Allgemein
News
News-Archiv
Partner
Netzwerk
Banner
Header
Media
Downloads
Impressum

The Elder Scrolls
Arena
Daggerfall
Spin-offs
Romane
Jubiläum
Reviews
Welt von TES
Lore-Bibliothek
Namens-
generator

FRPGs

Elder Scrolls Online
Allgemein
Fraktionen
Charakter
Kargstein
Technik
Tamriel-
Manuskript

Media

Skyrim
Allgemein
Lösungen
Tipps & Tricks
Steam-Kniffe
Review
Media
Plugins & Mods

Oblivion
Allgemein
Lösungen
Tipps & Tricks
Technik
Charakter
Media
Plugins & Mods
Kompendium

Morrowind
Allgemein
Lösungen
Tipps & Tricks
Media
Plugins & Mods

Foren
The Elder Scrolls Online
Hilfe & Diskussion

Skyrim
Hilfe & Diskussion
Plugins & Mods

Ältere TES-Spiele
TES-Diskussion
Oblivion-Plugins
Morrowind-Plugins

Community
Taverne zum Shalk
Adventures of Vvardenfell
Tales of Tamriel
Seite 5 von 6 ErsteErste 123456 LetzteLetzte
Ergebnis 81 bis 100 von 106

Thema: [Sky] Rollenspielthread #1 (Signatur aus)

  1. #81

    Himmelsrand, Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    Quiekend wand sich der junge Nord mit dunklen Haaren unter ihrem Griff und grabschte nach ihrem Unterarm. Vergebens versuchte er sich zu befreien. Er schwieg weiterhin auf ihre Frage und seine beiden Kumpane betrachteten das Geschehen mit rotstarrenden, weiten Augen. Zweifelsohne litten sie alle noch an den Nachwirkungen des Gelages am Vorabend. Wuchtig stieß Vesa den gepackten Frischling von sich, dass er nach vorn sackte und mit der Schulter gegen die Tischkante krachte. Leise stöhnte er und rieb sich die Stelle. Seine Antwort wäre ohnehin nur zur Bestätigung gewesen. Unterschwellig wusste sie bereits, dass die Welpen von einem Gefangen in ihrem Hause sprachen und auch, um was für einen es sich handelte. Ansonsten gäbe es keinen Grund, es ihr vorzuenthalten.
    Von einem wütenden Sturm aus Wespen im Bauch geplagt, stampfte die Kaiserliche hinüber, wo sie zuvor Athis ausgemacht hatte und fand ihn noch immer dort. Offenbar hatte er nicht mitbekommen, was sich eben an der Tafel abgespielt hatte. Gut für sie. »Wo ist er?«, verlangte sie zu wissen und erntete einen selbst für sie bei dem Dunmer leicht zu erkennenden Blick der Irritation. Aufgerissene Augen, ein Biss auf die Zunge und verzogene Augenbrauen sprachen jedoch gleich darauf Bände. »Wo ist er?«, wiederholte sie nachdrücklicher und zog sich die Handschuhe aus. »Ich frage nicht noch einmal.«
    Der Elf hob beschwichtigend die Hände und ließ dabei den Besen fallen. »Ich weiß nicht, wovon Du redest«, entgegnete er, sein Gesicht gewann die übliche, undurchdringliche Festigkeit zurück.
    »Lügner!«, knurrte sie ihn an und hieb ihm den Handballen von unten gegen das Kinn. Stöhnend stolperte der Dunmer nach hinten, trat auf den Besenstiel und stürzte zu Boden. Geistesabwesend tastete er mit den Händen am Kiefer herum, um sicherzugehen, dass sie ihm nichts gebrochen hatte. Mit vor Zorn geöffnetem Mund, hektisch atmend und die Augen weit aufgerissen beugte sich Vesana über ihn. »Beim nächsten Mal breche ich Dir wirklich ‘was.« Athis schluckte schwer, antwortete jedoch nicht.
    Plötzlich griff sie jemand von hinten, schlang die kräftigen Arme um sie und hielt ihre eigenen so gefangen. »Lass mich los!«, keifte sie, zappelte mit den Beinen und versuchte vergebens die Unterarme so anzuwinkeln, dass sie mit den Händen die Glieder ihres Fängers zu fassen bekam. Wild knurrte und grollte sie, trat mit den Fersen blind auf den Boden, in der Hoffnung fremde Füße zu erwischen.
    »Beruhig Dich, Vesa«, brummte Skjor so dicht hinter ihr, wie sie ihn noch nie zuvor an sich hatte. Sie spürte seinen Atem an ihrem Ohr und die Bartstoppeln seines kantigen Kiefers rieben ihr durch das Haar über die Kopfhaut.
    »Beruhigen?!« Athis stand gerade auf. Kurzerhand drückte sie sich vom Boden ab und während Skjor den Schwung versuchte abzufedern und sie in der Luft hielt, trat sie dem Dunmer gegen die Brust, um den Nord hinter sich aus der Balance zu bringen. Gemeinsam stürzten sie zu Boden und Skjor gab in der Überraschung seine Umarmung frei. Noch bevor er sich aufrappeln konnte, rollte die Kaiserliche von ihm runter und zog in der Bewegung das Holzschwert. »Bleib bloß weg von mir!«, fauchte sie ihn im Knien an, Tränen begannen ihre Sicht zu trüben. Wut und Enttäuschung rangen miteinander, ließen ihre Finger zittern und schwach werden. Dennoch wussten es Athis, Skjor und der in diesem Moment dazustoßende Vilkas besser, als ihr zu nahe zu kommen.
    Hinter Vesana öffnete sich unvermittelt die Tür zur Vorratskammer. Reflexartig schnappte der Kopf der Jägerin herum. »Was geht denn hier dra-«, setzte Njada an, brach jedoch ab, als sie mit verschlafen wirkendem Blick die Szene aufnahm. »Oh, Scheiße.«
    »Ganz schlechter Zeitpunkt«, brummte Athis, der sich noch immer den Kiefer rieb, »ganz schlechter Zeitpunkt.«
    »Geh wieder rein«, wies Vilkas sie an. »Vesa, beruhig Dich«, setzte der Nord in dunkler Tunika fort und half Skjor, der sich ebenfalls dunkel kleidete, auf die Füße. »Bitte.«
    »Wiss- … Wissen … eigentlich alle – außer mir – dass wir ei- … einen … Gefangenen der Silbernen Hand im Hin- … Hinterzimmer haben?« Sie wollte schreien, wollte ihnen in schallenden Tönen um die Ohren hauen, wie tief dieser Dolchstich saß. Doch fehlte ihr zunehmend die Klarheit im Kopf. Wild kreiselten ihre Gedanken, rangen die Gefühle im tosenden Sturm, ließen ihre Worte immer wieder abreißen. »Hm?!«
    Der Nord senkte betreten das Haupt. Er wusste nur zu gut, wie sie sich fühlen musste. Langsam senkte er die Arme, die er beschwichtigend gehoben hatte und ging anschließend auf ein Knie hinab. »Vesa, bitte, lass es mich erklären.« Per kurzem Handzeig bedeutete das Zirkelmitglied Athis, sich zurückzuziehen. Skjor nahm etwas abseits Platz, Worte gehörten nicht zu seinen Stärken. Das war Vilkas Aufgabe.
    »Erklären?!«, giftete sie. Neue Wut flammte in ihr auf, beflügelte die Zunge. Wie konnte er es überhaupt wagen? Wie konnte es irgendeiner von ihnen wagen? »Ihr hattet kein Recht!«, grollte sie ihm entgegen. »Kein. Recht
    »Es Dir vorzuenthalten?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, das hatten wir nicht«, räumte er ein und nahm ihrem Zorn den Fahrtwind. Zurückblieb die Enttäuschung und ihr Schmerz. Auf einmal kraftlos geworden, entglitt ihren Fingern das Übungsschwert. Dumpf landete es auf den groben Steinen, überschlug sich und blieb schließlich liegen noch bevor Vesana auf das Gesäß zurücksackte. Vorsichtig schob Vilkas die hölzerne Waffe beiseite und kam näher. »Vesa, es tut mir leid. Vielleicht hätten wir es Dir gleich sagen sollen, aber wir wussten nicht, wie Du reagieren würdest. All die Geschehnisse, das Hügelgrab, Hrothluf … Das hier zeigt, dass wir nicht so falsch damit lagen, an Deiner Verfassung zu zweifeln«, versuchte sie der Nord von seinem Standpunkt zu überzeugen und legte ihr dabei eine Hand auf die Schulter.
    Vergebens. Ihr trockneten die Tränen aus und die bebenden Lippen erstarrten zu Stein. Mühsam musste Vesa den Kiefer aus seinen verkrampften Ankern lösen. »Ich will ihn sehen«, hauchte sie zum schneidend dünnen Flüstern gedämpft.
    Der Nord senkte die Augen und atmete tief durch. »Was willst Du mit ihm machen?«
    »Ihn sehen, während Du mir alles über ihn erzählst, das ihr wisst.«
    Abermals verschnaufte der Nord, nickte dann jedoch, ohne die Augen zu heben. »In Ordnung.« Er stand auf und Vesana folgte seinem Beispiel. Skjor neigte sein Haupt. Obgleich sein Gesicht nichts von seinem Befinden verriet, glaubte die Kaiserliche in seinem gesunden Auge so etwas wie Verständnis oder auch Wehmut auszumachen. Mit dem nächsten Blinzeln war es jedoch verschwunden. »Keine Waffen, Vesa, nichts. Nur Du und ich.« Sie stimmte per Kopfwippen zu. Vilkas wusste ebenso gut wie sie selbst, dass es sich dabei um eine reine Frontenklärung handelte. Wenn die Jägerin dem Abschaum, den sie da gefangen hielten, wehtun wollte, würde sie dafür keine Waffen oder Werkzeuge benötigen.
    Ihre Jacke, Handschuhe und das Übungsschwert an den Einäugigen übergebend, betrat die Jägerin an Vilkas Seite die Vorratskammer, die bereits häufiger zum Verhörraum umfunktioniert worden war. Njada saß gelangweilt auf einem Stuhl, kratzte sich unter den Fingernägeln und zupfte ihre beige Tunika über der braunen Hose zurecht. Erst als die Tür hinter den beiden Neuankömmlingen ins Schloss fiel, blickte sie auf. »Lass uns allein«, bat der Nord. Die Wache haltende Frau blickte einen Moment tonlos und sichtlich irritiert zwischen ihm und Vesa hin und her, sah der Kaiserlichen anschließend etwas länger ins versteinerte Antlitz und nickte schließlich. Kurz darauf fiel die Tür zur Gildenhalle hinter ihr zu.
    Erst danach traten die zwei Verbliebenen weiter ein. Die Jägerin schaute zunächst nach links, wo Tilmas Habseligkeiten lagen, dann nach rechts. Ein einfacher Raumteiler sorgte für Sichtschutz in beide Richtungen. Als sie ihn umrundete, tauchte eine in sich zusammengesackte, kümmerlich wirkende Gestalt auf einem Stuhl auf. Die einfache Kleidung zerschlissen und dreckig, die Ärmel abgerissen entblößten seine verschmutzten und zerkratzten Oberarme. Wirklich muskulös wirkte er nicht, aber das mochte auch an seinem generell abgehungerten Erscheinungsbild liegen. Es handelte sich definitiv um einen Kaiserlichen, zu klein für einen Nord, aber zu kantig gebaut für einen Bretonen. Die helle Hautfarbe unterschied ihn deutlich von jedem Rothwardonen. Das Kinn auf der Brust abgelegt, hing ihm sein fettiges, dunkelbraunes Haar in Strähnen bis auf die Schultern hinab und verbarg den Blick auf sein Gesicht. Die nackten Füße an den Knöcheln fest mit den Stuhlbeinen vertäut, lagen ihm die Hände irgendwo verborgen im Rücken und waren sicherlich nicht weniger straff verbunden.
    »Die Gruppe von Welpen hat ihn kurz nach dem Zweig auf dem Weg ins westliche Falkenring aufgegabelt. Er war Teil eines Spähtrupps, wie sie es beschrieben, und schien eine etwas höhere Stellung innezuhalten«, begann Vilkas ansatzlos zu berichten. Vesa schlich um den regungslosen Gefangen herum. Musterte ihn von unten nach oben und von oben nach unten. Sog den Anblick jedes Schmutzflecks, jedes Schmisses, jeden geknickten Haares auf. »Sie haben vor Ort nichts aus ihm herausbekommen, also brachten sie ihn zurück. Skjor und Aela sind ihnen entgegengegangen nachdem einer von ihnen vorgelaufen war und hier von den Geschehnissen berichtet hatte, bevor Du aufgewacht bist.«
    Ruckartig blieb die Kaiserliche hinter dem Gefangenen stehen, als ihr etwas auf seinem linken Unterarm auffiel. Schnell griff sie nach dem Glied, verdrehte es bis sie genauer sehen konnte und der Handlanger der Silbernen Hand zu stöhnen begann. Zwei gekrümmte Tätowierungen im Abstand von drei Fingerbreiten nahe dem Handgelenk. Die sehr kurzen Striche waren am einen Ende dicker und liefen spitz zu. Es kam wenig überraschend und so ließ sie den Arm schnaufend los. »Er trägt die Markierung, die Darius beschrieben hat«, bestätigte Vilkas.
    Schweigend lief Vesa zu ihm hinüber, ballte die Hände zu Fäusten ihm Rücken. »Kein. Recht!«, wiederholte sie und tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust als sie zu ihm aufschaute. Der Nord rang sich zu einem gequält wirkenden, beschwichtigenden Lächeln durch. »Hat er irgendetwas verraten bis jetzt?«, ignorierte die Jägerin die Mimik, wandte sich dem Gefangenen zu und verschränkte die Arme unter der Brust. »Einen Namen, vielleicht?«
    »Nein, nichts.«
    Glühende Kohlen lagen ihr im Bauch, brannten sich langsam in ihre Lungen durch und ließen ihr Blut kochen. Gleichzeitig quoll aber auch noch ein anderes Gefühl in ihr auf. Kaum mehr als die Quelle eines kleinen Bergbächleins, aber der sanfte, kitzelnde Atem von Hoffnung füllte ihre Lungen mit jedem Luftholen. »Ich befrage ihn«, beschloss sie, noch bevor Vilkas irgendetwas anderes zu sagen vermochte. »Und zwar allein.«
    Der Nord blieb einen Augenblick regungslos neben ihr stehen, atmete lediglich laut vernehmbar mehrere Male durch und rang wohl mit sich selbst, wie er die Angelegenheit regeln sollte. Letztlich verfiel er jedoch in schweigsames Nicken und legte Vesana eine Hand auf die Schulter. Aus dem Augenwinkel sah sie das Zucken seines Mundes, doch die Milde auf den rauen Zügen interessierte sie nicht. Dann wandte sich das Zirkelmitglied ab und verließ den Raum.
    Für lange Momente blieb die Kaiserliche schweigend und wie angewurzelt stehen. Sie beobachtete den kümmerlichen Kerl vor sich, jeden Atemzug, den er tat. Jedes Schleifen in den Zügen sog sie in sich auf, genoss die Qual, mit der er vor ihr auf dem Stuhl kauerte. Natürlich war das nichts im Vergleich zu dem, das sie ihm antun würde, wenn er nicht redete. Aber das musste er nicht wissen. Noch nicht. Ansatzlos drehte sich Vesa auf den Hacken um und lief zackig zurück zur Tür. Grollend musste sie dort feststellen, dass Vilkas den Türschlüssel mitgenommen hatte und ihr so die Möglichkeit nahm, abzuschließen. Allerdings wollte sie sich davon nichts verderben lassen und die nahestehende Kommode würde ihren Zwecken dienen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schaffte es die Jägerin das Möbelstück teilweise vor die Pforte zu zerren und den Durchgang so zu blockieren.
    »Alles in Ordnung da drin?«, vernahm sie Vilkas Stimme gedämpft durch das dicke Holz.
    »Alles bestens«, erwiderte sie und wandte sich ab. »Alles bestens«, flüsterte sie noch einmal und beugte sich auf Augenhöhe mit dem Gefangenen. Blitzschnell schnappe ihre Rechte nach oben und packte den Mistkerl am Kiefer, drückte das Gesicht hoch, bis ihm die Strähnen zu den Seiten fielen und sie ihm in die dunkel unterlaufenen, gereizten Augen blicken konnte. Heftig drückten ihre Finger zu, schoben die Haut und das Fleisch der Wangen zur Seite, bis sie seine Zähne an den Fingerkuppen spürte. Die Pupillen verschluckten das helle Braun seiner Iris nahezu vollständig. »Wir werden jetzt ein bisschen Spaß haben«, knurrte sie ihn an und spürte wie er schluckte. Für einige weitere Herzschläge hielt sie ihn fest, dann gab sie seinen Kopf frei, jedoch nicht ohne ihn noch einmal kräftig nach hinten zu stoßen.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (21.02.2015 um 04:25 Uhr)

  2. #82

    Himmelsrand, Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    Von Zeit zu Zeit hatten die Gefährten immer einmal wieder Gefangene der Silbernen Hand in ihrem Haus. Allesamt hatten die Stadt nicht lebend verlassen und die vorangegangenen Befragungen waren wahrhaftig eher selten zimperlich gewesen. Das Prozedere empfand Vesana grundsätzlich abstoßend, ließ es sie sich doch stets fühlen wie irgendein krimineller Handlanger eines Banditen oder dergleichen. Überhaupt nagte auch in diesem Moment weit in ihrem Hinterkopf die mahnende Stimme der Vernunft, dass sie sich mit dem, das sie tun würde, auf eine Stufe mit Abschaum wie Hrothluf stellte oder sogar noch tiefer einordnete. Aber seit Darius Verschwinden war dieses Stimmchen zur Vorahnung eines Flüsterns verstummt, versengt im Feuer der Wut und ertränkt in kaltem Hass, für die die bloße Erwähnung des Namens derer, die dafür verantwortlich waren, genügte, um in einen tosenden Feuersturm loszubrechen.
    Ihre Finger zitterten, als Vesa sie dem Kerl von hinten an den Hals legte. Er zuckte heftig bei der Berührung. »Es interessiert mich nicht, wie Du heißt«, eröffnete sie den Monolog, den sie führen würde. Sie rechnete nicht damit, dass er auch nur einen einzigen Ton von sich geben würde. »Es interessiert mich nicht, welchen Rang Du innehast«, führte sie fort. »Nicht wie alt Du bist, oder ob Du Freunde und Familie hast.« Zunächst sanft rieb sie die Daumen von den Schultern hinauf am Hals entlang und wieder zurück, als wollte sie ihn massieren. »Ich möchte von Dir nur eine einzige Information und wenn Du sie mir gibst, ist all das hier vorbei, bevor es überhaupt beginnt.« Sie spürte das Zittern seines Leibes unter ihren Fingern. »Wir hatten schon viele von Deiner Sorte hier – und alle haben früher oder später geredet. Mache es nicht unnötig schwer für Dich selbst.« Die Ernsthaftigkeit ihrer Worte stand außer Frage und zweifelsohne musste er aus ihrem Tonfall heraushören, wie abgrundtief sie ihn hasste.
    »Ich werde Dir eine Person beschreiben«, sie löste ihre Hände von ihm und trat in sein Sichtfeld. Mit der Linken schob sie sein Kinn nach oben, bis er sie ansah. »Und Du wirst mir verraten, was mit dieser Person geschehen ist. So einfach.« Derart ruhig mit ihm zu sprechen kostete die Jägerin mehr Mühe, als sie sich bereit war einzugestehen, und mehr als nur einmal biss sie sich in den Pausen zwischen ihren Sätzen auf die Zunge, um das in ihrer Kehle aufkeimende, tierische Grollen zu unterdrücken. Das Biest in ihr, dessen Gefühle die ihren nochmals in animalischer Wut übertrafen, tobte beim Anblick des Abschaums. Es zerriss ihr die Eingeweide, trat und biss um sich, fauchte, brüllte und schrie. Auf dem Antlitz der Kaiserlichen zeichnete es sich lediglich als gelegentliches, unwillkürliches Zucken der Gesichtsmuskeln ab, hin und wieder zuckten ihre Finger oder spannte eine Sehne im Nacken. Aber es würde nicht lange dauern, bis ihr und somit auch dem Wolf der Geduldsfaden riss. Das wusste sie selbst, entsprechend schnell musste es gehen.
    »Ein Mann, etwa einen halben Kopf größer als ich«, begann sie Darius zu beschreiben und ließ das Kinn des Gefangenen los. »Ungefähr die Statur des Mannes, mit dem ich hereingekommen bin, aber ein Kaiserlicher, kein Nord.« Vesa begann damit, den Kerl auf dem Stuhl in langsamen Kreisbahnen zu umrunden. »Dunkles, fast schwarzes Haar. Kurzgetrimmter Vollbart. Eine lange Narbe linksseitig im Gesicht, von der Augenbraue bis zum Kiefer. Braune Augen.« Sie brach ab und schluckte den aufquellenden Kloß im Hals hinunter. Der Gedanke an den verlorenen Geliebten schmerzte bei der wiederkehrenden Hoffnung, sie könne ihn vielleicht doch noch einmal wiedersehen – und wenn es sein toter Leib wäre – derart heftig, dass es ihr den Atem raubte und sich ihre Brust anfühlte, als stieße ihr jemand dutzende glühend heiße Nadeln durch die Lungen. »Er müsste vor etwa viereinhalb Monaten zu euch gekommen sein.« Obwohl bis dahin völlig regungslos, entlockte die letzte Bemerkung dem Gefangenen ein kurzes Glucksen, als fände er sie komisch.
    Es bedurfte keines Gedankenlesens für Vesana, um zu verstehen, dass sich der Kerl durchaus gut an die Geschehnisse zur besagten Zeit erinnerte. Im Grunde hätte sie ihn wohl eher fragen müssen, wie er sich daran nicht erinnern könnte, wenn eine Horde Werwölfe angriff. Abrupt blieb sie hinter ihm stehen und legte abermals ihre Hände auf seine Schultern und an seinen Nacken. »Da Du Dich an den Zeitraum erinnerst, verrate mir, erinnerst Du Dich auch an den beschriebenen Mann?«, hakte sie nach. Sein Schweigen trieb ihr die Zornesröte ins Gesicht, ließ das Rauschen in den Ohren anschwellen und die Finger krampfen bis sich ihre Fingernägel in seine Haut zu graben begannen. »Rede«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Muskulatur spannte sich unter ihrem Griff, als kämpfte er gegen ihre Nägel an. Dabei hatte sie noch nicht einmal die richtigen Krallen ausgefahren.
    Konzentriert versuchte Vesana die Bestie zu beherrschen und sie nicht völlig die Kontrolle übernehmen zu lassen. Schnell langte sie mit der Linken unter sein Kinn und riss sein Haupt nach hinten. Die Rechte verweilte an der Schulter, während sich allmählich ihre Finger in dunkles Grau verfärbten und die Klauen aus den Nagelbetten wuchsen. Knackend schoben sich gleichzeitig ihre Eckzähne in die Länge und stieg tiefes Grollen in ihrem Rachen auf. Mit der einen Hand schloss sie seinen Mund und verhinderte, dass er schreien konnte, während sich ihre messerscharfen Krallen in sein Fleisch bohrten. »Rede, Abschaum«, brandete ihre tiefer gewordene Stimme auf. »Rede, und all das hier ist vorbei.«
    Tränen traten dem Mann in die Augen, rollten aus den Winkeln über die Wangen in seinen Haarschopf. Die Lippen bebten und die Farbe wich aus seiner Haut. Der Anblick der sich allmählich verwandelnden Wölfin hatte selbst für Mitglieder der Silbernen Hand in einer solchen Situation eine einschüchternde Wirkung. Gleichzeitig schob die Jägerin ihre Klauen tiefer in sein Fleisch, versenkte letztlich sogar die Fingerspitzen und bekam so das Schlüsselbein zu fassen, während der Daumen das Schulterblatt fixierte.
    Von zweifelsohne heftigen Schmerzen durchzogen begann sich der Gefangene unter ihrem Griff zu winden und zu zucken. Leises Quieken, Stöhnen und Brummen entwischte seiner Kehler. Immer wieder schloss er die Augen für längere Zeit, bis sie mit einem Ruck ihre Finger aus ihm herausriss und er sie vor Pein weit aufriss. Den sich anbahnenden Schmerzensschrei erstickte Vesa mit ihrem festen Griff am Kinn. »Alles«, setzte sie an, leckte aber zwischendurch schmatzend den Daumen ab, »was ich möchte, ist zu wissen«, es folgte der Zeigefinger, »was mit dem beschriebenen Mann passiert ist.« Sie gab seinen Kopf frei und leckte genüsslich die restlichen Finger sauber. Der bittere Geschmack seines Lebenssaftes ließ das Biest in ihr freudig jaulen, gleichzeitig aber auch mit brachialer Gewalt von innen gegen ihren Schädel hämmern und nach mehr verlangen. »Warum hier so einen Aufstand machen und wegen ihm leiden?«, setzte die Kaiserliche nach.
    Schluchzend sackte der Gefangene in sich zusammen. Blut sickerte in dicken Strömen aus den gerissenen Löchern und färbte seine Tunika dunkel ein. Langsam schlich sie um ihn herum und starrte ihm ins magere Antlitz, als er ihr einen verachtenden Blick zuwarf. Der verlieh ihrer Wut jedoch nur weiteren Zündstoff und bevor sich die Jägerin zurücknehmen konnte, schnellte ihre Rechte hoch. Die langen Klauen rissen ihm die Wange vom stoppeligen Kiefer bis zur Stirn auf. Es glich einem Wunder, dass sie sein Auge verfehlte, obgleich er bei dem anschließend herausquellenden und unter das Lid sickernden Blut ohnehin nichts mehr zu sehen vermochte. »Rede!«, spie sie ihm ins Gesicht, als er vom Schmerz übermannt wurde, zunächst jaulte und kurz darauf ins Wimmern verfiel.
    »Vesa, alles in Ordnung da drin?«, drang Vilkas Stimme durch die geschlossene Tür.
    Die Kaiserliche schloss die Augen und kaute auf der Unterlippe herum. Den Kopf in den Nacken gelegt, schlug sie die Hände vors Gesicht und atmete langsam durch. »Bestens«, presste sie hervor und spürte, wie sich die langen Krallen haarbreitenweise zurückzogen. Was blieb waren ihre blutverschmierten Fingernägel und das nach Mehr schmeckende Eisen auf der Zunge.
    Für einen kurzen Moment blieb sie einfach nur vor ihm stehen, begutachtete das bisherige Werk und sog den bittersüßen, schweren Duft seines Lebenssaftes in ihre Nase. Seufzend trat sie ein weiteres Mal in seinen Rücken. Es würde wohl nur eines helfen, auch wenn es einige Zeit brauchte, bis es wirklich wirkte. Nur eines versetzte einen Werwolfsjäger in derart großen Schrecken, dass er brach wie Zweige unter den Schritten eines Bärs – und das war selbst zur eigenen Beute zu werden.
    Mit schnellen Bewegungen schlüpfte Vesana aus ihren Stiefeln, öffnete den Gürtel und streifte Tunika und Hose ab. »Du hast drei Tage, mit der Antwort herauszurücken«, sprach sie und machte nun keinen Hehl mehr aus ihrer eigenen Unruhe. »Drei Tage«, betonte sie erneut und als er am Stuhl zu rütteln begann, wusste sie, dass er verstand, was gleich passieren würde. Von einer nahen Anrichte nahm sie sich ein Tuch und band es ihm so um den Kopf, dass er darauf beißen musste und kein Wort mehr hervorbrachte. Schon im nächsten Moment gab sie sich dem Wolfsblut hin, stürzte auf die Knie nieder und spürte, wie sich ihre Knochen verschoben. Knackend weitete sich der Brustkorb, verlängerten sich ihre Arme. Als risse Papier brauch ihr buschiger Schwanz unter der Haut hervor und riss mit dem ersten Wedeln einen Krug mit eingelagerten Nüssen aus dem nahen Regal.
    Das Licht der Kerzen und was durch die zwei weit oben liegenden, mickrigen Dachluken einfiel, blendete ihre scharfen Augen, ließ sie schnell blinzeln und einen Moment straucheln, bis sich das Brennen legte und sie sich daran gewöhnt hatte. Auf leisen Sohlen, nahezu geräuschlos, und trotz der plötzlichen Stille in der Kammer selbst für ihre Wolfsohren kaum wahrzunehmen, schlich sie zunächst zur Tür. Alles in ihr verlangte nach Blut, doch auch das Biest wusste, dass niemand in den Vorratsraum eintreten durfte, solange sie nicht mit dem Gefangenen fertig war. Also packte die Wölfin die Kommode von zuvor und mit einem kräftigen Ruck versperrte das massive Möbelstück den Durchgang von einer Seite zur anderen. Glücklicherweise öffnete sie sich nicht nach außen in die Gildenhalle.
    Erst danach wandte sich Vesa dem Abschaum auf dem Stuhl zu, der sich noch immer wand und versuchte sich zu befreien. Sie roch seine Angst, wie sie mit jedem Schweißtropfen aus seinen Poren trat und den Raum füllte wie der Duft von warmem Honig. Hörte sein wild schlagendes Herz, wie es ihm bis zum Hals pochte. Ein Genuss für sie, schloss die Jägerin kurz die Augen und beschnupperte ihn. Das Beben seiner Lippen liebkoste ihre Ohren, sein Herzschlag dröhnte so laut, dass sie fürchtete die übrigen Gefährten vor der Tür könnten ihn hören. Doch mehr als das brachte er nicht hervor, sein Wimmern verebbte und obgleich sie noch immer nicht verstand, warum es ihm so wichtig schien, ihre Frage nicht zu beantworten, spielte es in diesen Momenten keine Rolle mehr.
    Unvermittelt packte die Wölfin seinen Kopf mit der Linken und zog ihn zur Seite über die verletzte Schulter. Den rechten Fuß setzte sie auf seinen Oberschenkel und vergrub die scharfen Klauen in seinem Fleisch. Noch im selben Augenblick öffnete sie das Maul und schnappte zu. Blut quoll ihr auf die Zunge, bittersüß und darum bittend, weiter vergossen zu werden. Grollend riss sie mit den Fängen eine bösartige Wunde in die bis dahin unversehrte Schulter des Gefangen und stellte somit sicher, dass möglichst viel ihres Speichels darin eindrang. Nicht nur würde er so den Keim des Wolfsblutes empfangen, sondern würde dieser auch Infektionen fernhalten und die Blutung im Anschluss hemmen. Hircine wollte schließlich nicht, dass seine Schöpfung schon im Kleinkindalter verstarb bevor sie sein Geschenk überhaupt richtig zu schätzen lernen konnte. Außerdem hielt er andere Proben für ihre Würdigkeit bereit. Das schmerzverzerrte Stöhnen klang dabei wie Musik für die Kaiserliche und es kostete sie größte Mühe, das Maul ein weiteres Mal zu öffnen und die Reißer aus seinem Fleisch zu ziehen. Kurz schleckte sie über die aufgerissene Gesichtshälfte, genoss so noch ein paar Tropfen seines Lebenssaftes und verschloss gleichzeitig die Wunde.
    Es bedurfte keines weiteren Blickes auf den Gefangen, um zu wissen, was sich auf seinem Gesicht abspielen durfte. Stattdessen sprang Vesana hoch ins Gebälk unter das Dach und kletterte anschließend hinüber zum der Stadt abgewandten, kleinen Dachfenster. Für einen kurzen Moment brannte ihr das Sonnenlicht mit gleißendem Feuer einen Funken Reue ein, als sie einen Blick aus dem Fenster warf und als Jäger der Nacht nicht auf den Schutz der Dunkelheit zählen konnte. Doch als Eorlund nicht an seiner Schmiede stand, überhaupt nirgends zu sehen war, legte sich dies wieder. Ein kurzer Griff mit der Klaue und das Fenster stand offen. Im Schutz des Firsts kletterte sie hinaus, versicherte sich, dass sich niemand auf dem Übungsplatz aufhielt und setzte dann mit einem kräftigen Zucken der Sprungmuskulatur in einem Satz zur Himmelsschmiede über. Nur einen Schlag des wild rasenden Herzens später verschwand sie am Glutbett der Schmiede vorbei durch den Felsdurchbruch aus der Stadt.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (01.03.2015 um 02:10 Uhr)

  3. #83

    Geistermeer, Herz des Gerechten

    << Zur Charaktervorstellung



    »Herrin…?«, sprachen die beiden Männer im Chor, doch Amelia hob eine Hand und wippte mit dem Finger.
    »Alles gut«, erwiderte sie und hielt sich nur mühsam auf den Füßen. Die Krämpfe in Bauch und Rachen erschwerten es ihr, die richtige Balance zu finden, geschweige denn sich aufzurichten. »Alles…« Weiter kam sie nicht, bevor sie sich ein weiteres Mal erbrach.
    »Lasst mich Euch einen Eimer bringen«, bat Kolja, als er ihr nach Abklingen der Krämpfe hoch half. Schmallippig nickend, hielt sich die Bretonin am Geländer fest und versuchte möglichst viel Speichel zu sammeln, um den abartigen, sauren Geschmack im Mund fortzuwaschen. Der arme Gerüstete, der von ihr so ungewollt zum Laufburschen degradiert wurde, wandte sich ab und verschwand abermals. »‘s is‘ g’wiss kein Wetter für Euch«, meinte Domek hinter ihr und sie glaubte so etwas wie Mitleid in der altersrauen Stimme auszumachen. Doch selbst wenn er ihr hätte helfen wollen, das Ruder bedurfte seiner vollen Aufmerksamkeit. Sie blieb also allein in ihrem Leiden und das sollte ihr nur Recht sein.
    Weit vorgebeugt hielt Amelia den Kopf beinahe zwischen den durchgestreckten Armen und starrte auf die feucht glänzenden, dunklen Planken unter ihren Füßen. Sie wusste nicht, wie lange sie so ausharrte, es spielte wohl auch keine Rolle, doch irgendwann hielt ihr jemand einen einfachen Holzeimer ins Sichtfeld. Der grobe Lederhandschuh sprach dafür, dass es der Hauptmann der Wachen sein musste. Wortlos löste die Adelige eine Hand vom Geländer und umschloss den Kübel mit dem Arm. Erst danach richtete sie sich auf, das Gefäß gegen die Brust gepresst. »Ich habe eine Hängematte unten für Euch freimachen lassen. Das sollte das Schaukeln etwas mindern«, erklärte der Gerüstete und wischte sich einige dicke Wassertropfen aus dem geröteten Gesicht. Ob es Schweiß und Anstrengung oder doch geschmolzene Flocken und die Kälte waren, die ihn zeichneten, mochte sie nicht sagen können. Nur kurz blickte sie zu ihm auf, dann senkte Amelia die Augen zurück auf den Bottich, der gerade einmal eine Handbreit unter ihrem Kinn saß.
    Mit der nächsten Welle wandte sie sich von ihm ab und spuckte in den Eimer. Was für eine Schmach. Wenn sie in ihrer derzeitigen Erscheinung unter Deck zurückkehren würde, so war sie überzeugt, böte das für die nächste Zeit wieder genug Stoff für die Mannschaft, um Heiterkeit in langweiligen Momenten zu erzeugen. Dass sie gewiss nicht als einzige an Bord Schwierigkeiten mit dem Seegang hatte, spielte dabei auch keine Rolle. Adelige genossen immer ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit, wenn es um derlei Geschehnisse ging. Verübeln würde sie es keinem, aber genießen musste sie es deswegen noch lange nicht.
    Letztlich widerstandslos ließ die Bretonin Kolja gewähren, als er sie mit sanftem Druck am Arm zum Gehen bewegte. »Wir sin‘ bald da, keine Sorge«, rief ihnen Domek nach, dann stiegen sie auch schon die Stufen zum Hauptdeck hinab und waren außer Hörreichweite des Kapitäns. »Lass nicht zu, dass sie sich wieder die Münder zerreißen«, murmelte Amelia und hielt an der Tür, die unterhalb des Kapitänsstands ins Innere des Kahns führte, inne. Eine Hand gegen das glitschige Holz gestemmt, beugte sie sich mit hängenden Schultern nochmals über den Eimer und stellte ihn schließlich ab, als sie sich einigermaßen sicher fühlte, dass kein neuerlicher Würgreflex die Kontrolle über sie übernahm.
    »Das werden sie gewiss nicht, Herrin. Dazu gibt es keinen Grund«, beschwichtigte der Soldat und öffnete den Durchgang für sie, ließ sie passieren und schloss ihn anschließend. Warmer Laternenschein flutete den dahinterliegenden Flur, das Quietschen der im Wellengang schwingenden Lichtquellen erfüllte die klamme Luft. Abgesehen von der Kapitänskajüte und einem Besprechungsraum fand sich hier oben allerdings nichts. So führte ihr Weg eine schmale, knarrende Stiege hinab, aber selbst die schweren Schritte Koljas gingen im ewigen Ächzen der Spanten und Balken unter, während sich der Rumpf zumindest gefühlt noch deutlich stärker hob und senkte, als er es zuvor an der frischen Luft getan hatte.
    Der erbarmungslose Schwindel, der die Adelige in diesen beengten Verhältnissen immer befiel, ließ auch nicht lange auf sich warten. Eine Hand immer am Arm des Gerüsteten, die andere an einer Wand oder Stützbalken, arbeiteten sie sich langsam durch den Bauch des Kahns. Gelächter und laute Stimmen drangen von vorn zu ihnen durch, doch für sie klangen sie nur wie weitentfernte Echos aus dichtem Nebel. Zu sehr musste sie sich darauf konzentrieren nicht einzuknicken.
    »Wir haben es gleich geschafft«, versuchte ihr der Soldat Mut zu machen, mehr als ein gequältes Zucken der Mundwinkel erhielt er jedoch nicht zur Antwort. Gleich darauf traten sie aus dem Korridor zwischen Küche und dem Lagerraum für Lebensmittel. Auf der vollen Breite des Rumpfes spannte sich vor ihnen der Gemeinschafts- und Schlafraum auf. Die zahllosen senkrechten Balken und Hängematten, die zwischen ihnen baumelten, warfen im flackernden Schein der Laternen wirre Schatten, verbargen einen Teil der ausgelassen miteinander in Gespräche vertieften Mannschaft und boten ihr wenigstens ein gewisses Maß an Sichtschutz. Nur einige Soldaten, die sich selbst in ihren Lagern niedergelassen hatten, bedachten sie mit kurzen, meist eher ausdruckslosen Mienen. Andererseits erkannte Amelia sie auch nicht allzu deutlich und ließ sich von Kolja irgendwo an den Rand und in eine dunklere Ecke bugsieren.
    »Ohje, Herrin, seid Ihr wohlauf?« Es war Jela, ihre Zofe, die aus dem Nichts auf die Beiden zugestürzt kam.
    »Die See«, erklärte der Hauptmann an ihrer Statt und blieb vor zwei leeren Hängebetten stehen, die in zwei Etagen zwischen Balken schwangen. »Hier, für Euch.«
    »Ich glaube, der Herr Val Nurinia wünschte nochmals mit Euch zu sprechen, Hauptmann«, wandte sich Jela an den Gerüsteten, der sich daraufhin nickend abwandte. Eigentlich wollte ihm die Bretonin noch ihren Dank bekunden, doch jedes Öffnen des Mundes hätte ihre Selbstbeherrschung durchbrochen und den unterdrückten Brechreiz befreit. Ihre gut genährte Bedienstete, die bald ihre vierzig Sommer zählen mochte, half Amelia noch während sich ihre Gedanken träge von Kolja lösten dabei, den schweren Umgang abzulegen und befreite sie anschließend noch vom rubinroten Seidentuch um ihren Hals. Erst danach stützte die Gehilfin die Adelige und stabilisierte sie, als sie drohte das Gleichgewicht zu verlieren und noch bevor sie lag aus der Hängematte zu fallen.
    Auf der Seite liegend schloss sie die Augen. Als hätte sie deutlich zu viel getrunken, spielte ihr Gleichgewichtssinn Streiche – deutlich zu viel getrunken und als hätte sie anschließend noch einige schnelle Runden auf dem Fleck gedreht. Es half nichts, sie musste die Augen öffnen, wollte sie einigermaßen die Kontrolle über das Karussell in hinter ihrer Stirn behalten. Die in Falten liegenden Züge ihrer Zofe tauchten im verschwommenen Sichtfeld auf, als diese sich vor sie kniete. »Braucht Ihr noch etwas, Herrin?«, wollte sie wissen, erhielt aber nur zu einem Strich zusammengepresste Lippen als Antwort. »Wasser? Ein Eimer?« Unfähig eine Antwort zu geben, nickte Amelia einfach. »Kommt sofort«, erwiderte Jela und erhob sich. »Aber zunächst, machen wir es Euch noch bequem«, setzte sie nach und legte etwas Schweres über sie. Als weiches Fell ihre unbedeckte, von der Kälte noch immer überempfindliche Wange streifte, erkennte sie ihren Umhang. Groß genug, um bei leicht angezogenen Beinen als Decke fungieren zu können, wärmte er sie nahezu augenblicklich. Kurz darauf schob die Dienerin noch ein Stoffbündel unter Amelias Haupt. Dem dezenten Duft nach Minze und dunklen Rotschimmer am Rand ihres Sichtfeldes nach zu urteilen handelte es sich um ihren Seidenschal.
    »Ich bin gleich zurück«, verkündete Jela schließlich und verschwand mit eiligen Schritten. Allein zu sein empfand Amelia in diesem Moment trotz der Fürsorglichkeit als Segen und seufzte leise, schloss gleich darauf aber erneut den Mund, als es ihr sauer aufstieg. Kurzerhand drehte sie sich auf die andere Seite und starrte gegen die graubraune Bretterwand der abgegrenzten Küche. Wenn sie schon hier in der Nachtstatt eines anderen ruhte, von allen einsehbar und ungeschützt, dann sollten sie wenigstens nicht in ihr von Übelkeit verzogenes Gesicht sehen können. Dieses letzte Bisschen Würde wollte sie sich dann doch noch bewahren. Die Kapuze ihres Umhangs halb über den Kopf gezogen, vergrub sie sich noch etwas tiefer in der rauen Wolle der Hängematte und zog die Beine weiter an, bis gerade so noch die in Stiefeln steckenden Füße hervorschauten. Immerhin das Schaukeln ließ etwas nach, obgleich sie das Schwingen der Matte noch immer deutlich spürte und beim Knirschen der Stricke fürchtete, sie könnten reißen.
    Eine Weile lauschte Amelia auf das Knarzen des Schiffrumpfes, ließ sich von dem fast rhythmischen Stöhnen des Holzes beruhigen. Überrascht musste sie feststellen, dass es sogar ausgesprochen gut funktionierte. Irgendwann verblassten die Geräusche, verschwanden in den Hintergrund und schwiegen letztlich sogar gänzlich. Auch die Gespräche und von ausgelassener Stimmung zeugenden Geräusche aus den anderen Teilen des großen Raumes verschwanden bis es totenstill wurde. Der Schwindel in Kopfschmerz umgeschlagen, schreckte das Gefühl, aus irgendeinem Grund plötzlich allein im Bauch der Herz des Gerechten zu sein, die Adelige aus ihrer Ruhe. Mit rasendem Herzen und unangenehmen Ziehen im Bauch drehte sie sich auf die andere Seite und sah sich um.
    Niemand. Sie wollte rufen, doch blieben ihr die Worte im Hals stecken. Nicht ihr Onkel, nicht ihre Zofe, weder Kolja, noch sonst jemand war in Sicht. Die zuvor noch belegten, nahen Hängematten fand sie nun verlassen vor, still zwischen den Balken hängend, als hätte schon lange niemand mehr in ihnen gelegen. Eisige Nervosität, ein schmerzhaftes Summen in den Eingeweiden, breitete sich in ihr aus, zwang sie aber gleichzeitig dazu, aufzustehen und sich weiter umzusehen. Die zahlreichen Laternen leuchteten ihr den Weg, führten sie zu den langen Tischen, an denen sie für gewöhnlich für die spärlichen Mahlzeiten gemeinsam saßen, und glühten doch merkwürdig kalt, als handele es sich nur um verlorene Irrlichter in morgendlichem Ufernebel.
    Kein Ton entwand sich ihrer Kehle, nur das eigene Blut rauschte in ihren Ohren und ihr rasselnder Atem durchbrach die seidene Stille. Ob sie sich an Deck aufhielten? Amelia wusste es nicht, würde es aber herausfinden und lief eilig zum hinteren Ende des Schiffs. Das Pochen in den Schläfen verstärkte es nur, doch das versuchte sie so gut es ging zu ignorieren. Hastig nahm sie zwei Stufen auf einmal, erklomm die schmale Stiege, die es nicht einmal schaffte zu knarren, so schnell fegte sie hinauf. In plötzlicher Zuversicht und leichter Vorfreude schritt sie auf die Tür zum Oberdeck zu und stieß sie auf. Augenblickliche Schwere begann sie zu erfassen und sie zu erdrücken, als ihre Erwartungen und Hoffnung enttäuscht wurden. Niemand hielt sich hier auf, noch immer war sie allein, und noch dazu hielt eine merkwürdig diffuse Dunkelheit Masten, Segel und Takelage gefangen. Tanzende Lichtschimmer glitten wie gierige Finger über sie hinweg, tasteten sie ab und überließen sie letztlich doch der Finsternis.
    Ein Blick nach oben versetzte die Bretonin dann in blankes Entsetzen, dass ihr der Mund offen stehen blieb und das Herz einen Moment aussetzte. Das Tageslicht zerstreute sich schimmernd und funkelnd über ihr, als befände sie sich unter Wasser. Noch während ihr dieser Gedanke kam, blieb ihr die Luft weg und erhöhte sich der Druck auf ihre Lungen ins Unermessliche. Waren sie gesunken und sah so ihr Jenseits aus? Nein, das konnte nicht sein! In Wut blubbernd Luft ausstoßend drückte sich Amelia vom hölzernen Grund ab und begann wild paddelnd zur Oberfläche zu tauchen, das Herz in der Brust zerspringend. Doch wirklich weit sollte sie nicht kommen. Hart stieß sie etwas von der Seite an, ließ sie herumfahren und im stummen Schrei den Mund aufreißen. Sie starrte in das weit aufgerissene Maul eines Hais, das gerade zuschnappte, als der Meeresräuber mit seinem Unterkiefer gegen ihre Schulter stieß. Gefroren im Schock kniff sie die Augen zusammen.
    Mit dem nächsten Lidaufschlag blickte sie von unten auf die graubraune Wolle der Hängematte über ihr. Wieder berührte sie etwas an der Schulter und noch immer in heller Aufregung und Panik vom Haiangriff zuckte die Adelige zurück. »Seid Ihr wohlauf, Herrin?«, vernahm sie die weiche, sorgenvolle Stimme ihrer Zofe, die sich erst allmählich aus der verschwommenen Umgebung pellte.
    »J-ja«, stammelte Amelia und rieb sich den kratzenden Schlafsand aus den Augenwinkeln. »Nur ein Traum«, erklärte sie und verdrängte die plötzlich absurd erscheinenden Bilder möglichst schnell aus ihrer Erinnerung, machte Platz für helle Erleichterung.
    »Jetzt ist er vorbei«, lächelte die Dienerin sie an. »Doch verzeiht, dass ich Euch wecke.« Jela nahm ihre Hand von Amelias Schulter.
    »Was gibt es denn?« Müde und doch glücklich seufzend richtete sie sich in der Hängematte auf und ließ die Füße seitlich heraushängen, zog sie jedoch zurück, als sie auf irgendetwas großes und robustes trafen. Animalisches Schnaufen quittierte ihr Ungeschick und gleich darauf tauchte der massige Kopf eines großen, wolfsähnlichen Hundes auf. Weißgraues, weiches Fell zierte das Haupt um die gelbbraunen Augen und die schwarze Nase. Rasvan. Glücklich dreinblickend ließ er die Zunge zwischen den spitzen Eckzähnen aus dem Maul hängen und hechelte ihr entgegen.
    »Wir sind gleich da«, erklärte unterdessen die Zofe als ihre Herrin sich vorbeugte, ihrem treuen Haustier, einer Kreuzung aus Eiswolf und Schäferhund, durch das Fell strich und ihm einen dicken Kuss zwischen die Augen setzte. Erst in diesem Moment, als sie die Füße fest auf den Boden des Decks setzte, bemerkte Amelia, dass sich der Kahn nicht mehr von Wellen gebeutelt hob und senkte. Erleichtert schlang sie die Arme um den großen Halbwolf, der zwar die Statur und großteilig das Äußere seiner wilden Mutter besaß, aber das treue Gemüt seines Vaters geerbt hatte.
    »Sehe ich schrecklich aus, Jela?«, wollte sie letztlich wissen, ohne die Augen zu öffnen oder ihr Haupt von Rasvan zu lösen. Die Benommenheit und der Schwindel, die mit der Seekrankheit einhergingen, hielten noch immer an ihr fest, wehrten sich dagegen, abgeworfen zu werden.
    »Nicht, wenn ich mit Euch fertig bin«, erwiderte die Dienerin und zauberte der Adeligen das erste echte Lächeln seit einer gefühlten Ewigkeit auf die Lippen.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar(iger_ZA) (11.04.2015 um 10:43 Uhr)

