon verweilten, behielt er zwei Soldaten mit einem Gefangenem im Blickfeld. Wie einer dieser Untoten, von denen die Rede war - wenn er dieses Gerede überhaupt richtig verstanden hatte, die Leute sprechen hier zum Teil einfach zu schnell - sah der Gefangene nicht wirklich aus, dennoch machten die beiden Soldaten, die ihn bewachten, einen recht angespannten Eindruck auf ihn. Als ob Ärger in der Luft lag. Hier oben auf dem Balkon schien noch alles verhältnismäßig ruhig zu sein wie auch sonst, wenn man von der... Show... einmal ab sah. "Если они разделяют нас теперь в группах, то контакт к внешнему миру…" (Wenn sie uns nun in Gruppen aufteilen, um Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen...) murmelte Ivan. Natürlich, es war das einzige, was auch nur halbwegs Sinn machen würde. Die Soldaten würde man überwiegend hier lassen, um zumindest diesen Ort sicher zu halten. Doch wohin die Reise gehen sollte... tja... das wäre wohl Sache dieses einen Generals, der - so hatte Ivan bei der Auseinandersetzung der jungen Frau mit den Soldaten gehört - wohl Wert darauf lag, dass alle anwesend wären. Die Situation schmeckte Ivan ganz und gar nicht, doch auf der anderen Seite war es vielleicht das, was seinem Leben wieder mehr Schwung verleihen könnte. So im Nachhinein betrachtet war dieses ewige Schlafen, die See anstarren, Schlafen, die See anstarren und so weiter nicht unbedingt das, was er sich unter einem für ihn geeignetem Ruhestand vorgestellt hatte. Seine RPK74... die hätte er gerne wieder, doch würde er sicher keine einfach so erhalten. Den Soldaten würde man das Groß der Ausrüstung zukommen lassen und eventuellen Trupps, die man entsandte, würde man allerhöchstens... entbehrliches mitgeben wie beispielsweise eher ältere Bewaffnung, die ohnehin ausrangiert gehörte. So war es zumindest zu seiner Zeit bei der roten Armee. Niemand von den Rekruten damals, als er selbst noch einer war, hatte eine neue Feuerwaffe, ein neues Kampfmesser oder neue Helme bekommen. Und genau das wiederum könnte einer der Gründe für diese Schilder sein, die das Vorgehen bei einem Aufbegehren aufzeigten.
Dabei war es eine logische Konsequenz, Bürger auszuschicken, vielleicht mit einem oder zwei Soldaten zusammen, um zumindest symbolisch zu zeigen, dass alle Parteien an einem Strang zogen und nur gemeinsam ein Ausweg aus der gegenwärtigen Situation gefunden werden kann. Doch wenn er sich so die Menschen betrachtete, wie sie hier auf dem Balkon und unten vor der Bühne saßen, würden nicht alle diese Ansicht teilen. Einige würden sicher fordern, das Militär soll sich dem Problem annehmen und für den Schutz der Zivilbevölkerung sorgen. Wo das hin geführt hatte, hatte man ja gesehen, als der Ausbruch dieser... Seuche... stattgefunden hatte. Ivan hatte selbst bei seiner Flucht aus seiner Heimat gesehen, wie sehr sich die Menschen auf die trügerische Sicherheit von Dritten verlassen hatten, nur um später von den Untoten überrannt zu werden. Das war ihm glücklicherweise nicht geschehen und er hatte es hier her geschafft, unverletzt, allerdings nur noch mit seinem Kampfmesser, während seine Schusswaffe schon auf halbem Weg irreparabel beschädigt war. Ja, das wäre ganz seinem Sinne, eventuell einen letzten großen Auftrag annehmen und eine Gruppe Menschen zum vorherbestimmten Ziel führen. Wenn man ihm doch nur eine RPG74 mit reichlich Munition geben würde.
Ivan stand auf und wandte sich mit dem Blick dem Balkon zu, auf dem er sich befand. Die Menschen hier schienen ein bunt gemischter Haufen verschiedenster Herkunft zu sein. Er verschränkte die Arme vor sich und sah in die Runde, nachdenkend, ob und wie er denn seine Mutmaßung mitteilen sollte. "Как я объясняю то только?" (Wie erkläre ich das bloß?) murmelte er. Hätte er nur im Ruhestand sich mehr mit deutscher und englischer Sprache beschäftigt...
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