  4. #84

    Himmelsrand, Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    Eorlund hatte seine Schmiede längst verlassen und in der wiederkehrenden Eiseskälte wagte sich kaum noch jemand vor die Türen des eigenen Heims. Auch der Übungsplatz stand verlassen, als ihn die Kaiserliche überquerte und einen kurzen Blick auf die sich in Graustufen abzeichnenden Holzplanken warf, die noch am Vormittag zum Üben mit Olen gedient hatten.
    Im Schutz der einbrechenden Dunkelheit kletterte die Wölfin durch die Dachluke zurück ins Gildenhaus. Das helle Kerzenlicht brannte ihr wie erwartet in den empfindlichen Augen, der Duft des Wachses kroch ihr in die Nase und schien sie zu verkleistern. Wenigstens vernahm sie keine außerordentlich lauten Geräusche, ausgenommen des schweren Atmens des Gefangenen, der wimmernd und zitternd auf seinem Stuhl hockte. Ein kurzer Seitenblick verriet Vesa, dass die Kommode noch immer genau so vor der Tür stand, wie sie sie zurückgelassen hatte. Erleichtert schüttelte sie das triefend nasse Fellkleid aus, in dem sich das kalte Wasser des Teiches festgesetzt hatte, in dem sie stets nach einer Jagd badete. Die eisigen Tropfen, die sie durch den Raum sandte, schienen letztlich auch das Mitglied der Silbernen Hand darauf aufmerksam zu machen, dass er nicht mehr allein war.
    Heftig zuckte er in sich zusammen, dass sein Stuhl verrückte und sie ihm ein bestialisches Grinsen mit gefletschten Zähnen schenkte. Von der Jagd gesättigt verspürte sie in diesem Moment jedoch kein Bedürfnis danach, ihm noch weiter Angst einzuflößen. Stattdessen knurrte Vesana lediglich leise und ließ sich im Rücken des Kerls, nahe ihrer Kleidung, auf dem Boden nieder. Gerade schloss sie die Augen, da schreckte sie das Knarzen Tilmas Bettes hoch. Die Ohren senkrecht und den Kopf gehoben, lauschte sie in die Kammer hinein. Hatte sie jemanden übersehen? Unmöglich. Und dennoch hörte sie eindeutig langsame, schwere Schritte näherkommen.
    »Bist Du stolz auf Dich?« Die raue, trübe Stimme des Herolds zerriss das Seidentuch der Spannung, das sich über sie gelegt hatte. Grollend stand die Wölfin auf und blickte von unten zu dem Grauen hinauf, als er schließlich neben dem Raumteiler stehen blieb. Auf seinen faltigen Zügen zeichnete sich Sorge ab und seine Augen funkelten mit glasiger Enttäuschung. Vesa zog die Lefzen zurück, es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass er sich hier aufhielt. »Tu nicht so überrascht, ein Wolf weiß wie er sich an seine Artgenossen anschleichen muss«, tadelte er und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn Du etwas sagen willst, schlage ich vor, dass Du wieder zum Mensch wirst und dieses Tier schlafen schickst. Ansonsten höre mir einfach zu.«
    Schnaufend starrte die Jägerin den Alten einen Moment lang an, dann wandte sie sich ab und versuchte den Wolf aus ihrem Verstand zurückzudrängen. Das Jagdfieber, die Lust nach Blut und Fleisch. Als versuchte sie die Erregung mitten im Spiel der Liebenden niederzuringen. Keine leichte Aufgabe, die für gewöhnlich der Schlaf des Gesättigten übernahm. Einzig der volle Magen half ihr dabei und nach einigen lang erscheinenden Augenblicken zog sich schließlich ihr Fellkleid zurück, hellte sich ihre Haut auf. Die langen Klauen schrumpften zu menschlichen Fingernägeln und bald darauf spürte sie ihr wild fallendes, offenes Haar auf den bloßen Schultern. Mit dem Rücken stand sie zu Kodlak und begann in Ermangelung eines Kamms mit den Fingern die feuchten Strähnen zu ordnen. Letzte Perlen kalten Wassers rannen ihr über die nackte Haut vom Nacken hinab bis zum Gesäß, von den Brüsten bis zum Nabel oder auch noch weiter. Es kitzelte sie empfindlich, doch unterdrückte gleich darauf der aufkeimende Zorn über den Eindringling jedes Gefühl von Annehmlichkeit.
    »Danke«, bewegte sich der Graue nach einigen Momenten des Schweigens schließlich zu einer Bemerkung. »Vesa, ich weiß, wie …«
    Die Kaiserliche hob die Linke über die Schulter und streckte den Zeigefinger aus. Sofort brach Kodlak ab. »Nicht hier.« Den langen Schopf einigermaßen ausgekämmt, warf sie ihn in den Rücken und begann damit sich anzukleiden. Kurz darauf schritt sie an dem alten Nord vorüber, warf ihm einen verbitterten Blick zu und begann damit die Kommode vor der Tür in ihre eigentliche Position zurückzuschieben. Im Anschluss verließen sie Beide die Kammer und suchten sich, weitestgehend unbeachtet von den übrigen Mitgliedern der Gefährten, ein dunkles Eck in der Haupthalle.
    »Ich weiß, wie Du Dich fühlst«, wiederholte der Alte, als sie endlich saßen. Die Kaiserliche starrte an ihm vorbei und beobachtete stattdessen einige Welpen am Tisch, die gelegentlich verstohlen einen Blick zu ihnen warfen und betreten in eine andere Richtung blickten, als Vesa sie erwischte.
    »Tust Du das?«, fragte sie zurück und presste die Lippen aufeinander. Vilkas kam gerade die Treppe aus dem Keller hinauf und blieb an ihrem oberen Ende stehen. Kurz sah er sich um, bis seine Augen auf dem Herold und der Kaiserlichen ruhen blieben. Er wirkte, als überlegte er zu ihnen zu kommen, entschied sich wohl aber dagegen und setzte sich stattdessen neben die Welpen an den Tisch.
    »Du bist wütend, zornig. Verständlich, nachdem wir Dich außenvorgelassen haben.« Eine milde Untertreibung, obgleich ihr die Worte fehlten, ihrer Rage Ausdruck zu verleihen. »Und sicherlich auch enttäuscht.« Oh ja. »Nach all der Zeit, die er verschwunden ist, hast Du immer noch Hoffnung, er könne am Leben sein. Ich erlaube mir kein Urteil, ob dies gut oder schlecht ist.« Kurz verstummte er. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er ihr versuchte ein Lächeln zu schenken, doch prallte es an ihr ab wie Kiesel an einem Schild. »Wir … ich … habe wohl unterschätzt, welche Wirkung ein Gefangener vom Schlage desjenigen in unserem Hause auf Dich haben würde. Wie Du Vilkas bereits sagtest, hatten wir kein Recht, es Dir vorzuenthalten. Dafür entschuldige ich mich«, redete Kodlak weiter und zum ersten Mal richtete sie ihren Blick nur auf ihn.
    Feine Fältchen zierten seine Augenwinkel, obgleich das Lächeln, das sie hervorrief, nicht von Freude zeugte. Traurigkeit spiegelte in seinen Augen, nur ansatzweise durchbrochen von aufkeimender Erleichterung, nicht völlig gegen eine Wand zu reden. Sie würde ihm verzeihen, mit der Zeit, nicht jetzt, vielleicht nicht morgen, aber bald. Das wusste er, kannte er sie doch gut genug. Trotzdem schwieg Vesa ihn weiter an, die Lippen zu einem dünnen Strich verengt und die Gesichtsmuskeln hart wie Stahl verkrampft.
    »Aber verrate mir eines: Denkst Du, es hat sich gelohnt von Hass und Zorn gelenkt, auf eine Stufe mit denen zu steigen, die wir zu unserem Feind haben?«
    Sie wusste, was er versuchte zu erreichen. Die Kaiserliche sträubte sich noch mit allen Mitteln dagegen, so etwas wie Reue zu empfinden. Wütend auf Kodlak und die anderen zu sein, half ihr dabei. Aber das würde bald verfliegen und die Furcht, der Gefangene könnte trotz allem weiterhin schweigen, mochte nur allzu bald Schuld und Bedauern in ihr aufkeimen lassen. Selbst zum Kriminellen geworden, gab es nur noch wenig, dass sie von diesem Bastard in der Kammer unterschied, sollte ihre Methode keine Ergebnisse produzieren. »Er wird reden«, wich sie der Frage des Alten aus. Der nickte lediglich, wohl wissend, was in ihr vorging.
    Kommentarlos erhob sich Vesana, warf einen letzten Blick in Kodlaks sorgenvolles Antlitz, dann überließ sie ihn sich selbst. Von der Jagd gesättigt, verspürte sie wenig Lust darauf, sich am Tisch mit Vilkas und den Welpen niederzulassen. Letztere senkten in ihrer Gegenwart die Häupter, nur das Zirkelmitglied verfolgte sie mit den Augen, blieb ansonsten jedoch stumm, als sie zügig vorüberging. Kurz darauf eilte sie die Stufen in den Keller hinab und verschwand in ihrer Kammer.
    Erst dort ließ die Anspannung von ihr ab und plötzlich kraftlos sackte sie auf die Knie nieder. Gerade so schaffte sie es die Tür ins Schloss zu drücken, bevor es geschah. Tiefes, missmutiges Grummeln entstieg ihrer Kehle und in glühender Wut, die ihr das Herz schneller schlagen ließ, schlug sie mit der Faust gegen die nahe Anrichte. Einmal, zweimal, so oft bis ihr die Knöchel schmerzten. Dicke Tränen rannen ihr über die Wangen, Hoffnung, Zorn und Verzweiflung rangen in ihr um die Vorherrschaft, legten ihre Eingeweide in Asche und raubten ihren Muskeln die Kraft. Widerstandslos sackte sie auf das zwischen dem Fußende des Bettes und der Kommode ausgebreitete Schneesäbelzahnfell, vergrub die Finger im weichen Flaum und rollte sich auf die Seite.
    So harrte die Kaiserliche aus, bis es an der Tür klopfte und sie aufschreckte. Hastig griff sie sich einen Kupferkamm aus einer Schublade der Anrichte, wischte die getrockneten Tränen mit dem Ärmel der Tunika aus dem Gesicht und begann damit, ihr Haar zu ordnen. »Ja?«, rief sie schließlich.
    »Ich bin’s.« Aelas Stimme drang durch die Tür.
    »Komm rein.«
    Die rothaarige Nord trat ein, Vesas Jacke und Handschuhe über einem Arm. »Skjor meinte, das wären Deine Sachen.«
    »Sind sie, danke.« Ihr Gast legte sie auf das Bett, blieb anschließend jedoch stehen und verließ das Zimmer noch nicht. Vesana hielt in ihren Bewegungen inne und wandte sich der Nord zu.
    Einen Moment lang schwiegen sie sich an, doch war es Aela, die schließlich die Stille zerriss. »Ich habe von Vilkas gehört, was passiert ist. Falls es Dir etwas bedeutet, ich war von Anfang an dagegen, es Dir nicht zu sagen«, erklärte sie und die Kaiserliche fuhr damit fort, sich das Haar zu kämmen. »Skjor ebenfalls. Vilkas und der Alte hatten ihre Zweifel, Farkas hat sich seinem Bruder angeschlossen.« Vesa neigte kaum merklich das Haupt, unschlüssig, was sie von den Worten der Nord halten sollte. »Was ich damit sagen möchte: Ich glaube, Du hast das Richtige getan – und sollte der Mistkerl reden und Dir etwas nützliches verraten, Du kannst auf meine Unterstützung zählen.«
    »Danke«, flüsterte die Jägerin, unfähig die Stimme zu heben. »Er weiß etwas, ganz sicher«, setzte sie nach kurzem Zögern fort. »Er war da, als Darius mit seinem alten Rudel eingefallen ist, er kann sich an die Ereignisse erinnern. Ich glaube auch, dass er Darius direkt kennt, wenigstens vom Sehen.«
    Aela nickte und trat einen Schritt auf sie zu. Einen Augenblick verharrte sie so, dann legte sie der Kaiserlichen eine Hand auf die Schulter. »Dann bringen wir ihn zum Reden«, bekräftigte die Nord, nickte Vesa zu und verließ anschließend deren Zimmer. Mit der Tür im Schloss, warf sie den Kamm achtlos auf die Kommode, schlug die Hände vor das Gesicht und brüllte ihren Frust gegen die Handballen, dass es kaum mehr als ein animalisches Stöhnen war. Ein schneller, unüberlegter Tritt gegen den Bettpfosten, sandte heiße Flammenzungen durch ihren Fuß und lüftete den Schleier der Wut wenigstens ein Stück.
    Schleifend die Luft einsaugend, gewannen ihre Gedanken einen Teil ihrer Klarheit zurück. Sie wollte sich selbst zur Geduld mahnen, in Erinnerung rufen, dass es eine Weile dauerte, bis ihre Druckmittel bei dem Gefangenen Wirkung entfalten mochten. Doch Geduld war etwas, dass sie nach all der Zeit, die Darius inzwischen verschwunden war, nicht mehr aufzubringen vermochte. Sofort wollte sie wissen, ob ihn die Silberne Hand dahingerafft hatte und wenn ja, wo seine Leiche lag. Oder ob er vielleicht doch noch lebte, nach all der Zeit. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, das er derart lange in Gefangenschaft überlebt hätte. Und dennoch wusste Vesa auch, dass all das Auf- und Ablaufen, all das Fluchen und zornige Schlagen gegen Möbel nichts daran änderte, dass sie warten musste.
    Letztlich raffte sie sich dazu auf, ihre Jacke und Handschuhe zusammenzulegen und auf der Kommode zu deponieren. Vielleicht würde es ihr helfen, zu lesen. Das Buch über Dwemer stand noch immer angebrochen in ihrem Schrank. Obgleich sie wenig Hoffnung hegte, dass es funktionierte, legte sie sich mit der Lektüre auf ihr Bett und begann zu blättern.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (07.03.2015 um 11:33 Uhr)

  5. #85

    Himmelsrand, Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    »Ist die Angelegenheit, die Dich gestern Nachmittag beschäftigt hielt, geregelt?«, fragte Olen, als er an der Seite der Kaiserlichen im güldenen Schein der ersten Sonnenstrahlen auf den Übungsplatz trat. Die klare Nacht hatte Luft und Land nochmals stärker auskühlen lassen, weiße Eiskristalle zierten Stein und Erde, fixierten die Steppen in endlosem Funkeln.
    »Noch nicht. Aber bald«, entgegnete Vesa und betrat als erste den unverändert vor ihnen liegenden Steg. Die Kapuze lag zum Schutze der Ohren über ihrem Haupt, die Haare hatte sie in einen Knoten an den Hinterkopf hochgesteckt. Nach all den Tagen der Wärme fühlte es sich beinahe wie Solstheim an, es fehlte lediglich der Schnee. Bei dem Gedanken an die Insel schüttelte es sie, aber wenigstens lenkte er sie von den näherliegenden Dingen ab, die ihr Schlaf und Ruhe raubten. Aela hatte es ihr nahegelegt, die Ausbildung Olens fortzuführen, und angeboten über den Gefangenen zu wachen. Zweifelsohne eine gute Idee, die frische Luft und Bewegung würden ihr guttun.
    »Wiederhole noch einmal, was wir gestern Vormittag besprochen haben«, wies Vesana den Nord an als sie ihre Übungswaffe zog.
    »Schläge sind grundsätzlich berechenbar, sobald sie einmal begonnen wurden. Ich muss mir also etwas einfallen lassen, um meinen Gegner zu überraschen und zu überwältigen«, resümierte er und erntete ein müdes Nicken. »Es gibt verschiedene Attribute, die mir im Kampf helfen und zwischen denen ich den Schwerpunkt wechseln sollte. Stärke, Schnelligkeit und … Geschicklichkeit. Sofern diese den Kampf nicht entscheiden können, muss ich auf bessere Ausdauer vertrauen.«
    »Gut, gut. Und weiter.«
    »Sich in seinem Umfeld besser auszukennen als die Gegner ist unbezahlbar.« Immerhin sein Gedächtnis schien allmählich in Fahrt zu kommen. Natürlich stellte sich die Frage, ob er es auch verinnerlicht hatte, aber das wollte sie früh genug auf die Probe stellen. Zunächst standen noch ein paar letzte technische Lektionen an, erst danach würden sie in die Wiederholungen gehen. »Jeder muss seinen eigenen Stil und die richtige Balance finden.«
    »Im übertragenen und wörtlichen Sinne, ja«, bestätigte Vesa und hob die Spitze ihrer Waffe. »Am wörtlichen Sinne arbeiten wir heute.« Es folgte ein schneller Schlagabtausch, der mit ihm auf den gefrorenen Brettern endete. »Wir sind gestern nicht mehr dazu gekommen, aber ich hoffe, Du hast die Zeit genutzt darüber nachzudenken.«
    »Über was?« Der Nord rappelte sich auf und klopfte sich lose Eisflocken von der Jacke.
    »Die Frage nach dem Warum von vorgestern.«
    »Ah, richtig.« Abermals tauschten sie Hiebe aus und erneut brachte sie Olen zu Fall.
    »Also?«
    »Du hast den Schwerpunkt sehr zentral unter Deinem Körper, überwiegend auf einem Bein.«
    »Soweit richtig. Aber das ist nur eine Beobachtung, welche Folgen hat das?«
    »Dein anderes Bein ist frei?« Der Blondschopf zog die Augenbrauen hoch und schaute sie aus großen Augen an. Gleichzeitig hob er aber auch sein Schwert und signalisierte Bereitschaft zum Kampf.
    »Richtig. Und dadurch habe ich ein zusätzliches Gegengewicht, sollte sich mein Schwerpunkt oberhalb der Hüfte verschieben. Es hat außerdem einen nützlichen Nebeneffekt, den Du ebenfalls beobachten durftest«, erwiderte Vesa und führte einen hohen Schlag gegen seinen Kopf. Er blockte, trieb ihre Klinge nach unten und versuchte es mit einem Fausthieb gegen ihre Schulter. Sie wich aus, bekam ihre Waffe frei und zog sie ihm quer über den Bauch.
    »Dass ich Dir das Bein nicht wegziehen konnte«, bemerkte er und schien von seiner Erkenntnis erstaunt zu sein.
    »So ist es. Mein komplettes Gewicht lastet auf meinem Fuß, das musst Du erst einmal mit einem einfachen Tritt aushebeln«, bestätigte sie. »Nicht so leicht.« Er nickte. »Allerdings«, mahnte sie während sie ihre Ausgangsposition einnahm, »gilt das nur solange, wie ich stationär bin. Kämpfe erlauben es selten, an einer festen Position zu verharren, wie Du sicherlich bemerkt hast.«
    »Stimmt. Was nützt es mir dann?«
    »Vorerst, dass Du Standfestigkeit gewinnst. Wenn Du Dein Gleichgewicht gefunden hast, können wir darauf aufbauen und komplexer werden. Wir werden nicht immer auf Brettern fechten.«
    »In Ordnung. Ein Bein?« Olen schaute zu seinen Füßen hinab und verlagerte deutlich sichtbar das Gewicht auf sein rechtes Bein. Er schwankte und breitete die Arme aus. Er wirkte wie ein Pendel, das immer in die entgegengesetzte Richtung schwang, sobald er sich zu sehr in eine Richtung neigte. Sehr wackelig und instabil, aber er würde schon noch den Dreh herausbekommen. Sicherheitshalber machte sie es noch einmal vor, tippte die Zehenspitzen des linken Fußes nahe der Ferse auf das Brett, legte die Arme an und hielt ihr Schwert somit auch nahe der Hüfte. Der Nord versuchte, ihrem Beispiel zu folgen.
    »Gut, bleib so.« Langsam nähere sie sich ihm und blieb letztlich vor ihm stehen. Ohne Vorbemerkung hieb sie ihm die Faust gegen die rechte Schulter. Sofort und reflexartig spreizte er die Arme und das unbelastete Bein ab. »Sehr gut.« Sie wiederholte es mit der anderen Seite und provozierte ein ähnliches Ergebnis.
    »Ich mache kaum etwas, das kommt … so selbstverständlich«, versuchte sich Olen zu erklären. Die Jägerin wusste nur zu genau wovon er sprach.
    »Instinkte. Dein Körper hat ein natürliches Bedürfnis im Gleichgewicht zu bleiben. Das Gefühl des schmalen, wackeligen Bretts hat den Hauch von Gefahr, nicht? Du spürst das leichte Glucksen des Herzens, jedes Mal, dass Du stürzt, als fürchte Dein Geist in einen tiefen Abgrund zu fallen«, erläuterte sie.
    »Ja, ja! Genau so!«, bekräftigte ihr Auszubildender mit vehementem Kopfnicken.
    »Bekomme ein Gespür für die Muskeln, die Dir dabei helfen Dein Gleichgewicht zu behalten. Von Zehen über die Knöchel bis hinauf in den Nacken oder Finger. Wenn Du das geschafft hast, können wir die Bretter verheizen.« Ansatzlos schlug Vesana ihm den Handballen auf das Brustbein und drückte so seinen kompletten Oberkörper nach hinten. Zwar versuchte er das hintere Bein als Stütze zu benutzen, doch kam der Schlag zu schnell und unvorbereitet für ihn. Taumelnd trat er fehl und fiel abermals zu Boden. »Doch bis dahin mag es noch eine Weile dauern«, goss sie Öl in das Feuer seines zweifelsfrei verletzten Stolzes.
    Schnaufend stand er auf, putzte sich und hob bestimmt das Schwert. »Werden wir sehen«, verkündete er unverhofft kampfeslustig. Die Kaiserliche runzelte überrascht die Stirn, bereitete sich aber im selben Moment auf einen neuen Schlagabtausch vor. Der folgte prompt. Olen setzte vor, hieb von oben und traf ihre Klinge. Mit derselben Bewegung drehte sich Vesa ein und rammte dem Nord die Schulter vor die Brust dass er nach hinten stolperte. Allerdings fiel er nicht, was sie dünn lächelnd zur Kenntnis nahm. Im Anschluss folgte ihr Konterangriff. Ein waagerechter Schnitt auf Hüfthöhe, den er so ablenkte, dass die Spitze ihres Schwertes an ihm vorbeisauste ohne ihn zu treffen. Bevor er sich von dem Schlag gegen seine Klinge erholte, zog die Jägerin ihre Waffe bereits zurück und legte sie ihm an den Hals. Er verbesserte sich durchaus schnell, was die grobe Motorik anbelangte. Aber die Feinheiten und die Geschwindigkeit fehlten ihm noch. Das würde nur langes Üben ändern.
    »Wie lange hast Du Dir vorgestellt, soll Deine Inanspruchnahme der Dienste der Gefährten – meiner Dienste – dauern?«, fragte sie deshalb und behielt gleichzeitig auch den Auftrag Kodlaks im Hinterkopf.
    »Solange wie es eben dauert«, gab er ohne Zögern zurück.
    Vesa stutzte kurz, während sie ihm den Rücken kehrte und zum Ende des Stegs lief. »Die Ausbildung zu einem guten Schwertkämpfer kann Monate oder auch Jahre dauern, bis dahin könnten die Räuber verschwunden oder Dein Dorf ruiniert sein«, gab sie zu bedenken und wandte sich ihm zu.
    »Nicht im Winter«, erklärte er. »Da lassen uns die Banden, oder besser die größte Bande, in Ruhe. Haben wohl keine Lust sich die Zehen abzufrieren. Deswegen bin ich hier.«
    »Verstehe. Woher nimmst Du das Geld für die Ausbildung zu bezahlen?«
    Betreten wirkend senkte Olen den Blick und die Lider, harrte einige Herzschläge lang so aus, und richtete seine Augen anschließend mit neuem, in ihnen funkelndem Feuer auf die Kaiserliche. »Meine Mutter«, begann er, »hat mir einigen wertvollen Familienschmuck gegeben, den wir versteckt hatten. Den habe ich verkauft. Ich bleibe also solange wie das Geld reicht, spätestens bis zum Frühjahr.«
    »Dann sehen wir zu, dass die Zeit gut genutzt wird«, bekräftigte sie und ging fließend in den Angriff über. Gerade rechtzeitig hob Olen seine Waffe, um ihren ersten Hieb abzulenken. Doch folgte ein schneller, tief geführter Schnitt über die Oberschenkel und ein Stich gegen den Bauch, die er zwar versuchte abzuwehren, aber stets zu langsam dafür war. »Und Du gewöhnst Dich besser daran, immer zu verlieren, Frust und Wut produzieren selten Kampfgeschick«, mahnte sie.
    Und sie produzierten selten auch sonst irgendwelche ausgegorenen Pläne, erinnerte sie sich selbst, schüttelte gleich darauf allerdings den Kopf. Sie würde sich nicht schlecht fühlen, diesen Triumpf wollte sie dem Abschaum im Hinterzimmer nicht gönnen. Für einen kurzen Moment schloss die Kaiserliche die Augen und atmete tief durch. Das nervöse Zittern in den Fingern versuchte sie durch festeren Griff um ihre Waffe und das Ballen zur Faust zu unterdrücken. Unfassbar, wie schnell sie sich selbst von der Lehre an Olen in die Fluten ihres eigenen Gefühlschaos zu stürzen vermochte.
    Von ihrer eigenen Wankelmütigkeit gereizt, wandte sie sich von ihrem Auszubildenden ab. »Nochmal von vorn«, wies sie ihn an und das Spiel begann erneut. »Was sind das für Räuber, die Dein Dorf heimsuchen?«, fragte sie in einer Pause.
    »Mehrere Gruppen, zwei kleine und eine größere, wobei die beiden kleinen für die große arbeiten. Sie wechseln sich immer ab und soweit wir es überhören konnten, toleriert die große Gruppe die kleinen, solange diese ihre Abgaben zahlen«, erklärte Olen und verlor abermals in dem folgenden Duell.
    »Irgendwelche Besonderheiten der Gruppen?«
    »Es sind Menschen. Überwiegend Nord, ein paar Rothwardonen in der einen, ansonsten noch ein paar vom Kaiservolk. Bretonen oder Elfen habe ich keine bei ihnen gesehen, auch keine Tiermenschen.«
    »Und sie stehlen nur eure Habe? Irgendwann müssen sie doch mal alles geholt haben.«
    »Sie stehlen immer nur einen Teil, überwiegend Braugut und Vorräte. Wir sind sowas wie deren Vorratskammer, wenn sie Streifzüge weiter nach Norden planen. Hab gehört, dass sie einige der gängigen Handelsrouten durch die Berge abschirmen. Immer genug, um wehzutun, aber nie so viel, um die Hand des Fürsten in Falkenring zu Taten zu zwingen.« Olen klang zunehmend verbitterter, Wut mische sich in seine anfänglich ausdruckslosen Worte. Es spiegelte sich auch in seinen Schlägen, die er deutlich kraftvoller führte.
    »Das erklärt auch, warum sie euch im Winter in Frieden lassen. Es gibt kaum Lebensmittel zu holen und die Handelsrouten sind vom Schnee blockiert«, schlussfolgerte Vesa und sandte den Nord mit einem Tritt gegen sein Knie zu Boden. Stöhnend nickte er ihre Bemerkung ab. »Wie viele Mitglieder haben die Banden?«
    »Keine Ahnung«, presste er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor, beugte und streckte das Bein, um sicherzugehen, dass nichts verletzt war. »Die kleineren höchstens ein Dutzend, jeweils, wenn überhaupt. Die große … schwer zu sagen. Vielleicht doppelt so viele.«
    »Ziemlich große Gruppen. Sicher, dass es wirklich so viele sind?« Die beiden Übenden wandten simultan die Köpfe zur Seite. Keiner von ihnen hatte Vilkas bemerkt, als er in seinen dicken Mantel aus dunklem Leder und Fell die Stufen hinabgestiegen und am Rand des Übungsplatzes stehen geblieben war.
    »Wie gesagt, ich weiß es nicht sicher. Mehr als vier, fünf gleichzeitig habe ich nie gesehen, aber es sind mehr verschiedene Gesichter«, schüttelte Olen die Überraschung ab.
    Der dunkelhaarige Nord nickte, als hätte er noch wesentlich mehr von ihrem Gespräch mitgehört als nur die letzten Sätze, und wandte sich im Anschluss der Kaiserlichen zu. »Vesa, der Alte und ich haben beschlossen, dass ich in Deiner Abwesenheit die Ausbildung übernehme. Aela hat nach Dir verlangt. Du weißt, warum.« Nahezu demütig neigte er das Haupt vor ihr, als erfülle ihn mehr als nur ein bisschen Reue für die Geschehnisse des letzten Tages.
    Kommentarlos und mit mechanischen Bewegungen reichte die Jägerin dem befreundeten Zirkelmitglied Übungsschwert und Scheide. Noch ehe sich Olen verabschieden konnte, hastete sie die Stufen zur Terrasse hinauf und hörte nichts weiter, als das Rauschen ihres Blutes in den Ohren. Kälte und Frost weggeblasen, stampfte die Kaiserliche auf den Eingang Jorrvaskrs zu und legte mit viel Schwung die Hand auf die Klinge. Donnernd nach unten gedrückt, stieß sie die Pforte auf. »Vesa!«, rief ihr Vilkas nach und sie fror in ihren Bewegungen ein. »Viel Glück.« Ohne zu antworten trat sie ein, schubste einen der Welpen unsanft zur Seite, als er ihr nahe der Feuerstelle im Weg stand, und gelangte schließlich an der Vorratskammer an. Aela wartete auf sie, schwieg jedoch.
    Gemeinsam traten sie ein und verriegelten die Tür. Vesana streifte noch ihre Jacke und Handschuhe ab, dann trat sie hinter den Raumteiler und blickte auf den Haufen Elend vor sich. Die Haut an den Wundrändern im Gesicht und wo sie sie durch die Fetzen seiner fast schwarz verfärbten Kleidung auf der Schulter sah, hatte sich in dunklem Grau eingetrübt. Die Blutung schien gestillt und es wirkte, als wären die tieferen Lagen der Verletzungen ansatzweise verheilt. Schweiß stand dem Gefangenen auf der Stirn, er wimmerte im Fieberwahn und die sonstigen, freien Hautstellen erschienen totenbleich. Deutliche Zeichen dafür, dass der Keim des Wolfsblutes in ihm aufging und ihn testete.
    »Er hat gesprochen?«, wollte die Jägerin schließlich wissen, als sie genug gesehen hatte.
    »Nicht direkt. Er verlangte nach Dir.«
    »So? Hier bin ich.« Ungeduldig schnaufend hob Vesa ihren Fuß und drückte die Sohle auf die Krallenverletzung an seinem Bein. Jaulend hob er das Haupt und riss die Augen auf. Um seine hellbraunen Pupillen hatte sich ein dünner, gelber Rand gebildet. Sein Mund stand leicht geöffnet, die Schneide- und Eckzähne liefen spitzer zu als es üblich gewesen wäre, und die Lippen bebten, durchzogen von dunklen Äderchen.
    »Lass mich …«, setzte er an, brach jedoch ab und schluckte schwer. »Lass mich nicht zum«, er räusperte sich, als seine Stimme in rauem Brummen zu verklingen drohte. »Nicht zum Wolf werden«, bat er und Tränen rannen ihm trotz des Schweißes deutlich zu erkennen aus den Augen.
    »Erst redest Du, dann treiben wir Dir das Wolfsblut aus«, erwiderte Vesana und die sich langsam aufdrängende Reue verklang in den weiten Hallen der Hoffnungen und Erwartungen. Der Wolfsjäger nickte nur und ließ das Kinn schließlich schlaff, kraftlos auf die Brust sacken.
    »Ich habe … den Mann gesehen«, erzählte der Gefangene. »Vor … Kurzem.«
    Der Kaiserlichen setzte das Herz schmerzhaft lange aus und sie spürte, wie sich ihr die Augen weiteten. Schnell ging sie vor dem Abschaum der Silbernen Hand auf die Knie und packte seinen Kiefer, hob sein Antlitz, dass er sie ansehen musste. »Wann und wo genau?«
    Er schloss die Lider und versuchte, sacht das Haupt zu schütteln. »Unwichtig … Er soll als … Sklave nach Cyrodiil … überführt werden. Kräftig der Bursche … selbst im ausgehungerten … Zustand«, antwortete der Kerl mit schwerer Zunge.
    »Also lebt er?«, fuhr Vesa ihn an und verfestigte ihren Griff um sein Kinn. Als ihre Fingerkuppen langsam in die tiefen Schnitte auf seiner Wange eindrangen, sog er hörbar scharf die Luft ein.
    »Ja«, presste er hervor, rang sich aber gleichzeitig ein blutiges Grinsen ab. Trotz all des Schmerzes spiegelte sich noch immer blanke Verachtung in seinen verzerrten Augen. »Soweit wie … Sklaven eben leben.« Schlagartig ließ die Jägerin von ihm ab und fiel nach hinten auf das Gesäß. Dicke Tränen rannen ihr aus den Augenwinkeln hinab über die Wangen, Lippen bebend und die Finger plötzlich kraftlos. Leichtigkeit drehte ihre Eingeweide um und mehr als simples Glucksen brachte sie nicht hervor. Schluchzend hob sie die Rechte und presste sie vor den Mund während ihr der Rotz aus der Nase lief. Nur mit Mühe verhinderte sie, dass sie zur Seite fiel und sie das heftig aufflammende Stechen in den Schläfen übermannte.
    »Wann und über welche Route wird er überführt?«, sprang Aela ins Verhör ein und klang, als befände sie sich auf der anderen Seite eines Wasserfalls. Undeutlich und vom Rauschen in den Ohren verzerrt.
    »Über den Pass … südlich von Helgen«, antwortete das Mitglied der Hand. »Zusammen mit … einigen anderen …«, er legte eine deutlich längere Pause ein, als musste er seinen Mut sammeln, »und wichtigen … Dokumenten und Gütern.«
    »Wann?«, wiederholte die Nord.
    »Die Karren sollten … diese Woche aufbrechen«, antwortete er schließlich und brach glucksend ab. Leises Knurren rollte über Vesas Ohren hinweg und wandelte sich gleich darauf in flehendes Jammern und Schluchzen. »Bitte … das Wolfsblut …«
    Aela hockte sich neben Vesana, die nur langsam und träge aus ihrer Starre brach. Erleichterung und Freude, ebenso wie Schuld, die Hoffnung beinahe aufgegeben zu haben, und die Wut darüber, dass ihr ihre Freunde im Zirkel diese unfassbar wertvollen Informationen hatten verwehren wollen. All das und der überwältigende Schock der Nachricht raubten ihr die Fähigkeit zu sprechen. »Vesa«, eröffnete die rothaarige Nord. »Das gibt uns bestenfalls vier, vielleicht fünf Tage, um nach Helgen zu gelangen und ihnen dort den Weg abzuschneiden.« Nur langsam drang diese Bemerkung in ihren Geist ein und als tauchte sie aus tiefem Wasser auf, eröffnete sich ihr die wichtige Erkenntnis darin: Sie mussten aufbrechen – und zwar sofort.
    Die benebelnden Gefühle plötzlich wie weggeblasen, sprang die Kaiserliche auf die Füße, getrieben von einem rasenden Herz und dem Jucken in den Fingern, Darius nach all der Verzweiflung doch wieder in die Arme schließen zu können. »Pack Deine Sachen«, rief sie Aela über die Schulter zu, als sie sich ihre Kleidung schnappte und aus der Vorratskammer stürmte. Ihr fehlte der Blick für die Leute in der Haupthalle, die sie am Rande nur als glotzende Kühe in abgestandener Sommerluft wahrnahm, aus dem Weg schob und eilig hinter sich ließ. Zwei Stufen auf einmal nehmend, hastete Vesana die Treppe in den Keller hinab, ließ die Tür am Fuße der Stiege offen stehen und preschte in ihr Zimmer.
    Routine übernahm von dort an. Sie wusste, was in ihren Tornister gehörte, was sie packen musste. Medizinische Versorgungsgüter, Jagdmesser, Landkarte, Seil. Zum Schluss die Herzsteinsplitter und ihr Totem, von ihrer Schlafunterlage abgedeckt. Es musste alles mit und schmiegte sich perfekt im Innern des Felleisens aneinander. Die Zeltplane schnürte sie zum Abschluss oben auf das Gepäck, Kochgeschirr baumelte außen an den Seiten, und lehnte es neben die Tür an die Wand. Auch die Handgriffe, mit denen sie zurück in ihre Jacke schlüpfte und anschließend ihre bewegliche Lederrüstung überzog, saßen zielsicher, obgleich sie mit den Gedanken längst nicht mehr in ihrer Kammer verweilte. Das Gesicht ihres Geliebten, freundlich lächelnd und sie willkommen heißend, prangte vor ihrem inneren Auge, wechselte sich mit dem Bild einer Karte des südlichen Fürstentums Weißlauf ab und zeichnete die wohl schnellste Route nach.
    Zu guter Letzt schnappte sich die Kaiserliche ihre Stahldolche, band sie an den Gürtel, nahm ihren Jagdbogen und zwei Sehnen. Letztere verstaute sie in einem kleinen Beutel an der Hüfte, ersteren behielt sie in der Linken, als sie sich ihren Tornister über die Schulter warf und zur Waffenkammer stiefelte. Zwei volle Köcher mit Pfeilen mussten genügen. In einen davon schob sie den entspannten Bogen, bevor sie sie an ihrem Reisegepäck festzurrte. Gerade griff sie sich eines der einfachen Stahlschwerter, die Eorlund für die Gemeinschaft geschmiedet hatte, da trat jemand hinter ihr in die eher dunkle, metallisch duftende Grotte ein. »Hier, Dein Proviant.« Es war Skjor, der die Jägerin mit seinen Worten aus ihrer Trance schrecken und herumfahren ließ. In voller Montur stand er vor ihr. Dicke Stahlplatten zierten seine Brust und Schultern, das aufgerissene Maul einer Wolfsverzierung prangte am Halsansatz. Schwarzes Fell trat an den Öffnungen der schweren Rüstung hervor und hüllte als Rock unter einigen hängenden, beweglichen Platten die Beine bis oberhalb der Knie ein. Der dicke, wetterfeste Umhang verdeckte einen Teil der Panzerung, kaschierte jedoch nicht ihre Wucht. Über einer Schulter sah Vesana den Riemen seines Felleisens, den er mit einer Hand festhielt. Mit der anderen reichte ihr der einäugige Nord zwei Beutel.
    Wortlos nickend nahm sie sie entgegen und band die Scheide ihres ausgewählten Schwertes an ihr Gepäck, ebenso wie die überreichten Lebensmittel. Es stand außer Frage, dass Skjor Aela und sie begleiten würde und diesen Entschluss wohl schon vor den Neuigkeiten der zweiten Befragung getroffen haben musste. Jetzt wartete er lediglich auf sie und verließ letztlich mit ihr die Waffenkammer. Im Gehen nahm die Kaiserliche noch einen Speer auf, dann schlug sie die Tür hinter sich ins Schloss. »Wo ist Aela?«, fragte Vesa im Gehen und justierte ihren Tornister, der schwer an ihren Schultern zog und mit dem Gewicht all ihrer Ausrüstung schnell den Schweiß aus den Poren trieb.
    »Wartet oben«, antwortete der Einäugige als sie die Treppe hinaufstiegen.
    »Und wenn schon, es ist einer der unseren! Wir lassen ihn gewiss nicht im Stich, wo sich uns so eine Gelegenheit bietet!«, brandete die temperamentvolle Stimme der rothaarigen Nord sogleich über Vesa hinweg, als sie am oberen Ende der Stiege angelangte.
    »Ich mahne nur zur Vorsicht, handelt nicht unüberlegt«, entgegnete Kodlak in rauer, aber sehr ernster Stimmlage. Die beiden Nord standen nicht weit entfernt und mit wenigen Schritten waren Skjor und sie bei ihnen. Während Aela keinen Hehl aus ihrem Ärger machte, bemühte sich der Herold darum seine Tonlage zu dämpfen.
    »Was ist los?«, wollte Vesa wissen, obwohl alles in ihr danach lechzte das Gildenhaus zu verlassen und aufzubrechen. Das Herz krallte sich von unten an ihren Hals und den Atem hielt sie nur mühevoll in langsamen Zügen.
    Die silbergrauen Augen des Alten wanderten zu ihr, feine Fältchen legten sich auf seine matte Haut. »Vesa … Bitte, lasst euren Hass nicht Anlass zu unüberlegten Taten werden. Wir hatten lange keine Zwischenfälle mit der Hand. Gebt ihr keinen Grund, daran etwas zu ändern«, bat er. Die Jägerin schaute ihn einen Moment lang an, nickte dann jedoch, auch wenn sie ihre Zweifel hegte, ob der Gefangene, geschweige denn Darius Befreiung nicht bereits Anlass genug boten. Ihr war es das allemal wert, das musste wohl auch der Herold wissen, wenngleich er sich lieber anders überzeugen lassen wollte. Letztendlich trat er zur Seite und ließ sie passieren.
    Aela war ebenfalls voll ausgerüstet. Schwert am Gepäck, ebenso wie Köcher und Bogen, Dolche am Gürtel und eisenbeschlagene Lederrüstung über der Jacke. Skjor trug ein deutlich größeres Schwert, das wohl gut auch mit zwei Händen geführt werden konnte. Einige der Welpen und einfachen Mitglieder warfen ihnen neugierige, aber auch ernste und besorgte Blicke zu, während die Drei schweißtriefend ob der stickigen Wärme zum Vordereingang Jorrvaskrs schritten.
    Farkas fing sie dort ab. In voller Rüstung und mit dem langen Griff seiner Waffe über der Schulter prangend wirkte er nicht anders als sonst auch, lediglich die Situation verlieh ihm den Anschein er wollte sie begleiten. »Wir haben nur drei Pferde im Stall«, begann er zu sprechen, Mundwinkel nach unten gezogen. »Ich würde euch begleiten, aber dann wärt ihr langsamer«, fuhr er fort und verzog das zerfurchte Gesicht noch stärker in tiefem Bedauern. »Daher euch nur viel Glück. Bringt ihn heim.« Er klopfte jedem der drei Zirkelmitglieder auf die Schulter, als sie ihm im Vorbeigehen zunickten und die Halle verließen. Die kalte Luft wirkte dabei regelrecht erleichternd, auch wenn sie sofort auf der feuchten Haut zu stechen begann.
    »Es ist bald Mittag, wir sollten uns beeilen, wenn wir heute noch vorankommen wollen«, beschloss Skjor und legte einen lockeren Trab vor, als sie die Stufen zum Güldengrünbaum hinter sich ließen. Aela und Vesana folgten wortlos seinem Beispiel.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (14.03.2015 um 07:01 Uhr)

  6. #86

    Himmelsrand, Fürstentum Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    Jeder von ihnen schepperte weithin vernehmbar. Skjor wegen seiner Rüstung, Vesa und Aela aufgrund des metallenen Geschirrs, das an ihren Felleisen baumelte. Die Leute auf den Straßen stoben auseinander, lange bevor die Drei eine Gelegenheit dazu hatten, sie aus dem Weg zu schieben. Obgleich die frostige Luft in den Lungen brannte, blieb von der Kälte nach kurzer Zeit kaum noch etwas zu spüren. Mit dem Herz nicht nur aufgrund der Anstrengung bis zum Hals schlagend, holte Vesana nach einer Weile zu Skjor auf und hängte ihn ab. In seiner schweren Rüstung kam er trotz der längeren Beine nicht mehr allzu schnell vom Fleck. Er schnaufte nur, als die Kaiserliche ihn überholte und nach einigen weiteren Schritten grummelte er gleich ein weiteres Mal. Ein Blick über die Schulter verriet, dass Aela ebenfalls das Tempo angezogen hatte. »Du wirst alt, Skjor«, zog ihn die rothaarige Nord auf und nahm die Beine in die Hand, um außer Reichweite der Arme ihres kahlköpfigen Freundes zu kommen. Ein bisschen Spaß musste dann doch noch sein, obwohl Vesa letztlich nicht in die Heiterkeit einstieg.
    Durch das offene Tor verließ ihre kleine Gruppe die Stadt und hastete die steiler werdende Straße hinab, über die Zugbrücke und letztlich durch das alte Stadttor am Fuße des Bergs, auf dem Weißlauf errichtet worden war. Den letzten Abschnitt zu den Stallungen legten sie dann auch in Windeseile zurück. Schnaufend blieben sie am Zaun stehen, keuchten allesamt, stützten sich auf die Knie und hechelten sich die Lungen aus den Leibern. Die Jägerin gewann als erstes ihre Kondition zurück, schwang sich durch die Pforte der Koppel und marschierte schnurstracks zum Stall. Wie allen anderen, die ihn entsprechend entlohnten, räumte der Wart den Gefährten einen eigenen Abschnitt ein, kümmerte sich um Futter und Wärme der Tiere, pflegte und hegte sie, während sie nicht benötigt wurden. Drei an der Zahl, alles Braune mit buschigerem Fell an den Knöcheln. Typisch für die Huftiere im kalten Himmelsrand.
    Sattel, Unterdecken, Taschen und sonstiges Zaumzeug hing an den Wänden des Kastens, in dem die Tiere standen und genüsslich ihr Stroh fraßen. Glänzendes Fell und kräftige Muskeln deuteten auf ihren gesunden Zustand hin. »Ah, die Herren Gefährten«, grüßte sie ein Mann mit rauer Stimme und trat aus einer der anderen Boxen heraus. Skulvar, mit langem, dunklem Haar und dichtem, auffälligem Schnauzer. »Kann ich helfen?«, wollte er wissen und lehnte seine Mistgabel gegen eine nahe Bretterwand.
    »Danke, aber wir kommen zurecht«, erwiderte Aela und streifte ihren Tornister ab. Vesa und Skjor taten es ihr nach und begannen die Pferde vorzubereiten. Keiner beachtete den Stallmeister. »Eine andere Route als an Flusswald vorbei kommt nicht in Frage, nehme ich an?«, wandte sie sich an ihre Gefährten und warf dem ersten Braunen eine Decke über den Rücken.
    »Ich kenne keine schnellere«, entgegnete Vesa und zurrte mit der Nord zusammen die Riemen des Sattels fest, den sie auf der Wollplane platzierten.
    »Wir könnten einen Pfad im Hinterland des Pelagia-Hofes nehmen«, gab Skjor zu bedenken und kümmerte sich derweil allein um eines der Pferde. Die beiden Frauen hoben gleichzeitig die Köpfe. »Es gibt dort einen Weg, klein, ziemlich zugewachsen, jetzt im frühen Winter aber sicher schon frei von Gestrüpp.«
    »Woher weißt Du das?«, hakte Aela nach, schaute ihn noch einen Moment an, dann widmete sie sich mit Vesa weiter dem Sattelzeug.
    »Habe ich beim Jagen vor etlichen Jahren mal gefunden«, erklärte der Einäugige und hievte sein Gepäck auf den Rücken seines Pferdes, während die anderen das letzte Tier vorbereiteten. »War bislang eine unnütze Entdeckung, aber um Zeit zu sparen eignet er sich gut«, setzte er nach.
    »Dann nehmen wir den«, entschied Vesa, die ohne dass es einer Absprache bedurfte ihr Unterfangen leitete. Zumindest ging sie davon aus, immerhin betraf es sie am stärksten und war ohnehin nur auf ihre Veranlassung hin zustande gekommen.
    »Gut.« Der gerüstete Nord zurrte sein Schwert an der Seite seines Sattels fest und führte den Braunen aus dem Stall heraus. Die Jägerin und Aela schlossen in der Zwischenzeit ihre gemeinsamen Arbeiten ab und beluden ihr jeweiliges Tier. Die schnauften unter der neuen Last, gewöhnten sich aber auch schnell daran und würden sich sicherlich über die Bewegung freuen. Gegen die Kälte mochten sie durch die Decken und die Leder- und Fellbandagen an den Knöcheln ausreichend geschützt sein, zumal ihnen sicher auch von innen warm genug werden würde.
    Etwas unbeholfen, zu lange hatte sie nicht mehr im Sattel eines Pferdes gesessen, aber letztlich erfolgreich schwang sich Vesana auf ihr Tier und nahm die Zügel in die Hände. Skulvar lehnte gerade am groben Zaun der kleinen Koppel und schwatzte mit einer Magd, die den großen, vollen Körben nach zu urteilen wohl gerade aus der Stadt kam. Umstandslos löste er sich von ihr, als er mit einem Blick über die Schulter die drei Gefährten bemerkte, und öffnete das Tor für sie. »Einen guten Ritt«, wünschte er und hob die Hand zum Gruß an den Kopf. Im Gegenzug erhielt er grimmiges Nicken und gleich darauf nur noch Hufgetrappel, als sie ihre Pferde in leichten Trab versetzten.
    »Dann führe uns zu Deinem geheimen Pfad«, forderte sie Skjor mehr als dass sie ihn bat. Aber er schien sich nicht an ihrem Ton zu stören und leitete ihr Dreigespann zielstrebig von der großen Weststraße herunter am nahen Pelagia Gehöft vorbei und quer über die Steppen. Schnaufend, in steten Dunst um die Mäuler gehüllt, quittierten die Braunen die Belastung, aber es klang auch glücklich und ehrgeizig in den Ohren der Kaiserlichen. Den Tieren kam die Anstrengung trotz der Kälte gerade recht.
    »Vesa, hast Du eigentlich schon eine Vorstellung davon, wie wir die Sache angehen wollen?«, fragte Aela hinter ihr. Genau dieselbe Frage hatte sie sich auch schon gestellt. Wirklich effektiv darüber nachgedacht hatte sie nicht, obgleich das eine oder andere aus dem Standardrepertoire durch ihren Verstand geisterte.
    »Nein«, erwiderte sie dennoch. »Aber hatten wir nicht letztens die Debatte darüber, dass Helgen zerstört worden ist?« Die Kaiserliche blickte über die Schulter zu der Nordfrau, deren rote Haare im steten Auf und Ab des Ritts als Feuerschweif hinter ihrem Kopf wedelten.
    »Kann mich nicht erinnern«, entgegnete sie.
    »Ach richtig, das war am Abend vor Rias Geburtstag. Ihr zwei wart … unterwegs.«
    »Kann sein. Was habt ihr besprochen?«, lenkte die Rothaarige auf den wichtigeren Punkt um.
    »Das Helgen doch vor einiger Zeit zerstört wurde. Von wem oder was auch immer. Ich denke, die Ruinen dürften sich gut für einen Hinterhalt und diverse Fallen eignen«, erklärte Vesa daraufhin.
    »Solange genug übrig ist«, wandte Skjor von vorn ein und erntete bitteres Brummen der Frauen.
    »Jedenfalls sollten wir uns nicht unnötig Zeit lassen. Fallenstellen braucht in jedem Fall seine Zeit«, gab Aela zu bedenken. Die Kaiserliche nickte nur und wandte den Blick in die Richtung ihres Ritts. Hoch türmten sich dort weit vor ihnen die Berge auf. Tief an den schroffen Flanken hinab, auf den Wipfeln und Spitzen der vereinzelten, manches Mal in Grüppchen stehenden Bäume und auf den sonst grauen Felsen, überall puderte funkelndes Weiß die natürlichen Mauern der Welt. Der Winter hielt die Gipfel der Berge Himmelsrands bereits in festem Griff und dehnte seine Domäne immer weiter aus. Wo im Osten die Serpentinen ins Tal von Flusswald hinaufführten, auch wenn sie auf die Entfernung bereits stark in silbergrauem, winterlichem Dunst verblassten, zeichnete sich an ihrem oberen Ende ebenfalls die helle Glasur ab. Schnee reichte bis zur Talsohle und durfte zweifelsohne das verschlafene Städtchen etwas flussaufwärts einhüllen. Es würde also nicht lange dauern, bis auch ihre Gruppe in das eisig-weiße Vergnügen eintauchte.
    »Der Pfad ist direkt hier im Hinterland?«, wandte sich Vesana an Skjor.
    »Hmhmm. Wenn wir die Geschwindigkeit halten und es keine Zwischenfälle gibt, sollten wir es heute sogar noch halb hinauf schaffen«, erklärte er.
    »Tatsächlich?«
    »Ja. Weiter würde ich aber heute ohnehin nicht reiten«, wandte er ein.
    »Weshalb das?«, wollte die Kaiserliche wissen und biss sich auf die Zunge, als sie sich ihres scharfen, regelrecht empörten Untertons gewahr wurde.
    »Lange nicht mehr geritten, was?«
    »Nein.«
    »Es ist besser, wenn sich die Pferde akklimatisieren können. Sie haben lange keine Nacht mehr draußen verbracht. Lieber noch eine Nacht unterhalb der Schneegrenze verbringen und dafür morgen mehr Schaffen«, erläuterte er und Vesa brummte zustimmend. Recht hatte er, wenngleich es ihr nicht schmeckte, Zeit zu verschenken. »Wir sollten durch diesen Weg wenigstens einen halben Tag einsparen, die Pause dort können wir uns leisten«, fügte er an, sicherlich ahnend, was sie dachte und empfand. Obwohl seine Stimmlage kein Bisschen von ihrer üblichen Rauheit abwich, kam es der Kaiserlichen dennoch so vor, als signalisierte er so etwas wie Mitgefühl – grotesk und surreal wie es ihr auch erscheinen mochte. Vielleicht lag es an dem leicht zur Seite und somit mehr zu ihr gedrehten Kopf des Nords, vielleicht auch daran, dass er tatsächlich mehr als normalerweise sprach.
    »Schon gut, danke«, erwiderte die Jägerin nach einer kurzen Pause und Skjor wandte das Gesicht wieder geradeaus. Die Thematik hatte sich somit geklärt. Entsprechend schweigsam setzten die Drei ihre Reise fort und näherten sich stetig dem Gebirge. Der eisige Wind aus den höheren Lagen verblasste mit der Zeit und verschwand mit zunehmender Taubheit der Haut als leises Zwicken in den Hintergrund, der feuchte Atem gefror unlängst zu dicken Eisknollen am Fellsaum der Kapuze und dem groben Halstuch. Aber die Anstrengung des Ritts, die Strapazen für die Beine und das Gesäß, das stete Wippen des massigen Pferdeleibs und gelegentliches Korrigieren der Laufrichtung hielten den Rest des Körpers der Kaiserlichen warm. Obschon in Gedanken schon mehrere Tage vorauseilend, blieb Vesana noch genug wohliger Komfort unter der dicken Kleidung, um wegen der einen oder anderen verlorenen und kitzelnden Schweißperle auf dem Rücken entnervt zu Brummen und vergeblich zu versuchen, den Juckreiz mit Kratzen durch die Jacke zu vertreiben.
    Im Verlauf des Nachmittags zog ihr Weg schließlich an, wurde erst steiniger und auf wenigen hundert Schrittlängen derart steil, dass sich der Pfad in engen Serpentinen hinaufwinden musste. Zwischen dem im Herbst braun gewordenen, teils ergrauten Buschwerk und den vereinzelten Nadelhölzern ließ er sich, sofern nah genug, sehr leicht ausmachen. Allerdings blieb zu erahnen, dass in warmen Zeiten ein dichter Teppich aus saftigem Grün den schmalen Weg versteckte. Ihre Reittiere, die zuvor die Belastung wohl noch als Spaß empfunden hatten, begannen nun heftig zu keuchen und zu schnaufen. Aus dem leichten Trab wurde ein langsames Klettern und bedachtes Setzen der Hufe auf dem unebenen, teils losen Grund. Mehr als einmal sandte einer von ihnen grobe Felsbrocken den Abhang hinunter. Dazu versanken sie in den Schatten der hohen Gipfel und der Wind frischte auf, wie um ihnen zu zeigen, wer ab sofort das Sagen haben würde. Murrend zog Vesa ihren Kragen enger und korrigierte den Sitz ihrer Kapuze. Als wäre dem aber noch nicht genug, glaubte die Kaiserliche immer wieder Bewegungen im Halbdunkel auszumachen.
    Mal schnell, mal langsam huschende Schatten, manches Mal in der Form eines Mannes und dann doch auch wieder in der eines Wolfes. Jetzt, wo ihre Umgebung in Undeutlichkeit zu verschwimmen begann, ihre Augen weniger klare Formen fanden, an denen sie die Realität festmachen konnten, drängten sich ihr immer mehr Erinnerungen, kurz aufblitzende Bilder, von Darius auf. Einmal stand er auf einem Felsen, beobachtete sie, gleich darauf bildete ein hervorstehender Stein die Nase seines Gesichtes in der Steilwand. Nur mit Mühe verdrängte sie die mit schmerzhafter Sehnsucht daherkommenden Gedanken an den Rand, kniff die Lider für lange Herzschläge zusammen, hoffend, die Illusionen mögen danach verschwunden sein. Mehr schlecht als recht gelang es ihr.
    Obgleich die Drei nur langsam vorwärts kamen, in die Höhe schraubten sie sich schnell. Nach Norden offenbarte sich im nachmittäglichen Schein der Sonne, die längst Schatten von den Berggipfeln über die Tundra sandte, die ganze Weite des Fürstentums. Weißlauf strahlte und wirkte doch nur noch wie das Holzspielklötzchen eines kleinen Kindes verloren in den Weiten des Heims der Eltern. Eine durchaus ansehnliche Aussicht, doch kaum erlaubte sich die Kaiserliche einen kurzen Moment der Entspannung, musste sie auch schon wieder die Augen auf ihren Weg nehmen, damit sie ihr Pferd in die nächste Kurve lenken konnte.
    »Dort oben der etwas größere Absatz – sollte ein guter Ort zum Rasten sein«, schlug Aela von hinten vor und meinte damit wohl augenscheinlich den Sims, auf dem eine Kiefer ihre Wurzeln geschlagen hatte, schief aus der Felswand ragte und sich an ihrem Fuß mit einigem Gestrüpp schmückte.
    »Ja«, stimmte Skjor von vorn zu. Vesa nickte nur stumm vor sich hin, es schien in der Tat ein guter Ort für die erste Nacht zu sein. Noch blieb ihr Weg schneefrei, die Position wirkte einigermaßen Windgeschützt in einer flachen, senkrechten Kerbe im Abhang und schroffe Steinspitzen würden es auch ermöglichen die Pferde anzubinden, damit sie in der Nacht nicht aus Versehen in die Tiefe stürzten. Brennholz würden sie von den knorrigen Büschen sammeln können.
    Während der Einäugige auf die andere Seite des lediglich etwas breiteren Wegabschnitts ritt, brachten die beiden Frauen ihre Reittiere vor dem Absatz zum Stehen. Steifbeinig schwang sich die Kaiserliche aus dem Sattel, schüttelte sie aus der Hüfte und den Knien erst einmal aus und band ihr Pferd erst danach an einem Stein fest. »Schlafen in drei Schichten, ist eh nur Platz für zwei zum Liegen«, schlug die Jägerin vor und erntete zustimmendes Nicken ihrer beiden Gefährten. »Ich mach direkt den Anfang.« Sie würde ohnehin so schnell keine Ruhe finden. Das nervöse Kitzeln in den Eingeweiden und die immer wiederkehrenden Erinnerungsblitze verhinderten, dass ihr Geist zur Ruhe kam. So starrte sie auch jetzt einen langen Moment in die Tiefe hinab, unschlüssig ob das schwerelose Ziehen im Bauch vom Blick nach unten oder doch von dem erdrückenden Trieb sofort weiterzureiten stammte. Erst einen Augenblick später schüttelte Vesana das Haupt und die Gedanken davon. Zunächst musste sie den anderen Beiden beim Lagerbau helfen. Zeltplanen spannen, Unterlagen ausbreiten und versuchen, mit den Herzsteinsplittern und dem dürren, gefrorenen Holz der Büsche ein Feuer zu entfachen. Eines stand für sie bereits jetzt fest: Es mochte eine lange, einsame Nacht werden.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (22.03.2015 um 14:30 Uhr)

  7. #87

    Himmelsrand, Fürstentum Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    Der Aufbruch am nächsten Morgen fiel den drei Gefährten nicht gerade schwer. Trotz ihrer windgeschützten Lage nahm sie die Kälte der Nacht in engste Umarmung, unwillig jemals wieder von ihnen abzulassen. Das einzige, das ihnen half, war die Bewegung und Anstrengung auf den Rücken der Pferde. Die hatten ihre Rast zumindest dem Anschein nach gut verkraftet und stapften nun mit neuem Mut den steilen Pfad hinauf. Von den immer wieder zu ihnen hinabsinkenden, chaotischen Wolken aus losen Flocken, die der Wind aus den Bergflanken löste, ließen sie sich nicht beirren und auch als ihre Hufe das erste Mal knöcheltief im Weiß versanken, marschierten sie weiter. Treue und willensstarke Tiere, dass musste Vesa ihnen lassen. Ganz im Gegensatz zu den Pferden, wehrte diese sich eher störrisch gegen die schneidenden Eiskristalle in der Luft, rückte die Kapuze zurecht und zog die dicke Jacke höher. Als hätte es ihre Reise nach Solstheim nie gegeben, musste sich ihr Körper erst wieder an die konstante Kälte gewöhnen.
    Inzwischen kam sie sich töricht vor, dass sie auf die Insel geflüchtet war, in einem verzweifelten Versuch, ihre Schuld zu vergessen oder wenigstens zu verdrängen, all die schönen und schmerzhaften Erinnerungen ins Verblassen zu treiben. Mittlerweile wusste sie, dass ihre Schuldgefühle nur eine allzu handfeste Berechtigung gehabt hatten, ein Umstand, der es ihr in diesen langen, zähen Momenten des Wartens nicht gerade einfacher machte. Eine einsame Träne fand ihren Weg aus Vesanas Augenwinkel und rollte ihr über die von der kalten Luft inzwischen ausgetrocknete Haut. Schnell wischte sie sie fort, damit sie ihr nicht irgendwo festfror – zumindest redete sie sich das ein.
    Wenigstens deutete die steigende Zahl an Bäumen, die über ihnen aus der Wand ragten, auf ein baldiges Ende des Aufstiegs hin. Das Tal, in dem auch Flusswald lag, erfreute sich regen Bewuchses und mit etwas Glück handelte es sich bei den Schief über den Abhang wachsenden Stämmen bereits um dessen Ausläufer. Völlig ummantelt mit vom Wind grotesk verformten, tiefgefrorenen Schneewehen wirkten sie in den Morgenstunden wie mahnende Gespenster, die sich Unheil prophezeiend über sie hermachen wollten.
    Die Kaiserliche schüttelte die Vorstellung aus ihren Gedanken. Ihr Kiefer mahlte schon angestrengt genug, wenn sie sich Gedanken darüber machte, wie sie Darius denn genau befreien wollten, da blieben nur noch wenige Nerven für die Auseinandersetzung mit widersinnigen Omen übrig. »Gibt’s oben eigentlich auch einen Pfad, Skjor?«, fragte sie den Einäugigen, um sich abzulenken.
    »Bei dem Schnee? Unwahrscheinlich«, gab er zurück. »Aber das Terrain ist recht zugänglich, wir sollten also zügig vorankommen.« Die Jägerin nickte nur. Immerhin etwas.
    Nach und nach flachte ihr Weg ab. Die Serpentinen wurden weiter, bis sie schließlich gänzlich unkenntlich unter einer dicken Schicht aus kalt-weißem Pulver verschwanden. Einige größere Felsbrocken durchbrachen die geschlossene, unberührte Decke, die das Leben in dem sich vor ihnen ausbreitenden Wäldchen zur Ruhe zwang. Bis zu den Knien versanken die Pferde darin, wobei sie sich dennoch nicht daran störten. Ihre langen, schlanken Beine fanden im Schnee kaum Widerstand und die stolzierenden Schritte durchbrachen das Weiß mühelos. Vesana empfand es obendrein als Segen, nicht mehr ständig in die Tiefe starren zu müssen. Die beklemmende, unterschwellige Befürchtung, jemand von ihnen könne fehltreten, verschwand damit endlich aus ihrem Hinterkopf und ließ ihren aufgeriebenen Geist etwas Luft zum Verschnaufen. Auch wenn sie aufgrund der mangelnden Sicht auf die Beschaffenheit des Untergrunds nicht zurück in leichten Trab verfallen konnten, endlich wieder in gerader Linie reiten zu können verlieh ihren Reisebemühungen zumindest den Anschein endlich vom Fleck zu kommen.
    »Wenn wir uns allmählich von den Berghängen hier entfernen, sollten wir früher oder später die Straße nach Flusswald kreuzen«, bemerkte Aela und zog mit Vesana gleich, während sie im üblichen Trott weiterritt.
    »Ja, sollten wir. Flusswald liegt etwas südöstlich von hier, also behalten wir die Bergflanken immer rechts im Blickfeld«, stimmte der Einäugige von vorn zu.
    »Flusswald sollten wir heute auch definitiv noch erreichen, wenn wir im Zeitplan bleiben wollen«, gab Vesana zu bedenken und erntete zustimmendes Brumme der beiden Nord.
    »Und wenn wir vermeiden wollen, dass uns das Wetter dazwischenfunkt«, fügte die Rothaarige einen Moment später hinzu und zwang die Kaiserliche somit den Blick zu heben. Zwischen den nackten Ästen der kahlen Laubbäume hindurch blieb die Aussicht in Richtung Süden und tiefer ins Tal weitestgehend frei. Sogar die Höhenlagen des Massivs auf der anderen Seite des Flusses, den sie noch überqueren mussten, waren inzwischen einsehbar. So allerdings auch die dicken, grauen Formationen von Wolken, die sich über die Grate und Pässe wälzten und allmählich in das Tal quollen wie dicker Nebel über die Uferbänke eines Flusses am Morgen.
    »Wenn wir uns sputen, kann uns das nützen«, erwiderte die Jägerin, nachdem sie das erste Zwicken und mulmige Krampfen in den Eingeweiden niedergerungen hatte.
    »Sehe ich auch so«, stimmte Skjor zu und drückte seinem Pferd deutlich die Fersen in die Flanken. Die Frauen folgten. Kein Trab, aber schneller als zuvor, gerade so an der Grenze, damit sich ihre Reittiere mit Fehltritten selbst verletzten und Zeit zum Reagieren hatten, sollten sie stolpern. Die hereindringenden Wolkenformationen mochten zwar von schlechtem Wetter künden, aber solange sie vor dessen Einbruchs in Helgen ankamen, oder es zumindest nicht mehr weit hatten, würde es ihnen in die Hände spielen. Spurenlesen wäre dann unmöglich und Fallen ließen sich ausgesprochen gut verstecken. Natürlich würde auch ihre Frühwarnzeit schrumpfen, aber das mochte sich verkraften lassen. Nun schneller unterwegs, füllte warme Zuversicht ihre Brust aus. Ein schmales Lächeln der Hoffnung verzog Vesas Lippen und jagte die Vorstellungen davon, wie sie im Trio über die ahnungslosen Kämpfer der Silbernen Hand herfielen, in neue kreative Höhen.
    Der bloße Gedanke, sich für all das Leid und all den Schmerz an ihnen rächen zu können, der Verbitterung der letzten Monate und dem eisig kalt gewordenen Hass freien Lauf zu lassen … Ihre Hände ballten sich zu Fäusten um die Zügel, brachten das Leder zum Knirschen und mit halb geschlossenen Augen den Bildern folgend, zuckten einzelne Muskelstränge im Hals und den Armen. Beinahe hätte sie sogar ausgetreten, wäre ihr nicht im selben Moment ein Schwarm loser Flocken auf einer Böe ins Gesicht getrieben. Vom plötzlichen Kälteschock überrumpelt, atmete die Kaiserliche tief durch, schüttelte sacht das Haupt und seufzte anschließend nochmals. Die langsam hervorgetretenen Eckzähne und das stumme Vibrieren im Hals, Vorahnung eines erregten Knurrens, rang sie nieder. Noch war es zu früh für solcherlei Gedanken und verfolgte sie sie weiter, würden sie letztlich nur die Befriedigung mit falschen Erwartungen schmälern oder sie zu Fehlern aus Nachlässigkeit verleiten. Nein, es war an der Zeit, das Grübeln einzustellen und sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
    Kurz nach der Mittagszeit erreichte die Gruppe die Straße, die sie nach Flusswald führen würde. Zwar ebenfalls im Schnee versunken, zeichneten sich dennoch die Spuren zahlreicher Reisender ab. Schmale Karrenräder durchbrachen die Schneisen, die zu Fuß reisende gezeichnet hatten und die Abdrücke von Pferdehufen zertrampelten die dünnen Furchen im Weiß. Mancherorten hatte sich der Schnee bereits festgetreten, an anderen Flecken war er verweht worden und gab die groben Pflastersteine frei. Den Gefährten mochte es alles recht sein. In der Gewissheit, auf befestigtem Grund mit wenigen groben Unebenheiten unterwegs zu sein, trieben sie ihre Reittiere weiter an und verfielen in lockeren Trab.
    Auffrischender Wind, der feuchtkalte Südluft mit sich brachte, an den Zweigen rüttelte und locker darauf liegenden Schnee davonwehte, hielt ihnen zwar entgegen, vermochte es nicht die Drei zu bremsen und auch vom feinen Sprühnebel, den die bald neben der Straße auftauchenden Kaskaden des Weißflusses im Unterholz verteilten, wollten sich die Gefährten nicht beeindrucken lassen. Im Gegenteil, Vesana half es sogar dabei, die Gedanken zu konzentrieren und sich von düsteren Grübeleien abzulenken. Funkelnde Eispanzer hatten sich an Stämmen, Steinen und Zweigen gebildet, wo die feinen Tröpfchen der Gischt niedergefallen waren. Die letzten Strahlen der Sonne, die wohl bald hinter dicken Wolken verschwinden würde, brachen sich darin, ließen sie wie Edelsteine glitzern. Auch auf das wenige noch aktive Waldleben schien der Anblick magisch zu wirken. Auf der anderen Seite des Stroms ruhte sich gerade ein Elch mit mächtigem Geweih aus, hatte den wuchtigen Kopf auf das Dreigespann ausgerichtet und beobachtete doch weniger sie, als das, was zwischen ihnen lag: Ein Meer aus gefallenen Sternen in der eisigen Umarmung des Winters.
    Doch letztlich riss der Blickkontakt ab, die Windungen der Straße verschwanden zwischen groben Felsen und durchbrachen scharfe Absätze im Waldboden, als hätte sich irgendwann einmal der Untergrund aufgeschoben. Das Rauschen des Flusses, an seinen ruhigeren Abschnitten von den Rändern her bereits eingefroren, blieb aber noch immer weithin vernehmbar zwischen den kahlen Bäumen hängen. Monoton und allgegenwärtig zerstreute es jeden Gedanken und verlieh dem ewigen Weiß etwas Befriedendes.
    Als sie letztlich auch die zerklüftete Passage hinter sich ließen, kam die Idylle zu einem jähen Ende. Von einem Herzschlag auf den nächsten verschwanden die hellen Sonnenstrahlen, verbargen sich in trübem Grau, und gaben den Weg für eisige Böen frei. Beinahe widernatürlich frostig trugen sie scharfe Flocken mit sich, erst wenige und vereinzelte, bald brach dichtestes Treiben als und raubte ihnen die Sicht. Kein vollblütiger Sturm, dafür blieben die Phasen, in denen der Wind abflaute und die Flocken ruhiger zu Boden segelten, noch zu lang. Aber mit Pech mochte das richtige Unwetter nur allzu bald losbrechen.
    Vorerst schaffte es ihre Gruppe aber unbeschadet und nur allmählich auskühlend zur Brücke, die den Weißfluss kurz vor Flusswald kreuzte. Es fehlte dann auch nicht mehr viel und sie näherten sich dem Dorf, den Trab zu einfachem Laufen reduzierend. »Es bleibt genug Zeit, noch ein Stück des Weges nach Helgen zurückzulegen«, gab Vesana zu bedenken und griff damit möglichen Überlegungen einer Rast im warmen Wirtshaus, das sich ihnen bald zur Linken offenbarte, vorzugreifen.
    »Ja, und das sollten wir nutzen«, stimmte Skjor zu. Die Kaiserliche hatte ohnehin nicht angenommen, dass es Widerreden geben würde, daher überraschte es nicht. Dennoch füllte es sie mit molliger Erleichterung aus, dass er es tat.
    »Ich hoffe, Ihr bringt keinen Ärger?«, brummte sie eine bärige Männerstimme von oben herab an. Eine Wache in dicker Lederrüstung und gelbem Überwurf lehnte sich oben auf dem Tor, das Flusswald am Nordende abschloss, über das hölzerne Geländer. Das Emblem des Jarls von Weißlauf prangte auf seiner Brust.
    »Nur auf der Durchreise«, erwiderte Vesana und wollte einfach weiterreiten. Allerdings zog Skjor an seinen Zügeln und brachte sein Pferd zum Stehen, so dass den beiden Frauen nichts anderes übrigblieb, als es ihm gleichzutun.
    »In dem Wetter? Sicher«, sprach die Wache gedehnt und stieß sich ruppig von der Brüstung ab. Zügig kletterte sie auf der Innenseite der Wehrmauer nach unten und kam letztlich direkt auf sie zu. Wenige Schritte von ihnen entfernt blieb der kräftige Nord stehen, musterte sie aus dunklen Augen heraus und zupfte sich am dichten Bart. »Was wollt Ihr?«
    Die Kaiserliche schwieg, biss sich auf die Zunge, um keinen schnippigen Kommentar fallenzulassen. Dass sich ihre Hände wieder fester um die Zügel schlossen, ließ sich jedoch nicht verhindern. »Wir sind auf dem Weg nach Helgen«, antwortete unterdessen Aela zwar höflich, aber Vesa glaubte auch bei ihr einen gut verborgenen, entnervten Unterton auszumachen.
    »Helgen? Und was will ein leicht bepacktes Gespann wie das Eure zu dieser Jahreszeit in Helgen? Es wiederaufbauen, vielleicht?«
    »Die Angelegenheiten der Gefährten sind für Euch nicht von Belang«, konterte Vesana und schickte sich an, die Reise fortzusetzen.
    »Gefährten, hm?«, fragte der Wachposten zurück und zwang die Kaiserliche damit, noch etwas zu warten. Er schwieg einen Moment und strich sich seine üppige Mähne zurück. »Was auch immer. Bleibt Ihr die Nacht hier?«
    »Auf der Durchreise«, mischte sich nun Skjor ein.
    »Ich nehme das als Nein. Von mir aus, wenn Ihr Ärger machen wolltet, hättet Ihr’s wohl schon längst tun können«, gab der Soldat schließlich nach und trat aus dem Weg. Ohne weiteren Kommentar setzten sich die Drei darauf in Bewegung. Es gab weder etwas zu besprechen. Die Augen der Wache glaubte Vesa zwar noch eine Weile auf sich ruhen zu spüren, mit einem trotzigen Ausschütteln der Schultern löste sie sich jedoch davon.
    Mattes Licht, vom Treiben getrübt, zeichnete die Häuser auf lange Entfernungen ins Grau. Und auch die näherliegenden Gebäude verschwammen deutlich wie Schatten im Nebel. Schnee verbarg ihre Dächer und die Dunstschwaden über den Schornsteinen verwehten mit den Windstößen. Nur wenige der Bewohner kämpften sich durch die Kälte.
    Die Handvoll Tapferen auf der Dorfstraße blieben allesamt stehen und beobachteten die Neuankömmlinge. Ob nun die allesamt bärtigen Nord, oder die wenigen Frauen, sie wirkten nicht nur vom Wetter mitgenommen, sondern auch skeptisch beim Anblick der drei bewaffneten Reisenden. Verschlossene Gesichter, in abfälliger Verwunderung verzogene Lippen und Augenbrauen – wirklich willkommen hieß sie hier niemand. Unter anderen Umständen hätte es Vesa ihnen nicht verübeln können. Die meisten Reisenden, die sich mit leichtem Gepäck durch derart miserables Wetter schlugen, führten oft nichts Gutes im Schilde. Mehr als einmal waren die Gefährten wegen genau solchen zwielichtigen Gestalten angeheuert worden. Hinzu kam noch, dass es wohl kaum noch ein, oder zwei Wochen sein mochten, bis die Pässe nach Süden gänzlich unpassierbar wurden. Wer sich irgendwohin aus dem Staub machen wollte, nutzte das aus. Wohl auch ein Grund, warum die Silberne Hand gerade jetzt noch einen Konvoi über die Grate sandte, um mögliche Verfolger und Nachforschungen im wahrsten Sinne im Nichts – im weißen Nichts – verlaufen zu lassen.
    Flusswald blieb letztlich hinter ihnen zurück, verschwand im Wetter, als wäre es nie dagewesen. Die letzte Etappe brach somit an und wenn sich das Schneetreiben nicht drastisch verschlechterte mochten sie vermutlich sogar schon am Abend des nächsten Tages, oder vielleicht der Nacht, das in Schutt und Asche gelegte Festungsstädtchen Helgen erreichen. Ein Gedanke, der den Bienenschwarm in Vesanas Bauch erneut aufscheuchte und sie nervös auf der Unterlippe kauen ließ. Noch war es nicht so weit, aber jeder Schritt brachte sie näher an Darius, und trieb die Ungeduld in die Höhe, dass ihre Zehen in den Stiefeln zu scharren begannen und die Finger wie Regenwürmer auf der Erde zu tanzen begannen. Die Schwerelosigkeit in den Eingeweiden und das schwindende Gefühl in den vom Sitzen allmählich taub werdenden Oberschenkeln taten ihr Übriges. Lange seufzend schloss die Jägerin die Lider. Eines stand wohl schon jetzt fest: An Schlaf wäre in der kommenden Nacht abermals nicht zu denken.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (29.03.2015 um 17:24 Uhr)

  8. #88

    Himmelsrand, Fürstentum Weißlauf, Jerall Berge, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Dröhnendes, markerschütterndes Grollen schreckte Vesana aus ihrem gedankenverlorenen Halbschlaf hoch, als sie an einem Baum lehnend ins niedrige und gegen die dicht treibenden Flocken ankämpfende Lagerfeuer starrte. Die orange glühenden Flammenzungen brannten sich aus der Dunkelheit der Nacht herausstechend schmerzhaft in ihre müden Augen. Aber den Blick hatte sie bis jetzt nicht abwenden wollen, beruhigte der Anblick doch auch die hinter ihrer Stirn wild stürmenden Gedanken. Allerdings sollte es damit nun vorbei sei. Skjor und Aela saßen blitzschnell kerzengerade auf ihren Nachlagern und stecken die Köpfe unter der Zeltplane hervor, während das tosende Donnern noch immer anhielt, von überall her auf sie niederdrückte.
    Herzflatternd und unruhig ihre Mulde im Schnee festigend, hob die Kaiserliche das Haupt und richtete den Blick in die Dunkelheit. Echos der Flammen tanzen ihr vor den Augen, verhinderten, dass sie auch nur irgendetwas erkannte, zeichneten die Gesichtszüge eines kaiserlichen Mannes in die Nacht. Kurz verzog sie den Mund in Wehmut, schloss die Augen, bis ihr das Bild auf der Innenseite der Lider noch stärker zu schimmern schien. Leise seufzend öffnete sie sie wieder, das schwerelose Ziehen des furchtsamen Lauschens in die Dunkelheit war ihr lieber als das heiße Stechen in der Brust.
    Der Morgen verbarg sich noch hinter den Gipfeln und selbst wenn er seine schüchternen Strahlen womöglich bereits irgendwo über das Land schickte, im Tal von Flusswald mochte es noch lange dauern, bis sie zu den Gefährten vordrangen. »Lawine?«, fragte Aela mehr zu sich selbst denn laut in die Runde. Vesa brummte nur und verschränkte die behandschuhten Finger ineinander, ließ die Daumen miteinander ringen und fuhr sich mit der Zunge durch den Mund. »Nahe?«
    »Schwer zu sagen«, entgegnete die Jägerin und rieb sich über die Lider. »Vermutlich auf der anderen Flussseite«, mutmaßte sie aber noch. Für gewöhnlich, wenn eine Lawine in der Nähe abging, ließ sie sich bei entsprechender Größe nicht nur hören, sondern auch im Boden spüren. Das Grollen der Schneemassen versetzte dann den Grund in Schwingung, ein leises Vibrieren, ein summender Bienenschwarm im Erdreich. In diesen Momenten blieb es jedoch aus, obgleich das Tosen aufgrund der Lautstärke durchaus so klang, als rollte der weiße Tod nicht allzu weit entfernt die Bergflanken hinab. Der Schluss, dass der Schneesturz deshalb zwar in der nahen Umgebung, aber auf der anderen Seite des Flusses in die Tiefe rollte, lag daher nahe.
    Noch bevor Vesana ihre gedankliche Erörterung des Schlusses abgeschlossen hatte, begann das Dröhnen allmählich zu verebben. Leise stieß sie Luft aus, ein schwaches Seufzen der Erleichterung, dass sie zumindest damit Recht behalten hatte, nicht in der Einzugsschneise der Lawine zu rasten. Schweigend verschwanden Skjor und Aela, die noch kurz in den Wind gelauscht hatten, zurück im Zelt. Es blieben noch ein paar Stunden zur Nachtruhe, die wollte ihnen die Kaiserliche auch nicht abringen, obwohl sie sicherlich alle auf einen Schlag etwas munterer geworden waren. Im Dunkeln bei derartigem Wetter zu reisen endete schneller im eigenen Tod als andere Dummheiten, dazu bedurfte es noch nicht einmal einer Lawine.
    Letztlich verging das Warten bis zum frühen Morgen schneller, als die Kaiserliche befürchtet hatte. Die hypnotischen Flammenzungen ließen die Zeit rasch verfliegen, obgleich sie ein Gefühl gähnender Leere in Vesa zurückließen, ganz als hätten sie ihren Geist aus ihrem Haupt gebrannt und sie von innen ausgezehrt. Schwermütig, träge und müde hievte sich die Jägerin auf die Füße, grabschte ungelenk am Stamm des Baumes entlang, gegen den sie sich gelehnt hatte, und versuchte so die vom stillen, unbewegten Sitzen völlig steif gewordenen Beine irgendwie aus ihrer Starre zu lösen. Von Kopf bis Fuß in einen zweiten Pelz aus weißen Flocken gehüllt, hielt sich Vesana einen Moment am Gehölz fest, rang um ihr Gleichgewicht, und erst ganz zum Schluss, nachdem das Gefühl in ihre Zehen zurückgekehrt war, begann sie damit sich den frostigen Mantel abzuklopfen.
    Es bestand keine Notwendigkeit dafür, Aela und Skjor zu wecken, die beiden wachten von ganz allein auf, als die immer niedriger werdenden Flammen an Kraft verloren und es dennoch immer heller wurde. »Morgen«, grunzte der Einäugige und verließ als erster das mickrige Zelt. Die Kaiserliche nickte nur, Worte froren ihr im Hals fest, wollten nicht recht herauskommen. Ein dicker Kloß schien sich ihr im Rachen geformt zu haben, unterdrückte jeden Hunger, jede Empfindsamkeit außer der schmerzhaften Sehnsucht aufzubrechen, schnellstmöglich Helgen zu erreichen und all dem Leid, all den langen Nächten versunken in Tränen, Wut und Abscheu, ein Ende zu setzen. An ihrem Himmel stand nur noch ein einziger Stern, der den Weg wies, und solange dies so war, verblasste alles andere um sie herum in immergraue Bedeutungslosigkeit.
    Noch während auch Aela sich aus dem Unterstand pellte, begann die Jägerin bereits damit, Schnee in einem Topf über den verbliebenen Flammen zu schmelzen und einiges getrocknetes Fleisch in deren warmer Aura aufzutauen. Wenig später bauten die Drei das Zelt gemeinsam ab, verstauten alle Utensilien und frühstückten auf den Rücken ihrer Pferde.
    »Der Wind wird stärker«, stellte die rothaarige Nord fest und zog sich die Jacke höher.
    »Hmm«, brummte Vesa lediglich. Auch die Menge an Schneeflocken schien größer zu werden. Der Hauptpulk der Schlechtwetterfront mochte wohl gerade erst über die Bergkämme ziehen.
    »Helgen können wir dennoch erreichen«, zeigte sich Skjor zur Abwechslung optimistischer. Mit den beiden Frauen auf Frust getrimmt war es nun an ihm die Gruppe wenigstens etwas bei Laune zu halten. Eine willkommene Erleichterung und dass er Recht behalten sollte, zweifelte die Kaiserliche spätestens ab dem Moment nicht mehr an, als sie den Fuß der Serpentinenstraße, die zur Bergstadt hinaufführte, erreichten. Im ewig weißen Schneetreiben etwa um die Mittagszeit ließen sich, obwohl sie direkt neben dem Weg standen, die Wächtersteine kaum erkennen, aber sie blieben eine Wegmarkierung. Der Aufstieg dauerte mit einem Karren führ gewöhnlich einen halben Tag, vielleicht etwas mehr. Zumindest bei schönem Wetter. Leicht bepackt kamen sie in miserabler Witterung wohl vergleichbar schnell voran.
    »Sehen wir es positiv«, erhob Aela die Stimme, als sie an einem tief eingeschneiten Schild vorbeikamen, und sah sich um. Drei Pfeile hatte der Wind mit Flocken verkleistert und die Kaiserliche ritt zu dem Holzpfosten hinüber, als die beiden Nord stoppten. Vom Rücken ihres Reittieres vermochte sie sich ein Stück hinabzubeugen und mit den Fingern der Rechten die eingekerbten Schriftzeichen zu befreien. »Falkenring«, »Helgen«, »Flusswald« standen auf den drei Pfeilen.
    »Sehen wir was positiv?«, hakte Vesana schließlich nach.
    »Wenigstens in der letzten Stunde ist hier niemand vorbeigekommen«, entgegnete die Nord. Erst jetzt fiel es der Jägerin auf. Obgleich der dichte Schneefall sämtliche Spuren binnen kurzer Zeit davonwusch, wäre hier ein großer Tross mit Karren und angeketteten Sklaven vorbeigekommen, das Unwetter hätte einige Zeit damit zugebracht, ihre Furchen in der geschlossenen Decke auszugleichen.
    »Oder sie sind schon vor einigen Tagen hier vorbeigekommen«, murmelte die Jägerin und riss an den Zügeln, um ihr Pferd vom Schild abzuwenden. Im rauschenden Wind des immer mehr zum Schneesturm werdenden Niederschlags blieben ihre Worte allerdings wohl unbemerkt. »Lasst uns weiterreiten, kein Grund, unsere Spuren länger als nötig frisch zu halten«, setzte sie lauter nach. Wenn es schon vorher keinen Grund oder Rechtfertigung für Trödelei gegeben hatte, so schlug es nun in regelrecht strafbare Dummheit um, länger als nötig am Wegesrand zu verweilen. Der Konvoi, den sie abfangen wollten, konnte ebenso gut direkt hinter ihnen sein, wie auch einen oder zwei Tage auf sich warten lassen. Im Falle des ersteren Umstandes mochten frische Spuren im Schnee bei diesem Wetter für die Anhänger der Silbernen Hand trotz eines wahrscheinlichen Zufalles Grund genug für Vorsicht und Misstrauen sein. Beides konnten die drei Gefährten nicht gebrauchen.
    »Ich schlage vor, wir umrunden Helgen in sicherem Abstand und nähern uns von Süden«, meinte Skjor am frühen Nachmittag.
    »Gute Idee. Auf die Weise können wir die Pferde irgendwo außer Sicht im Wald anbinden während wir es auskundschaften und sie später gefahrlos nachholen«, erwiderte Vesana und erntete ein kräftiges Brummen des Nord. Zeit genug blieb ihnen. Zwar lag noch immer eine gute Wegstreckte zwischen ihnen und dem Dorf, aber mit Einbruch der Dunkelheit sollten sie es erreichen. Noch eine Übernachtung außerhalb erschien jedenfalls unnötig.
    Nichtsdestotrotz trieb die Kaiserliche ihrem Pferd die Fersen in die Flanken und spornte es dazu an, stärker gegen den heftiger werdenden Gegenwind anzukämpfen. Inzwischen waren die Gefährten auch dazu übergegangen die Wolfsrudeltaktik anzuwenden – einer führte für einige Zeit und die anderen folgten in seiner Spur. So verbargen sie zum einen ihre genaue Anzahl, zum anderen konnten sich so die Nachfolgenden etwas erholen, während sie in der Spur des ersten trotteten. Gerade übernahm Vesana die Führung und wollte dies entsprechend nutzen. Skjor und Aela nahmen es kommentarlos hin. »Wir sollten bald nach Osten von der Straße abweichen, wenn wir Helgen nicht zu nah kommen wollen«, gab der Einäugige jedoch zu bedenken.
    In einem etwas lichteren Moment glaubte die Kaiserliche sogar bereits den verwaschenen Schemen ihres Reisezieles im breit verlaufenden Abhang auszumachen, doch eine Schneewehe raubte ihr gleich darauf die Sicht. Schnaufend zerrte sie daher an ihren Zügeln und lenkte ihr Reittier ins Unterholz. Es mochte genauso gut ein großer Felsen oder irgendetwas anderes gewesen sein. Das letzte Mal, als sie Helgen und in diesem Gebiet vorbeigekommen war, lag Jahre zurück, ihre Erinnerung mochte ihr in Anbetracht der immer heftigeren Stiche im Magen daher den einen oder anderen Streich in der Gegenwart spielen. Sie würde das Dorf früh genug von Nahem sehen, es gab keinen Grund, die brennende Ungeduld und das Verlangen, sofort dort zu sein, mit Einbildungen und Tagträumereien zu nähren und zu verschlimmern.
    »Vesa, ich übernehme«, gab Aela kund, als sie an der Kaiserlichen vorüber ritt. Kurz lag dieser ein bitterer Widerspruch auf der mühsam beherrschten und zwischen den Zähnen gefangengehaltenen Zunge. Letztlich schaffte sie es aber, sich zu beherrschen und der Nord lediglich ein grimmiges Nicken zu schenken. Nicht zu trödeln und sich unnötig zu beeilen waren zweierlei verschiedene Dinge, das musste sie sich immer wieder einträufeln – und obgleich sie sich unterschieden, mochten sie beide ungewünschte Konsequenzen haben, die letztlich nur eines zur Folge haben konnten: Ihr Scheitern.

    »Die Senke sollte sie vor dem stärksten Wind schützen«, bellte Skjor gegen den im Verlauf des frühen Abends heftig gewordenen Wind. Inzwischen umfing sie spätabendliche Dunkelheit, während die Drei ihre Pferde im Wald anbanden und die nötigste Ausrüstung schulterten. Aela und Vesa mussten zähneknirschend hinnehmen, dass es keinen Sinn hatte die Bögen mit Sehnen zu bespannen. In derartigem Sturm folgen Pfeile überall hin, nur nicht geradeaus, und die Sicht mochte ohnehin als bestenfalls eingeschränkt beschrieben werden. Entsprechend rückten sie ihre Dolche zurecht, prüften, dass sie nicht in den Scheiden festgefroren waren, und banden sich die Schwerter auf die Rücken. Wenig später pirschte Vesana an der Spitze, gefolgt von der rothaarigen Nord, und den Schluss stellte Skjor.
    In der voranschreitenden Dunkelheit hoben sich selbst die schwarzen Baumstämme kaum noch vom Schnee ab. Es glich einem Taumeln und Straucheln, blind und orientierungslos. Fast zumindest. Oberschenkeltief im Weiß versinkend brauchte das Gespann seine Zeit, schweigend und jeder in seine eigene Nervosität versunken. Für Vesa war es das Ringen zwischen Konzentration und träumerische Hoffnung, Wut und Begehren, das sich durch ihre Eingeweide grub wie ein hungriger Wolf durch seine Beute. Die Finger eiskalt, nahezu völlig taub, und doch schwitzten sie, arbeiteten im eigenen Sud unruhig im Fellfutter der Handschuhe. Unfähig zu sprechen schluckte sie unentwegt zähen Speichel hinab, als ränge ihr Leib nach Wasser.
    Erst als die in der Nacht schwarz erscheinende Mauer des Dorfes weniger als zwei Dutzend Schritte vor ihnen auftauchte, lösten sich ihre Kiefer aus den festgefrorenen Ankern, um einen kräftigen Stoß angestauter Atemluft herauszulassen. Im etwas lichter werdenden Gehölz hielten sie inne, kauerten sich in den Schutz einiger Felsen und eines Baumes. »Kein Licht von der Mauer«, bemerkte Aela und hielt den Blick deutlich auf die Schutzanlage gerichtet.
    »Muss nichts heißen«, mahnte Skjor und erntete ein Nicken der Kaiserlichen.
    »Das Tor ist dort drüben.« Vesa deutete nach rechts. »Die Mauer sieht weitestgehend intakt aus, ich schätze, dass wir dort am ehesten ins Innere kommen.« Die Nord brummten leise, zumal irgendwann zu ihrer Linken ohnehin die Berge schroff in die Höhe schossen und ein Umrunden des befestigten Dorfs auf dieser Seite unmöglich machten. Ohne, dass es eines weiteren Kommentars bedurfte, setzten sie sich erneut in Bewegung. An den Fuß der Wehranlage geduckt, schlichen sie an dieser entlang, bis vor ihnen der bullige Aufbau eines Torhauses auftauchte. Das Dach teils eingerissen, Bretter und Latten hingen in Fetzen und an nur noch dünn wirkenden Fixpunkten hinab. Ein massiver, dunkler Schemen ragte aus dem Mauerdurchlass hervor. Das eigentliche Tor, wie Vesana im Näherkommen erkannte. Einige Stellen wirkten dunkler als der Rest, regelrecht versengt.
    Kurz vor dem Durchgang hielten sie inne. Windrauschen in den Ohren, das heftige, schmerzhafte Pumpen des Herzens in der Brust und das Dröhnen in den Adern hörend, verschnaufte die Jägerin und versuchte über all dem Lärm ihrer Gedanken und dem Umfeld auszumachen, ob sich auch nur irgendjemand hinter der Mauer aufhielt. Erst, als sie sich sicher fühlte, dass sie tatsächlich niemand Fremdes hörte, schob sie ihr Haupt langsam um die Ecke. Während auf der anderen Seite des Durchlasses der Torflügel schief in den Angeln hing, fehlte er auf ihrer Seite komplett. Das erleichterte es ihr.
    Mit der linken Hand immer am Gürtel, fest um den Griff eines der Dolche geschlossen, und die rechte bereit über die Schulter zu schnellen, beobachtete sie die Szenerie im Innern. Ebenso erleichtert wie bis ins Bein besorgt mahlte Vesa mit den Zähnen. Nur mühsam drängte sie das aufkeimende Unwohlsein im Bauch zurück und rang den Kloß im Hals hinab. »Soweit nichts zu sehen«, flüsterte sie schließlich und wandte den Kopf nach links. Auf den von der Kälte mitgenommenen Gesichtern zeichnete sich nichts als Entschlossenheit ab. Grimmig nickten sie.
    Schnell machte sich das Gespann daran, das Tor zu durchqueren, doch nach wenigen Schritten zischte Skjor im Fluch. Aela und die Kaiserliche zogen noch während sie sich zu ihm umdrehten die Dolche aus den Scheiden. Das metallische Schaben ging im Wind unter. »Was?«, hakte Aela nach als sich kein Grund erkennen ließ, die Stimme seidig-dünn. Ihr einäugiger Freund steckte überraschend tiefer im Schnee und kämpfte sich gerade erst wieder aus den weißen Fluten heraus. Schnaufend stampfte er einmal kräftig mit dem Fuß auf. Simultan blickten die Frauen nach unten.
    »Bin am Tor hängengeblieben«, erklärte Skjor schließlich, als sie es noch immer nicht begriffen. Entnervt schüttelte Vesana das Haupt, verstaute ihre Waffe und wandte sich nach vorn. Einige Häuser rahmten die Straße ein, allesamt wirkten sie mehr wie hohle Gerippe, denn wohnliche Bleiben. Im Näherkommen wusste sie auch, warum. »Ausgebrannt«, fasste es der Einäugige treffend zusammen.
    »Ziemlich heftiges Feuer, wenn es zwischen so weit auseinander stehenden Häusern übergesprungen ist«, meinte Aela als sie sich hinter eine der Ruinen duckten.
    »Leise«, maßregelte die Jägerin sie. »Wir sind noch nicht fertig.« Schweigen hielt Einzug und im Schutz der alten Häuser, wo der heftige Wind von außerhalb der Dorfmauern kaum noch Kraft zu besitzen schien, hörte sie auch wieder ihren eigenen Herzschlag, wie er ihren Gedanken den Takt gab. Angestrengt huschten ihre Augen über die Umgebung, entdeckten aber noch immer nichts. Kein Zeichen von irgendeiner Form von Leben. Nicht einmal wilde Tiere, die in den hohlen Gebäuden Zuflucht und Schutz vor der Witterung suchten. Die gespenstige Leere und Leblosigkeit dieser Nischen, die die Natur für gewöhnlich stets als erste neu besetzte, jagte Vesa mehr als nur einen unangenehmen Schauer den Rücken hinab.
    Dennoch setzten sie ihren Weg fort, folgten der Hauptstraße weiter ins Innere der Siedlung, vorbei an lose herumliegenden, verkohlten Balken, aus den Gebäuden herausgerissenen Möbelstücken und groben Steinblöcken, die wohl vom ziemlich übel mitgespielten inneren Mauerring stammten. Der Schnee lag zwar hoch genug, um kleinere Objekte vor Blicken zu verbergen, aber häufig genug blieb die Kaiserliche mit den Stiefelspitzen an irgendetwas hängen. Oft handelte es sich einfach um kleinere Trümmer, aber ab und zu wandte sie den Blick nach unten und entdeckte Metall oder gefrorenen Stoff. Unwillkürlich zog sie das Schwert aus der Scheide auf dem Rücken.
    »Ich hab‘ ein ganz mieses Gefühl hier«, verlieh Aela ihrer aller Gedanken Ausdruck. Auch die Nord zogen ihre Waffen, obgleich wohl keiner so recht wusste, wogegen sie sich eigentlich wehren wollten. Das weiße Leichentuch, das über diesem Massengrab lag? Das Flüstern des Windes? Oder vielleicht doch umfallende, verbrannte Dachbalken?
    »Schonmal einen Stadtbrand gesehen, der sowas anrichtet?« Skjor war stehen geblieben und scharrte mit den Füßen losen Schnee zur Seite. Vorsichtig, und die Augen ringsum wandern lassend, näherte sich Vesa, ebenso wie die rothaarige Nord. Als sich noch immer nichts regte, blickte sie nach unten und verzog das Gesicht in Ekel, schloss kurz die Lider, nur um gleich darauf wieder hinzusehen. Es war ein Mann, der dort im frostigen Weiß begraben lag. Die lederunterfütterte Kettenrüstung und der rote Waffenrock wiesen in als Legionär aus. Sein herausragendes Merkmal war allerdings das zur Hälfte vom Knochen geschmolzene Gesicht. Während die andere, unversehrte Hälfte lediglich Würmern und Maden ausgesetzt gewesen war, blieb die verbrannte Seite verschmäht und zeichnete ihm eine groteske Fratze. Auch das Leder der Rüstung auf der entsprechenden Körperseite war verkohlt oder geschmolzen, vermischt mit den weich gewordenen und letztlich wieder erstarrten Ringen des Kettenüberwurfs.
    »Was auch immer es war, jetzt ist es vorbei«, setzte Aela dem Thema ein Ende und wandte den Blick ab. Ihr angewiderter Unterton blieb der Kaiserlichen jedoch nicht verborgen. Dennoch behielt sie Recht, noch mussten sie den Rest des Dorfes auskundschaften, obgleich es ihr mittlerweile sicher schien, dass sie mit niemand sonst die Ruine für diese Nacht teilen mussten.
    Das Schwert an der Seite und in leicht gebückter Haltung führte Vesana die Gruppe letztlich weiter an, duckte sich in den Schutz einer bis auf die dicken Stützbalken ausgebrannten Ruine und huschte durch die Schatten weiter die Straße entlang. Sie kam nicht umhin, an die Erzählungen vor ein paar Tagen und die überall kursierenden Gerüchte zurückzudenken. Ein Drache sollte Helgen vernichtet haben? Die sich darbietende Verwüstung nagte an ihren Zweifeln.
    Beim bloßen Gedanken, dass die Erzählungen doch mehr sein könnten, als bloßes Gerede, machte ihr Herz eine Reihe unangenehm hektischer Sprünge. Mit dem Stechen in der Brust lehnte sie sich vorrübergehend gegen die Mauer eines Turms und spähte über den kleinen Platz, den er zusammen mit einem anderen, größeren Steinbau genau gegenüber überblickte. Ein großes Loch klaffte im Gemäuer des zweiten Turms, Trümmer verteilten sich nahe seiner Basis und die angrenzenden Häuser hatten sie wohl zum Teil mit eingerissen.
    Für einen Augenblick verschnaufte die Kaiserliche, die beiden Nord taten es ihr gleich. Das Gespenst des Todes, das über diesem Ort wachte, drückte schwer auf die Lungen, drohte regelrecht damit, sie zu ersticken. Die Schwertspitze stak in den gefrorenen Boden, als die Jägerin im Schnee kniete und den Blick schweifen ließ. Windgeschützt und in dichtem Schatten kauernd, wäre sie nicht einzusehen, sollte wider Erwarten jemand oder etwas über den Platz schlendern. Kurz schloss sie die Lider, atmete durch und versuchte, die Aufregung in den Adern niederzuringen, und ballte die Hände zu Fäusten. Grummelnd neue Entschlossenheit fassend, öffnete die Kaiserliche die Augen und wandte den Blick nach rechts, an der Seite des Turms entlang, wo der Platz aus ihrem Sichtfeld verschwindend noch etwas weiterführte.
    Noch im selben Moment setzte ihr Herz aus und sie stieß einen spitzen Schrei aus. Im Schrecken steif fiel sie nach hinten in den Schnee und schaffte es erst dann wieder, sich am Riemen zu reißen, als ihr kaltes Weiß von Oben ins Gesicht und am Hals entlang unter die Jacke rieselte. Skjor und Aela schwiegen, aber die Jägerin sah ihre glänzenden Klingen deutlich über ihr schweben, zum Stich bereit und als wären sie in der Luft festgefroren. Herzklopfen bis zum Hals und stoßweise verlaufender Atem plagten sie, als Vesana sich langsam aus dem kalten Pulver kämpfte. »Was ist los?«, zischte Skjor und senkte seine Waffe.
    Kommentarlos bedeutete ihm die Kaiserliche, ihr zu folgen. Nach wenigen Schritten hielt sie inne und blieb vor einer dunklen Wulst am Mauerwerk stehen. Vorsichtig stach sie mit dem Schwert danach, bis das Metall knirschend darin eindrang. »Stadtbrand, hm?«, meinte Skjor und ging noch einen Schritt auf die an die groben Steine gebrannte Leiche zu. Ob Mann oder Frau, es ließ sich nicht mehr erkennen. Die Knochen traten teilweise schwarz durch geschmolzene Haut und Fleisch hindurch, die Kleidung vor fortgebrannt und nur unter den Armen und zwischen den Beinen blieben verkohlte Fetzen. Was einmal ein Gesicht gewesen war, hing in erstarrten, zähen Tropfen vom Kiefer oder verband den Kadaver mit dem Mauerwerk in seinem Rücken, hielt ihn aufrecht und stabil am Stein.
    Erst allmählich beruhigte sich Vesas Herzschlag, als ihre Gedanken langsam begriffen, dass niemand neben ihr gestanden hatte. Kein Lebender, kein Untoter, sondern einfach nur eine völlig entstellte, qualvoll krepierte Person. Sie zog ihre Klinge aus der Brust der Leiche. »Lasst uns sicherheitshalber den Rest des Geländes erkunden«, mischte sich Aela ein und lief an den zwei angewidert auf die Überraste starrenden Gefährten vorüber. Wenn sich tatsächlich jemand in den Ruinen des Dorfes aufhielt, den Schrei der Jägerin hätte wohl niemand überhören können. Die anhaltende Stille zwischen den Mauern ließ darauf schließen, dass sie allein waren. Bei Vesana verstärkte das jedoch lediglich nur das schwerelose, flaue Gefühl in der Magengrube. Im Angesicht all der entstellten Leichen, die sich auf die Straßen und in den Ruinen der Häuser verteilten, wünschte sie sich tatsächlich mehr einem Banditen über den Weg zu laufen, als sich weiter gedanklich mit dem Grad der Verwüstung und den Opfern zu befassen.
    Langsam schlich das Trio schließlich weiter. Die rothaarige Nord übernahm die Führung, Vesa folgte und Skjor stellte unverändert das Schlusslicht. »Dort vorn scheint das Haupthaus der Wehranlagen zu sein«, flüsterte Aela und drückte sich gegen die innere Wehrmauer.
    »Scheint verlassen«, fasste die Kaiserliche zusammen, was sie sah. Wenig überraschend, aber dafür umso bedrückender. »Lasst uns hier hinten irgendwo einen vernünftigen Ort zum Übernachten suchen«, schlug sie nach einem Moment des eisernen Schweigens zwischen ihnen vor. Skjor brummte nur, Aela wandte sich kommentarlos um. »Ich hol schonmal die Pferde, sucht ihr eine Bleibe.« Vesana verstaute ihre Waffe in der Scheide auf dem Rücken und löste sich von ihren Kumpanen. Möglichst schnell pirschte sie Helgens Südtor entgegen, länger als nötig allein auf den gespenstigen Straßen zu wandeln entsprach nicht unbedingt ihrer Vorstellung von Vergnügen. Das unangenehme Ziehen im Bauch schlug sich dabei als unkontrolliertes Zucken einiger Muskeln in Nacken und Rücken nieder, jagte ihr einen Schauer nach dem anderen die Arme hinab und zeichnete irgendwann dunkle Schemen in die Nacht, die verschwanden, sobald sich die Jägerin zu ihnen umwandte. Manchmal entdeckte sie alte, nicht völlig steifgefrorene Stoffbahnen, die im Wind schwangen, oft genug blieb aber auch nichts als gähnende, schwarze Leere an der Stelle zurück.
    Kopfschüttelnd beeilte sie sich, das Dorf – nein, dieses Grab – zu verlassen. Es würde eine zweifellos wenig vergnügliche Nacht werden, das stand fest.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (12.04.2015 um 12:16 Uhr)

  9. #89

    Himmelsrand, Bucht von Einsamkeit, Herz des Gerechten

    << Zum vorherigen Beitrag



    Die Zofe hielt ihr einen Spiegel vor, während Rasvan an ihren kniehohen, rostroten Wildlederstiefeln schnüffelte, als wären sie irgendein neues Spielzeug. Geschickt strich sich Amelia einige lange Strähnen ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht hinter die Ohren. Den dunklen Rand um ihre Augen und auf den Lidern hatte Jela ausgebessert, ebenso half sie der blassroten Farbe ihrer Wangen etwas nach, um die noch anhaltende, kränkliche Bleiche der Übelkeit zu verdecken. Silberne Spangen hielten die losen Haare bis auf wenige Ausnahmen an der Seite ihres Kopfes und der Zopf streichelte bei jeder leichten Bewegung über ihren Rücken. »Ihr seht fabelhaft aus, keine Sorge«, bekräftigte ihre Bedienstete und ein breites Schmunzeln legte ihre aufgeplusterten Wangen in tiefe Falten.
    Die Adelige stieß feixend Luft aus. »Schon gut, ja.« Nach ihrer öffentlich schwächelnden Erscheinung von zuvor, von der zwar so gut wie niemand etwas gesehen haben wollte, empfand es Amelia als zwingend nötig, nach Außen wieder wohlauf zu wirken, auch wenn sie sich noch immer flau und unwohl fühlte. Mit wenigen Handgriffen richtete sie zum Schluss noch einmal ihr ab der Hüfte in einzelne Stoffbahnen auslaufendes, saphirblaues Übergewandt, zupfte an den hängenden Enden der weiten, kurzen Ärmel und prüfte den weißen Seidengürtel um ihre Taille, der in braunen Stricken vorn auslief. Auch das längere, weiße Untergewand aus dünner, seidig gewobener Wolle rückte sie noch einmal zurecht. »Lasst mich Euch mit der Kette helfen«, bat Jela und senkte schließlich den Spiegel.
    »Bitte, ja«, willige die Bretonin ein und nahm sich eines der schmalen Silberdiademe. Jenes ohne Schmucksteine mochte wohl erst einmal genügen. Mit geübten Fingern, die inzwischen auch eine Vielzahl filigraner Silberringe verzierten, schob sie das Stirnband aus verflochtenen Silberdrähten unter ihr Haar. An den Ohren aufliegend saß es fest auf ihrer Haut und in der Zwischenzeit hatte ihr auch die Zofe das breite Geflecht aus Kettengliedern um den Hals gelegt. Wie ein Kragen saß es zunächst kühl und eng auf der Haut, fühlte sich aber bald von innen gewärmt durchaus gut an. »Meinst Du, das genügt für den ersten Eindruck am Hof?« Ein wenig skeptisch beäugte sich Amelia nochmals im Spiegel, zupfte selbst kurz an der flächigen Halskette herum und richtete die Ausschnitte ihrer übereinanderliegenden Gewänder neu aus. Einige Falten, die die weißen Stickereien im blauen Obergewand verzogen, strich sie aus.
    »Ihr seid in Himmelsrand, Herrin!« Regelrecht empört verfrachtete Jela den Spiegel auf die nahe Kommode und stemmte die schwammigen Hände in die breite Hüfte. »Euch wird man hier hinterherschauen, sorgt Euch da nicht«, bekräftigte die schmächtige Betronin und verzog den Mund in Zufriedenheit, als sie ihre Herrin begutachtete. Die lachte auf und legte sich die schlanken Finger der Linken vor den Mund, während sich zahllose Fältchen um ihre Augen auftaten und ihr die Wangen zu glühen begannen.
    »Schon gut, danke«, winkte sie ab und ließ sich ihren roten Seidenschal reichen. Erst als ihr dieser bis unter die Ohren den Hals wärmte streifte sie sich den gleichfarbigen, schweren Umhang über. Vorn bis zum Gürtel reichend, schmiegte er sich durchaus gefällig an ihren Körper. Die Kapuze richtete Jela für sie und legte Amelia den langen Zopf um ihr Genick, damit er sich nirgends mit dem Überwurf verheddern konnte.
    »Aber wer weiß … Vielleicht lacht Euch ja ein hübscher Nord am Hof von Jarl Elisif an«, zwinkerte die Zofe, richtete den dunklen Fellsaum der Wetterkleidung und nickte ihr dann zu.
    »Ein hübscher Nord?« Amelia zog schmunzelnd eine Augenbraue hoch. Wenig überzeugt schüttelte sie das Haupt. »Selbst wenn es so einen gäbe, ich glaube, dass mein Vater das nicht gerade gutheißen würde.«
    »Vermutlich nicht, nein«, räumte die Zofe ein. »Aber sattsehen könnt Ihr Euch sicher dennoch.«
    »Das werden wir früh genug herausfinden.« Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen. Der Gedanke, für die unbestimmte Zeit des Aufenthaltes mit einem netten, attraktiven Angehörigen des Hofs anzubandeln, mochte ihr durchaus gefallen. Aber laut aussprechen wollte sie ihn dann doch nicht. »Ich kann also so vor fremde Augen treten?«, fragte sie stattdessen noch einmal.
    »Ihr seht bezaubernd aus!«, bestätigte Jela.
    »Dann kann ich ja beruhigt an Deck gehen.« Amelia wandte sich ab, legte die Hand auf die Klinke der Tür und schnappte sich die langen Samthandschuhe von der nebenstehenden Anrichte. Ein kurzes Pfeifen entwich ihren Lippen, als sie austrat, und eifrig hechelnd schloss Rasvan zu ihr auf. Viele der ihren Onkel und sie begleitenden Wachen befanden sich noch immer unter Deck, plauderten miteinander oder schliefen in ihren Hängematten. Es gab keinen Grund sie alle nach oben zu rufen. Gleichsam fühlte sie sich aber plötzlich auch beobachtet von zu vielen neugierigen Augen und so beschleunigte sie ihre Schritte. Die Erinnerung an die demütigenden Erlebnisse von wenigen Stunden zuvor trieb noch zu frisch durch ihre Gedanken.
    Entsprechende Erleichterung ließ sie aufatmen, als lediglich die knarrende Stiege und der kurze Flur an deren oberen Ende zwischen ihr und der frischen Luft lagen. Im Gehen die Handschuhe überstreifend, stieß Amelia die Pforte auf, ließ ihren Halbwolf ins Freie und folgte ihm anschließend. Sofort brannte ihr die eisige Luft auf der Haut, biss sich in die Nasenspitze und die Ohrmuscheln. Das Silber der Ohrringe leitete die Kälte noch schneller unter die Haut. »Brrrr«, murrte die Bretonin und strich ihrem Tiergefährten durch das Fell zwischen den Ohren. Groß genug war er, dass sie sich nicht einmal bücken musste. »Aber Dir macht das sicher nichts aus, was?«, flüsterte sie weiter und sah sich um, ob sie ihren Onkel irgendwo entdeckte. Da sie ihn zwischen den emsigen Matrosen an den Brüstungen und in der Takelage nicht entdeckte, blieb nur noch ein Ort, an dem er sich aufhalten konnte. An ihr vorbeieilende Mannschafter grüßten sie mit einem knappen »Herrin« und deuteten Verbeugungen an. Freundlich lächelte sie ihnen zu, um im schneidenden Wind und den von ihm getriebenen, scharfkantigen Flocken wenigstens ein bisschen gute Laune zu stiften. Wer die ganze Zeit nur auf grimmige Kameraden starrte, mochte schnell sehr verbissen werden.
    Gerade wollte sie sich daran machen, zum Kapitänsstand hinaufzusteigen, da fiel ihr Blick auf die sich vor ihrem Kahn auftürmende Küstenlinie. Noch immer fegten unzählige Eiskristalle in dichtem Treiben auf den eisigen Böen, doch hatte sich der Dunst etwas gelichtet und ließ den enormen Felsbogen, der sich über die Bucht von Einsamkeit spannte, deutlich sichtbar herausstechen. Obenauf erkannte Amelia Mauern und die Dächer der Stadt und auf der anderen Seite des überwältigend großen, natürlichen Tors zeichneten sich die Schemen angelegter Schiffe ab. Im Erstaunen legte sie den Kopf in den Nacken und lehnte sich etwas zurück, um die Szenerie in ihrer Gänze aufzunehmen. Erst einen Moment später bemerkte sie in ihrer Bewunderung, dass ihr der Hauptmast und dessen Segel einen großen Teil der Landschaft noch verdeckten.
    Kurzerhand lief sie zum Rand des Kahns und lehnte sich neugierig über das Schiffsgeländer. Rasvan folgte ihr und richtete sich selbst auf, die vorderen Pfoten mit auf die Brüstung gelegt. Fasziniert folgten ihre Augen der Küstenlinie, glitten über den vorgelagerten Leuchtturm zu den schroffen, zerklüfteten Steilwänden, die sich zu Einsamkeit emporreckten, und folgten schließlich der Kontur der Stadt bis sie an ihrem Ende auf den Mauern des Palastes ruhen blieben, von dem ihr Natalios schon so manches erzählt hatte. Beeindruckend, und weit interessanter als vieles, das sie in Hochfels schon gesehen hatte.
    »Backbord!«, schrie einer der Matrosen plötzlich auf und Amelia wandte den Blick suchend über das Deck. Vorn am Bug stand ein Mann in dickem Mantel mit einer langen Stange in der Hand, die er noch im selben Augenblick am Schiff vorbei niedersausen ließ. Gleichzeitig schwenkte das Boot deutlich nach rechts, näher zum Ufer hin. So recht wusste sie nicht, was es mit dem Geschehen auf sich hatte. Irritiert und interessiert beobachtete sie daher weiter, bis das Knirschen von Schnee und Eis direkt unter ihr nach Aufmerksamkeit verlangte. Erst in diesem Moment wurde sie sich der zahllosen Eisschollen, die im dunklen, ruhiger daliegenden Wasser des Fjords trieben, richtig gewahr. Einige klein und ihm matschigen Packeis kaum erkennbar, andere leuchteten Weiß aus dem kalten Schwarz auf und boten Platz genug für ganze Gruppen von Horkern.
    »Steuerbord!«, rief unvermittelt ein anderer Matrose, der auf ihrer Seite des Schiffs ebenfalls am Bug stand. Auch er hielt eine dicke, lange Stange in den Händen und ließ sie niederstechen. Ein Dreizack aus Metall mit langen Spitzen saß an ihrem Ende, wie die Bretonin gerade noch so erkannte, bevor es vor dem Kahn verschwand. Erst als der zurück nach links schwenkte, ließ sich mitverfolgen, was tatsächlich vor sich ging. Der Mannschafter drückte sein Werkzeug mit seinem kompletten Körpergewicht nach unten und versuchte so eine dem Boot zu nahe gekommene Scholle aus dem Weg zu schieben. Es gelang ihm zumindest soweit, als dass nur noch eine schnell abbrechende Zacke des Eises am Rumpf entlangschabte und letztlich mit dem grauen, dickflüssigen Packeis verschmolz.
    »Da bist Du ja.« Natalios Stimme, für einen Mann sehr hell und klar, aber nicht ohne Erleichterung, schwappte von oben über sie hinweg. Schnell wandte sich die Adelige um und blickte zu ihrem Onkel hinauf. In schwerem, königsblauem Mantel stand er am Geländer nahe Domek und Kolja. Lächelnd neigte sie ihr Haupt im stummen Gruß, dann lief sie zu ihm. »Schön, Dich wieder wohlauf zu sehen«, empfing er sie, legte ihr eine Hand an die Seite des Kopfes und strich ihr mit dem Daumen über die Haut. »Fühlst Du Dich besser?« In ehrlicher Freude zog er die Mundwinkel unter dem dichten, sauber gezwirbelten Schnauzer nach hinten und zupfte sich anschließend am teils eingefrorenen Ziegenbart.
    »Deutlich besser, ja«, entgegnete sie und wickelte sich stärker in ihren Umhang ein, als der Wind auffrischte.
    »G’rad‘ rechtzeitig, wert’s Fräulein«, mischte sich Domek aus dem Hintergrund ein. Amelia schaute erst zu ihm, folgte dann aber seinem Blick, als er in Fahrtrichtung nickte. Genau in dem Moment schob sich die Herz des Gerechten durch den Küstenbogen hindurch. Mehrere Dutzend Mannsgrößen mochte sich der massive Fels über ihnen aufspannen, vielleicht auch mehr. Völlig unbearbeitet, wie es schien, trug er das Gewicht einer ganzen Stadt und unangenehme Schwerelosigkeit durchwirbelte ihren Bauch, als sie sich ausmalte, was passieren mochte, sollte er jemals unter der Last nachgeben. Kurz die Lider senkend schüttelte die Adelige den düsteren Gedanken fort und hielt sich im Staunen am schlanken Arm ihres deutlich größeren Onkels fest.
    »Seg’l steich‘n!«, brüllte im selben Augenblick Domek über den Kahn und plötzlich kletterten fast alle der Seemänner, die es noch nicht getan hatten, in die Takelage. Es dauerte nicht lange, da blieb von dem schweren, weißen Stoff nicht mehr übrig, als die dicken Bündel an den querverlaufenden Holzstämmen. Wie auch immer sie hießen. Schnell an Geschwindigkeit verlierend glitt ihr Kahn durch das ruhige Hafenwasser und hielt letztlich punktgenau und unter Hilfe von dicken Tauen, die ihn daran festhielten, an einem der weiter herausstehenden Stege an. Drei andere Schiffe, alle größer als ihres, lagen ebenfalls vor Anker. Vor dem Hintergrund der steil und hoch aufragenden Klippen, an deren unteren Rand sich eine verloren wirkende Uferstraße entlangschlängelte, wirkten sie aber alle mehr wie Spielzeuge.
    »Geschafft«, seufzte ihr Onkel, löste sich von ihr und wandte sich an ihren Kapitän. »Gute Arbeit, danke«, lobte er, klopfte ihm auf die Schulter und bat Kolja per Handzeichen ihm zu folgen. Amelia schloss sich ihnen an, als sie vom Kapitänsstand zum Hauptdeck hinabstiegen. »Lass Deine Männer noch unter Deck. Sie freuen sich ohnehin über die Wärme. Es reicht, wenn Du und zwei, drei andere uns begleiten. Wir wollen niemanden verschrecken oder zu viel Aufmerksamkeit erregen«, erläuterte er weiter und blieb nahe dem Hauptmast stehen. Die Adelige lauschte nur und zog die Schultern hoch, als helfe es gegen die zwickend unter den Umfang fahrenden Windstöße.
    »Wie Ihr wünscht, Herr.« Der Hauptmann verneigte sich und verschwand unter Deck.
    »Denkst Du, Junus ist noch hier?«, fragte Amelia als der Soldat außer Sicht war und hockte sich vor Rasvan. Der ließ seinen langen Lappen aus dem Maul hängen, als sie ihn am Hals kraulte.
    »Nein. Aber eine Gruppe betronischer Soldaten in Einsamkeit, die zwei Adelige begleiten, und das kurz nachdem er hier war, dürfte wohl sein Misstrauen wecken. Also geben wir den Leuten lieber möglichst wenig Anlass dazu, zu schwatzen«, erwiderte Natalios. Seine Nichte erhob sich und nickte nur, musterte kurz seine inzwischen wieder angestrengten, scharfen Gesichtszüge und die dunklen, in die Ferne gerichteten Augen. Er bemerkte gar nicht, dass sie ihn beobachtete und schreckte erst zu ihr herum, als sie ihm den verdrehten Fellsaum am Ärmel richtete. Kurz perplex, schüttelte er gleich darauf deutlich die sicherlich wild kreisenden Gedanken fort. »Entschuldige, wenn ich abweisend erscheine.«
    »Schon in Ordnung, Nat«, wiegelte sie ab, »aber Du solltest wenigstens ordentlich aussehen.« Bestimmend tippte sie ihm gegen die Schulter und gebot ihm so, sich ihr zuzudrehen.
    Verhalten lachte er auf. »Ich vergesse immer, dass ich eine Expertin dabeihabe«, spöttelte er, ließ sie jedoch gewähren, als sie seinen schwach beigen, hellen Schal neu band und den Fellkragen neu darüber legte. Auch den kräftigen Ledergürtel richtete sie besser aus. Einzig ein Kamm fehlte ihr in diesem Moment, um das vom Wind wild verwehte, dunkelblonde Haar zu ordnen. Die fingerlangen, ergrauenden Strähnen wirkten beinahe wie ein Vogelnest. Letztlich senkte sie die Hände und betrachtete ihr Werk. »Besser?«
    »Besser«, bestätigte die Bretonin.
    »Dann können wir ja los«, lachte Natalios und schaute an ihr vorbei. Sie folgte seinem Blick. Kolja kehrte gerade mit drei weiteren Wachen zurück. Die Zwillinge Bedrich und Franos, kraftstrotzende Kerle in schimmernden Stahlharnischen, die wie bei ihrem Hauptmann den eingravierten, rot nachgezeichneten Löwen mit den saphirblauen Augen darauf trugen. Schwere, königsblaue Umhänge verdeckten die wuchtigen Schulterplatten und umspielten ihre Leiber. An den kräftigen Ledergürteln baumelten lange Schwerter und mit stählernen Platten versehene Kettenhemden verdeckten die Oberschenkel. Armschienen glänzen an den Unterarmen. Imposant wirkten sie definitiv. Das einzige, das sie von ihrem Hauptmann unterschied, war der Mangel an bronzenen Verzierungen auf den Rüstungsteilen.
    Lediglich die Vierte im Bunde der Männer, Lida, eine strohblonde Magiern, stach heraus. Ihre Rüstung wirkte feinteiliger, flexibler, und ihrer schlankeren, weniger kraftvollen Statur angemessen. Der Harnisch aus mehreren Platten, verzichtete sie auf Schulterpanzer und Armschienen. Lediglich der Waffenrock blieb derselbe. Ebenso wie das Schwert an der linken Seite. »Nadim übernimmt in der Zwischenzeit das Kommando, er hat seine Anweisungen«, eröffnete Kolja, als er und seine Begleiter die beiden Adeligen erreichten.
    »Gut, dann brechen wir lieber gleich auf. Es dauert etwas, bis wir die Stadt erreichen«, beschloss Natalios und gemeinsam setzten sie sich in Bewegung. Matrosen hatten inzwischen eine Planke zum Anlegesteg hinübergeschoben und so setzte die Bretonin, auf dem überfroren Holz von Kolja gestützt, erstmals einen Fuß auf den Boden Himmelsrands.

  10. #90

    Himmelsrand, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Sie entschieden sich dagegen, die Nacht im Haupthaus zu verbringen. Wenn der Tross der Silbernen Hand hier eintraf und eine Rast einlegte, egal ob über Nacht oder nicht, dann wäre das weitestgehend intakte Militärgebäude wohl die erste Anlaufstelle. Dort Spuren zu hinterlassen stand also außer Frage. Stattdessen ließen sie sich in dem verheerten Turm nieder. Am weitesten von den beiden Toren entfernt bot er guten Sichtschutz und sollte das Wetter etwas aufklaren gleichzeitig einen guten Überblick über das Dorf, obwohl Trümmer den Zugang zu den oberen Ebenen versperrten.
    Dort harrten sie aus bis die Nacht schließlich dem Morgen wich. »Wir sollten uns möglichst rasch an den Toren einen genaueren Überblick verschaffen«, verkündete Aela während sie ihren Köcher und den Bogen auf dem Rücken fixierte. Der Wind hatte etwas nachgelassen, dafür herrschte nun umso dichteres Schneetreiben mit Flocken so groß wie Daumenspitzen. Vesana tat es ihr gleich.
    »Dann mal los, hm?«, trieb sie Skjor an und schon im nächsten Moment verließen sie ihre marode Bleibe. Die kalte Luft brannte in den Lungen, stach auf der Haut und zusammen mit den ständig ins Gesicht schlagenden Flocken zauberte sie zwar eine malerische Landschaft, aber machte es auch ausgesprochen unangenehm, längere Zeit draußen unterwegs zu sein. Zwar besser als noch am Vortag, aber es gab Dinge in Himmelsrand, an denen die Kaiserliche nie herzlichen Gefallen finden würde.
    In annehmbarer Helligkeit wirkten die Ruinen deutlich weniger gespenstig. Dafür blieb das komplette Ausmaß der Verwüstung aber auch nicht mehr verborgen. Völlig ausgebrannte Dachstühle boten da noch die harmlosesten Schäden. Die Zahl der Kadaver, die Vesa entdeckte, stieg scheinbar exponentiell. Manche hingen verkohlt im schwarzen Gebälk der Häuser, andere kauerten im vermeintlichen Schutz hinter inzwischen zerfallenen Wänden und noch einige mehr verschmolzen mit ihrem Untergrund oder Wänden, so wie jener Tote, der die Jägerin in der letzten Nacht beinahe zu Tode erschreckt hatte. In angewidertem Erstaunen blieben ihnen die Worte weg, während sie durch die Straßen Helgens schritten.
    Gerade mitten auf dem Platz vor dem zentralen Festungsgebäude und somit von allen Seiten gut einsehbar, hielt Aela an der Spitze ihre Gruppe plötzlich an. Unwillkürlich duckte sich Vesana etwas in den Schnee und sah sich um. »Was ist?«, zischte sie, erhielt jedoch keine Antwort. »Aela!«, wiederholte sie schärfer.
    Deutlich schüttelte die Nord das Haupt und setzte sich anschließend wieder in Bewegung. »Nichts.«
    »Nichts
    »Ich habe nur eben etwas gesehen, das ist alles«, erklärte die Rothaarige.
    »Was hast Du gesehen?«, war es nun Skjor, der sich von hinten zu Wort meldete.
    »Nichts Wichtiges, ihr werdet es gleich selbst sehen.« Ein Versprechen, das sich schnell erfüllen sollte. Über Aleas Kopf tauchte nach wenigen Schritten der Torbogen der inneren Wehrmauer auf. Das groteske Bild, dass sich Vesana damit bot, erinnerte mehr an einen Traum – einen schlechten Traum – denn an irgendetwas, das ihr schon einmal in der Wirklichkeit begegnet wäre. Zwei Personen, oder zumindest glaubte sie, dass es einmal so viele gewesen waren, hingen an dem steinernen Bogen. Oder vielleicht klebten sie auch daran. Völlig verkohlt mochte es gut auch letzteres sein. Dem einen fehlte der linke Arm samt Schulter, das linke Bein ab dem Knie. Beides entdeckte die Jägerin in einigem Abstand ebenfalls auf der schmalen Brücke zwischen den Mauerabschnitten links und rechts des Durchbruchs. Dem anderen fehlte der Leib ab der Hüfte abwärts.
    Schwer schluckend und das widerliche, schwerlose Glucksen in den Eingeweiden möglichst schnell niederzuringen versuchend, blieb sie stehen. Beide Leichen wirkten, als hätte sie irgendetwas zerrissen und dabei handelte es sich gewiss nicht um das Feuer. »Hoffen wir, dass wir diesen Ort möglichst bald wieder verlassen können«, murmelte sie und schüttelte sich, als ihr ein Schauer Gänsehaut auf die Arme trieb.
    »Hmhmm«, bestätigte Aela und führte sie unter dem grotesk verzierten Torbogen hindurch.
    Mit schweren Atemzügen den Ekel niederringend blieb Vesana neben den beiden anderen Gefährten stehen, als sie letztlich das Osttor Helgens erreichten. Es wirkte noch weitestgehend funktionstüchtig, beide Flügel hingen in den Angeln, einzig der große Riegel, der es von innen versperren sollte, lehnte in zwei Teilen an der Mauer. »Haben wir eine grobe Vorstellung davon, wie viele Kämpfer der Hand wir überwältigen werden müssen?«, fragte Skjor und verschränkte die Arme vor der Brust. Wie ein strenger Lehrer begann er damit, vor dem Durchlass auf und ab zu laufen und die Augen sowohl über die Mauer, wie auch die nahen Gebäude schweifen zu lassen.
    »Nein, aber gemessen an früheren Erfahrungen und den Äußerungen des Gefangen würde ich auf zehn bis zwanzig tippen«, erwiderte Vesana. Wenn die Silberne Hand tatsächlich wichtige Dokumente zusammen mit den Sklaven transportierte, dann bekamen sie es vermutlich mit so einigen Bewaffneten zu tun.
    »Hm«, brummte Skjor lediglich.
    »Läufertaktik?«, schlug Vesa nach kurzem Überlegen vor und ließ die Augen ebenfalls über das nahe Umfeld schweifen.
    »Erscheint am sinnvollsten, ja«, bestätigte Aela und schwang sich behände ins Gebälk einer nahen Ruine. Das verbrannte Holz ächzte unter der Belastung, doch die dicken Balken waren längst noch nicht bis zum Kern verkohlt und hielten ihrem Gewicht stand.
    »Wir haben zwei Bögen und Dich, Skjor«, überlegte die Kaiserliche laut weiter. »Aela und ich verschaffen uns einen Überblick von oben. Verwinkelte, aber schnelle Wege für uns, Du hältst uns Verfolger vom Leib.«
    »Wenn das funktionieren soll, müssen wir sie abfangen, noch ehe sie das Verwaltungsgebäude erreichen«, warf ihnen Aela von oben herab zu und eilte in gebückter Haltung einen der schrägen Dachsparren hinauf bis zum First der Ruine nahe der Wehrmauer. »Auf dem zentralen Platz gehen uns die Versteckmöglichkeiten und Hinterhalte aus.« Vesa nickte nur und Skjor knurrte in Zustimmung. »Vesa, komm mit hoch. Skjor, schau Dich bis zum Ende der Häuserreihe nach möglichen Wegen zurück ins Gebälk und einem guten Versteck für Dich um. Wir sollten uns ab sofort möglichst wenig auf der Straße aufhalten, um Spuren zu vermeiden.«
    Ohne zu zögern setzten sich die beiden auf dem Boden verbliebenen Zirkelmitglieder in Bewegung. Der schwer gepanzerte Nord verfiel in lockeren, scheppernden Trab und die Kaiserliche verkroch sich in die Ruinen. Mit einem beherzten Tritt auf eine verbrannte Kommode im Innern drückte sie sich nach oben, bekam einen der Dachsparren zu fassen. Mühelos schwang sie sich auf einen der Querbalken und kletterte anschließend weiter nach oben, bis sie schließlich neben Aela in die Hocke ging und den Blick schweifen ließ. »Einer von uns sollte später von hier aus die Straße beobachten«, eröffnete die Nord.
    »Definitiv. Von hier aus ist auch ein guter Ort, um den ersten Schuss abzugeben.« Aela nickte. »Wir werden so oder so in der Unterzahl sein. Wir sollten also auf Verwirrung setzen.«
    »Nicht gleichzeitig feuern?« Sie setzten sich auf den Firstbalken und ließen die Beine in der Luft hängen.
    »Genau.«
    »Wie sieht es mit Seitenwechseln aus?«
    »Wenn wir ihre Bogenschützen als erste aus dem Spiel nehmen, können wir das tun, ja«, nickte Vesa den Vorschlag ab. »Sobald sich ihre Streiter etwas zerstreuen, während sie einen von uns verfolgen, bliebe auch noch die Möglichkeit, die Sklaven zu befreien.«
    »Ich vermute, dass sie wie immer Eisenschellen verwenden werden, wir bräuchten also einen Schlüssel«, wandte Aela ein und erhob sich wieder.
    »Denkst Du nicht, dass sie in dem Wetter eher einen Käfigkarren verwenden werden?« Die Kaiserliche folgte ihrem Beispiel und lief hinter ihr den First entlang, den Blick ließ sie dabei von oben in die nahen Ruinen schweifen.
    »Dann bräuchten wir trotzdem noch immer einen Schlüssel.«
    »Hm. Stimmt auch wieder.« Behände schwang sich Vesa vom Dachgrat herunter ins Gebälk des Dachstuhls, nahm Anlauf und sprang beherzt über die schmale Gasse zwischen zwei Häusern ins Obergeschoss des benachbarten Gebäudes. Der Zwischenboden bestand noch zu großen Teilen und bot somit nach unten hin Sichtschutz. Gleichzeitig fehlte aber auch der Belag des Daches, so dass sich die Straße bis zum Tor hin noch gut einsehen ließ. Ein idealer Ort um aus dem Schutz der Dunkelheit heraus noch ein, zwei Pfeile in Richtung des Feindes zu senden, bevor die Flucht vor an die Haustür klopfenden Verfolgen fortgesetzt werden musste. Durch Lücken im Boden mochten sich jene aber vielleicht sogar erledigen lassen, bevor sie die Treppe am langen Ende des Gebäudes erreichten und aufsteigen konnten. »Perfekt«, murmelte sie zu sich selbst und ließ die Augen über die im Halbdunkel liegende Umgebung streifen.
    »Hast Du was gesagt?«, fragte Aela, die gerade über Sparren und Balken zum höherliegenden First hinaufkletterte.
    »Nur, dass sich hier ein guter Pfad auftut«, entgegnete die Kaiserliche und schritt langsam, die angeschmorten Bretter des Obergeschosses vorsichtig auf ihre Stabilität austestend, zum anderen Ende des Hauses. Erst nach und nach sank die morbide Perfektion ihres Umfeldes wirklich in Vesanas Verstand ein. Was auch immer dieses Unheil über Helgen gebracht hatte, was auch immer die sich hier ebenfalls verteilenden, teilweise geschmolzenen Leichen verantworten musste, für ihr Unterfangen konnte sich kaum ein besseres Umfeld bieten.
    Kurz stockte ihr der Atem, gefror sie in ihrer Bewegung, als sie zwei kümmerlich zusammengekauerte Gestalten in einer der Ecken entdeckte. Zweifellos ein Kind und eine erwachsene Person. Vielleicht Mutter und Tochter oder Sohn. Die Lippen der Kaiserlichen begannen zu beben und ihr Hals schnürte sich zu. Schnell wandte sie den Blick ab, schaute zu Boden und anschließend zum langen Ende des Dachstuhls.
    Perfektion, rief sie sich in Erinnerung und lief langsam weiter. Das perfekte Versteck für einen Jäger. Verwinkelt, zahllose dunkle Ecken und für akrobatisch versierte Kämpfer wie Aela und sie mit einer üppigen Auswahl an Pfaden durchzogen. Ideal also, um Hinterhalte zu legen. »Wenn wir uns geschickt anstellen, lässt sich ein Teil auch in den Nebengassen aufreiben«, rief die rothaarige Nord und erst in diesem Moment bemerkte Vesana, dass sie sich inzwischen auf dem Dach eines Hauses in der zweiten Reihe aufhielt. Ein kleines Gebäude, das zusammen mit ein paar anderen mehr wie ein Schuppen wirkte, aber dennoch dabei half, zu navigieren ohne einen Fuß auf den gefrorenen Erdboden zu setzen. Im Hintergrund erspähte die Jägerin auch die weiß überfrorene Stadtmauer, die zwischen den gemauerten Toren eigentlich mehr eine Palisade war. »Dann kann in der Zwischenzeit Skjor die Position wechseln und wir anschließend auch mal auf die andere Straßenseite huschen«, redete die Nord weiter mit laut erhobener Stimme, dass Vesa sie gerade so verstand.
    Kurzerhand nahm die Kaiserliche einige Schritte Anlauf, sprang aus einem leeren Fenster und landete zielsicher auf einem der Dachspaaren des Schuppens, auf dem auch Aela herumkletterte. Ein Blick nach unten verriet, dass es sich wohl tatsächlich eigentlich um ein kleines Wohnhaus handelte, die Reste eines Bettes und mehrerer Möbel ragten aus dem Schutt. »Klingt gut. Ich denke drei bis vier Durchläufe an Skjor vorbei, je nachdem, wie viele Mitglieder der Hand es tatsächlich sind, danach Seitenwechsel und mögliche Streuner auf dem Hauptplatz abfangen. Es sollte leicht sein, von den Ruinen auf der anderen Seite auf die Mauer zu klettern und von dort den Platz zu überblicken.«
    »Genau meine Gedanken«, bestätigte Aela und setzte sich wieder in Bewegung. Vesana folgte ihr, als sie in ein größeres Gebäude in der ersten Reihe kletterte und sich in diesem ins Erdgeschoss begab. Die Kaiserliche blieb jedoch oben und warf einen Blick aus dem Fenster am langen Ende. Es war das letzte Haus bevor sich die Straße teilte und nach links zum Südtor führte. Tiefe Spuren im Schnee verrieten, dass der Einäugige bereits hier gewesen war. Allerdings sah sie sich unfähig, ihn zu entdecken.
    Kurz verschnaufte sie und lauschte mit geschlossenen Augen in den stillen Schneefall. Flocken trieben auf den mal mehr, mal weniger sanften Böen durch das Fenster zu ihr hinein, legten sich auf ihre Stiefel und die verschränkten Arme. Kaum wahrnehmbare, leise Stimmen schwangen sich zu ihr hinauf, unmöglich in einzelne Worte zerlegbar. Ruckartig öffnete sie die Augen, lehnte sich über den Fenstersims und wandte den Blick nach rechts. Nichts. Zwei Redner, das konnte sie ausmachen und obwohl sie sich sicher fühlte, dass es sich dabei um ihre beiden Freunde handelte, ließ sich die nervöse Aufregung des ersten Schreckens nur langsam überwinden.
    Leichtfüßig schwang sich die Jägerin durch das Fenster, hielt sich am Rahmen fest und ließ sich anschließend in den tiefen Schnee fallen, der ihren Sturz dämpfte. Einen Moment steif in den Knien, schüttelte sie die Beine aus und lief anschließend auf die Straße. Skjor und Aela standen auf der anderen Seite im Türrahmen eines Hauses mit völlig eingestürztem Dachstuhl und redeten. »… dann Seitenwechsel«, hörte sie die Rothaarige gerade noch sagen, bevor die beiden Nord die Köpfe hoben und zu ihr hinüberschauten.
    »Ein guter Plan«, nickte der Einäugige. »Was machen wir, sollten sie nicht an den Köder anbeißen?«
    »Dann wechselst Du direkt die Seite und positionierst Dich in den Schatten. Aela und ich schalten ihre Schützen aus und beginnen anschließend damit immer wieder die Seite zu wechseln«, schlug Vesa vor.
    »Einzeln, oder gemeinsam?«, hakte der Kahlköpfige nach.
    »Einzeln. Vor und zurück, dann der andere. Auf diese Weise steht auf jeder Seite immer jemand bereit, der Verfolger abfängt.«
    »Hm. Riskant«, wandte Aela ein. »In so kurzem Abstand vor ihnen die Seiten zu wechseln, meine ich. Sie brauchen sich nur großräumiger verteilen, dann funktioniert das schon nicht mehr.«
    »Damit öffnen sie aber ihre Flanken und können von beiden Seiten beschossen werden.«
    »Funktioniert nur, wenn ihre Anzahl nicht zu groß ist. Ein Teil blockiert die Straße, der Rest räumt die Häuser aus«, zerschlug Skjor den Vorschlag.
    »Wolfsform?«, eröffnete Aela, doch Vesa schüttelte den Kopf.
    »Dann könnte es sein, dass wir wenigstens einen Teil der Gefangen, wenn nicht sogar alle bis auf Darius, ebenfalls erledigen müssen.«
    »Vesa hat Recht«, pflichtete ihr der kahle Nord bei. »Es sind schon genug Gerüchte über Werwölfe im Umlauf und sollten Mitglieder der Hand entkommen, würde sie es nur auf unsere Fährte führen.« Schnaufend nickte die Rothaarige. Als Wölfe wäre es ein Leichtes, den Tross aufzureiben, aber im Blutrausch mochte womöglich bei größerer Anzahl der Feinde doch der eine oder andere Entkommen.
    »Und wenn wir uns, sollten sie nicht anbeißen, einfach in den Ruinen auf der Seite dort zusammentun und sie in den Gassen aufreiben?«, wandte Aela nach einigem Schweigen ein. »So bleiben wir zusammen, Vesa und ich können weiter mit den Bögen arbeiten und in den engen Gassen hast Du mit ihnen leichteres Spiel, Skjor.«
    »Klingt besser«, stimmte er zu.
    »Und wenn wir uns erst einmal verschanzt haben, können wir über die Dächer immer noch in andere Richtungen ausweichen«, pflichtete die Kaiserliche bei.
    »Vielleicht sollten wir das sogar zum Hauptplan machen?« Aela lehnte sich gegen einen der abgebrochenen Türpfosten und verschränkte die Arme. Die anderen Beiden schauten sie lediglich tonlos an. »Wenn sie uns anfangen einzukreisen, geben sie damit auch ihren Rücken frei. Wenn es einer von uns schafft, sie über die Dächer zu flankieren, könnte derjenige die Sklaven befreien und Chaos stiften.«
    »Hmm.« Skjor wandte sich ab und ließ den Blick über die Straße schweifen.
    »Ich könnte mich über eines der kleineren Häuser über die Palisade schwingen und durch das Osttor zurückkommen«, schlug Vesana vor. Aela nickte.
    »Wir können das auch genauer entscheiden, sobald wir die Größe der Gruppe überblickt haben. Wie stehen die Aussichten, dass der Tross bereits heute eintrifft?«, mischte sich der Einäugige von etwas weiter entfernt wieder ein.
    »Gut«, erwiderte Vesa.
    »Dann sollten wir uns langsam in unsere Verstecke begeben und hoffen, dass es dunkelt, wenn der Konvoi eintrifft.«
    »Übliche Kommunikation während des Geschehens?« Aela meinte damit, dass sie mit kurzen, hohlen Pfiffen jeweils Signale gaben.
    »Wie immer.« Skjor verkroch sich im Erdgeschoss des letzten Hauses auf der Seite zwischen den beiden Stadttoren, die Kaiserliche und die Nord folgten ihm, kletterten aber anschließend ins Gebälk und zum ersten Gebäude in der Reihe. Nun hieß es warten, in der Ruhe frieren und mit der Ungeduld ringen. Der ungemütlichste Teil eines jeden solchen Unterfangens. Gleichzeitig schnellte ihre innere Unruhe in neue Höhen und nervös mit den Fingern tippend, die Atemzüge rasselnd, und der Hunger schmerzhaft weggeblasen, musste Vesana nun den schwierigsten Gegner jedes Hinterhaltes niederringen: Sich selbst.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (19.04.2015 um 14:29 Uhr)

  11. #91

    Himmelsrand, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Vesana bockte am frühen Abend wie ein Geier auf dem First des Hauses nahe dem Tor und spähte in die einbrechende Dunkelheit hangabwärts. Aela hatte es sich auf ihren Geheiß hin in einer windgeschützten Ecke des Dachstuhls unter ihr bequem gemacht und ruhe sich aus. Es reichte, wenn eine von ihnen im Ausguck Wache hielt und im Zweifelsfall Alarm schlug. Seufzend ob der idyllischen Stille im dichten Schneefall stützte die Kaiserliche die Hände auf den Balken und nahm die Füße vom Holz. Langsam ließ sie sich auf ihr Gesäß sinken und streckte die von der langanhaltenden Hocke steif gewordenen Knie durch. Sitzend nahm sie die Hände vors Gesicht, strich kurz über die spröden Wangen als könne sie so die bissige Kälte davonkratzen und rieb sie anschließend doch einfach gegeneinander.
    Warten. Etwas, in dem sie durchaus gut war. Geduldig und bedacht, aber schnell, präzise und ausgesprochen tödlich, wenn die Falle erst einmal zuschnappte – Eigenschaften, um die sie so manch einer bei den Gefährten beneidete. Doch für gewöhnlich ging es um nicht viel mehr, als einen weiteren persönlichen Erfolg oder schlicht ein Abendmahl. Jetzt hingegen … jetzt stand weit mehr auf dem Spiel, als es ihr lieb war oder irgendjemandem lieb sein konnte. Der bloße Gedanke an Darius ließ ihr Herz flattern, den Atem rasseln und neuerliche Feuchtigkeit in die Augen steigen, als hätte sich feiner Dreck unter das Lid geschmuggelt. Störrisch rieb sie sich mit der Faust darüber, vergebens ob des Mangels an Schmutz.
    Schnaufend, inzwischen auch am Gesäß vom durchgefrorenen Holz ausgekühlt, hob sie den Blick und spähte die Straße hinab. Je weiter die nächtliche Finsternis das Land verhüllte, desto unwahrscheinlicher schien es Vesa, dass sie tatsächlich heute noch in Kontakt mit dem Tross der Silbernen Hand kamen. Andererseits machte sich mit jedem verstreichenden Atemzug aber auch das unangenehme Stechen in ihrem Bauch breit, dass sie bei der Vorstellung zu spät in Helgen angekommen zu sein, stets plagte. Unruhig tippte sie mit den Fingerspitzen auf den dunklen Balken, fegte lockeren Schnee hinab oder griff ihn sich, um ihn in der Faust zusammenzupressen und fallen zu lassen.
    Unter sich vernahm die Jägerin plötzlich leises Schaben und Rutschen, als schliffe etwas über rauen Boden. Sofort hellwach senkte sie Kinn und Augen und starrte der rothaarigen Nord von oben auf den Schopf. Gleich darauf richtete diese ihren trotz der Dunkelheit beinahe beunruhigend deutlich erkennbaren Falkenblick zum First. »Noch immer nichts?«, fragte sie leise und fuhr sich mit der behandschuhten Linken über das Gesicht. Vesana schüttelte lediglich sacht das Haupt. »Hm. Lass mich übernehmen, Du hast lange genug da oben gelungert.«
    Die Kaiserliche wollte zunächst widersprechen, immerhin waren sie hier um Darius – ihren Liebsten – zu retten, also sollte sie besser die Verantwortung übernehmen. Aela wusste zweifelsohne darum, wie sie sich fühlen musste. Wenn es um Skjor gegangen wäre, die Nord hätte sicherlich ebenso empfunden. Allerdings lag etwas Bestimmendes in ihrem Ton, so dass Vesa nach deutlichem Zögern nickte, eine Hand an den First nahm und nach vorn vom kohleschwarzen Holz rutschte. Im Fallen wandte sie sich um, legte die zweite Hand an den Balken und stoppte ihren Sturz so abrupt. Scharf zog die Belastung an den ausgekühlten Muskeln der Schultern und Arme, doch das störte die Jägerin nicht. Im nächsten Moment lockerte sie ihren Griff und fiel die letzten Handbreiten auf einen der Querbalken im Dachstuhl.
    Unterdessen hatte sich Aela daran gemacht, zum Ausguck hinaufzuklettern und nahm Vesanas Position ein, noch ehe es sich diese irgendwo bequem machen konnte. »Ehm, Vesa?«, drang die Stimme der Nord gedämpft durch die Dunkelheit an die Ohren der Kaiserlichen. »Siehst Du, was ich sehe?«
    Unverzüglich sprang sie auf die Füße, kraxelte einen der Stützbalken hinauf und schlang letztlich die Beine um den Pfosten. Als lehnte sie auf der Brüstung einer Terrasse, hakte sie sich mit den Ellbogen am First fest. Mit vor Anstrengung und Aufregung zitternder Bauchmuskulatur, wild kitzelnden Armen und unruhigem Atem starrte die Jägerin mit zusammengekniffenen Augen in die Finsternis. In weiter Ferne, immer wieder unterbrochen und verdeckt als verschwände es hinter Felsen oder Bäumen, erspähte sie schwachen Lichtschein wie von einer Laterne. Eine Weile beobachtete sie das sich nähernde Licht, bis es sich irgendwann aufteilte und als mehrere winddichte Leuchter zu erkennen war.
    »Was meinst Du?«, flüsterte Aela während sich die Kaiserliche letztlich vollends auf den First hievte und in die Hocke begab. Das laute Summen im Bauch übertönte die Worte der Nord beinahe vollständig.
    »Ich weiß nicht. Es ist zu dunkel.«
    »Aber sie kommen eindeutig näher, nicht?«
    »Das schon.«
    Ohne, dass es weiterer Worte bedurfte, ließ die Rothaarige ein trübes, mattes Pfeifen, einer Eule nicht unähnlich, durch die Nacht hallen. Erst ein höherer, dann mehrere tiefere Töne. Skjor war gewarnt. »Dann lass uns noch einen Moment abwarten«, beschloss die Nord, als bliebe ihnen eine Alternative. Vesana nickte nur, unfähig zu sprechen. Schmerzhaft krallten sich ihre Finger an den Rändern ihres Lederharnisches fest, biss sie sich auf die Zungenspitze.
    »Scheiße«, zischte die Jägerin wenig später und kniff die Augen noch etwas enger zusammen. Hinter der ersten Gruppe von Lichtern tauchte plötzlich noch eine zweite, deutlich größere auf.
    »Das macht die Sache etwas komplizierter«, murmelte Aela und rückte unruhig auf dem Firstbalken hin und her.
    »Entweder es ist eine Vorhut und der Haupttross, oder wir haben eine Gruppe Unbeteiligter dabei.« Beides gefiel Vesa rein gar nicht.
    »Wie es auch sein mag, die Pferde müssen weg«, sprach Aela die gleichzeitig aufkommenden Gedanken der Kaiserlichen aus. »Das übernehme ich und informiere Skjor.« Damit erhob sich die Nord und wandte sich zum Gehen. Kurz warf die Jägerin ihr einen Blick nach, obgleich von der hochgewachsenen Frau im Dunkeln nur wenig zu sehen blieb.
    Bevor diese jedoch gänzlich verschwinden konnte, hielt Vesana sie noch einmal an. »Warte«, flüsterte sie. »Wenn Du wiederkommst, lass Dich auf der anderen Seite der Straße nieder. Wenn sie eine Vorhut schicken, sollten wir uns stärker verteilen«, setzte sie nach und glaubte so etwas wie ein Nicken in Aelas Schemen auszumachen. Wortlos verschwand dieser in die pechschwarzen Finsternis des Dachstuhls. Wie sie die Sache auch drehte und wendete, Vesa krampfte der Magen umso stärker, je länger sie die Lichter in der Ferne beobachtete. Nicht nur steigerte eine Vorhut auch die Gefahr, dass sie entdeckt würden, sondern mochten sich deren Mitglieder auch im Dorf verteilen bevor die Hauptgruppe eintraf und ihnen letztlich in den Rücken fallen, blieben sie bis zum Überfall unentdeckt.
    Der Anzahl der leuchtenden Punkte nach zu urteilen passte wenigstens die größere Gruppe zu ihren Informationen und Annahmen. Gehörte auch die Kleinere noch dazu, bekämen sie es mit einer wesentlich größeren Anzahl an Gegnern zu tun. Handelte es sich bei einer um andere Reisende, wäre ein Überfall entweder unmöglich oder noch deutlich riskanter ob potentieller Fremdeinmischung, die das ganze Spektakel noch unübersichtlicher werden ließ.
    Schnaufend schüttelte Vesana den Kopf und lauschte in den schwach gewordenen Wind, hoffend er möge ihr Hinweise über die Zusammensetzung der Neuankömmlinge zuflüstern. Vergebens. Stattdessen vernahm sie lediglich erneutes, trübes Pfeifen von der anderen Straßenseite. Aela hatte die Pferde an einen anderen, schwerer einzusehenden Ort verfrachtet. Es mochte ihnen wenigstens ein bisschen zusätzliche Zeit erkaufen, bevor sie gefunden wurden – und es stand außer Frage, dass das passieren würde.
    Schmerzhaft langsam, bei rasendem Herzen und wild zerstreuten Gedanken, verging die Zeit, bis der erste der zwei Trosse Helgen nahe genug kam, um im Schein der Laternen ein paar mehr Einzelheiten auszumachen. Metallisches Glänzen, animalisches Schnaufen und leise Männerstimmen – eine Gruppe Gerüsteter näherte sich. Fünf oder sechs Reiter. Scharf, aber mit vorgehaltener Hand sandte die Kaiserliche ebenso viele kurze Pfiffe in die Nacht und gab so die Zahl der Eintreffenden weiter. Wenig später kam die Truppe zu nahe, um auf diesem Wege noch unauffällig und sicher zu kommunizieren und so verfiel Vesa ins Schweigen, glitt vom First ins Dunkel des Dachstuhls und warf sich den zweiten Köcher, der an einem abgebrochenen Balken hing, über die Schulter. Sollte sie die Position ändern müssen, durfte sie die wertvolle Munition nicht verlieren oder vergessen.
    »Absatteln!«, knurrte eine tiefe Stimme, der dazugehörige Mann verbarg sich mit seinen Kumpanen noch außerhalb des Stadttores, musste aber wohl unmittelbar davor stehen. Gleich darauf trat eine hochgeschossene Person durch die halb offenstehende Pforte, führte sein Reittier mit der Linken am Zügel und hatte die Rechte am Gürtel, zweifelsohne nahe am Griff seiner Waffe. Wenige Herzschläge später folgten vier weitere Gestalten, drei von ihnen hielten sturmsichere Laternen. »Terak, Du bleibst am Tor. Saldor, Istar – ihr geht gerade aus. Marus, Du mit mir«, verteilte der durch seine mit mehr Teilen versehene Stahlrüstung als Anführer herausstechende Mann Befehle und ließ sein Pferd anschließend stehen. Die übrigen Drei taten es ihm gleich, zwei liefen die Straße in Richtung Skjor hinunter, er und der Kerl namens Marus verschwanden auf den weitläufigen Platz, der von der inneren Wehrmauer umschlossen wurde.
    Beinahe befürchtete sie, die Bewaffneten könnten ihr laut schlagendes Herz durch die Nacht pochen hören, so heftig schlug es ihr von unten gegen den Hals, ließ ihr die Hände in den Handschuhen schweißnass werden und beschleunigte es ihren Atem. Doch niemand entdeckte sie, bemerkte sie zitternd in ihrem Schlupfloch. Augenscheinlich rechneten die Neuankömmlinge, bei denen Vesana mit einiger Sicherheit zu sagen können glaubte, dass es sich um Mitglieder der Silbernen Hand handelte, nicht mit einem Hinterhalt und führten ihre obligatorischen Aufgaben als Kundschafter eher lax denn sorgfältig aus. Warum sollten sie auch anders? Es gab keinen Anlass dafür anzunehmen, jemand könnte von ihrer Reise wissen, geschweige denn wäre so waghalsig ihnen so hoch in den Bergen bei derart miserablem Wetter aufzulauern. Das spielte den Gefährten in die Hände und sorgte bei Vesa zumindest kurzweilig für eine Entspannung der Nackenmuskeln. Als die vier Rundgänger schließlich zurückkehrten, straffte sie sich aber wieder.
    »Soweit alles in Ordnung«, verkündete der Anführer. »Terak, reite zurück und gib Bescheid.« Lauter als gewollt atmete die Kaiserliche in ihrem Versteck, von dem aus sie das Tor und die Straße gut einzusehen vermochte, auf. Hastig und als könne sie das Geräusch zurücknehmen presste sie die Hand auf den Mund. »Wir sind auf dem Platz und kundschaften das Haupthaus aus«, setzte der schwer Gerüstete zu ihrer Erleichterung noch nach und führte gleich darauf die Pferde durch das Dorf, während Terak aufsaß und durch das Tor verschwand.
    »Dreckswetter«, knurrte einer der Kerle und fegte sich einigen lockeren Schnee von der Schulter. »Und dann müssen wir auch noch auf der anderen Seite den Winter verbringen«, schnaufte er weiter und richtete sich seinen schwer wirkenden Umhang.
    »Immer noch besser als der Winter in Himmelsrand«, ranzte ein anderer.
    »Ach halt’s Maul, Marus. Du Weinsäufer quatschst Dein Cyrodiil bloß unnötig schön«, schnappte der Erste zurück.
    »Ruhe, allesamt!«, wies sie ihr Anführer zurecht. »Wir haben andere Sorgen.« Die Männer schwiegen und führten ihre Pferde auf den großen Dorfplatz. Langsam, als wäre sie auf der Pirsch, kletterte Vesana von einem Balken zum nächsten, die Füße geschmeidig und katzenhaft setzend, immer darauf bedacht, keine unnötigen Geräusche abzusondern. Ihre Augen hafteten auf den schwarzen Schemen, die tiefe Furchten im Schnee hinterließen und deren Rüstungen und Waffen im flackernden Laternenlicht silbern glänzten. Unstet glitt ihr Blick zwischen den Männern hin und her, Muskeln und Sehnen gespannt wie ein Bogen und doch unschlüssig, was sie tun sollte.
    Aela nahm ihr diese Entscheidung ab. Ein dunkler Schatten huschte aus einer Ruine auf der anderen Straßenseite, direkt neben dem Durchgang der inneren Wehrmauer, hinauf auf den Schutzwall. Gebückt und klein duckte er sich von oben gegen den Fels und schien die Neuankömmlinge weiter zu verfolgen, so wie es auch die Kaiserliche tat, nur aus weniger großer Entfernung. Gleich darauf vernahm sie das matte uhuartige Pfeifen von zuvor und aus Reflex schnellte ihre Rechte über die Schulter zum Köcher. Schnell entwand sie diesem ihren Bogen, umschloss ihn fest mit der Faust und legte mit der Linken einen Pfeil auf die Sehne. Die Finsternis der Nacht dehnte sich schlagartig weiter aus, reduzierte all ihre Umgebung bis auf die Lichtpunkte der Kämpfer auf dem Platz zu einheitlicher Schwärze. Stoßweiser Atem und ein krampfendes Herz plagten sie ebenso wie nervöses Zwicken im Bauch und scharfes Stechen hinter den Schläfen – und dennoch: das unruhige Zittern ihrer schweißnassen Finger endete von einem Lidschlag zum nächsten.
    Leise genug, um unauffällig zu sein, doch laut genug, um vernehmbar zu bleiben, signalisierte die Jägerin der Nord ihre Bereitschaft. Knirschend spannte sie ihre Waffe, hob das gefiederte Ende des spitzen Geschosses bis zum Gesicht und visierte an. Zwanghaft reduzierte sie ihre Atemzüge auf ein Minimum, verlangsamte sie, bis ihr die Lungen brannten. Aela pfiff ein weiteres Mal und beendete das Schweigen der Lauernden. In Gedanken zählte Vesa bis drei, dann ließ sie die Bogensehne los und sandte den ersten Pfeil scharf surrend durch die Luft. Als es dumpf das Metall der Rüstung eines der Männer durchschlug und ihn stöhnend zu Boden schickte, zog sie bereits das nächste Projektil aus dem Köcher und legte abermals an.
    Noch ehe die übrigen Mitglieder der Hand sich gewahr wurden, was gerade vor sich ging, hatten die zwei Frauen je zwei mit einem Pfeil gespickt und es blieb nichts in der Nacht zurück, als das siechend verblassende Atmen der sterbenden Kämpfer und das furchtsame Wiehern ihrer Pferde.
    Erst als sich mit Ausnahme der Huftiere nichts mehr auf der anderen Seite des Portals in der Wehrmauer bewegte, genehmigte sich die Kaiserliche laut die unter Schmerzen in den Lungen behaltene Luft zu entlassen und das dritte ihrer Geschosse zurück in das Behältnis auf dem Rücken zu schieben.
    Es bedurfte keiner weiteren Absprache, damit sich Vesana hinauf in den Ausguck begab und erneut Wache hielt, während Aela von der Mauer hinabstieg und die Leichen an den Rand des Platzes zerrte. Noch blieb ihr die Zeit, der Haupttross ließ noch etwas auf sich warten, war sicherlich noch etliche hundert Speerlängen entfernt. Aber dennoch blieb Vorsicht geboten. Die Gefährten hatten das Sigel ihrer Verborgenheit gebrochen, der richtige Kampf blieb nur noch eine Frage der Zeit. Zuletzt löschte die Nord alle bis auf eine der Laternen und führte die Pferde näher ans Haupthaus. Die Lichtquelle an der Wand festmachend ließ sie die Tiere dort zurück und fertigte so die perfekte Illusion, als wäre nie etwas passiert.
    Gerade rechtzeitig, wie ein Blick über das Torhaus die Straße hinab verriet. Zwei große Karren führte der Tross der Silbernen Hand mit sich, hinter jedem liefen in zwei Reihen eine ganze Menge angeketteter, kümmerlich gekrümmter Gestalten. Die Sklaven, zweifelsohne. Umringt wurden sie von sicherlich zwei Dutzend Gerüsteten. Schwere legte sich auf ihr Herz bei diesem Anblick. Zu dritt wäre es eine unmögliche Aufgabe alle zu bezwingen. Sie mussten es irgendwie schaffen, die Gefangenen zu befreien, nur dann besaßen sie eine realistische Chance alle lebend aus dieser Sache herauszukommen. Unglücklicherweise sah sich die Jägerin unfähig, die neuen Erkenntnisse detailliert an ihre Freunde weiterzugeben und so musste sie zähneknirschend darauf vertrauen, dass diese die Situation ebenfalls so einschätzen würden, sobald sie einen Blick auf ihre Widersacher warfen.
    Bevor der Konvoi zu nahe kam und sie gefahrlief, entdeckt zu werden, verschwand die Kaiserliche vom First und verkroch sich abermals im Dachstuhl. Wenig später hämmerte Metall auf Holz und eine ganze Reihe von Kämpfen in schweren Rüstungen stemmten die vom Mangel an Pflege angerosteten Torflügel auf, damit ihre Karren passieren konnten. »Nach rechts durch das Portal«, erklärte ein Berittener. Statur und dem, was sie von seinem Kopf zu erkennen vermochte nach zu urteilen, handelte es sich um den Kerl namens Terak. Die Männer zu Fuß marschierten los, während Terak an die Seite der Straße, unten vor Vesas Haus ritt und den Karren Platz machte. Auf dem Bock des ersten saßen zwei dick in Stoff eingewickelte Gestalten, ihnen folgte ein langer Tross aus Sklaven, deren Handschellen und Ketten bei jedem Schritt rasselten. Neben ihnen, mit gehobenem Kinn und überdeutlich aufrechter Haltung ritt ein weiterer Gerüsteter, der, wie sein breiter, samten im Laternenschein schimmernder Umhang vermuten ließ, wohl die Befehlsgewalt innehielt. Umringt von einer Handvoll weiterer Berittener schloss der zweite Karren, mit einem weiteren Nachgespann aus schlurfenden Gefangenen, den Tross ab.
    Das Bild erschien der Kaiserlichen unwirklich, surreal. Gebannt und gleichzeitig in Furcht verfolgten ihre Augen das Geschehen, glitten von einer Gestalt zur nächsten, über die von Planen verdeckten Wagen zum Anführer und dann wieder zurück zu den Gefesselten. Mit unruhigen Bienen in den Eingeweiden versuchte sie einzelne Gesichter zu erkennen, hoffend, jenes markante mit der langen Narbe auszumachen. Doch die Nervosität trieb ihren Blick in die Unstetigkeit, ließ den Anblick verschwimmen bis Einzelheiten verblassten.
    Wütend schlug sie mit der Faust gegen einen nahen Balken, knurrte leise in die Finsternis und krallte die Finger in die Handballen. Es endete hier. Auf die eine oder andere Weise. Versagte sie, würde sie sicherstellen, dass diese Bastarde dort unten auf der Straße bezahlten. Siegte sie, hätte all ihr Leid ein Ende. Zorn schäumte in ihr auf, ließ die Linke hinauf zum Köcher schnellen und einen Pfeil ziehen. Hass nahm ihr erstes Ziel ins Visier, wie es hoch auf seinem Schimmel saß und vor Arroganz strotzend seine Untergebenen betrachtete. Doch die Hoffnung kam nicht mehr dazu, die Sehne loszulassen. Scharf schnitt von anderer Seite her etwas durch die nächtlich klirrende Luft. Surrte, bis es in ihren empfindlichen Ohren als heftiges Rauschen widerhallte. Dann schlug dem Kommandanten des Trosses etwas mit einem dumpfen Fopp in die Brust, dass sie erst als langen, dünnen Schaft erkannte, als er leblos vom Rücken seines Pferdes rutschte.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (03.05.2015 um 22:10 Uhr)

  12. #92

    Himmelsrand, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Noch ehe Vesana wirklich realisierte, was gerade geschah, schnitt erneut ein Pfeil durch die Nacht, erwischte einen weiteren Berittenen, der gerade nach dem Schild an der Seite seines Rosses langte. Auch er verschwand in einer Woge aus weißen Flocken, als er von seinem Reittier glitt. »Hinterha-«, weiter kam der gerüstete Reiter nicht, bevor Vesa aus ihrer Schockstarre schnappte, eingefroren mit dem gespannten Bogen in den Händen, und die eiserne Spitze auf ihn richtete. In Aelas Strategie einsteigend, ließ sie die Sehne todbringend vorschnellen. Das Geschoss bohrte sich dem Befehlsführer durch den Hals, erstickte seinen Ruf in Gurgeln und ein weiterer Pfeil in die Brust aus der Richtung der Nord bereitete seinem Leiden ein jähes Ende.
    Doch inzwischen hatten die übrigen vier Berittenen und ihre Begleiter zu Fuß die Gefahr erkannt. Ohne, dass es irgendwelcher Befehle bedurfte, rotteten sich die Männer zusammen, rückten die Schilde aneinander und versteckten sich hinter ihnen. Die Kommandanten schwangen sich aus ihren Satteln, versteckten sich hinter dem Schildwall und gaben aufgrund der Nähe zu ihren Untergebenen nun leiser Anweisungen, die Vesana von ihrer Position aus nicht mehr verstand. Ihre Waffe senkte sie nach drei vergebens entsendeten Pfeilen, die surrend im Holz der Schutzwaffen stecken geblieben waren. Einen hatte sie noch am Arm erwischt, aber insgesamt reagierten die Mitglieder der Hand schneller, als es den drei Gefährten lieb sein konnte. Auch die Nord im anderen Haus sparte ihre Munition nun auf.
    Unruhig wanderten die Augen der Kaiserlichen über die Szenerie, betrachteten die wie ängstliche Hasenjunge im Bau zusammengekauerten Sklaven hinter den Karren, wie sie sich duckten und furchtsam sich nur hin und wieder einer von ihnen traute den Kopf zu heben um die Umgebung zu sondieren. Den Karrenführern war es gelungen sich mit hinter den Schildwall zu retten. Egal ob sie bei den Männern auf den Kutschböcken lagen, oder sich doch in den Händen der Offiziere befanden, die Schlüssel zum Öffnen der Eisenschellen der Gefangenen befanden sich weit außerhalb der Reichweite der Angreifer. Knurrend und einen Schwall Zornesröte in die Ohren steigen spürend schlug die Jägerin mit der Faust gegen den Balken, auf dem sie hockte.
    Im selben Moment sandten die Kämpfer auf der Straße ein militärisch klingendes »Huah!« aus und mit dem nächsten Herzschlag löste sich eine kleinere Gruppe von ihnen, die ovalen, hohen Schilde in Aelas Richtung weisend. Vier oder fünf mochten es sein, drei in der ersten Reihe, die ihre Schilde nebeneinander in eine Mauer schichteten, die zwei dahinter hoben ihre quer über die anderen. Wenn überhaupt noch Lücken blieben, selbst die Rothaarige wäre wohl nicht in der Lage gewesen sie zu treffen.
    Unruhig scharrte die Kaiserliche mit den Zehen in ihren Stiefeln. Augenscheinlich war ihre Anwesenheit noch nicht bemerkt worden, sonst bekäme wohl auch sie einen ähnlich unerfreulichen Besuch. Diesen Vorteil musste sie ausnutzen, wenngleich sie noch keine Gelegenheit sah, dies tatsächlich umzusetzen. Andererseits mochte sie von ihrem Unterschlupf aus Aela Rückendeckung geben, denn mit fünf Widersachern zur gleichen Zeit wäre wohl auch sie überfordert. Aber weiter kamen ihre Überlegungen nicht. Der Wall aus Schilden, der als Viertelkreis geformt sowohl der Jägerin, als auch der zweiten Bogenschützin die Sicht auf Ziele versperrte, teilte sich in der oberen Reihe. Zum Vorschein kamen blitzende Metallspitzen und noch während Vesana blinzelte, vernahm sie bereits das markante Zischen langer, federbesetzter Schäfte. Ein schneller Blick verriet, dass die Gruppe der Silbernen Hand einige Bogenschützen dazu abgestellt hatte, das Versteck der Nord unter Beschuss zu nehmen. Während sie nachluden, versteckten sie sich hinter den großen Brettern ihrer Kumpane und machten es so unmöglich für Aela, sie zu treffen.
    Es half nichts. Mit einem derart verschobenen Kräfteverhältnis blieb der Kaiserlichen nichts anderes übrig, als ihrer Gefährtin zu helfen. Während sich die Gruppe der fünf Nahkämpfer dem Gebäude, in dem sich die Rothaarige verbarg, immer weiter näherten, belagerten die Schützen das Haus Salve um Salve. Bei der vierten hatte Vesana den Rhythmus verinnerlicht und bereits angelegt. Noch bevor sich die Schilde auseinanderschoben, kaum mehr als den Bruchteil eines Herzschlages machte der Zeitunterschied aus, sandte sie den ersten Pfeil davon. Kaum, dass dieser sein Ziel seitlich am Kopf traf, lag auch schon das nächste Geschoss auf der Sehne und fauchte durch die Nacht. Erst als auch dieses tödlich einschlug, erkannten die Schergen der Silbernen Hand die Gefahr und verschanzten sich abermals, ohne sich erneut zu entblößen.
    Im Augenwinkel erkannte Vesa einen schnell durch die Nacht huschenden Umriss, der quer über die Straße spurtete, ehe die blitzenden Rüstmänner ihn erreichen konnten. Aela war ihrer Falle entkommen und lenkte sie nun in die Richtung von Skjor. Für einen kurzen Moment erlaubte es sich die Kaiserliche die Augen zu schließen und aufzuatmen. Scharfes Pfeifen auf Kopfhöhe und hochfrequentes Vibrieren, als erste Pfeile im Holz der verkohlten Balken einschlugen, schreckten sie jedoch hoch. Nun war sie zum Ziel geworden und es blieb nicht viel Zeit zum Reagieren.
    Schnellstmöglich schnappte sich die Jägerin ihren zweiten Köcher und schwang sich von ihrem Horst hinab. Die Kapuze nach hinten vom Haupt rutschend, spürte sie gleich darauf den Lufthauch eines schnell an ihr vorüberschwirrenden Geschosses am Hinterkopf noch während sie ins Erdgeschoss fiel. Wuchtig schlug sie auf, die Beine ächzten als der Aufprall sie stauchte. Doch mit Glück war sie dem Projektilhagel entgangen, der noch anhielt, aber nun über ihr tobte. Herzschlag bis zum Kinn und stoßweiser Atem raubten ihr die Klarheit der Gedanken, Instinkte übernahmen und steuerten sie durch die Dunkelheit auf die Gasse hinter ihrem Haus hinaus. Unschlüssig, in der Hocke wartend und der Blick von links, auf den Stadtwall gerichtet, nach rechts über die kleinen, ruinierten Schuppen bis zum Ende der Gasse schweifen lassend, harrte sie einen Moment und versuchte die Aufregung niederzuringen.
    »Habt ihr ihn?«, vernahm Vesana nun zum ersten Mal seit Beginn des Überfalls wieder einen der Anführer rufen. Seine harsche Stimme dämpften die alten Balken und Wände der Ruine in Vesas Rücken.
    »Nein«, antwortete ein anderer Kerl nicht minder laut.
    »Lasst ihn und kommt zurück. Der ist nicht allein«, brach der Erste ihre Verfolgungsaktion ab, augenscheinlich gerade rechtzeitig, bevor sie Skjor in die Arme laufen konnten. Wütend grollend schlug die Jägerin mit den geballten Fäusten in den tiefen Schnee, verlor kurzzeitig sogar ihren Bogen aus den Fingen und fischte plötzlich federleicht im Magen wild nach ihrer Waffe. Tief ein- und ausatmend beruhigte sie sich selbst, als sie sie schließlich zu fassen bekam.
    Bevor ihre Widersache in Versuchung gerieten, doch noch die Verfolgung zu ihr aufzunehmen, setzte sich Vesana wieder in Bewegung, huschte zurück in das Haus, in dem sie zuvor bereits ausgeharrt hatte, und arbeitete sich anschließend parallel zur Straße durch die Ruinen. Ein kurzer Seitenblick durch eines der Fenster verriet, dass die fünf Streuner langsam rückwärts zur Hauptgruppe aufschlossen, dann verschwanden sie auch schon wieder hinter einer pechschwarzen Holzwand und Vesa stolperte beinahe noch wegen der kurzen Ablenkung.
    Plötzlich packte sie jemand am Arm und riss sie schmerzhaft zur Seite. Fast hätte sie vor Schreck laut aufgeschrien als ihr das Herz in der Brust zersprang, doch noch im selben Augenblick presste ihr jemand einen stinkenden Lederhandschuh auf den Mund. Erst danach erkannte die Kaiserliche mit weit aufgerissenen Augen das raue Gesicht des Einäugigen in der Dunkelheit. Ohne, dass es einer Geste ihrerseits bedurfte, nahm er seine Pranke von ihr. Aela trat hinter ihm aus den Schatten. »Vesa, klettere über die Schuppen und die Palisade aus Helgen. Aela und ich lenken sie ab, während Du durch das Tor schleichst und die hintere Gruppe Sklaven befreist«, erklärte Skjor, die Stimme so weit gedämpft, dass sie sie über dem Rauschen in ihren Ohren beinahe nicht mehr verstand.
    Widerspruchslos nickend machte sie sich auf. Schnell huschte sie durch die Schatten, auf die Nebenstraße und anschließend, mit einem beherzten Tritt gegen einen der Stützbalken, katapultierte sie sich in den Dachstuhl eines der Schuppen. Noch im selben Augenblick spurtete sie einen der Sparren hinauf zum First und auf der anderen Seite wieder hinab, nahm einen tiefen Atemzug und sprang. Im Moment der scheinbaren Schwerelosigkeit frei, wie von tausend Bienen im Bauch getragen, segelte die Kaiserliche durch die pechschwarze Nacht, dann trafen ihre Füße auf die dicken Holzpfosten der Palisade, bekamen ihre Hände deren obere Enden zu fassen. Beinahe wäre sie abgerutscht als die Finger der Rechten an einer überfrorenen Stelle keinen Halt fanden, doch krallte sich die Linke dafür umso fester am alten Holz fest. Das Leder knirschte, die Sehnen im Arm ächzten und die Schulter stach, doch nachdem die Jägerin die Füße nachgesetzt und mit den abgeglittenen Fingern erneut an die Pfosten griff, erledigte sich dieses Problem. Schnaufend, mehr schon animalisch grollend, hievte sie sich hoch und schwang sich über den Schutzwall.
    Als sie sich auf der anderen Seite hinuntergleiten ließ, verschwanden auch die neu aufgekommenen Rufe der Silbernen Hand. Zurück blieben ihr stakkatoartiger Atem und das Krampfen in der Brust. Schnell pirschte sie durch den Schnee dicht an die Palisade geduckt und umrundete das ruinierte Dorf bis irgendwann vor ihr schwacher Lichtschein auftauchte. Die Aura der Laternen, die durch das geöffnete Stadttor in die Wildnis drang wie das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Mit sich bringend das Gefühl von Erleichterung, das von der aufkeimenden Furcht vor dem, das auf der anderen Seite lag, vergiftet wurde: Der Tod.
    Vesana festigte ihren Griff um den Bogen und presste den Rücken gegen die grobe Steinmauer des Torhauses. Immer wieder vernahm sie das scharfe Surren als Pfeile durch die Luft schossen, hörte, wie sie foppend irgendwo stecken blieben – ob Schilde oder Holzbalken spielte keine Rolle, schmerzhaftes Geschrei blieb allemal aus. Kurz schloss sie die Augen, atmete durch die Nase mehrere Male tief ein und aus, dann schob sie vorsichtig das Haupt um die Ecke, um sich einen Überblick zu verschaffen.
    Völlig verstört kauerten die Sklaven des hinteren Wagens soweit möglich in dessen Schutz. Über die Plane auf dem Karren hinweg erspähte sie den Hauptpulk von Kämpfern der Hand. Die Schilde zu einem dichten Wall verengt sahen sich die in ihrem Schutz kauernden und zum Schießen aufstehenden Bogenschützen kaum einer Gefahr ausgesetzt. Unwillkürlich glitt ihre Linke hinauf zum Köcher, wollte einen weiteren Pfeil zücken und auf die Sehne legen, doch liefe dies ihrem eigentlichen Plan zuwider und so musste sich die Kaiserliche zähneknirschend und mit schmerzhaften Stechen im Bauch zurücknehmen. Auch noch dann, als ihr Blick auf die zweite, kleinere Gruppe von Gerüsteten fiel, die sich ebenfalls mit Bogenschützen in ihrer Deckung immer weiter auf Skjor und Aela zubewegte, während Pfeile aus beiden Richtungen über ihre Köpfe hinwegschossen.
    Die Fäuste geballt huschte die Jägerin aus ihrem neuen Versteck hinaus auf die Dorfstraße und möglichst schnell zu den Gefangenen hinüber. Heftig zuckten diese zusammen, als sie bei ihnen eintraf und mit auf die Lippen gelegtem Zeigefinger und abwehrend gehobener Rechten zu bedeuten gab, dass sie keine Bedrohung darstellte, jedenfalls nicht direkt. »Darius?«, flüstere sie, der Mund in Hoffnung leicht offenstehend, doch erntete sie zunächst nur irritierte Blicke und musste auch selbst mit unangenehmem Ziehen in den Eingeweiden feststellen, dass sie unter den sicherlich fünfzehn, oder vielleicht auch mehr, Gesichtern kein ihr vertrautes ausmachte. »Wo ist der Schlüssel?«, fragte sie einen Moment später und gab sich kaum Mühe ihre Verstimmung zu verbergen. Niemand antwortete ihr. »Wollt ihr frei sein?«, zischte sie letztlich und packte den ihr nächsten am Kragen seiner abgewetzten Kleidung.
    »D-d-der K-K-Kutscher hat ihn«, gab der zurück und deutete irgendwo in eine nahe Ruinen hinein.
    »Ist er allein?«
    »Es sind beide Kutscher dort«, erwiderte nun ein anderer.
    »Wenn ihr frei sein wollt, kämpft darum«, knurrte die Kaiserliche, sandte einen langen Blick in die Runde und huschte anschließend in einem Moment, in dem die nahen Streiter der Hand damit beschäftigt waren, Aela und Skjor mit einer Salve Pfeilen einzudecken, auf die Ruinen zu. Mit den Zähnen zusammengebissen versuchte sie zumindest ihre Atemzüge zu beruhigen, wenn sie schon nicht die heiß in den Adern pulsierende Aufregung niederzuringen vermochte. Kurzerhand verstaute sie ihren Bogen im Köcher auf dem Rücken und wechselte auf zwei der Dolche am Gürtel.
    Langsam, zeitlupenhaft, setzte sie ihre Schritte und ließ die Augen angestrengt das Dunkel durchdringen. Doch war es nicht ihr geschärfter Blick, der fand, wonach sie suchte obwohl er einen schwer gerüsteten im Dunkel des Erdgeschosses ausmachte, sondern ihre Ohren, als über ihr eine der Holzplanken des Zwischenbodens knirschte. Sofort in ihrer Bewegung eingefroren hob sie das Kinn und lauschte weiter. Schritte. Jemand befand sich im Geschoss über ihr – und genau dorthin würde sie sich nun begeben, denn von den ihrer Erinnerung nach ungerüsteten Karrenführern hielt sich niemand hier unten auf. Die Treppe an einer der Außenwände ließ sie außer Acht, beschrieb in der Finsternis unbemerkt und leise einen Bogen um den wachehaltenden Kämpfer, und suchte sich stattdessen ein ausreichend großes Loch in der Zimmerdecke. Auf leisen Sohlen durch den Raum schreitend verstaute sie ihre Kurzwaffen und mit einem beherzten Sprung aus der Hocke katapultierte sich Vesana nach oben. Zielsicher griffen ihre Finger die Kante eines Querbalkens und zogen sie hinauf.
    Zwei Männer befanden sich mit ihr im ausgebrannten Raum, liefen unruhig auf und ab, sprachen ansonsten jedoch kein einziges Wort. Sie bemerkten den Neuankömmling nicht, obgleich dieser fürchtete, sie könnten ihn allein anhand seines Herzschlages aufspüren. Dennoch schnell und von neu entfachtem Jagdfieber angetrieben duckte sich die Kaiserliche in den Schatten einer verkohlten Anrichte und zückte ihre Dolche. Mit geschlossenen Augen konzentrierte sie sich auf die Geräusche ihrer Umgebung, versuchte das Pfeifen und Surren, Rufen und Fluchen, das von der Straße hereinschwappte, auszublenden und sich einzig und allein auf die schweren Schritte und das Knarzen der Planken zu konzentrieren.
    Der erste der beiden Männer näherte sich wieder, trieb Vesa dazu, die Luft anzuhalten. Als er schließlich fast neben ihr angekommen zu sein schien, sprang sie auf. Dem fast zu bemitleidenden Kerl blieb nicht einmal Zeit zum Zucken, bevor ihm die Jägerin die kurzen Stahlklingen in den Hals trieb, sie wieder herauszog und noch während ihr sein Lebenssaft ins Gesicht spritzte eine der todbringenden Schneiden scharf heulend durch die Luft in Richtung des Zweiten sandte. Gurgelnd sackte der Kutschführer vor ihr auf die Knie, griff sich an den Hals, doch Vesana spurtete längst an ihm vorüber, zog den dritten Dolch vom Gürtel und hastete auf den anderen Kerl zu, den sie nur mit dem Griff ihrer Waffe an der Schläfe erwischt hatte. Wenigstens schien dieser so benommen von dem Treffer, dass er kein noch so leises Geräusch von sich gab und erst wieder richtig zur Besinnung kam, als die Kaiserliche längst in Armreichweite vor ihm stand. Rechts tiefer gegen die Brust geführt, links höher von der Seite gegen den Kehlkopf. Jene zwei Stiche reichten und der Bastard brach zusammen.
    Zum Verschnaufen blieb nun kaum Zeit. Der Geruch des warmen Blutes stieg ihr verführerisch in die Nase, doch musste es genügen, dass sie sich die zahlreichen Tropfen von ihren spröden Lippen leckte. Schnell verstaute sie die Waffen am Gürtel, las ihre dritte auf, und machte sich anschließend an ihnen zu schaffen, bis sie fand, wonach sie suchte. Gerade rechtzeitig, denn das Knarren der nahen Stiege ließ darauf schließen, dass der Wächter im Erdgeschoss die zwar gering gehaltenen, aber dennoch verdächtigen Geräusche aus dem Obergeschoss bemerkt hatte.
    Bevor sich der Kerl richtig gewahr werden konnte, was da auf ihn zukam, zog die Kaiserliche ihr Schwert, obgleich das markante metallische Schleifen sicherlich Warnung genug sein mochte, und spurtete zur Treppe hinüber. Der stämmige Mann, der sich die Stufen hinaufschob, trug dieselbe Ausrüstung wie seine Kumpane auf der Straße. Dicke Stahlrüstung und ovaler Schild mit einem silbernen Schwert in der Rechten. Doch als die Jägerin mit reichlich Anlauf von der obersten Stufe abhob und mit Waffenspitze und Füßen voran die Stiege hinabsegelte, sah er sich trotz der deutlich besser schützenden Ausrüstung im Nachteil. Reflexe ließen sich nicht einfach abstellen und einen der stärksten Reflexe stelle noch immer jener dar, der Menschen dazu trieb, ihr Gesicht zu schützen. So hob der Gerüstete den Schild, den Vesana sogleich als Landefläche nutze, während ihre Klinge von beiden Händen gepackt unter der Wucht ihres Leibes das Holz durchstieß und jedem Schrei des Entsetzens ein Ende bereitete, bevor er überhaupt aufkommen mochte.
    Dass der Mann mit ihr nach hinten kippte, ließ sich vorhersehen und so drückte sich die Jägerin vom Holzschutz des Mannes ab, um im Handgemenge nicht doch noch von seiner silbrigen Klinge verletzt zu werden. Das heftige Stechen in der Schulter, als sie ungebremst gegen die Wand am unteren Ende der Stiege prellte, schien ihr da angenehmer, auch wenn sie anschließend den Halt auf den Füßen verlor und umknickte. Stöhnend drang das Scheppern des Gerüsteten, wie er gerade lawinenhaft den Aufgang hinabrollte, in diesen Augenblicken nur gedämpft zu ihr durch.
    Es dauerte einen Moment, bevor Vesa die Schmerzen in ihren geprellten Gliedern zur Seite schob, doch letztlich hievte sie sich auf die Füße und zerrte mit einiger Mühe ihre Waffe aus Brust und Schild des Gefallenen. Auch sein Schwert eignete sie sich an und huschte anschließend mit etwas Schlagseite zurück zur Straße. Erst dort vernahm sie die Schreie und das metallische Klirren, als Stahl auf Stahl prallte. Kein Wunder, dass niemand den Tumult um sie herum bemerkt hatte. Zunächst erleichtert aufatmend zog sich gleich darauf ihr Herz zusammen, als ihr gewahr wurde, dass nun Eile geboten war. Lange würden Skjor und Aela den eintreffenden Kämpfern nicht standhalten können, schon gar nicht in einem frontalen Kampf. Ihnen blieb nicht das Privileg der Überraschung.
    Schon mit den nächsten Herzschlägen kehrte sie zu den Sklaven zurück und gab ihnen wortlos, stattdessen schwer atmend die Schlüssel für die Handschellen, damit sie sich gegenseitig selbst befreien konnten. »Befreit die anderen und dann kämpft«, wies Vesana sie an, als die ersten sich die geschundene, aber freien Handgelenke rieben.
    »Womit sollen wir denn bitte kämpfen?«, brummte sie einer von der Seite an und ließ ihr Haupt herumschnappen.
    Einen Moment lang starrte sie ihn an, unschlüssig, was sie sagen sollte. Doch die von der Aufregung geschärften und vom hilfsbereit in ihr grollenden Biest geschärften Sinne verschafften ihr den Eindruck, dass sie es nicht – oder zumindest nicht nur – mit eingepferchten Wölfen zu tun hatte. »Hier liegen wenigstens vier Tote rum, nehmt deren Waffen. Sobald die nächsten tot sind, nehmt ihr deren«, zischte sie zurück und packte den abgemagerten Freien an der Schulter. Ihre Lippen bebten inzwischen, dass es ihr schwer fiel noch länger auszuharren. Ihre Freunde waren in Gefahr. Jeder Moment, den sie hier vergeudete, mochte sie dem finalen Hieb näher bringen. »Ich lenke sie ab, während ihr die zweite Gruppe Gefangener befreit«, beschloss die Kaiserliche und erntete gemischtes Grummeln als Antwort. Einige von ihnen würden sicherlich die Beine in die Hand nehmen – allen voran wohl die feigen Hunde – das ließ sich nicht verhindern, aber sie musste einfach hoffen, dass eine genügend große Anzahl ausreichend Ehre in den Knochen stecken hatte und sie in ihrem Vorhaben unterstützte.
    Abermals den Bogen zückend, lag der erste Pfeil bereits auf der gespannten Sehne, als sie sich erhob. Auf diese kurze Distanz brauchte sie nicht lange suchen, um ein Ziel zu finden. Der durch seinen edleren Umhang auffallende Kämpfer würde als erster sterben. Noch einen letzten, schnellen Blick aus dem Augenwinkel den ehemaligen Sklaven schenkend, biss sie anschließend die Zähne aufeinander, presste die Lippen zusammen und sandte das Geschoss durch die Nacht. Kaum schlug es mit dumpfem Foppen ein, zückte sie das nächste und brachte dem Nachfolger in der Befehlskette den Tod. Chaos. Das unkoordinierte »Hinter uns!«, bestätigte nur, was alle zweifelsfrei schon wussten.
    Zum dritten Pfeil kam sie nicht mehr, da sich die ersten feindlichen Schützen umwandten und sie ins Visier nahmen. Blitzschnell verschwand sie ein weiteres Mal in der Ruine, verstaute die Schusswaffe und zog ihr Schwert. Das aufgelesene Silberschwert beließ sie zunächst noch auf dem Rücken. In derart beengten Verhältnissen mochten zwei lange Klingen eher hinderlich sein, aber vielleicht benötigte sie später Ersatz. Erst in dem kurzen Moment des Verschnaufens fühlte sie das feurige Zwicken an ihrem linken Oberarm und spürte wie etwas Heißes über ihre Haut rann. Scharf die Luft einsaugend senkte sie den Blick und hob den Arm. Kein Pfeil ragte dort heraus, doch musste sie einer gestreift haben. Ein kleines Lock prangte in ihrem Ärmel, wo das Geschoss ihre Kleidung durchlagen hatte.
    Weiter bekam sie keine Zeit, darüber nachzudenken. Ein erster Kämpfer stieß ungestüm die Reste der Eingangstür zur Seite und preschte anschließend mit gehobenem Schild direkt auf die Kaiserliche zu. Hastig rollte diese sich zur Seite hin aus seiner Bahn, kam auf die Füße und hörte im selben Augenblick bereits einen zweiten Gerüsteten durch die Pforte zur Dorfstraße eintreten. Die stählerne Klinge hoch über den Kopf gehoben, parallel zu den Schultern, schnappte sie sich mit der Linken einen der Dolche vom Gürtel und hielt ihn vor der Brust. »Großer Fehler«, knurrte sie der Mann hinter ihr an, als sich die Kaiserliche einzig auf ihre Ohren konzentriert zu ihm umwandte. Ein dritter Kämpfer schob sich hinter ihm ins Haus.
    Metallisches Schaben verriet der Jägerin, dass sich der einzelne Mann in ihrem Rücken in Bewegung setzte. Schnell und von der Aufregung inzwischen keuchend rollte sie sich erneut zur Seite und hieb noch während sie auf die Füße kam mit dem Schwert nach hinten. Helles Klirren quittierte den blinden Schlag, als ihre Schneide auf seine Beinschiene traf. Überrascht, wenn auch nicht verletzt, schnaufte der Kerl und Vesana bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. Jeden Herzschlag, den sie hier länger mit diesem Abschaum verbrachte, ließ ihr Herz schneller schlagen, beschleunigte die Atemzüge, trieb die Gedanken zu immer wilderem Kreiseln an.
    Die Hand des verletzten Armes zitterte leicht, doch ließ sich die Jägerin davon nicht beirren. Im Gegensatz zu ihrem ersten Kampf auf Solstheim, als sie sich von Aufregung und Schrecken, unwissend, wofür sie überhaupt kämpfte, von ihren Gefühlen beinahe hatte übermannen lassen, wusste sie diesmal nur zu genau, was auf dem Spiel stand. Ihre letzten Funken Unsicherheit trieb das Biest, mit all seiner Rage und triebhaften Sehnsucht, in die Vergessenheit.
    Grollend raffte sich Vesa auf, setzte zwei Schritte vorwärts und drückte sich dann vom Boden ab. Im Flug hieb sie die Waffe ihres Widersachers zur Seite und trat ihm gegen den Schild. Ein in die Knochen fahrender Schmerzensschrei folgte lautem Knacken, als die Wucht des Aufpralls ihm den Arm brach und sie gemeinsam zu Boden gingen. Doch war es die Kaiserliche, die sich als erste aufraffte und gerade rechtzeitig den Hieb eines seiner Kameraden abfing. Der Schlag erschütterte ihr Glied, durchsetzte ihre Finger und Muskeln mit Taubheit ob der Kraft dahinter, doch hielt sie ihm stand.
    Plötzlich brandete sturmartiges Tosen von draußen zu ihnen hinein und zog die Aufmerksamkeit aller Kämpfer auf sich. Vesana riss sich als erste mit zufriedenem, wölfischem Grinsen auf den Lippen los und spurtete auf den zweiten Anhänger der Hand zu, der erst im letzten Moment sein Schild hob und ihren Hieb ins Leere laufen ließ. Es stand außer Frage, dass der einfache Teil nun zu Ende ging, denn auch der letzte im Bunde schloss nun auf, reihte sich neben seinem Kumpan ein und formte einen kleinen Schildwall, mit dem sie ihren gerade erst wieder auf die Füße kommenden Mitstreiter abschirmten. Seinen Schild ließ er auf dem verheerten Grund liegen. Mit einem gebrochenen Arm wäre er ihm nur eine Last.
    Zu zweit schoben sich die Krieger auf sie zu und trieben sie schrittweise zurück. Hin und wieder langte einer von ihnen vor, wobei sie die eher schwachen, ungezielten Schläge von oben mühelos ablenkte und den Kerl somit zurück in die Formation trieb. Doch das gehörte zum Abtasten, währenddessen Vesa konstant an Boden verlor bis sie irgendwann mit dem Rücken gegen eine Wand stieß.
    »Endstation, Mäuschen«, zischte sie der bereits Verwundete aus der Deckung seiner Kameraden heraus an. Seine Worte klangen deutlich vom Schmerz verzerrt.
    »Noch nicht«, fauchte sie zurück. Gleich darauf drehte sie sich etwas ein, trat mit einem Fuß gegen die Wand und warf sich nach vorn gegen einen der Schilde. Gemeinsam stürzten sie, bevor der zweite Gerüstete zu reagieren vermochte. Die Kaiserliche rollte sich ab, kam auf die Füße und hieb nach dem bereits verletzten, der gerade einen Schritt zurückweichen wollte, die Überraschung sah sie ihm zwar nicht an, aber das deutliche Luftholen verriet sie dennoch. Klirrend flog seine Waffe davon und kaum einen Lidschlag später vergrub Vesana ihre Schwertspitze in seinem Hals.
    Zeit zum Ausruhen blieb jedoch nicht und so wandte sie sich um, blockte die in der Dunkelheit aufblitzende Silberklinge, und wurde dennoch zu Boden geworfen, als der letzte auf den Füßen gebliebene Kämpfer ihr seinen Holzschild kräftig gegen die Seite des Leibes schlug. Heiß sandte er Stiche quer von der einen Schulter durch den Rücken hinüber zur anderen Seite, ließ ihr den Griff des Schwertes entgleiten und es scheppernd über die verkohlten Dielen schlittern. Den überraschten Aufschrei beherrschte sie gerade so, konnte jedoch nicht das scharfe Luftholen verhindern.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (17.05.2015 um 23:27 Uhr)

  13. #93

    Himmelsrand, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Erneut sah sie die bedrohliche Silberspitze über ihr auftauchen und lenkte sie im letztmöglichen Augenblick mit dem Dolch ab, dass sie dumpf ins Holz schlug. Lange ließe sich dem nicht standhalten, zumal der zweite verbliebene Streiter gerade zurück auf die Füße fand. Als sich die todbringende Klinge abermals sensenartig auf sie niederschwang, rollte sich die Kaiserliche zur Seite, blieb zwar am Leichnam des Dritten hängen, entging jedoch dem Hieb und erarbeitete sich so genug Zeit um aufzustehen.
    Scharf und unvorbereitet schnitt das Schwert an ihrem Ohr vorbei durch die Luft als sie sich ihren Gegnern zuwandte. Es zog so nah an ihr vorbei, dass es ein Stück der Ohrmuschel klippte, wie das spitze Stechen verriet. Doch schaffte es Vesana abermals dem Tod zu entgehen und setzte mehrere beherzte Schritte rückwärts, bis sie mit den Oberschenkeln gegen irgendein abgebranntes Möbelstück stieß. Scharf sog sie die Luft ein, zog allerdings noch im selben Moment das Silberschwert, das sie mit den Köchern auf dem Rücken verkeilt hatte.
    »Willst Du wohl endlich verrecken, Miststück?«, knurrte sie einer der Männer an, im Dunkel sah sie sich unfähig zu erkennen, welcher von ihnen sprach.
    Der gleich im Anschluss folgende Schlagabtausch gestaltete sich den Emotionen entsprechend deutlich dynamischer. Während der erste losstürmte und mehrere Hiebe mit ihr austauschte, kreiste der andere um sie herum, wollte sie von hinten angreifen. Vesa sah es aus dem Augenwinkel, versuchte in der Deckung schneller Schläge beide Widersacher gleichzeitig im Sichtfeld zu behalten. Das Klirren ihre Waffen erfüllte die Luft, brachte die Eiseskälte zum Schwingen und übertönte schnell den Kampflärm und die Schreie von der Straße, die immer mehr an Intensität gewannen. Doch mochte sich die Kaiserliche in diesen Momenten keine Sorgen um irgendetwas anderes, als sich selbst und ihren Kampf, machen können, wollte sie lebend aus ihm herauskommen.
    Mit dem Dolch lenkte sie die Schneide ihres Kontrahenten ab, führte einen Stich gegen seine Brust, traf jedoch nur das Schild und taumelte zurück. Anschließend wiederholte sich das Spiel, sie trat ihm gegen das Knie, zwang ihn dazu einzuknicken, doch hob er erneut seinen Schutz und bereitete ihren Bemühungen ein Ende. Während sich der erste aufrappelte, sprang sein Kumpan ein und deckte sie seinerseits mit schnellen Hieben ein, drosch gelegentlich mit dem Schild dazwischen und trieb die Jägerin vor sich her. Diese verlegte sich inzwischen darauf, den Regen aus Schlägen einfach nur von sich abzulenken und auf eine Lücke oder Schwäche in der Deckung zu lauern. Ob sie diese noch erleben würde, gestaltete sich jedoch zunehmend fraglich, denn obwohl sie sich möglichst dynamisch unter der Hauptlast der Schläge wegzuwinden versuchte und diese ablenkte, so ermüdeten ihre Glieder dennoch zunehmend und wurden von den konstanten Erschütterungen taub.
    Der reine Gedanke sorgte für genug Ablenkung, um den zweiten Gegner in ihre Flanke huschen zu lassen. Als er Schild voran und Schwert als Lanze über die Kante geschoben auf sie zustürmte, war es bereits zu spät. Zwar lenkte sie die gegnerische Klinge ab, doch prallte er anschließend wie ein Felsbrocken gegen sie und sandte sie wie einen Spielball einige Schrittlängen durch den Raum. Vom Schmerz durchzogen schrie Vesana auf, behielt zwar ihr Schwert in den Händen, verlor jedoch den Dolch und kroch im Anschluss von der Benommenheit mit plötzlich noch dunklerem Sichtfeld quer durch den Raum. Stöhnend und zähneknirschend gestand sie sich ein, dass sie gegen diese beiden Rüstmänner etwas Hilfe gebrauchen konnte.
    In einer pechschwarzen Ecke griff sie wohl in eine gesplitterte Holzplatte. Kurz, aber heftig stach ihr etwas in die linke Handfläche. Der neuerliche Schmerz vertrieb jedoch auch den Schleier vor ihren Augen und so hievte sie sich abermals hoch. Zu ihrer Überraschung hatten die beiden Mistkerle der Hand nicht zu ihr aufgeschlossen, sondern standen ihr abermals Schulter an Schulter gegenüber.
    Wut füllte ihre Eingeweide wie heißes Pech. Brodelnd brandete das Grollen der Bestie in ihrem Hals auf, ein letztes Aufbäumen des Wolfes, der den nur noch wenige Tage entfernten Neumond deutlich spürte und somit an Kraft verlor. Es genügte aber, dass der Wolf ihr seine feinen Ohren und scharfen Augen lieh. Diese Bastarde wähnten sich wohl in Sicherheit, spielten mit ihr. Das sollten sie noch bereuen. Flink zückte die Kaiserliche den zweiten Dolch mit der Linken und setzte sich anschließend in Bewegung. Erst langsame, maßnehmende Schritte, dann beschleunigte sie zu einem tänzelnden Spurt auf den Zehenspitzen, trat plötzlich zur Seite nach einem Balken aus und drückte sich nach oben von diesem ab. Mit dem Schwert nach dem Kopf des einen stechend, blockte der Dolch den Hieb des anderen bevor sie ihm vor die Brust trat und in einem Wust aus Gliedern mit beiden Gerüsteten zu Boden stürzte.
    Sie rollte sich ab und kam rasch hinter den Streitern auf die Füße. In der Drehung hob sie ihre Silberklinge und schnitt ihnen über die Rücken, doch die dicke Panzerung verhinderte, dass sie ihnen auch nur ansatzweise Wunden zufügte. Gehässig und dank des Wolfes deutlich erkennbar grinste der eine mit dem wuchtigen Schädel, während sein Kumpan mit dem Rattengesicht die Zähne bleckte. Beide von ihnen keuchten nicht weniger, als Vesana, doch gab ihnen ihre Überzahl eindeutige Vorteile, die Vesa selbst mit besserem Schwertgeschick nicht zu überwinden vermochte.
    Wieder tauschten sie Schläge, drehte sich die Kaiserliche unter ihren Hieben ein, entging dem einen, blockte den anderen. Kurz geduckt gelang es ihr den größeren an der Wade zu erwischen und ihn schmerzerfüllt aufstöhnen zu lassen, doch bevor sie dem auf das Knie gehenden Kerl noch einen Stoß ins Genick setzen konnte, schob sich sein Mitstreiter zwischen sie und hob den Schild. Für wenige, schmerzhaft schnelle Herzschläge blieben sie so auf Abstand zueinander, während sich der zuletzt verletzte langsam erhob und wieder einreihte. Verhärtete Frontlinien. Sicherlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass die eher zierliche Kaiserliche einen derart langen Kampf aufbrachte, aber sie sah in ihren Augen, dass sie sich ihrer überlegenen Lage durchaus im Klaren waren und diese nicht ungestümer als ihnen guttäte ausnutzen würden.
    In den Augenblicken der Ruhe vor dem nächsten Sturm erlaubte es sich die Jägerin, kurz auf die Geräusche des Kampfes auf der Straße zu lauschen. Schreie, lautes Brüllen, regelrecht animalisch knurrte der Tumult dort, wo Metall auf Metall traf. Das Surren von Pfeilen vernahm sie nur noch vereinzelt und hoffte, dass es Aela war, die nun da sie sich vor einem Übergriff der Kämpfer der Silbernen Hand sicher sein konnte, ihre tödlichen Geschosse ins Getümmel entsandte. Furcht und Rage, Wut und Verzweiflung mischten sich im Duft des vergossenen Blutes, der dort draußen die weiße Reinheit besudelte und ihr ihre Unschuld nahm.
    Doch dann endete die kurze Pause so unverhofft, wie sie begonnen hatte. Klirrend kreuzte Vesana abermals die Klingeln, traf in einer Drehung die Ratte mit dem Dolch, versah sie jedoch mit nicht viel mehr als einem einfachen Kratzer bevor sein wuchtiger Kumpel dazwischen ging. Sie wechselten immer wieder die Seiten, mal hatte sie eine Wand im Rücken, dann wieder den offenen Raum bis zu den Fenstern hinüber. Die Drei führten einen morbiden Gruppentanz auf, bei dem jeder Fehltritt mehr als nur das Ende der Choreographie bedeutete.
    Und es sollte an ihr sein, diesen zu leisten. Erneut wandte sich die Jägerin unter einem Hieb weg, da trat sie auf etwas am Boden, das ihrem Gewicht nachgab und sie rücklings stolpern ließ. Erst als sie auf den Dielen aufschlug und die Wucht ihr die Luft aus den Lungen trieb, erkannte sie den Kadaver des dritten Kämpfers der Hand, wie er aus leeren Augen zur Decke starrte. Dennoch sollte ihr Ungeschick nicht den Tod bedeuten. Gerade baute sich der massige Kerl über ihr auf, um zum Gnadenstoß anzusetzen, da warf sich eine schlanke, eher magere Gestallt gegen ihn und hebelte ihn von den Füßen.
    Vesana benötigte einen Moment, bevor sie mit den langgewordenen, schwarzen Haaren und dem zerzausten, gleichfarbigen Bart etwas anfangen konnte. Als ihr die Erkenntnis schließlich kam, beflügelte es sie und warf sie förmlich auf die Füße zurück. Darius focht mit wogender Mähne und einem Silberschwert in der Rechten. Die Ratte benötigte einen Moment länger als die Kaiserliche, sich neu zu orientieren, und das gedachte letztere zu nutzen. Einen schnellen Satz über die Leiche am Boden setzend war sie auf Armlänge heran und begann damit auf den Dreckskerl einzudreschen. Nun nur noch mit einem einzigen Gegner beschäftigt, begann sie ähnlich wie im Kampf gegen Vilkas zu kreiseln, bis der Schildarm ihres Kontrahenten zu ermüden begann. Ein schneller Sprung zur Seite brachte sie neben ihn, ein kurzes Zucken aus dem Handgelenk ließ ihre Schneide die ihres Widersachers umgehen. Als ihre Spitze quer über sein Gesicht schnitt, schrie er auf, doch verdammte sie ihn gleich darauf zum Schweigen, als ihr Dolch die folgende Unachtsamkeit ausnutzte und ihm am Schild vorbei die Kehle durchschnitt.
    Die Jägerin kümmerte sich nicht mehr um ihn und wandte sich direkt ihrem Geliebten und dem von ihm abgelenkten Gegner zu. Gerade hieb dieser mit dem Schild nach der schlaksigen Gestalt des Kaiserlichen. Einmal, zweimal. Beim dritten Mal schnappte Darius Kopf nach hinten in den Nacken, störte sein Gleichgewicht und sandte ihn taumelnd durch den Raum. Zum Schreien kam er nicht. Er stürzte und krachte mit der Seite des Hauptes gegen eine Anrichte. Regungslos sackte er zu Boden und blieb liegen. »Nein!«, schrie Vesa die bleierne Schwere in den Eingeweiden aus den wunden Lungen und fegte durch den Raum bevor der Kämpfer der Silbernen Hand zu Darius aufzuschließen vermochte.
    Seinen finalen Stoß gegen den Liebsten fing sie ab und trieb ihm die Schulter in die Seite, wobei sie wohl mehr sich selbst als ihm Schmerzen zufügte ob seiner dicken Rüstung. Dennoch trieb sie ihn auf Abstand und bedachte ihn mit einem Schwall Hiebe. Die neue Wildheit, mit der die Kaiserliche auf ihn eindrosch, zeichnete sein Gesicht mit deutlicher Überraschung und trieb nun ihn rückwärts durch den Raum. Allerdings ließ sie über ihrem Schutzwillen dem Geliebten gegenüber zunehmend ihre eigene Lehre außer Acht und letztlich brach sich ihr Ungestüm an einem Schildschlag des Gegners, der sie taumelnd nach hinten sandte.
    Diesmal war es an ihm, auf sie zuzustürmen und weit auszuholen. Atemlos im Reflex hob sie den Dolch in der Linken, versuchte den Schlag nach oben abzulenken, während sie mit dem Schwert aus der anderen Richtung von oben über den Schild hinweg zustach. Zwar glitt die Spitze seiner Klinge an ihr vorüber, doch fraß sich ihr unterer Teil über Vesas Unterarm. Das so an der ledernen Armschiene vorbei tief ins Fleisch schneidende Silber brannte wie die Höllenfeuer der Ebenen des Vergessens es kaum zu tun vermochten, entzog ihren Fingen die Kraft, dass ihr der Dolch entglitt. Der markerschütternde, ihre eigenen Ohren zerreißende Schrei, der sich ihrer Kehle entwand, erstarb jedoch, als der massige Leib des Feindes gegen sie prallte und sie mit sich auf die Dielen riss. Leblos blieb er auf ihr liegen und machte ihr das Atmen schwer, während ihre Gedanken von den gleißenden Flammen im Arm in alle Winde zerstreut wurden. Darius verblasste, der Lärm auf der Straße verflog, selbst die Erkenntnis, dass ihre Waffe es an der Schulter unter den Panzer des wuchtigen Bastards geschafft und ihn tödlich verwundet hatte, verschwamm im Rauch des Feuers, dass ihr Arm aussandte. Die Umgebung hüllte sich in immer dichtere Schwärze. Erst verlor sie die Zimmerdecke aus den Augen, dann zerlief ihr die eigene rechte Hand und letztlich der massige Leib auf ihr, der es ihr unmöglich machte, sich zu bewegen. Ihr verwundeter Arm jedenfalls blieb bleiern liegen, wo sie ihn hatte fallen lassen.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (31.05.2015 um 22:15 Uhr)

  14. #94

    Himmelsrand, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Es war nicht das erste Mal, dass Vesana von einer Silberwaffe verwundet wurde, nicht einmal die schlimmste Verletzung, die sie davontrug. Doch brannte dieses elende Metall stets wie die Sonne höchst selbst. Silber auf der Haut, selbst einfache Kratzer, machten Werwölfen nichts aus. Die zähe Körperoberfläche stellte so etwas wie eine natürliche Barriere dar, so wie Kleidung Schmutz abhielt. Doch kam dieses verführerisch schimmernde Zeug erst einmal mit dem in Kontakt, das unter der Haut lag – Blut, Fleisch, Sehnen und Nerven … nun, auf diese Schmerzen mochte sich niemand wirklich vorbereiten können.
    Zusammen mit der Erschöpfung des Kampfes befand es wohl das Biest wie auch ihr Geist für besser, sich abzuschotten, und so driftete die Kaiserliche durch gedankenleere Dunkelheit. Für wie lange mochte sie ebenso wenig sagen können wie es für sie eine Rolle spielte. Doch letztlich gewann die Realität die Überhand und dumpfe Geräusche, die an Stimmen hinter einer dicken Haustür erinnerten, füllten ihre Ohren aus. Mühsam versuchte sie sich daran festzuhalten, es zu nutzen, sich in die Gegenwart, das Hier und Jetzt zurückziehen zu lassen. Aber so wirklich funktionieren wollte es nicht. Zu träge und zu erschöpft wehrte sich ihr Leib gegen jede Einwirkung der Wirklichkeit. Letztlich fiel es jedoch auch ihm schwer, gegen das kräftige Rütteln an der Schulter anzukämpfen und so blinzelte Vesa erst einige Male, bevor sie es schaffte murrend die Augen offen zu halten.
    Langsam, Stück für Stück pellte sich Skjors grimmige Miene aus der Nacht, doch auch diese offenbarte, dass sie zu Gefühlen fähig war. Als der Nord bemerkte, dass die Jägerin auf seine Stöße an der Schulter ansprach, zeichneten dünne Fältchen seine Augen. »Willkommen zurück unter den Lebenden«, brummte er sie dennoch wenig freudvoll an.
    Kurz verschwand er aus ihrem Sichtfeld, dann spürte sie wie jemand sie am rechten Arm packte und hochzerrte, bis sie saß. Unfähig zu sprechen legte sie sich ihr verwundetes Glied in den Schoß und tastete mit den Fingernd er Rechten den Stoff ihrer Jacke ab, bis sie den Schnitt fand und scharf die Luft einsog. »Du solltest Dich zeitnah verwandeln, wenn Du nicht willst, dass es eine Narbe wird«, wies der Einäugige auf den offensichtlichen Umstand hin, dass Silberwunden selbst in Wolfsform nur träge verheilten – Darius Gesicht legte dem Zeugnis ab. Sie winkte benommen ab und bedeutete ihm, ihr auf die Füße zu helfen. Schwankend, von dem Nord gestützt und überhaupt Kraftlos als leide sie gerade an einer schweren Erkältung kam sie zum Stehen.
    Nur sehr langsam nahm ihre Umgebung wieder Konturen an. Die drei Toten, das sich um sie abzeichnende Blut, wie es inzwischen in pechschwarzen Lachen erstarrt war, und überhaupt das Chaos. Auf der Straße schien Ruhe eingekehrt zu sein, nur wenige leise Stimmen drangen von dort zu ihr hinüber. Und letztlich fiel ihr Blick auf die Stelle, an der sie Darius zuletzt gesehen hatte. Mit wild springendem Herzen musste sie feststellen, dass sich der Liebste nicht mehr dort befand, wo sie ihn vermutete. Skjor musste das kurze Zucken, das ihren Leib im Schrecken erfasst hatte, bemerkt haben. Er klopfte ihr sacht auf mit der Hand des um sie geschlungenen Arms auf die Schulter. »Aela kümmert sich im Lager um ihn. Er ist bewusstlos, aber er lebt.« Obwohl ihr mit dieser Bemerkung eine zentnerschwere Last abfiel, die sich erdrückend auf ihren Brustkorb gelegt hatte, fühlte sie sich kein bisschen leichter. Im Gegenteil. Plötzlich bleischwer in den Gliedern wäre Vesana beinahe in sich zusammengesackt, hätte sie der Einäugige nicht gestützt. »Bringen wir Dich besser auch ins Lager.«
    Langsam setzten sie sich in Bewegung. Der Nord führte sie durch die Ruinen, nicht zurück auf die Straße, und somit unmittelbar vor die Pforte in der inneren Wehrmauer. »Nicht … der Turm?«, frage die Kaiserliche, als der Gefährte sie auf den großen Dorfplatz hinüber zum Haupthaus führte.
    »Die Gefahr der Silbernen Hand ist gebannt«, gab er zurück und nur träge sank die Logik dahinter in ihren Verstand ein. Es gab keinen Grund mehr den guten Nachtplatz zu verschmähen, jetzt wo es keine Bedrohung mehr gab, die es irrezuführen galt. Sich von ihrem Freund führen lassend, schloss Vesa für einige Schritte die Augen und konzentrierte sich lediglich darauf, bewusst tief durchzuatmen.
    Wenig später lehnte Skjor sie gegen die kalte, überfrorene Steinwand und öffnete die schiefhängende, dicke Pforte des Haupthauses. Anschließend führte er sie in eine Art Gemeinschaftsraum, der im hinteren Teil zwar eingestürzt war, aber mit dem entfachten Kamin an der langen Seite noch immer einen gewissen Komfort versprach. Zahlreiche in Lumpen gekleidete Männer der unterschiedlichsten Völker und auch ein paar wenige Frauen saßen, lagen, oder liefen in dem weiten Raum herum. Vom gegenüberliegenden Ende drang schmerzerfülltes Stöhnen, gelegentlich auch Schreie zu der Kaiserlichen hinüber, während andere kümmerliche Gestalten über den sich am Boden windenden Verletzten knieten und sich ihrer Wunden annahmen.
    In der Ecke zu ihrer Linken erspähte Vesa nach kurzer Suche mit den trägen Augen den roten Schopf Aelas, der auffällig starr und dunkel am Haupt der Nord klebte. Gemeinsam schritten die zwei Neuankömmlinge hinüber. Auf den letzten Schrittlängen löste sie sich von Skjor und stolperte allein die niedrigen Stufen zu dem Podest hinauf, auf dem die Betten standen, ließ sich mit tränenverschwommener Sicht der Rothaarigen gegenüber auf der anderen Seite der Nachtstatt nieder und griff nach der Hand des bewusstlosen Kaiserlichen. Heftig zitternd ob der tiefen, kräfteraubenden Schnittverletzung umschloss sie die seinen mit all ihren Fingern, strich sanft mit dem Daumen über seinen Handrücken und verlor plötzlich jeden Sinn für die Geschehnisse in ihrem Umfeld.
    Unter einer dünnen Wolldecke lag Darius tatsächlich vor ihr, lebend, atmend, friedlich. Abgesehen vom getrockneten Blut im Gesicht, das von verschiedenen Schmissen stammte, die er bei den Schildschlägen einkassiert haben musste, und den von den Eisenschellen aufgeriebenen Handgelenken wirkte er unversehrt. Bis auf die Sehnen und Knochen abgehungert, aber sonst wohlauf. In Fassungslosigkeit blieb der Jägerin der Mund offen stehen, bebten ihr die Lippen, dass sie ob ihrer Trockenheit zwickend einrissen, rann ihr der Rotz aus der Nase. Wie hypnotisiert zog sie sich die Handschuhe aus und hob anschließend die blutverschmierte Linke, um sie ihm an die Seite des Gesichtes zu legen, strich ihm durch den zotteligen Bart, zeichnete die lange, auffällige Narbe in der linken Gesichtshälfte nach und schob ihm zärtlich einige Strähnen aus der Stirn.
    »Vesa«, flüsterte Aela und erst als ihr die Nord eine Hand auf die Schulter legte wandte sich die Kaiserliche in Trance zu ihr um, blickte über die Liege zu ihr hinüber und in ein seltenes, mildes Lächeln. »Ihm passiert hier nichts, lass mich also nach Deiner Verletzung sehen«, bat sie und nickte in Richtung Vesanas linken Unterarms. Träge, unfähig zu sprechen, starrte die Jägerin einen Moment länger in das von dunklen Blutkrusten gezeichnete Gesicht und die eisgrauen Augen. Vereinzelte Schrammen, aber nichts gefährliches, zierten ihre Züge. Erst nach einigem Warten nickte sie.
    Vorsichtig, bei jeder Bewegung ächzend, entledigte sich die Kaiserliche ihrer Rüstung und anschließend ihrer Jacke. Der komplette linke Ärmel ihrer Tunika glänzte in feuchtem Schwarz, von der Stelle, wo sie der Pfeil gestreift hatte, abwärts bis zu dem klaffenden Schnitt im unteren Bereich, in dem ihr rotes Fleisch schimmerte. Die Silberwaffe hatte tief gegraben und es mochte nicht mehr viel bis zum Knochen fehlen. »Ziemlich bösartig«, meinte die Rothaarige, wusch die Wunde mit Wasser aus und machte sich anschließend mit grobem Nähzeug daran zu schaffen. Das Zwicken spürte Vesana fast gar nicht, während sie die Nord arbeiten ließ und auf einem Schemel nahe der Liege mit Darius ihre Augen weiterhin auf den Liebsten fixiert hielt.
    Kaum beendete Aela ihre Arbeiten und hatte sie sich versichert, dass der Kaiserlichen sonst nichts fehlte, näherte sich ein stark ergrauender, kleiner Mann des Kaiservolkes. Seine Lumpen tränkten Mengen von Blut, die unmöglich allein von ihm stammen konnten. In respektvollem Abstand blieb er stehen und verneigte sich vor den drei Gefährten, die sich zurückgezogen in ihrer Ecke zunächst wenig um die anderen gekümmert hatten. »Corolas Tullius«, stellte er sich vor, legte die rechte auf den Bauch und verbeugte sich abermals. »Nicht verwandt mit General Tullius in Einsamkeit«, fügte er hinzu und rang sich ein gequältes Lächeln ab. »Im Namen aller hier möchte ich mich bei Euch für unsere Befreiung bedanken«, setzte er fort.
    »Danke für eure Hilfe«, erwiderte Aela nach einigen, betretenen Momenten des Schweigens.
    »Es war das mindeste, das wir tun konnten.«
    »Wie viele von euch hat es erwischt?«, hakte die Nord nach und bot ihm einen freien Schemel an. Corolas setzte sich.
    »Genug. Aber es hätten deutlich mehr sein können, wenn dieser … Bär nicht dazwischen gegangen wäre. Wisst Ihr etwas darüber?« Der Kaiserliche zog eine silbergraue Augenbraue hoch und kratzte sich im Bart.
    »Bär?«, fragte Vesana tränenrau nach, räusperte sich und beugte sich auf ihrem Hocker vor.
    »Tauchte einfach aus dem Nichts auf und fegte durch die Reihen der Silbernen Hand wie ich es nie zuvor gesehen habe«, erklärte er. »Im Tumult habe ich ihn nicht richtig sehen können, aber einige andere beschreiben ihn als für einen Bär unförmig, aber kraftvoll wie die Urgewalten höchst selbst.«
    »Ich habe ihn nur gehört, nicht gesehen«, erwiderte nun Skjor und fuhr sich mit der rechten Pranke über das grobe Antlitz. Erst jetzt, wo er Vesa direkt gegenübersaß, bemerkte sie die zahlreichen Scharten in seiner Rüstung, die ohne Zweifel von einigen direkten Treffern stammten. Der Nord wusste durchaus einzustecken und es schien ihr sicher, dass diejenigen, die ihn getroffen hatten, dafür mit dem Leben bezahlt haben mussten.
    »Ebenso«, entgegnete Aela nach einigem offensichtlichen Überlegen.
    »Weder das eine, noch das andere«, räumte schließlich auch Vesana ein. Die Erzählung kam ihr aber aus irgendeinem Grund unheimlich bekannt vor. Regungslos auf Skjors Knie starrend versuchte sie sich zu erinnern, woher, allerdings wollte es ihr nicht einfallen. Nur träge löste sie sich von ihrem Anblick und kehrte in die Gegenwart zurück.
    Seufzend vergrub Corolas sein Gesicht in den hohlen Händen, rieb es sich ab und schaute in die Runde. »Jedenfalls kam er sehr gelegen«, resümierte er und zwang sich zu einem Lächeln. »Wie geht es jetzt weiter?«
    »Für Dich und den Rest? Ihr seid frei«, antwortete ihm Vesa und erhob sich, rang einen Moment mit dem Gleichgewicht – der Blutverlust spielte ihr Streiche – dann wankte sie zu Darius Bett hinüber, setzte sich neben ihn ans Kopfende und lehnte sich gegen die Wand im Rücken. Die Rechte legte sie auf das Haupt und strich durch sein langgewordenes Haar.
    »Wir sichten morgen im Tageslicht die Karren nach Dingen, die wir benötigen, alles andere gehört euch«, beschloss Skjor für die Gefährten. Es schien nur gerecht, dass sie es so handhabten. Auch die ehemaligen Sklaven hatten ihren Anteil an den Gütern verdient. »Einen Karren mit Gespann und ein weiteres Pferd werden wir behalten, alle anderen Tiere und der zweite Wagen gehören euch. Proviant, Kleidung und ähnliche Nutzgüter könnt ihr behalten.«
    Für einige lang erscheinende Herzschläge kehrte Ruhe zwischen ihnen ein. Vesana lauschte nur noch, hielt die Augen fest auf das verschmutzte Antlitz ihres geliebten Partners gerichtet, doch glaubte sie in der spannungsgeladenen Luft das Staunen Corolas zu spüren. »Das … das ist … großzügig«, fand er letztlich doch noch einige Worte.
    »Das Wichtigste, weshalb wir überhaupt hier sind, haben wir bereits geborgen. Einzig weitere Informationen über die Hand sind für uns nun noch von Interesse«, wiegelte Aela ab und zauberte der Jägerin ein verträumtes Lächeln auf die Lippen.
    »Unseren Kenntnissen nach sollte dieser Konvoi wichtige Dokumente mit sich führen«, gab Skjor derweil zu.
    »Darüber weiß ich nichts, als Gefangene sind unsere Kenntnisse über die Ziele und Waren der Hand eher begrenzt. Aber es war ein wichtiger Führer der Niederlassung, von der aus wir aufgebrochen sind, den ihr dort auf der Straße niedergestreckt habt«, erklärte Corolas. »Ich werde die Leute anweisen, alle potenziell wichtigen Funde, Dokumente, Insignien, oder dergleichen, zu euch zu bringen. Einige haben sich schon an den Gefallenen zu schaffen gemacht, vielleicht findet sich da auch etwas.«
    »Danke«, entgegnete Aela.
    »Nein, wir danken.« Den Geräuschen nach zu urteilen erhob sich der graue Kaiserliche. »Solltet Ihr jemals in Bravil sein, wisst, dass Ihr dort auf ewig einen Freund haben werdet.« Damit entfernte sich der Mann und überließ die Gefährten sich selbst.
    Erst jetzt hob Vesana ihr Kinn und blickte von einem der beiden Nord zum anderen und wieder zurück. Neuerliche Tränen standen ihr in den Augen und rannen ihr mit dem nächsten Blinzeln über die Wangen. »Danke«, hauchte sie und schenkte jedem von ihnen einen langen Blick. Skjor nickte mit grimmiger Entschlossenheit im gesunden Auge und die Rothaarige erhob sich, kam zu ihr hinüber und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
    »Immer.« Mehr brauchte sie nicht sagen. An ihren eigenen Liebhaber gewandt setzte sie ein »Komm« nach und führte das stämmige Zirkelmitglied vom Podest hinab zum Kamin. Dankbar die Lippen kräuselnd sah ihnen die Kaiserliche einen Moment nach, dann hob sie die schweren Beine mit auf das Bett, legte den Kopf in den Nacken und starrte zur Decke, während ihre Finger weiter durch den dreckverkrusteten Schopf von Darius strichen. Den schmerzenden Unterarm auf den Bauch gelegt, versuchte sie gar nicht erst die Freudentränen zurückzuhalten oder zu verbergen, genoss das leichte Salz auf den Lippen und der Zunge und spürte, wie das schwere Leichentuch der Trauer von ihr abfiel, Wärme in ihr aufbranden und zum ersten Mal seit Monaten so etwas wie goldenes Glück in ihre Brust einziehen ließ.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (15.06.2015 um 15:14 Uhr)

  15. #95

    Himmelsrand, Helgen

    << Zum vorherigen Beitrag



    Die Nächte um und während Neumond boten für gewöhnlich immer die größte Erholung. Das Biest geschwächt, schlummerte es während dieser Zeit und ließ sich auch auf stärkstes Drängen nur noch schwer zum Ausbrechen bewegen. Somit fehlte ihm in dieser Zeit auch die Fähigkeit, nachts für Unruhe in Geist und Körper zu sorgen, die sich sonst nur mit Blut stillen ließ, und die menschlichen Eigenschaften des Leibes überwogen, erlaubten es dem Wandler im Bett zu entspannen und dem Körper den Schlaf nachzuholen, den er so sehnsüchtig verlangte.
    Allerdings löste diese Zeit bei Vesana trotz dessen eher gemischte Gefühle aus. Nach all den Jahren, die sie nun schon die Kraft und Wildheit des Wolfes in sich trug, hatte sie mit ihm eine Symbiose gefunden, die sie völlig ausfüllte und die sie – das konnte sie aufrichtig jenen gegenüber behaupten, die um ihre Gabe wussten – wahrlich nicht mehr missen wollte. Die Bestie, ihre andere Hälfte, ihren Bruder und Freund, so geschwächt zu erleben, es entriss ihr stets einen Teil ihrer selbst, ließ schmerzhafte Leere zurück. Oft genug unterdrückte sie das Tier, aber das war ihre Entscheidung und häufig verstanden das sowohl der Wolf wie auch Hircine, immerhin machte sie es später stets wieder gut. Doch es gewaltsam entrissen zu bekommen …
    Natürlich war es in den stillsten Stunden des Tages, während sie neben Darius auf dem Bett saß und zwischen seinem geschundenen, aber friedlichen Gesicht und dem leisen Treiben der befreiten Sklaven hin und her blickte. Die brennende, frisch vernähte Verletzung des Unterarms, die bei ungünstigen Bewegungen noch immer gleißend aufflammte, als gösse ihr jemand flüssiges Metall über den Arm. Oder auch die schlichte Sorge, Darius könne aus irgendeinem Grund nicht mehr aus seinem Schlummer erwachen, obwohl er allen Grund dazu hätte, es zu tun. Irrational, sicherlich, deswegen aber nicht minder real. Überhaupt plagten die Kaiserliche so einige Gedanken. Bilder aus der Erinnerung an ihre letzte gemeinsame Nacht am See, wie er sie zurückgelassen hatte und sie ihm nachsah. Das langsame Einsinken der Erkenntnis, der Liebste könne nicht zurückkehren und zuletzt die Schuld, die Hoffnung beinahe völlig aufgegeben zu haben – so wie alle anderen.
    Vesa verbrachte einen Großteil der Nacht mit derlei Überlegungen, flickte in anderen Momenten die Löcher und den Schnitt im Ärmel ihrer Jacke und saß auch dann noch auf dem Bett, als die nur leicht oder gar nicht verwundeten Befreiten am frühen Morgen ihrer aller Unterschlupf verließen, um wohl mit dem ersten Tageslicht das komplette Ausmaß des Gemetzels der letzten Nacht zu begutachten und zu sehen, was oder wer sich denn noch retten und bergen ließe. Mit der dritten Welle von Ausschweifenden erblickte die Jägerin dann auch Aela und Skjor, die als einzige Gerüstete deutlich aus der Menge herausstachen. Während der Einäugige nahe dem großen Eingangsportal stehen blieb, kam die Rothaarige zu Vesana und Darius hinüber. »Du siehst weder freudsam noch erholt aus, Vesa«, stellte die Nord das Offensichtliche fest. Müde rang sich die Kaiserliche ein Lächeln ab. »Nicht geschlafen?« Sie schüttelte sacht das Haupt. »Etwas frische Luft wird Dir guttun und Deine Gedanken etwas zerstreuen«, riet die Gefährtin und blieb am Fußende des Bettes stehen. »Komm, er wird schon nicht weglaufen.«
    Einen Froschmund ziehend ließ Vesana die Augen zu Darius sinken und seufzte im Anschluss. Ihr stand nicht der Sinn danach in der Kälte die Karren der Hand zu durchwühlen. »Ich sollte besser …«
    »Mitkommen«, unterbrach sie die Nord. »Ich habe Corolas bereits gebeten, uns zu informieren, sollte sich Darius Zustand ändern.«
    Resignierend nickte die Kaiserliche. »Von mir aus.« Träge und widerwillig trugen sie ihre Beine, griff sie sich ihre Jacke, die Köcher und den Bogen. Wenig später verließen sie zu dritt den schummrigen, von vielen Leibern und dem Feuer warmgewordenen Raum, traten ins Freie und gegen die Wand klirrend kalter, glasklarer Luft. Von den zahlreichen Leuten ausgetreten, die bereits vor ihnen diesen Weg gegangenen waren, führte ein breiter Pfad zur Dorfstraße. In der Morgendämmerung, bei noch immer anhaltendem, wenngleich abgeschwächtem Schneetreiben erkannte Vesana sogar die vier Gerüsteten, die in der vergangenen Nacht als erste ihr Leben lassen mussten. Sauber nebeneinander lehnten sie sicherlich steifgefroren an der Wehrmauer und reihten sich damit neben den unzähligen anderen ein, die Helgen ungeachtet der plötzlichen Flut von Lebenden in einziges Grab verwandelten.
    »Haben wir überhaupt schon eine Vorstellung davon, wonach wir suchen?«, murmelte Vesa als sie das grotesk gezierte Tor der inneren Stadtmauer passierten.
    »Nein, aber irgendetwas sagt mir, dass es nicht schwer zu finden sein wird«, erwiderte Aela und bog zeitgleich mit den anderen Gefährten auf die Dorfstraße ein. Bestimmt ein Dutzend von ehemaligen Gefangen tummelte sich hier, lief zwischen den von rotem Schnee begrabenen Gerüsteten der Silbernen Hand umher. Manche knieten neben den teilweise wieder eingeschneiten Kadavern, andere schleiften Leichen wie Bretter zur Seite und stapelten sie gegen die Wände und Balken umliegender Ruinen. Ein völlig widernatürliches, abstoßendes Bild, das der Kaiserlichen bitter in den Magen stieß. Der Morgen danach … nur anders.
    Sie stieß mit dem Stiefel gegen etwas im Schnee und blieb stehen. Reflexartig blickte sie zu ihren Füßen und verzog das Gesicht. Zu ihr sah das blau angelaufene, bärtige Gesicht eines Mannes auf, das ähnlich entstellt aussah wie das Antlitz des Gefangenen in Jorrvaskr, nachdem sie ihn bearbeitet hatte. Sein stählerner Harnisch, den sie ob des schwarz verfärbten Blutes im Weiß mit der Fußkante freischarrte, wirkte zerrissen wie Papier. Eingeweide, Haut und Stoff der Kleidung mischten sich mit Metallsplittern zu dunklem, gefrorenem Brei. »Bär, sagtet ihr?«, flüsterte sie. Sie hatte viele entstellte Leichen gesehen und ihren Gutteil davon selbst zu verantworten, aber der Anblick gefiel ihr deswegen noch lange nicht. Da schien ihr menschlicher Reflex des nachempfundenen Leids – gerade jetzt zur Neumondzeit – und die ihn begleitenden eiskalten Schauer doch noch einen gewissen Einfluss zu besitzen. Angewidert wandte sie den Blick ab und bemerkte erst dann, dass Aela und Skjor bereits weitergegangen waren. Die Rothaarige stand neben dem Kutschbock des vorderen Wagens, der Einäugige stapfte weiter durch den Schnee an der Ladefläche vorbei.
    »Unförmiger Bär war es«, schnurrte etwas neben ihr, von dem sie nicht sagen mochte, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Allerdings brauchte Vesana nicht aufschauen, um zu wissen, dass neben ihr ein wandelndes Fellknäuel stehen geblieben war.
    »Hmhmm«, brummte sie und ging auf Abstand. Möglichst zügig schloss sie zu ihren Freunden auf und machte sich zusammen mit dem stämmigen Gefährten an der Plane des Wagens zu schaffen. Zum Vorschein kamen blitzendes Metall, unzählige Beutel und diverse Kisten. Vesa sog scharf die Luft ein, Skjor schnaufte deutlich.
    »Mit der Menge an Waffen lässt sich eine kleine Armee versorgen«, knurrte er und lief um den Karren herum, die Plane weiter herunterzerrend. Die Jägerin kletterte derweil auf die Landefläche und stieß mit den Füßen gegen die scheppernden Silberklingen, die von Dolchgröße bis zum Zweihänder und verschieden großen Kriegsäxten alles vertreten zu haben schienen. Einige Köcher mit Pfeilen machte sie ebenfalls aus.
    Willkürlich nahm sie einen der Lederbeutel auf und öffnete ihn. »Proviant«, meldete sie an Aela, die inzwischen mit auf den Wagen geklettert war, als sie die gefrorenen Brotlaibe sah.
    »Nicht nur«, gab die Nord zurück und warf der Kaiserlichen einen der Säcke zu. Im letzten Moment schaffte sie es, ihn mit dem rechten Arm zu fangen und gegen den Leib zu pressen. Irritiert zog Vesa eine Augenbraue hoch, blickte einen Moment lang zu ihr hinüber, dann richtete sie die Augen auf den zwar prallen, aber leichten Beutel. Mit einem schnellen Handgriff lockerte sie die Schnur um den Bund und sah hinein.
    »Blasenpilze?« Die Kaiserliche sah abermals zu der Nord hinüber, nun beide Brauen hochgezogen.
    »Nicht nur das. Der hier ist voll mit blauen Bergblumen.«
    »Und der hier mit Koboldschemel-Pilzen«, warf Skjor von der Seite ein, ließ Vesa herumfahren und ihn beobachten, wie er über den Rand des Wagens auf die Ladefläche langte und den nächsten Sack griff. Er zückte einen beigefarbigen Pilzkopf, schwieg jedoch.
    »Mora Tapinella«, stellte Aela fest.
    »Das sind Zutaten für Tränke zum Heilen von Wunden…«, setzte Vesana an.
    »Nirnwurz«, warf die Rothaarige ein.
    »Und für Gifte. Starke Gifte, die den Leib schwächen und zersetzen, nicht nur erschöpfen«, setzte sie fort.
    »Wenn nur die Hälfte der Beutel mit dem Zeug voll ist, reicht das, um mehr als nur diese Waffen hier mit Giften einzuschmieren und mehr als nur die Menge an Leuten, die diese dann trägt, mit Wundheiltränken zu versorgen. Deutlich mehr.«
    »Ich hab‘ ein ganz mieses Gefühl bei der Sache hier.« Vesana kniete sich hin und öffnete eine Reihe weiterer Säcke. »In dem hier«, sie hob einen etwas größeren, »ist Flusskrabbenchitin.«
    »Fehlen nur noch«, setzte die rothaarige Nord und brach dann mit verkrampft wirkendem, ernsten Gesicht ab. »Falkenfedern.« Sie hielt ein kleines Bündel in die Luft.
    »Gegen Krankheiten.«
    »Wir sollten uns nach diesen offiziellen Dokumenten umsehen«, wandte Skjor ein und erntete zustimmendes Nicken.
    Die Kaiserliche brauchte nicht einmal aufstehen, um zu wissen, wonach sie suchten. Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies sie auf eine schwer aussehende, eisenbeschlagene Kiste direkt hinter dem Kutschbock. Ein dickes Vorhängeschloss verriegelte sie. »Ich vermute, wir werden einen Schlüssel brauchen.«
    »Wo liegt der Anführer?« Aela hob das Haupt und betrachtete die Umgebung. Vesa tat es ihr gleich, ließ die Augen über das Treiben schweifen. Niemand schenkte ihnen außerordentliche Beachtung. Corolas schien es deutlich gemacht zu haben, dass zunächst nur die drei Gefährten auf den Karren wühlen durften.
    »Ich geh ihn suchen«, brummte Skjor letztlich und setzte sich in Bewegung.
    »Aela … bitte sage mir, dass ich einfach nur paranoid bin, wenn ich das Gefühl bekomme, dass wir es hier eindeutig mit Kriegsgütern zu tun haben«, flüsterte die Jägerin, ohne, dass sie es so gewollt hatte. Doch das nervöse Hauen und Stechen in den Eingeweiden brach sich so ohne ihr Zutun und dass sie es hätte verhindern können Bahn.
    »Ich wünschte, ich könnte das«, erwiderte die Nord ebenso leise und setzte sich auf die Rückenlehne des Wagenführerstands. Der Kaiserlichen legte sich ein eiskalter Schleier auf den Magen und die Brust.
    »Kriegsgüter wofür?«
    »Wir haben es hier mit der Silbernen Hand zu tun, was glaubst Du wohl?«
    »Das ist absurd, die Hand hat nicht einmal ansatzweise genug Leute, um so große Lieferungen zu rechtfertigen. Ich bezweifle, dass es auf dem anderen Wagen anders aussehen wird«, widersprach die Kaiserliche und setzte sich mitten zwischen die Beutel und Waffen.
    »Wissen wir das so genau?« Damit traf Aela einen sehr empfindlichen Nerv und Vesana senkte das Kinn auf die Brust. Still wanderten ihre Augen über die Ladefläche, von Aelas hohen Stiefeln über ihre eigenen Fußspitzen bis zum langen Ende. Das glänzende Metall brannte ihr zunehmend in den Augen, ob als Teil ihrer innewohnenden Silberallergie oder doch, weil ihr die Ware suspekt und unverständlich erschien, sie mochte es nicht sagen.
    »Hier«, eröffnete Skjor das Gespräch und klimperte mit irgendetwas Metallischem. »Ich schaue mir mal den anderen Wagen genauer an.« Aus dem Augenwinkel bemerkte Vesa, wie er den Gegenstand zu Aela warf, die ihn gerade so mit beiden hohlen Händen auffing. Erst als sie ihn in den Händen hin und her wog erkannte die Kaiserliche das Objekt als einen schweren Schlüsselbund. Träge und schnaufend erhob sie sich und machte sich mit der Rothaarigen am Schloss der Kiste zu schaffen.
    Eine ganze Reihe verschiedener Schlüssel probierten sie durch, bevor letztlich einer von ihnen in die Öffnung des Verschlusses passte, leise klickend einrastete und sich drehen ließ, bis der dicke Eisenbügel aufsprang. »Na also«, brummte Aela und zog die Schließe aus der Metallöse an der Kiste. Als öffneten sie ein Geschenk, das aufwändig verpackt war, zwickte es Vesa in den Eingeweiden, obgleich sie die Nervosität und das aufgeregte Stechen in der Brust weit weniger angenehm fand. Quietschend stemmten die Frauen den Deckel auf und blickten zunächst beide ähnlich verdutzt auf eine rote Samtdecke. Zögerlich und mit Vorsicht schoben sie diese nach kurzem Betrachten nach hinten und offenbarten eine Vielzahl durcheinandergeratener und wie eine zweite Decke verstreut liegender Briefumschläge. Purpurrote Wachssiegel zierten sie und Vesana nahm eine der Papierhüllen auf.
    »Das Symbol, das sie auch an den Händen tragen, schau«, bedeutete die Jägerin und hielt der Nord den Umschlag hin, nahm sich aber gleichzeitig schon den nächsten mit unsteten Fingern. »Keine Adressaten, nur Initialien.«
    »Was haben wir denn da?« Aela wühlte plötzlich grobschlächtig durch die versiegelten Briefe. Mit zusammengebissenen Zähnen beobachtete die Kaiserliche sie und wartete ab, was sie meinte. Erst einen Augenblick später bemerkte auch sie die dunkelroten Säckchen aus Samtstoff. Manche passten im Paar in eine hohle Hand, die Mehrzahl aber gab sich deutlich größer und bauchig mit den Konturen von Münzen durch den Stoff drückend. Vorsichtig nahm sich Vesa einen der kleinen Beutel, schob die umklappbaren Fingerstücke ihrer Handschuhe zurück und zog am goldgelben Bundstrick. Scharf sog sie die Luft ein, als sich der Säckel öffnete. »Was?«, wollte die Nord wissen. Kommentarlos hielt ihr die Kaiserliche den Fund in der hohlen Hand hin. Als auch sie tief Luft holte, nahm die Jägerin ihren Arm zurück und zog rasch an der Schnur. Neugierige Augen, die einen Blick auf die unzähligen, verführerisch funkelnden Edelsteine und auf die mit ähnlichen, prallen Säckchen gefüllte Kiste warfen, konnten sie wahrlich nicht gebrauchen.
    Rasch steckte Vesana das Bündel zurück, deckte es unter Beihilfe von Aela mit Briefumschlägen und anschließend der Samtdecke ab. Zum Schluss verriegelten die beiden Frauen die Kiste mit dem schweren Schloss. Nur kurz tauschten sie schmallippige Blicke aus, dann erhoben sie sich und kletterten vom Karren. Skjor mochte womöglich ihre Hilfe benötigen und so schritten sie zum zweiten Wagen hinüber. »Irgendwas Interessantes gefunden?«, fragte schließlich Aela, als sie sich neben Vesa mit dem Armen auf die Seitenwand des Gefährts stützte und zu dem Einäugigen hinaufsah.
    »Nichts, was wir nicht schon auf dem anderen Karren gefunden haben. Waffen, Proviant, Zutaten und einige verschlossene Kisten«, erwiderte er. »Glück mit den Dokumenten gehabt?«, fragte er und nahm zum Öffnen einer kleinen Kiste den Schlüsselbund entgegen.
    »Lass uns später darüber reden.« Vesana dämpfte ihre Stimme zu einem seidendünnen Flüstern und brachte den großen Nord damit ruckartig zum Stillstand. Gebückt und von ihr abgewandt nickte er nach kurzer Pause still der Ladefläche entgegen und kniete sich letztlich neben einen der kleinen Kästen. Mit etwas Probieren fand er einen passenden Schlüssel und öffnete den Deckel. »Glasfläschchen.«
    »Passt zu den Zutaten«, kommentierte die Rothaarige und erntete kehlige Zustimmung.
    Vesa rang sich ein tiefes Seufzen ab, das ihr die Lungen von innen gefrieren ließ. »Ich habe genug gesehen. Wir sollten uns mit Corolas Gedanken über die Aufteilung der Güter machen.« Skjor und Aela nickten. Während der Kahlköpfige noch den geöffneten Behälter verriegelte, machten sich die beiden Frauen bereits an der Abdeckplane zu schaffen und zogen sie rauschend über die Ladefläche als der Nord von ihr hinuntergeklettert war. Nach wenigen Handgriffen vertäut, wiederholten die drei Gefährten das Spiel am ersten Wagen und schickten sich anschließend an, zum Haupthaus zurückzukehren.
    »Bevor wir mit Corolas reden, solltet ihr mir noch erzählen, was ihr gefunden habt«, gab Skjor zu bedenken, als sie außer Hörweite der Befreiten waren und über den Dorfplatz stiefelten.
    »Briefe, die per Initialen adressiert sind, mehr Gold, als Du zählen könntest«, setzte Aela an.
    »Und genug geschliffene Edelsteine, um den Wert in Gold doppelt oder dreifach aufzuwiegen«, vervollständigte Vesa. Völlig aus dem Nichts blieb Skjor stehen und starrte die Rothaarige und sie unverhohlen aus. Ihn derart unbeherrscht zu sehen reichte aus, um der Kaiserlichen wie eine Faust auf den Magen zu schlagen. Davon, dass ihr von dem Fund und dem Versuch, ihn irgendwie auch nur im Ansatz zu verstehen, die Gedanken kreiselten und regelrecht schwindelig wurde, ganz zu schweigen. Entgeistert kniff der Gefährte sein gesundes Auge zum Schlitz zusammen, sprach jedoch kein Ton.
    Letztlich schüttelte er sacht das Haupt und somit wohl auch die erste Überraschung ab. Gemeinsam setzten sie sich wieder in Bewegung. »Wir sollten einige gründliche Fragen an Corolas richten«, knurrte er bevor sie die große Pforte erreichten. Aela brummte nur und Vesa nickte stumm vor sich hin.
    Kurz darauf drückte die Rothaarige als erste die schwere Pforte des Hauses auf und hielt sie für die beiden anderen offen, nur um sie nach ihnen schwer klackend ins Schloss zu drücken. »Wir sollten gleich mit Corolas sprechen, bevor zu viele reinreden können«, befand die Nord.
    Vesana wippte nur mit dem Haupt und suchte, an der Tür stehen geblieben, den Raum mit den Augen ab, wo der graue Kaiserliche denn gerade stecken mochte. Nach kurzer Sondierung der Lage fand sie ihn an einem runden Tisch nahe dem Podest an der linken Flanke. Er reichte einem abgehungerten Kerl mit fast schwarzem, schulterlangem Haar, der mit dem Rücken zu den neu Eingetretenen saß, einen Brotlaib und schien sich leise mit ihm zu unterhalten. Für die Dauer zahlloser, schmerzhaft lang erscheinender Lidschläge setzte der Kaiserlichen das Herz aus, krampfte dann in der Brust und begann so heiß zu glühen, dass sie fürchtete, es könne sie verbrennen. Mechanisch ruckte ihr Kopf herum zu Darius Bett, um sich der unruhigen Vermutung im Bauch zu vergewissern – Darius lag nicht mehr auf seiner Nachstatt. Als sie zurück zu den beiden Männern am Tisch schaute, hob Corolas den Blick und tippte seinen Gegenüber am auf der Holzplatte neben dem Brot liegenden Arm an.
    Ihre Begleiter, überhaupt der Rest des Raumes – die Verletzten im Hintergrund, die sich ausruhenden oder noch schlafenden Befreiten am linken Rand und nahe am Kamin, die gedämpften Gespräche, schlicht alles – hörte von einem Atemzug auf den nächsten auf zu existieren. Vesas Lippen begannen zu beben, dann ihre Hände und Arme, letztlich der ganze Leib, als erfasst sie ein Erdbeben. Kaum im Stande, sich auf den Füßen zu halten, beobachtete die Jägerin wie angewurzelt Darius, als er sich erst auf dem Stuhl umdrehte, kurz stockte und anschließend erhob. Irgendjemand berührte sie an der Schulter, doch reagierte sie nicht, völlig vereinnahmt von der mageren Gestalt ihres Geliebten, der langsam auf sie zukam.
    Tränen rannen ihr über die Wangen, als ihre Beine letztlich doch nachzugeben begannen und sie schwankend zur nahen Mauer taumelte, um sich kurz dort abzustützen. Unlängst schnürte sich ein dicker, unsichtbarer Strick um ihren Hals, erschwerte ihr das Schlucken und raubte ihr die Luft. Skjor und Aela ließen sich nirgendwo mehr ausmachen. Eher aus Reflex denn dass sie darauf Einfluss nahm, streifte sich Vesana Köcher und Bogen, gleich darauf auch ihre Handschuhe ab, ließ sie einfach zu Boden fallen und lehnte sich anschließend gegen das grobe, kalte Mauerwerk. Der dunkelhaarige Kaiserliche näherte sich derweil weiter mit langsamen Schritten, seine markante Narbe inzwischen deutlich zu erkennen und einen Ausdruck auf den eingefallenen Gesichtszügen, der irgendwo zwischen Bedauern, tiefster Reue und unendlicher Freude lag, dunkle Gräben unter seine Augen zeichnete und seinen Mund leicht offen stehen ließ.
    Doch alles, was sich der Jägerin in diesen Momenten, in denen sie zum ersten Mal keine Sorge mehr empfinden musste, klar aufdrängte, waren Enttäuschung und Zorn. Enttäuscht von seinem gebrochenen Versprechen, zurückzukehren. Zorn für seinen dreisten Aufbruch, wo er doch hätte wissen müssen, dass er sein Versprechen unmöglich halten können würde. Dass auch Vesa selbst nicht anders gehandelt hätte, wäre es um ihre Schwester gegangen, spielte in diesem Moment keine Rolle. Freude und Erleichterung vermieden es sich mit diesen heiß brennenden Gefühlen anzulegen, liefen sie doch bloß Gefahr darin zu vergehen.
    Bei in Schwerelosigkeit krampfenden Eingeweiden erschien es ihr quälend lange, doch letztlich befand sich Darius unmittelbar vor ihr. Gerade kam er in Armreichweite, da presste er mit Tränen in den Augen die merklich zitternden Lippen kurz zusammen und öffnete sie anschließend im Ansatz eines Wortes. Weiter ließ ihn die Kaiserliche aber nicht kommen. Ohne ihr Zutun hob diese die Rechte und verpasste ihrem Geliebten mit gestrecktem Arm eine derart schallende Ohrfeige, dass ihre Handfläche so heiß aufflammte, wie die linke Hälfte seines Antlitzes rot zu glühen begann.
    Perplex und irritiert, aber tonlos hob er seine spindeldürre Hand und rieb sich die sicherlich heftig schmerzende Stelle. Es wirkte auf Vesana, als wüsste er selbst nicht recht, was genau er tun sollte. Seine Mundwinkel zuckten unregelmäßig zu einem tröstenden, entschuldigenden Lächeln nach hinten, während seine dunklen Augen unstet über ihr Gesicht wanderten, manchmal im Blickkontakt innehielten und ihn dann wieder brachen. Abermals setzte er an, doch noch etwas zu sagen und wieder zu versuchen, sich ihr zu nähern. Klatsch! Die Linke.
    Diesmal strafte sich Vesa jedoch selbst. Die Wucht des Aufpralls erschütterte ihren Arm und zerrte auch an der frisch vernähten Wunde, ließ diese in ihrem Geist heiß aufleuchten. Erst fauchend, dann stöhnend umschloss sie ihren Unterarm mit der rechten, presste ihn an sich, als könne sie die Pein so niederringen und senkte das Kinn. Vergebens. Am Rand ihres tränenverschwommenen Sichtfelds machte sie eine Bewegung aus und riss noch im selben Augenblick die Finger von ihrem Arm, schlug nun knurrend und schluchzend mit der Faust zu. Aber diesmal ließ sich Darius nicht mehr beirren und drückte sich einfach solange gegen sie, bis er sie an der Wand fixierte, mit den eigenen Armen umschließen konnte und ihr so die Freiheit auszuholen nahm.
    Zunächst widerwillig, dann völlig wehrlos ließ sie ihn gewähren und krallte sich zum Schluss im Stoff seiner Kleidung an den Seiten seines Leibes fest. Ihr Gefährte umschloss sie letztlich gänzlich, einen Arm quer über ihrem Rücken, die Hand des anderen in ihrem Nacken massierte die Schädelbasis durch ihr langes Haar hindurch. Seine Wange lag oben auf ihrem Haupt auf und gelegentlich glaubte sie irgendetwas schweres, aber weiches auf den Kopf schlagen zu fühlen. Als irgendwann Tropfen hinter ihrem Ohr hinab in den Hals rannen, Schauer ungekannten Ausmaßes ihren Leib hinabsendend, wusste sie, dass es sich dabei um Tränen handelte. Tränen, die sie in vielfacher Menge durch seinen Kragen unter seine Kleidung fließen ließ.
    Heftig zuckend, atemlos schluchzend und plötzlich kraftlos, gaben Vesas Knie vom einen Augenblick zum anderen nach, als sank die Erkenntnis nicht zu träumen erst jetzt wirklich ein. Doch anstatt zu fallen, spürte sie nur, wie sich Darius Arme fester um sie schlossen und sie fester gegen die Wand drückten. Die Schmerzen, die dieser Druck bei all ihren Prellungen hervorrief, zerflossen schon kurz nachdem sie aufkamen in die Bedeutungslosigkeit. Unterdessen hob der Kaiserliche sein Haupt und hinterließ für einen kurzen Moment mit der nachhallenden Druckstelle tief schneidende Reue. Aber als er ihr im nächsten Augenblick durch ihren sich wild verteilenden Schopf einen langen Kuss auf die Schläfe gab und seinen Kopf anschließend wieder auf dem ihren ablegte, war das kurze Stechen des Bedauerns so schnell vergessen, wie es sie überfallen hatte.
    Vesanas Mundwinkel zogen sich zu einem verträumten, geistesabwesenden Schmunzeln und der Fluss der Tränen verlangsamte sich, verebbte allerdings noch nicht gänzlich. Stattdessen löste sie ihre Finger aus der Verkrampfung an seinen Seiten und schob die Hände in seinen Rücken, nur um sich dort abermals in den Stoff seiner Kleidung zu krallen. Jetzt übernahm sie es, sich an ihn zu drängen.



    Zum nächsten Beitrag >>
    Geändert von Bahaar (29.06.2015 um 09:27 Uhr)

  16. #96

    Himmelsrand, Helgen, Weißlauf

    << Zum vorherigen Beitrag



    Verhaltenes Räuspern zog Vesana die Eingeweide zusammen und ließ sie heftig zucken, löste jedoch die Umklammerung keineswegs auf, krallte sich der offenkundigen Unterbrechung zum Trotz fester an den Kaiserlichen. »Wir haben mit Corolas die Aufteilung der Güter besprochen und laden sie auf den Wagen entsprechend um«, setzte Aela nach kurzem Warten an, hielt ihre Stimme aber gedämpfte, wohl um die seidenzarte Stimmung der Zusammenführung nicht zu zerstören. »Nehmt euch noch einen Moment Zeit und kommt dann nach. Wir dürften genug Hände für die Arbeiten haben«, führte sie dort. Erst jetzt hob Darius den Kopf und sah die Nord wohl an.
    »Danke«, erwiderte er, die Stimme rau von Tränen und zum Zerreißen dünn.
    »Corolas meinte, er hätte Dir einige wärmere, nicht zu zerschlissene Sachen von Leuten der Hand aufs Bett gelegt.«
    »Ich schaue gleich nach, danke.« Ohne ein weiteres Wort verschwand die Rothaarige in einem Hauch kalter Luft, die durch das Öffnen der Tür eindrang. Der Kaiserliche ließ sein Haupt nicht wieder auf Vesas zurücksinken. Stattdessen schob er seine Finger in ihrem Nacken langsam und ohne Druck auszuüben am Hals herum, die Kieferlinie entlang bis zum Kinn und anschließend hoch über die Lippen zur Nase und den Augen. Gänsehaut stand ihr auf den Armen und leise begann ihre Atmung abermals zu rasseln. Nicht mehr von Tränen und Aufregung, in den scheinbar langen und doch zu kurz gewesenen Momenten der Umarmung hatten sich diese nahezu vollständig davongestohlen und wohliger, schläfrig machender Wärme in der Brust das Feld überlassen.
    Sanft strich ihr Darius Strähnen ihres Haares aus dem Antlitz, während ihr seine tiefen Atemzüge über die freie Haut auf der Stirn streichelten und verstärkte so nur die vielzähligen Schauer, die ihr den Rücken hinabliefen. »Lass mich kurz nach der Kleidung sehen«, bat er und zwang die Jägerin so dazu, letztlich doch die tränenverkrusteten Augen zu öffnen. Das Salz brannte noch etwas und widerwillig nahm sie die Linke aus seinem Rücken, um sich die verklebten Wimpern auszustreichen. Wenig begeistert hob sie ihren Kopf aus der Mulde an seinem Hals und rang sich ein gepresstes Lächeln ab, nickte dann zwar, aber nicht ohne noch einen weiteren Moment an seinem dichten, lang gewordenen Vollbart zu zupfen und die Augen langsam über seine rauen, dreckstarrenden Züge schweifen zu lassen.
    Darius erwiderte die Geste und ließ sie einen Moment gewähren, bevor er mit sanftem Druck ihre Finger umschloss und ihre Hand an seine Seite schob. Blickkontakt haltend senkte er sein Haupt bis er auf ihrer Höhe war und mit einem letzten, kurzen Rucken schloss er die Lücke zum Kuss. Im ersten Augenblick überrumpelt und in heiß glühender Überraschung zu neuen Tränen verleitet erwiderte Vesana die Geste einen Augenblick später und schloss die Lider. Völlig schwerelos merkte sie erst jetzt, wie sehr ihr die Nähe und Zärtlichkeit dieses elenden Sturkopfes gefehlt hatte, vergrub die Finger gieriger in seiner ranzigen Kleidung und zog ihn näher, während seine borstigen Barthaare zunehmend unsanfter über ihre empfindlichen Wangen scharrten.
    Der Moment währte zu kurz. Der Kaiserliche löste sich von ihr, lehnte sich aber noch einen weiteren Moment Stirn an Stirn an sie. »Du…«, setzte sie an, brach jedoch ab und räusperte sich, um den noch immer in ihrer Kehle sitzenden Kloß zu lösen. »Kratzt«, vollendete sie gleich darauf.
    »Ändern wir bald«, erwiderte er und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Für die Dauer einiger Herzschläge standen sie sich gegenüber, er seine Rechte an ihrem Gesicht und mit dem Daumen darüberstreichend, die Linke an seiner Brust auf ihre dort ruhenden Hände gelegt. »Gleich wieder da.« Ein letzter, sehnsüchtiger Blickkontakt, dann wandte er sich zum Gehen. Die Jägerin sah ihm nach, schlang einen Arm um ihren unruhig summenden Bauch und hob die Finger zu ihren Lippen, wo die zarte Berührung in vielfachem Echo nachhallte. Erst jetzt fiel ihr die leicht gebückte Haltung ihres Liebsten auf. Nicht auffällig, im Gegenteil. Es würde niemand wirklich bemerken, der ihn nicht annähernd so gut kannte oder so intensiv und oft beobachtet hatte, wie Vesa. Aber genau deswegen legte sich die Beobachtung wie ein schweres, kaltes Tuch über ihr Herz, zog an Mund- und Augenwinkeln. Darius gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, doch war genau dieser Umstand das Beunruhigende.
    Gequält die Mundwinkel verziehend, senkte sie letztlich den Blick und sammelte anschließend ihre fallengelassenen Sachen auf. Ihr sturer Gefährte brauchte jetzt vor allem eines: Geduld. Das wusste sie, kannte sie es doch von sich selbst und auch von ihm bei früheren traumatisierten Erlebnissen. Es würde viel Disziplin kosten und sicherlich nicht immer so funktionieren, wie sie sich selbst ermahnte, aber drängen durfte sie ihn nicht. Zu viele hatten Vesana auf diese Weise auf Abstand getrieben und mit Darius wollte sie diesen Fehler nicht selbst auch begehen.
    Wenig später trug ihr liebster Sturkopf eine dunkle, dickere Tunika, hohe Stiefel und einen schweren Umhang. Alles schien in den Kämpfen der letzten Nacht irgendwie mit Blut in Berührung gekommen zu sein und wirkte entsprechend verklebt und fleckig, aber es würde den gewünschten Dienst erfüllen und das reichte. Zur generell geschundenen Erscheinung des Kaiserlichen passte es allemal. Im Näherkommen schenkte er ihr ein mattes Lächeln, das kaum mehr als die Mundwinkel verzog und die Müdigkeit in seinen dunklen Augen nicht einmal im Ansatz vertreiben konnte. Dennoch erwiderte sie die Geste, sicherlich nicht weniger mitgenommen. Zeit. Die brauchten sie beide, um sich von ihren ganz eigenen Dämonen der letzten Monate zu distanzieren und wieder ineinander einzufühlen. »Gehen wir?«, fragte er und blieb vor ihr stehen.
    Für einige Lidschläge betrachtete sie ihn, legte den Kopf kaum merklich schief und lächelte dann breiter, als zuvor. »Ja. Gehen wir.«
    Skjor spannte gerade zwei dunkle, fast schwarze Pferde mit glänzendem, etwas längerem Fell vor einen Wagen. Aela zurrte währenddessen die Plane auf der Ladefläche fest. »Pünktlich«, kommentierte der Einäugige das Auftauchen der zwei übrigen Gefährten und schob den letzten Metallstift in die Zugvorrichtung des Gespanns. »Übernehmt ihr den Karren?«
    »Machen wir«, kam Darius Vesa mit einer Antwort zuvor.
    »Gut.«
    Noch im selben Moment kamen die Rothaarige und Corolas zu ihnen herübergelaufen. Der kleine Kaiserliche verneigte sich tief in die Runde und auch vor Darius. »Du kannst Dich glücklich schätzen solche Freunde zu haben und ich stehe ebenso in Deiner wie deren Schuld dafür«, sprach der Ergrauende. »Ich werde sicherstellen, dass Euer Vertrauen und Eure Großzügigkeit weder vergessen noch vergeudet werden«, setzte er fort und reichte zunächst Vesana, dann den beiden Nord die Hand. »Denkt daran, dass Ihr in Bravil stets willkommen seid. Gehabt Euch wohl und sichere Wege, wo immer es Euch hin verschlägt.«
    »Vorsicht auf dem Pass, der Schneefall dürfte es noch gefährlicher gemacht haben, diesen jetzt noch zu passieren«, entgegnete Aela.
    »Die werde ich walten lassen.« Damit winkte der alte Kaiserliche und zwei hochgeschossene, trotz des sicherlich langen Hungers noch immer bullige Nord führten drei die Braunen der Gefährten und den Schimmel des Anführers der Hand zu ihnen.
    »Die haben wir in einem der Häuser gefunden, sehen nicht aus wie von der Silberfaust«, brummte einer der Neuankömmlinge und hielt ein langes Stahlschwert sowie zwei Dolche hoch.
    »Gehören mir«, entgegnete Vesa und streckte die Hände aus, verstaute die Waffen in den zugehörigen Scheiden. »Danke.« Der Nord nickte nur und im Gehen überprüfte er den Sitz des Sattels und der daran gebundenen Taschen, sowie Vesas Speer, den sie nicht einmal benötigt hatte, wie ihr dabei auffiel. Kurz darauf stiegen sie und Darius auf den Kutschbock und schlugen die Zügel, damit sich ihr Gespann in Bewegung setzte. Schnell auf dem Dorfplatz gewendet, ließen die Vier Helgen bald hinter sich und überließen die Befreiten sich selbst.
    »Was habt ihr mit Corolas besprochen?«, fragte die Jägerin eine Weile später und wandte den Blick zur Seite, wo Aela mit einem der zwei unbesetzten Pferde neben dem Karren ritt.
    »Weniger, als wir gehofft hatten. Seine Kenntnisse über die Hand sind relativ begrenzt«, erwiderte die Nord. »Aber er meinte, dass nicht alle der Kämpfer aus dem Tross zu den Leuten gehörten, die ihn gefangen gehalten haben.«
    »Stimmt«, brummte Darius neben ihr so leise und tief, dass Aela ihn über dem Huftrappen und holpern der Wagenräder kaum hören konnte.
    »Wem dann?«, fragte Vesa dennoch an die Nord und nicht ihren Geliebten gewandt. Aus dem Augenwinkel heraus gönnte sie ihm nur einen kurzen Blick, aber so wie er vorgebeugt auf der Bank saß und den Pferden auf mit leerem Blick auf die Hinterteile starrte, wirkte er nicht gerade, als ob sein Interesse an einem Gespräch darüber hoch stand.
    »Das wusste er nicht. Er kennt keine Niederlassungen der Hand auf der Südseite der Jerall-Berge, aber augenscheinlich gehört ein Teil der Truppen genau einer solchen.«
    »Hm. Das erklärt, warum so viele Kämpfer den Tross begleiteten und rechtfertig allemal die Güter«, sinnierte die Kaiserliche und senkte das Kinn.
    »Das dachten Skjor und ich auch.« Für einen Moment schwieg die Rothaarige, dann hob sie aber nochmals die Stimme an. »Darius, Du musst uns unbedingt schildern, was Du über die Niederlassung der Hand weißt. Die bisherigen Neuigkeiten sind alleinstehend sehr verwirrend, vielleicht kannst Du noch etwas Licht ins Dunkel bringen.«
    »Hmhmm. In Weißlauf«, erwiderte der Kaiserliche.
    »Habt ihr ihm von den Briefen und dem Gold erzählt?«, lenkte Vesana die Aufmerksam von ihrem Liebsten ab. Es ließ sich kaum übersehen, dass ihm das Gespräch nicht gerade Spaß bereitete, denn geschweige Wohlbehagen hervorrief. Um ihm etwas Halt zu geben, schob sie ihre Hand zu ihm rüber und ließ sie auf seinem Oberschenkel ruhen.
    »Weder von den Briefen, noch von den Edelsteinen weiß er etwas. Die Hälfte der Geldsäckel haben wir in einen leeren Proviantbeutel ausgeschüttet und ihm gegeben, damit er das Gold unter den Übrigen und sich aufteilen kann«, erklärte die Nord.
    »Eine gute Lösung«, befand Vesa und ließ das Thema damit ruhen. Sie würden später noch genug Zeit haben, die Einzelheiten der gestrigen Nacht und allem davor zu erörtern. Für die Dauer der Reise reichte es ihr ohnehin, sich mit der Gegenwart von Darius zu begnügen. Und um das zu demonstrieren rückte sie gleich noch ein paar Fingerbreiten näher an diesen heran.

    Fünf Tage dauerte ihre Reise, allem Tiefschnee und kalten Winden aus den Höhenlagen zum Trotz, während Darius in der Regel die doppelte oder dreifache Menge an Proviant erhielt, um seiner mageren Verfassung entgegenzuwirken. Letztendlich erreichten sie die Hauptstadt des Fürstentums und nachdem sie die vier einzelnen Rösser in den Stallungen untergebracht hatten, trieben sie den neu angeeigneten Wagen immerhin bis zum Marktplatz der Stadt. Erst dort sahen sie sich gezwungen ab der anschließenden Treppen hinauf zum Güldengrünbaum zu Fuß zu gehen. Jeder mit einem Handkarren vom um die Mittagszeit vakanten Übungsplatz hinter Jorrvaskr ausgestattet, schafften die Vier die Fracht, die immerhin noch die alchemistischen Zutaten, einen Großteil der Waffen und die Schatzkiste umfasste, zur Gildenhalle und ließen sie dort erst einmal ruhen.
    »Bleibt ihr schon hier, Skjor und ich schaffen den Wagen zum Stall«, wies schließlich Aela die beiden Kaiserlichen an. Die nickten nur und warteten, bis die Nord um die Ecke des Hauses verschwanden.
    »Wir können auch etwas warten, wenn Du noch einen Moment Deine Ruhe haben möchtest«, bot Vesana an, strich dem Vernarbten durch das Haar und schenkte ihm einen aufmunternden Blick.
    Darius schüttelte sacht das Haupt und warf den Trübsinn aus seinen Augen. »Schon in Ordnung, nur einmal kurz durchatmen«, entgegnete er und die Jägerin nickte. Schweigend besah sie sich den noch immer schneefreien, aber gefrorenen Übungsplatz und wartete, bis ihr Darius das Zeichen zum Aufbruch gab. Ein Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie den improvisierten Holzsteg in der Mitte des Terrains bemerkte, der, wenn sie sich nicht täuschte, kein bisschen bewegt worden war. Letztlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter, hob die eigene und griff nach den Fingern. »Lieber jetzt, als es noch weiter hinauszögern.« Damit wandte sich Vesa um und betrat an Darius Seite die Halle der Gefährten.
    Deutlich hörbar stieß er Luft aus, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel und der Hauptsaal des Hauses erstaunlich leer vor ihnen lag. Fleischduft schwängerte die Luft, verkohltes Holz und die übliche rauchige Note. Dazu das Aroma von Met und allerlei Alkohol gepaart mit Männerschweiß. »Es hat mir gefehlt«, flüsterte der Kaiserliche und sah sich im Raum um, während Vesana mehr ihn als alles andere beobachtete. Kleine Muskeln an den Augenwinkeln zuckten immer wieder deutlich, zogen am für sie sichtbaren Ende der Braue. Unstet schwenkte er das Haupt von der einen Seite zur anderen und wieder zurück, sondierte das Umfeld und blieb letztlich mit den Augen auf etwas kleben. Die Jägerin folgte dem Blick. Vilkas und Kodlak saßen an der langen Tafel, deutlich in ein Gespräch vertieft und hatten somit wohl das Eintreten der beiden Gefährten nicht bemerkt. Ihre Worte schwangen nur als leises Säuseln durch den Raum, verschwommen und unklar.
    Inzwischen begann sie unter ihrer dicken Kleidung zu schwitzen und streifte die Handschuhe ab. Erst danach stupste sie ihren Liebsten an und nickte mit hochgezogenen Brauen in Richtung der beiden Nord am Tisch. Schweigend setzte sich Darius in Bewegung, Vesa folgte ihm mit schweren Schritten. »Ich hoffe, Tilmas Kochkünste haben nicht gelitten?«, zerriss der geschundene Kaiserliche die schläfrige Stille, die Jorrvaskr ausfüllte.
    Vilkas fuhr ruckartig herum, der Herold erstarrte einen Moment, nur um gleich darauf nach seinem Becher zu greifen, langsam aufzustehen und sich ihnen zuzuwenden. Der jüngere der beiden Männer am Tisch tat es ihm gleich und verzog das Antlitz in offenkundiger Erleichterung. »Wir haben uns bereits Sorgen gemacht, es könnte etwas schief gelaufen sein«, offenbarte der Graue und kam ihnen entgegen. »Es ist schön, Dich wieder in unserer Halle zu sehen, Darius.« Der Kaiserliche nickte und schlug sogleich mit Vilkas zur Begrüßung ein.
    »Es ist in der Tat ausgesprochen schön, euch zu sehen«, bestätigte der jüngere Nord. Seine Züge trübten sich aber schon im nächsten Augenblick ein. »Ihr seht beide nur bedingt glücklich aus. Ist etwas passiert?«
    Vesana bemühte sich ihr Lächeln ehrlich aufzubessern und am Rand ihres Sichtfeldes bemerkte sie, wie Darius die Schultern hochzog, um es ihr gleichzutun. »Wir freuen uns. Aber es gibt einiges, das wir bereden müssen. Der Zirkel – und Darius«, erklärte sie.
    »Wo sind Aela und Skjor?«, wollte Kodlak wissen und bat die drei Übrigen per Geste, ihm in den Keller zu folgen.
    »Wir haben die Gemeinschaft um … einige Ressourcen bereichert. Sie bringen sie gerade zurück zum Stall.« Die Jägerin hielt sich bewusst dicht an der Seite ihres Geliebten, ihre Schulter streifte stets seinen Oberarm und versicherte ihm so, dass sie gewiss nicht vor hatte, ihn in den bevorstehenden, zweifelsohne unangenehmen Gesprächen allein zu lassen. Zum Dank zwackte er sie gelegentlich mit Daumen und Zeigefinger in den Stoff ihrer Jacke.
    »Die Sachen stehen draußen auf dem Platz«, fügte Darius hinzu während sie in den Hauptflur des Kellergewölbes traten. Laute Stimmen und Gelächter drangen aus dem Schlafsaal der normalen Mitglieder zu ihnen, die Tür stand nur einen Spalt breit auf und Schatten huschten durch den schmalen Ausschnitt, den Vesana so vom Inneren des Zimmers einzusehen vermochte. Dem Kaiserlichen an ihrer Seite musste dies nur allzu recht sein, vermied er so doch größere Aufmerksamkeit.
    Zumindest vorrübergehend. Sie waren nicht einmal halb durch den Korridor, da trat Farkas scheppernd und schabend aus seiner Kammer, blieb plötzlich wie eingefroren stehen und grinste dann so breit, dass er Zähne zeigte. »Ha! Haha! Bursche, ich wusste, dass Dich Vesa raushauen würde!«, feixte er und stiefelte dann auf den Rückkehrer zu, drückte ihn in einer Umarmung, wie sie nur zwischen Männern stattfinden konnte und provozierte bei der Jägerin ein mitleidiges, aber auch amüsiertes Schmunzeln. Ein kurzes Lachen musste sie allemal unterdrücken. »Wo sind die anderen Beiden?«, fragte der große und bullige Nord im Anschluss.
    »Kommen sicher in Kürze. Es ist gut, dass wir Dich nicht erst suchen müssen«, erwiderte Vilkas und bedeutete seinem Bruder ihnen zu folgen. Ehe noch jemand von dem Spuk auf dem Flur etwas bemerkte, schlüpften die Fünf in Kodlaks Räumlichkeiten.
    »Was hat’s mit dem verschwörerischen Treffen auf sich?«, wollte der bärige Nord schließlich wissen, als jeder von ihnen einen Platz im Arbeitszimmer des Alten gefunden hatte. Vesa und Darius mit Kodlak am Tisch, ihre Waffen legte sie auf dem Tisch ab. Vilkas lehnte gegen eines der Bücherregale und Farkas hievte sich auf eine Kommode, die unter dem enormen Gewicht des Mannes gefährlich ächzte.
    »Ich habe das Gefühl, dass nicht alles reibungslos verlaufen ist«, mutmaßte der Graue und nickte in Richtung ihres geflickten und blutverklebten Unterarms, den die Kaiserliche auf dem Tisch abgelegt hatte. Dass er damit nur das Offensichtliche feststellte, störte niemanden.
    »So ist es wohl leider«, entgegnete sie. Kodlak schloss für einen Moment die Lider und atmete tief durch. »Allerdings haben wir nichts provoziert, das wohl nicht ohnehin schon lange in der Planung gewesen ist. Was auch immer es ist.« Der Alte hob den Blick, funkelte sie mit einer Mischung aus Überraschung und Sorge auf den faltendurchzogenen Zügen an. »Vielleicht die Geschehnisse zuerst, solange wir auf Skjor und Aela warten?«, die drei übrigen Zirkelmitglieder nickten stumm, Darius lehnte sich tief durchatmend zurück und warf ihr einen wehmütigen, aber dankbaren Blick zu. Sie lächelte zurück, wissend, dass er für jedes Wort aus anderem Munde als den seinen froh war.
    Sie endete gerade an der Stelle, wo sie am Morgen nach dem Überfall mit den beiden Nord losgezogen war, um das Schlachtfeld und die Wagen zu durchsuchen, da schlug etwas heftig gegen die Tür. Mehrfach dröhnte es durch den Raum und ließ sämtliche Köpfe herumfahren. Farkas glitt von der Anrichte und lief zur Pforte hinüber. Auf der anderen Seite warteten Aela und der Einäugige mit jeweils beiden Händen an einer schweren, eisenbeschlagenen Kiste. Zur Begrüßung nickten sie in die Runde und setzen die Truhe dann in der Mitte des Raums auf dem Boden ab, während Farkas den Eingang wieder schloss.
    »Und damit kommen wir zu den Funden«, erklärte Vesa und hob die hohle Rechte, um den Neuankömmlingen das Wort zu übergeben.
    »Du hast den Überfall geschildert?«, hakte die Rothaarige nach und strich sich einige Strähnen aus dem Gesicht. Die Jägerin nickte lediglich. »Wir haben einen Großteil der Ladung noch oben auf den Handkarren. Silberwaffen. Schwerter, Äxte, Dolche, Speere. Genug, um ein Regiment damit auszustatten«, begann erstere zu berichten. »Wir haben alchemistische Zutaten und Geräte, genug um Regenerationstränke, solche gegen Krankheiten und Gifte zu mischen. Ebenfalls genug für ein Regiment, vermutlich sogar mehr«, setzte sie fort und bückte sich über die Kiste. Mit schnellen Handgriffen holte sie den Schlüsselbund des toten Anführers des Trosses hervor und öffnete das schwere Vorhängeschloss. »Und wir haben das hier.« Sie öffnete den Deckel, warf den ob der geschrumpften Goldmenge eingefallenen Samt zurück und entblößte so die Umschläge mitsamt den restlichen Säckeln für Münzen und Edelsteine. Im Anschluss stand sie auf und trat aus der Sichtlinie, damit jeder einen Blick darauf werfen konnte, der diese Aussicht noch nicht kannte. Das anschließende Schweigen verdickte die ohnehin schon stickige Luft im Zimmer bis zur Unerträglichkeit und Vesa öffnete ihre Jacke.
    »Für wen ist das bestimmt?«, wollte der Herold nach einer langen Phase der Stille schließlich wissen. Er erhielt zunächst keine Antwort, bis Darius schwer seufzte und sich in seinem Stuhl vorbeugte. Vesana legt ihm die Hand in den Rücken und strich sanft mit dem Daumen darüber.
    »Genau wissen wir das nicht, wusste es keiner von uns«, begann der Befreite nach einer weiteren Pause zu sprechen. »Wir wurden immer im Kerker gefangen gehalten und haben nichts außer den Trödeleien der Wachen mitbekommen. Aber auf der Reise … es schien nicht, dass all unsere Wächter aus der Niederlassung der Hand stammten, in der man uns gefangen gehalten hatte. Sie stritten, gängelten sich teils bösartig und über das Maß von normaler Brüderlichkeit hinaus«, erklärte er und zog sämtliche Augen im Raum auf sich. Mit Ausnahme von Kodlak, der sich zunächst eine Handvoll der Briefhüllen geben ließ. »Es stellte sich raus, dass wir über die Jerall-Berge zu einer anderen Zelle gebracht werden sollten.«
    »Die Silberne Hand operiert unseres Wissens nach doch nur in Himmelsrand, nicht?«, wandte Vilkas ein und lief zum Tisch hinüber, um selbst einen der Umschläge aufzunehmen und diesen zu begutachten.
    Darius schüttelte sacht mit dem Kopf. »Ich weiß es nicht. Aber diese Leute sind besser organisiert, als ich jemals eine Gruppe der Hand gesehen habe. Das waren sie damals schon, jetzt nur noch mehr.«
    »Mannesstärke?«, fragte Farkas und verschränkte die Arme vor der Brust.
    »Ich habe keine Ahnung.«
    »Irgendetwas musst Du doch mitbekommen haben. Beim Verlassen der … Festung, war es?«, brummte Skjor, der inzwischen an der Tür lehnte und ebenfalls die Arme verschränkt hielt.
    »Festung. Als sie uns rausgebracht haben, band man uns die Augen zu. Und vor fünf …«, versuchte Darius zu erklären, brach allerdings ab, senkte das Kinn und fuhr sich durch den Bart. Er wirkte unendlich erschöpft, ausgelaugt. Andererseits spürte sie durch seine Kleidung hindurch das schwache, haarfeine Zittern seines Leibes unter ihren Fingern und versuchte mehr aus seinen geschundenen Zügen zu lesen, als er zeigen wollte. Obwohl er sie nicht ansah und sie nur von der Seite das unstete Kreisen seines Auges bemerkte, schien es ihr, als plagte ihn noch etwas anderes. Angst? Oder Zorn? »Alles, das ich weiß, ist Folgendes: Ich habe den Anführer der Niederlassung im westlichen Falkenring nie zu Gesicht bekommen. Jeden, den man zu ihm brachte, habe ich nie wieder gesehen. Er schart definitiv mehr Manneskraft um sich, als jede andere Zelle, die ich bislang gesehen habe und die Sachen, die wir im Konvoi mit uns führten, waren für irgendeine andere Niederlassung in Cyrodiil bestimmt«, sprach er schließlich und die Verbitterung und Ernsthaftigkeit in seiner tiefen Stimme jagten der Jägerin Gänsehaut auf die Arme. »Kodlak, Du hast eben einen Blick in die Briefe geworfen, was verraten sie Dir?«
    Schweigend senkte der Herold seine silbergrauen Augen auf die Tischplatte, strich über das Pergament und den auseinandergefalteten Brief unter seiner flachen Hand. Dann hob er den Blick zu Vilkas, der ebenfalls in den Zeilen gelesen zu haben schien. Zuletzt sah er zurück zu Darius und schob ihm den Brief zu. »Schau selbst.« Der Rückkehrer griff nach dem Papier und ließ es wenig später auf den Tisch sinken.
    »Das ergibt keinen Sinn.«
    »Was ergibt keinen Sinn?«, hakte Aela nach.
    »Die Briefe. Völlig durcheinander geratene Wörter und Silben«, erklärte der Graue.
    »Verschlüsselt?« Kodlak nickte.
    Abermals hielt Schweigen Einzug und Vesa spürte, wie sich nach und nach, je mehr die geschilderten Erzählungen einsanken, ihre Eingeweide zusammenzogen. Unwillkürlich nahm sie ihre Hand von Darius Rücken und strich sich über ihr Gesicht, als könne sie so wegwaschen, was eben sagt worden war. »Ich nehme an, es gibt keine Möglichkeit, diese Schriften zu entschlüsseln?«, fragte sie letztlich in die Runde, als die Stille unerträglich wurde.
    »Ich kenne da jemanden, den wir anheuern könnten, um es zu versuchen«, räumte Vilkas ein, wirkte allerdings mit gesenktem Blick und wieder am Bücherregal lehnend zutiefst nachdenklich.
    »Eines kann ich mit ziemlicher Gewissheit sagen: Wenn diese Leute dort unsere Gemeinschaft hier hätten auslöschen wollen in den letzten Monaten, ich zweifle nicht daran, dass sie es könnten«, warf Darius ein und trübte die finsteren Gesichter des Zirkels nur noch weiter ein.
    »Und worauf warten sie dann?«, knurrte Farkes und ballte die Fäuste. Darius zuckte nur mit den Schultern. Bevor noch jemand etwas erwidern konnte, erhob sich der Herold und schritt zur Truhe hinüber. Sich schnell bückend, griff er hinein und holte einige der roten Samtsäckel hinaus. Leise knirschten sie in seinen prankenhaften Händen, als er sich erhob. Aela reichte er zwei, zu Skjor warf er zwei hinüber und als er sich wieder setze, ließ er vier auf den Tisch direkt neben Vesas Arm fallen.
    »Den Rest verwahren wir und nutzen es, um uns dagegen zu wappnen, was auch immer es ist, das auf uns zukommt«, sprach er schließlich und hielt die Stimme deutlich gedämpft, nachdenklich. Keinem sah er noch ins Gesicht. »Ich habe mich geirrt, Vesa, und das tut mir Leid. Eure Befreiung hat keinen Ärger über uns gebracht, der nicht ohnehin schon auf dem Weg zu uns war. Stattdessen habt ihr uns eine Vorwarnung und Zeit zum Handeln verschafft«, räumte er ein, hob nur kurz den Blick zu ihr hinüber und starrte dann abermals auf die Briefe auf dem Tisch.
    Die Jägerin griff derweil nach den Säckeln und musste überrascht luftholend feststellen, dass nur zwei davon mit Gold gefüllt waren. In den beiden kleineren rasselten Edelsteine. »Bitte lasst mich einen Moment allein«, bat der Herold schließlich. »Und Darius.« Er hob abermals das Kinn. »Es ist wirklich schön, Dich wieder hier zu haben.«

  17. #97

    Himmelsrand, Fürstentum Reach, Broken Tower Redoubt

    Sie bekamen es nicht hin. Sylaen hatte einen von den drei Eingangswächtern in den Kopf geschossen und ihn damit sofort getötet, Stephanus erwischte einen weiteren an der linken Schulter, bevor sich die zwei noch lebenden Riekmannen in die Festung verzogen hatten, wo sie höchstwahrscheinlich auf der Stelle einen Balken hinter die Tür schoben. Cocius musste sich zurückziehen, bevor er auch nur einen der Abgeschworenen erreicht hatte, um zu verhindern, dass er selbst mit Pfeilen gespickt wurde. Den Felsen, den sie zuvor als Deckung vor den Blicken ihrer Feinde genutzt hatten, nutzten die Söldner jetzt als Deckung vor herabregnenden Pfeilen. Die Bergleute in der Burg hatten einen klaren Höhenvorteil, so dass Sylaen, Cocius und Stephanus so schnell wie möglich wieder Distanz gewinnen mussten.
    „Wirklich, Spurius! Du bist so ein Genie, warum gibst du dich überhaupt noch mit uns Trotteln ab?“ rief Stephanus mit vor wütendem Sarkasmus triefenden Worten.
    „Ich-“
    „Nein!“, unterbrach er den jüngeren Kaiserlichen barsch, während ein Pfeil mit Knochenspitze mit einem lauten „Klack!“ von ihrem Felsen abprallte, und sich Stephanus' Gesicht vor lauter Ärger rot färbte. Der Kragen war ihm sprichwörtlich und endgültig geplatzt. Und sein Arm wurde auch langsam müde, was seine Wut nur zusätzlich befeuerte. Sein Arm hielt nämlich den leichten Stahlschild über seinen Kopf. Der Bogen hing an seiner linken Schulter, damit er ihn nicht aus versehen mit dem gepanzerten Rücken zertrümmerte.
    „Du hast jetzt Schicht im Schacht! Jetzt müssen wir deine neunverdammte Suppe auslöffeln! Würden die Neun doch nur Gehirne vom Himmel regnen lassen, oder wenigstens Ziegel, Hauptsache sie treffen ihr Ziel! Molag Bal möge dich holen, du verdammter-“
    „Daneben, Bergjunge!“ schrie Sylaen, die sich gerade wieder hinter den Felsen geduckt hatte. Sie lieferte sich seit ungefähr einer Minute ein Duell der Bogenschützen mit dem Abgeschworenen, der zuvor auf dem Plateau Ausschau gehalten hatte. Sie atmete stoßweise, und ihr Mund war vor kindlicher Aufregung geweitet, und sie hatte wieder dieses irre Leuchten in den Augen.
    „Habt ihr gesehen wie knapp das war? Der Kerl da kann wenigstens Zielen!“
    Es verging ein stiller, nur von klackenden Pfeilen unterbrochener Moment, in dem sie sich alle mit dem Rücken gegen den Felsen pressten, Sylaen glücklich vor sich hin grinste, Cocius Spurius betreten zu Boden sah und sich wohl wünschte, im Boden versinken zu können, und Stephanus den Mund verzog, mit den Zähnen knirschte und den anderen Kaiserlichen so wütend anstarrte, als könnten Blicke töten.
    „Oh, übrigens,“ verriet die Waldelfe unvermittelt im Plauderton, und hielt Stephanus so davon ab, das Schweigen zu nutzen, um Cocius einfach zu greifen und zu erwürgen. „Die vier Kerle, die Hrard zur Brücke geschickt hat, die sitzen am anderen Ende der Straße und verstecken sich auch hinter einem Stein. Die wissen, dass etwas nicht stimmt.“
    „Gut“, seufzte der Bärtige. „Wenigstens etwas, dass uns in dieser Hure einer Situation zu Gunsten kommt.“
    Er blickte auf, als er Bewegung etwas weiter vor sich vernahm, dort, wo der kleine Pfad lag, den sie zuvor genommen hatten. Der Rest ihrer Gefährten hatte wohl das Horn gehört und es endlich durch die schmale Ritze geschafft, die der Schleichweg im Vergleich zu den steilen Klippen um ihn herum darstellte. Mit erhobenen Schilden liefen einige von ihnen an dem Felsen der drei gescheiterten Späher vorbei, wobei andere sie mit Pfeil und Bogen und Armbrust deckten. Untermalt wurde dies durch das konstante Klimpern von Rüstungen und den Befehlen, die Hrard den Söldnern zurief.
    Stephanus rappelte sich auf und ließ Cocius und Sylaen links liegen, um sich ihren Errettern anzuschließen. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie der Bogenschütze auf dem Plateau in der Brust getroffen zu Boden fiel. Auf der Spitze des Turmes, wo der Kaiserliche zuvor noch eine weitere Person ausgemacht hatte, rührte sich auch nichts mehr.
    Anscheinend hatten die Verteidiger des Gemäuers sich zurückgezogen, um sich neu zu formieren und um sich zu verschanzen, wohl verschreckt durch das plötzliche Aufgebot an feindlichen Kämpfern.
    Diese Ruhe nutzte die kleine Truppe, die die Abgeschworenen an der Brücke erledigt hatte, um sich wieder mit dem Rest der Gruppe zu einem großen Ganzen zu versammeln, in einigem Abstand zu den Mauern der uralten Festung.
    Sie schienen, soweit Stephanus das sehen konnte, alle unverletzt, bis auf einen kleinen roten und frischen Schnitt, den Bärenpelz auf seiner Wange trug. Den massigen Nord störte diese Wunde jedoch offensichtlich nicht im geringsten, was den Kaiserlichen überhaupt nicht überraschte.
    Stattdessen gesellte sich der Nordmann zu einer kleinen Gruppe, die sich um den von Sylaen getöteten Riekmannen versammelt hatte und dessen leblosen Leichnam von oben bis unten nach Wertgegenständen absuchten. Brarek nahm ihm gerade die mit Fell gesäumten Stiefel ab und Sylaen stritt sich mit Gramul gro-Ogdum um ein kleines Säckchen, dass gewiss einige Septime beherbergte.

    Stephanus lief zu Hrard hinüber, der sich etwas erhöht auf einen kleinen Felsen gestellt hatte, um einen besseren Überblick über die Gruppe zu haben. Gerade gab ihm Berend einen kurzen Bericht über ihren Erfolg an der Brücke, doch als der Kaiserliche sich ihnen im Laufschritt näherte, drehten sich beide zu ihm um. Weder der eine noch der andere machte einen wirklich glücklichen Eindruck. Auf Hrards Gesicht zogen sich die Mundwinkel sogar nach unten, was nie ein gutes Zeichen war.
    „Levinius,“ verlangte Hrard herrisch zu wissen, unterschwellige Ungeduld in der Stimme. „Wie in Oblivion konntet ihr das hier verbocken?“
    „Es war Spurius,“ antwortete Stephanus ohne Rückhalt. „Er ist einfach aufgesprungen und auf die Festung zugelaufen.“
    Berend drehte den Kopf suchend zu den restlichen Kaufklingen um, welche teils miteinander redeten, und teils die Festung hüteten und einen kleinen Belagerungsring bildeten. Dabei ging er methodisch vor und sah aus, wie ein Assassine der in einer Menschenmenge nach seinem Opfer sucht.
    Hrard seufzte tief und begann sich die Stirn zu reiben. Alles war zwar verhältnismäßig gut gegangen, aber offensichtlich fixierten sich die Gedanken des Nordmannes auf das, was hätte sein können. Es hätte wirklich alles den Bach runter gehen können, wäre die Festungsanlage nicht so überraschend unzureichend bemannt.
    Hrard drehte sich ruckartig wieder zu Stephanus um. „Und Euch ist es nicht in den verdammten Sinn gekommen, ihn aufzuhalten?“
    Der Kaiserliche zuckte leicht die Achseln. „Ich hab's versucht, aber seine Idiotie war schneller als ich. Ich hätt es mir im Leben nicht geträumt, dass er entgegen aller Vernunft auf die Festung zuläuft, Hrard.“
    Der Offizier schien mit dieser Entschuldigung nicht ganz zufrieden zu sein, aber er sah dennoch nicht mehr so wütend aus wie zuvor.
    „Boss?“ fragte Berend, der sein Ziel wohl gefunden hatte, und Hrard wand sich ihm zu und von Stephanus ab, was bedeutete, dass das Gespräch zwischen dem Kaiserlichen und ihm glücklicherweise vorbei war, ohne für den Ersteren richtig unangenehm zu werden.
    „Was ist?“
    Der Dunkelelf lächelte, als er mit seinem Kopf ruckartig zur Seite nickte. Stephanus folgte dem Nicken mit den Augen und erblickte Cocius, wie er mit vor der Brust verschränkten Armen gegen einen der zahllosen Felsen lehnte. Seine Aufmerksamkeit schien allein auf der Festung zu liegen, und er bemerkte nicht, wie die drei Männer sich zu ihm umdrehten.
    „Darf ich?“
    Hrard wiegte den Kopf hin und her, und dann nickte er. „Ja.“
    Zuerst verwirrt, und dann mit vorfreudigem Interesse erfüllt verfolgte Stephanus mit, was der Dunmer vorhatte.
    Egal was es werden würde, es würde gut werden.
    Berend schlenderte schlaksig zu Cocius hinüber und klopfte dem jungen Kaiserlichen auf die Schulter, und als dieser sich umdrehte, verpasste ihm der Dunkelelf unvermittelt eine kräftige Kopfnuss. Mit einem erschrockenen Schrei fiel Cocius zu Boden, und kleine Bluttröpfchen regneten auf den staubigen Boden herab.
    Niemanden schien Cocius' Leid zu stören, einige lachten sogar laut auf, bevor sie sich wieder auf die veraltete Feste konzentrierten. Sylaen gackerte hysterisch und rieb sich freudig die Hände. Niemand machte auch nur Anstalten, ihm zu helfen. Andererseits begann auch niemand damit, dem Dunkelelfen zuzujubeln. Nichts weiter als der tagtägliche, geregelte Ablauf.
    „Es gibt also doch noch Gerechtigkeit auf Nirn,“ dachte Stephanus sich, als sich seine Miene wegen des Schauspiels wieder aufhellte.
    „Du saudummer Huhrensohn!“ schrie Berend auf den Kaiserlichen herab, welcher sich mit einer Hand die blutende Nase hielt und die andere abwehrend vor sein Gesicht hob.
    „Warum haben wir diese ganze Scheiße veranstaltet, mit der Flussüberquerung und dem säubern der Brücke? Huh?“
    Der Kaiserliche stammelte schluchzend vor sich hin und schaffte es dann mit gebrochener Stimme ein Paar Wörter herauszubekommen: „Was stimmt nicht mit dir? Oh Götter!“
    Cocius versuchte rückwärts von Berend weg zu krabbeln, dem Dunmer reichte jedoch bereits ein einziger Schritt, um mit dem wimmernden Mann mitzuhalten. Bedrohlich hob er seine zur Faust geballte Rechte.
    „Beantworte die Frage!“
    „Lass mich in-“
    „Die Frage!“
    Berend untermalte sein Geschrei mit seiner Faust in Cocius' Gesicht. Der Kaiserliche schrie vor Schmerzen auf, doch Berend war noch nicht fertig mit ihm.
    „Soll ich dir deine verdammten Beine Brechen? Beantworte die Frage, Spurius!“
    „Okay, okay!“
    „Warum. Haben wir. Dieses ganze Manöver durchgeführt?“
    „W-weil-“
    „Ja?!“
    „Damit- damit sie die Tür nicht ve-ve-verrammeln!“
    „Und was haben sie gemacht?“
    Cocius drehte den Kopf zur Seite, um eine Mischung aus Blut und Speichel auszuspucken, dann sah er wieder hoch.
    „Die Tür-“
    „Und wieso?“
    „S-s-sie haben uns bemerkt, weil-“
    „Weil eine Schlammkrabbe mehr im Kopf hat als du! Und jetzt steh auf du dreckiger Wurm!“
    Dann ließ Berend den gepeinigten Cocius auf dem Boden liegen, aber nicht ohne ihm einmal in die Seite zu treten. Daraufhin flanierte er zurück auf Stephanus und Hrard zu.
    Das Lächeln war mittlerweile von Stephanus' Gesicht verschwunden. So einen Ausbruch hatte er nicht erwartet, auch wenn er wusste, wie sehr Berend Cocius hasste. Spurius hatte dem Dunmer an seinem ersten Tag wohl einen falschen Blick zugeworfen, und seit dem nutzte Berend jede Entschuldigung, um den Kaiserlichen zu misshandeln. So gewalttätig war der Dunmer bis jetzt aber nicht geworden.
    Berend und Hrard fingen neben Stephanus an, sich wieder zu unterhalten, als sei nichts gewesen. Der bärtige Kaiserliche schüttelte den Kopf, als er dabei zusah, wie Cocius versuchte aufzustehen. Jemand ging zu ihm hinüber, um ihm beim Aufstehen zu helfen, doch er schlug seine Hand zur Seite und schrie ihm zu, er solle gefälligst die Finger von ihm lassen.
    "Bärenpelz!" hörte der Kaiserliche dann Hrard neben sich rufen. "Hol die Axt!"

    Einige Minuten später hatten sich die Söldner schon um den Zugang zum Kastell versammelt, in gebührendem Abstand zum massigen und äußerst haarigen Nord und seiner enormen Axt. Mit einem leisen Stöhnen hob Bärenpelz die Axt über seinen Kopf und ließ sie dann auf das Holz der Eingangspforte niedersausen. Tatsächlich brach er ein Loch in die verbarrikadierte Tür, während links und rechts Splitter in die Menge flogen und nutzlos an Rüstungen und Stoff und abgewandten Gesichtern abprallten.
    Stephanus warf einen schnellen Blick nach oben zum Rand der Palisade, doch nichts bewegte sich dort. Erneut hob der aus allen Poren schwitzende Bärenpelz die Axt. „Nicht mehr lange, und wir sind drin.“
    Ein weiterer mächtiger Hieb folgte, ein weiterer Regen aus Holzsplitter, unterdessen der Nord vorfreudig rief: „Hier kommt Pelzie!“
    Wieder und wieder und wieder hieb der monströse Nord mit der Axt auf die Tür ein. Die restlichen Söldner bereiteten sich unterdessen angespannt schweigend darauf vor, in die Bresche zu springen, mit erhobenen Schilden und gezogenen Waffen.
    Dann ertönte ein lautes Klacken, als der Balken, der die Türe von innen verschlossen hielt, in zwei Teile zersplitterte, aus der Verankerung rutschte und auf dem Boden aufkam. Bärenpelz trat zurück, derweil die anderen Söldner brüllend die nun nutzlosen Überreste der Tür aufstießen und ins Innere der Festung eindrangen. Jedenfalls hätten sie das, wäre nicht bereits der Erste von ihnen nach seinem ersten Schritt sofort zurückgeschleudert worden. Er krachte gegen seinen Hintermann, und dieser krachte gegen seinen Hintermann, und es ging so weiter, und bis auf jene, die geistesgegenwärtig schnell zur Seite traten, lagen bald alle Söldner stöhnend auf dem Boden. Jedenfalls alle, die vor Brarek Jungeiche standen. Der Junge Nord hatte den mittlerweile abgeschwächten Rums seiner umfallenden Kameraden unbeeindruckt dreinblickend weggesteckt und damit das Dominospiel aus Männern und Frauen frühzeitig unterbrochen. Domino-Day 4Ä201 war damit alles in einem ein großer Misserfolg, und irgendwo bereitete sich ein Mann namens Haskill auf den Wutausbruch seines Meisters vor.
    Wäre da nicht sein Helm im Weg gewesen, würde Stephanus sich jetzt stöhnend die Stirn reiben. Ein Teil von ihm wollte auf dem Boden liegen bleiben, den leicht bewölkten Himmel ansehen und sich ausruhen. Ein anderer Teil erinnerte ihn meckernd daran, dass er sich gefälligst zur Seite hätte schmeißen sollen, und er lieferte eine Portion Schmerz als Argument. Der vernünftige Teil seines Bewusstseins versuchte ihn dazu zu zwingen, aufzustehen und sich kampfbereit zu machen. Die Schmerzen waren der Grund, der es dem ersten Teil erst ermöglichte, aus seiner modrigen Kiste zu klettern, denn unter anderen Umständen würde der Dritte auf dem Deckel sitzen.
    Schließlich bewältigte er die Pein und kämpfte sich wieder hoch. Er sah zum Eingang hin, in dem immer noch der an Seilen befestigte Baumstamm hing, der nach unten geschwungen kam, als sie versucht hatten, reinzulaufen. Vor sich sah er einige seiner Mitstreiter immer noch am Boden liegen, und je näher sie zur Tür hin lagen, desto lauter stöhnten sie. Jedoch stöhnte die arme Seele, die als erste durch die Tür getreten war und so die volle Wucht der Gravitation in Aktion erleben musste, nicht mehr. Er wurde schnell von Zweien der Geistesgegenwärtigen zur Seite gezerrt.
    Stephanus drehte seinen noch dröhnenden Kopf ein wenig und erblickte nun Hrard, der ungläubig und mit offenem Mund etwas versetzt neben der umgefallenen Reihe stand und sich nicht bewegte. Danach zeigte der Nord jedoch Emotion, und das war bei Hrard nie ein gutes Zeichen.
    „Was sollte das denn, ihr Weichhirne? Steht gefälligst wieder auf und erobert mir diese beschissene Festung!“
    Angestachelt von ihrem Anführer, der für seine Verhältnisse einen regelrechten Tobsuchtsanfall hatte, kam der Großteil von ihnen unter schlecht unterdrücktem und wehleidigem Jaulen wieder auf die Beine und bereitete sich erneut vor, die Feste zu stürmen. Dieses mal jedoch verzögerte sich das ganze, denn es war neben der variierenden Dosis an Schmerzen jeder für sich selbst damit beschäftigt, nicht an der Spitze zu stehen. Erst einige Sekunden später bohrte sich die Erkenntnis, dass Hrard immer noch neben ihnen stand, erneut in das kollektive Bewusstsein, und die Ersten stürmten durch die Pforte und an dem baumelnden Stück Holz vorbei.

    Der letzte Abgeschworene fiel entsetzt zu Boden und versuchte von den herannahenden Söldnern rückwärts wegzukriechen und zeitgleich den Pfeil wieder aus seiner Schulter zu ziehen. Die Widerhaken ließen ihn sofort umdenken, und er stieß an die Steinmauer hinter sich. Gehetzt blickte er sich um, doch soeben wurde seine fallengelassene Waffe zur Seite hin weggetreten. Die auf ihn zukommenden rauen Männer und Frauen lächelten, doch es lag kein Quäntchen Freundlichkeit in ihren Gesichtszügen.
    „Stop,“ befahl Hrards gebieterische Stimme von hinten. „Lasst den hier am Leben.“
    Stephanus sah sich nun besser im Raum um, während einige seiner Mitstreiter den verwundeten Bergmann umringten, die verschiedenen Türen in der Halle sicherten oder sich daran machten, ihre gefallenen Gegner von ihren Habseligkeiten zu erleichtern. Sie brauchten sie sowieso nicht mehr.
    Erneut war der Kaiserliche davon überrascht, wie wenig Widerstand auf sie zugekommen war. Nachdem sie durch das Tor stürmten, waren ihnen nur behelfsmäßige Holzpalisaden und fünf zu Tode verängstigte Abgeschworene im Weg gewesen. „Sechs“, verbesserte sich Stephanus. „Einer von ihnen ist durch die Tür dahinten entwischt.“ Aber diese Eingangshalle war sehr gut auf eine Verteidigung ausgelegt. Angreifer mussten erst durch eine Art offenen Tunnel durchlaufen, bevor sie eine Treppe nach oben erklimmen konnten. Sowohl im Durchgang als auch auf der Treppe konnten die Verteidiger ohne Mühe auf sie hinab schießen oder mit Speeren nach ihnen stechen. Eigentlich hätte es für die Söldner die Hölle sein müssen. Und doch sind sie mit nur einigen Verletzungen hier und da durchgekommen.
    „Aber Hrard,“ flüsterte Fleisch ihrem Anführer zu, damit ihr geschlagener Widersacher sie nicht hören konnte. „Du hast 'sagt keine Gefangenen.“
    „Hab ich,“ erwiderte der Nord trocken. „Ich hab auch nicht vor, ihn zurück nach Hause mitzunehmen.“
    Fleisch nickte, und Stephanus schaute dabei zu, wie Hrard auf den wehrlosen Riekmannen zuging.
    „Wo ist der Rest von euch?“ verlangte Hrard zu wissen.
    Sein Gefangener schaute nicht zu ihm auf, sondern glotze schwer atmend auf die gepanzerten Stiefel vor ihm. Eine Wandfackel in der Nähe beleuchtete gespenstisch die Szene und ließ den kalten Schweiß auf der Stirn des Fast-Bretonen glänzen. Seine Augen lagen im Schatten.
    Der Nord seufzte kurz und hob sein Schwert an den Hals des Mannes.
    „Wo ist der Rest von euch?“ fragte er erneut.
    Endlich reagierte der Abgeschworene. Er blickte hoch in Hrards hartes Gesicht, wischte sich zitternd etwas Blut von der Unterlippe, wobei er mit der Hand Abstand zum kalten Stahl des Schwerts hielt, und fing unerwartet an zu glucksen. In und unter seinen Augen glitzerten Tränen.
    Im Raum war es still geworden. Die Söldner lauschten gespannt, ob sich gleich ein Schauspiel ereignen würde.
    Hrard ließ sich keine Überraschung anmerken, sondern das Schwert wieder sinken und beugte sich über den schwach und leise lachenden Bergmenschen. Grob packte er mit seiner freien Hand den Pfeilschaft in der Schulter des Mannes und drehte ihn unsanft. Sofort verkrampfte sich der ganze Körper des Verletzten und er schrie gepeinigt auf, und erst nach einigen Sekunden ließ der große Nord den Pfeil wieder los. Der Abgeschworene sank stöhnend in sich zusammen und lachte nicht mehr.
    „Antworte,“ sagte Hrard kalt.
    „Er-er hat sie geholt,“ stotterte der Mann mit trockener Kehle hervor. Erneut hob er den Kopf und sah in Hrards leicht verwirrtes Gesicht.
    „Er hat sie alle geholt, und jetzt wo ihr hier seit wird er euch auch holen.“
    „Von wem redest du, Wurm?“
    Doch der Riekmanne schien ihn nicht mehr zu hören, sondern eher mit sich selbst zu reden. „Jaja, sie haben ihm nicht gehuldigt. Hab'n sich nicht gebeugt. Sie haben seiner frohen Botschaft nicht gelauscht, und so hat er sie geholt, einen nach dem anderen...“
    „Schluss mit dem Unsinn. Redet Klartext, oder ich dreh den Pfeil solange, bis er von alleine wieder rauskommt.“
    Die schmerzliche Erinnerung an den Pfeil zog den Gefangenen zurück in das hier und jetzt. Hastig sprach er weiter, um einer wahrgemachten Drohung zuvorzukommen.
    „Von wem ich rede? Von Gott natürlich, haha! Die Acht sind tot, jawohl, er hat sie gefressen und ihren Platz eingenommen! Es gibt die Acht nicht mehr, nur noch ihn, und ihn alleine, und alle, die sich ihm nicht unterwerfen, die wird er dem Erdboden gleichm-“
    Hrard unterbrach das erratische Gestammel des Mannes durch einen Tritt gegen dessen Seite. Wie ein unbarmherziger Richter erhob sich der Nord erneut zu voller Größe und starrte auf das bemitleidenswerte Häufchen Elend hinab und sagte:
    „Dieser hier ist hinüber. Macht mit ihm, was ihr wollt.“
    Damit wand er sich von dem Mann ab und den restlichen Söldnern entgegen.
    „Durchsucht die Festung. Stellt sicher, dass dieser Abschaum keine Rauchsignale sendet.“
    Er warf ihnen einen vielsagenden Blick zu. „Was mich angeht, sind sie alle schon tot.“
    Geändert von Kampfkatze2 (23.06.2016 um 23:53 Uhr)

  18. #98

    Himmelsrand, Fürstentum Reach, Broken Tower Redoubt

    „Schaurig,“ flüsterte einer der Söldner, als sie mit gehobenen Waffen vorsichtig die Treppe erklommen. „Nur zwei haben sich bis jetzt überhaupt gewehrt. Alle anderen, die waren sogar noch weicher in der Birne, sogar mehr, als der Bastard im Eingangsbereich.“
    Die sechs Mann starke Gruppe nickte langsam, jeder für sich selbst. Erhellt wurden sie dabei von in Wandhalterungen steckenden Fackeln.
    „Was bei Molag Bal geht in diesem Drecksgemäuer vor? Habt ihr die Küche ges-“
    „Wir haben alle die Küche gesehen,“ unterbrach ihn Stephanus barsch. Er schritt an der Spitze der Gruppe voran.
    Beim Gedanken an die Küche lief ihm ein mächtiger Schauer über den Rücken, und das reichte ihm schon. Er brauchte keine Wiederholungen. Hrard hatte ihm erneut das Kommando über eine kleine Gruppe gegeben, und er hatte nicht vor, zusammen mit seinen nervöseren Kumpanen in Hysterie zu verfallen.
    Die Küche war ein muffiger, dunkler Raum mit von Rauch geschwärzter Decke gewesen, die einzige Verbindung zur Außenwelt war eine alte Tür und der baufällige Schornstein. Als Ort, an dem Essen zubereitet wurde identifizierten sie die Regale voller Teller, Töpfe und Gewürz. Von den letzteren verschwanden diverse Behälter in verschiedensten Taschen. Trotz der Szene um die ausgebrannte Feuerstelle herum ließen es sich manche einfach nicht nehmen zu nehmen.
    Eine Abgeschworene hatte sich dort, gegen eine nahe gelegene Theke gelehnt, beide Handgelenke mit einem Messer aufgeschnitten und war verblutet, bevor die Gruppe in den Raum stürmte. Die anderen zwei Leichen hingen an Stricken von einem Balken herab. Dem Gestank nach zu urteilen war das erhängte Paar bereits lange tot gewesen, bevor die Söldnerarmee überhaupt in Karthwasten angekommen war. Es waren eindeutig keine Gefangenen gewesen, denn sie trugen Tierpelze, und zu ihren Füßen lagen noch die um getretenen Hocker.
    Die Gruppe erreichte nun das Ende der Treppe und fand sich an einer schmalen Holztür wieder. Der Kaiserliche warf einen Blick nach hinten, und nachdem ihm die wahlweise harten, gleichgültigen oder unruhigen Gesichter seiner Kameraden ein Zeichen der Bereitschaft zugesendet hatten, holte er tief Luft.
    Stephanus stieß die Tür auf und bewegte sich Schild zuerst in den länglichen Korridor hinein.
    „Leer,“ sagte er, und klang dabei nicht so erleichtert wie es ihn eigentlich machte. Er musste den Eindruck aufrecht erhalten, dass er genau wusste, was er tat, sonst würde die ihm unterstellte Truppe in Panik ausbrechen und schnurstracks zurück nach Karthwasten laufen, und dann würde nicht einmal mehr ein wütend schreiender Hrard sie aufhalten. Der Kaiserliche musste sich selbst zusammenreißen, um nicht dem Fluchtinstinkt nachzugeben. Das alte Gemäuer triefte nur so vor „Hau-hier-bloß-ab“.
    Die Söldner waren es gewöhnt, Tod, Trauer und Verzweiflung um sich zu haben, doch unter normalen Umständen waren sie selbst diejenigen, die sie verursachten. Dass diese Zustände bereits herrschten, bevor sie eintrafen war den meisten von ihnen neu und unangenehm. „Jedoch sollte es nicht so einen starken Einfluss auf uns haben,“ dachte Stephanus stirnrunzelnd. „Vermutlich ist hier Magie im Spiel. Neunverdammte Magie."
    Hinter sich hörte er Stahlzapfen halbherzig rufen: „Wo bei Oblivion verstecken die sich?“ „Selbst er will hier nur noch weg,“ entschied der Kaiserliche. Er kannte Soldin nun seit einiger Zeit und erkannte die unterschwellige Unruhe in seiner Stimme. „Er brüllt und stampft nur herum, um altnordische Traditionen zu wahren.“
    Die restlichen vier Söldner schoben sich nach dem muskelbepackten Nord nun ebenfalls durch die aufgestoßene Pforte. Durch die gesamte Festung hallten Rufe und das Schaben von Rüstungen während sich Hrards Einheiten Raum für Raum durch das Gemäuer arbeiteten.
    Stephanus schritt weiter auf die nächste Tür zu. Der zwei Mann breite Korridor verlief wohl an dem kurzen Stück westlicher Außenmauer, denn zu seiner linken pfiff der Wind durch einige Schießscharten, welche gleichzeitig die einzige Lichtquelle boten. Hier gab es keine Fackeln.
    Blinzelnd gewöhnte er sich an den Übergang von pulsierendem Fackelschein an das natürliche Halbdunkel und konnte nun eine Gestalt ausmachen, die zusammengesackt gegen die Mauer lehnte. Er kniff die Augen und runzelte die Stirn, und jetzt erkannte er, dass es sich um die verkohlten Überreste eines Menschen handelte, und jetzt wo er genauer hinsah stellte sich auch heraus, dass die Mauer gegenüber einer der Schießscharten rußgeschwärzt war. Die Figur war zu entstellt, um ein Geschlecht auszumachen. Nachdem er sich genähert und neben der Gestalt in die Hocke gegangen war untersuchte der Kaiserliche sie näher während hinter ihm einer seiner Gefährten bei dem Anblick der Leiche ungewöhnlicherweise leise wimmerte.
    Was immer auch den Mann oder die Frau verbrannt hatte musste dies von außerhalb der Festung getan haben. Vor nicht allzu langer Zeit sogar. Dem Kaiserlichen richteten sich die Nackenhaare auf als er durch ein Gefühl auf der Haut erschrocken feststellte, dass die Leiche noch schwach wärme abstrahlte, und er sich plötzlich ganz deutlich daran erinnern konnte, dass keiner der Söldner beim Ansturm auf die Burg Zerstörungsmagie gewirkt hatte, so etwas hätte er bemerkt. War die Mauer außen auch angeschwärzt? Wenn ja, dann musste er dieses Detail beim Ansturm übersehen haben. Diese Leiche erklärte wohl auch, warum die Abgeschworenen absurderweise nur von den Zinnen herab auf sie geschossen hatten, nicht aber durch die zahlreichen Schießscharten. Dass die verkohlte Masse aus Fleisch und Knochen noch warm war deutete deutlich auf Magie hin, natürliche Flammen verursachten so etwas nicht.
    Er richtete sich wieder auf und drehte sich kurz zu den anderen um. Die Anspannung war immer noch in der Luft zu spüren, denn jeder von ihnen spürte schon seit dem Theater in der Eingangshalle, dass etwas nicht stimmte, und laut gesagt werden musste es erst nicht. Gekauft oder nicht, Soldaten entwickelten ein Gespür für „etwas stimmt nicht“, oder sie wurden nicht sehr alt.
    Stephanus stieß vorsichtshalber die Spitze seines Schwertes durch eine der ausgebrannten Augenhöhlen – Sicher war Sicher - und ging dann weiter zur Tür am anderen Ende des Ganges.
    „Ich glaub ich hab's raus,“ sagte er, den Blick immer noch auf die Tür gerichtet, auf die er zuschritt.
    „Was'n?“
    „Irgendein Hexenmeister oder Daedrapriester hat diese Tölpel überwältigt und sich zu ihrem Gott erklärt, und...“
    Er zuckte die Achseln. „Und die Überlebenden haben den Druck nicht mehr ausgehalten. Komisch nur, dass die ganzen Türen noch ganz sind. Nach einem Magierangriff hätte ich verkohlte Holzreste erwartet.“
    Hinter ihm stieß eine seiner Kumpanen, eine Ork, ein tiefes „Hmm“ aus, was Stephanus' Erfahrung nach bei vielen von seinen Mitstreitern bedeutete, dass ein Denkvorgang langsam ins Rollen kam. Bei einigen von den dümmeren versuchte dieser Denkvorgang gegen ein Gefälle zu rollen, weswegen ein „Hmm“ manchmal von Nöten war, um ihn wieder auf die richtige Bahn zu bringen. „Vielleicht mehr als einer,“ sagte die massige Ork schließlich nach ausreichender Denkpause. „Wir wissen ja, wie dieses Magierpack tickt. Bestimmt n' Paar Schüler im Schlepptau.“
    Wieder ein Nicken in Einigkeit. Die Söldner wussten sehr wohl, wie Magierpack tickte. Jedenfalls dachten sie das. Viele von ihnen benutzten selbst Magie – schließlich durchfloss die arkane Energie jedes selbst nur zweifelhaft zum Denken fähige Wesen auf Nirn - jedoch taten sie das in vergleichbar geringem Maße. Stephanus selbst beherrschte einen kleinen Zauber, der Schmerzen kurzzeitig etwas dämpfen konnte, und er konnte mit einem Schnippen eine kleine Flamme erzeugen, um Lagerfeuer und Fackeln zu entzünden, aber das war's auch schon.
    Nein, mit Magierpack waren vollzeitige Magienutzer gemeint. Von denen gab es einige in der Kompanie, und die zu kennen war für die meisten Söldner bereits genug, um alle Magier zu kennen.
    „Was ich mich aber frage,“ grummelte Stahlzapfen, „wo sind diese Robenträger jetzt?“
    „Abgehauen, als sie erfahren haben, dass wir im Dorf nebenan aufgetaucht sind, denk ich mal,“ antwortete Stephanus und schloss eine Hand um den nun erreichten Türknauf und bereitete sich mental darauf vor, den Raum dahinter zu stürmen. „Und davor haben sie diese verdammte Festung so verflucht, dass jeder in ihr langsam dem Irrsinn anheim fällt.“
    Laut sagte er: „Wir werden's sicherlich früh genug erfahren...“

    Auf der anderen Tür befand sich eine von Fackeln gut beleuchtete, breite Wendeltreppe sowohl nach oben als auch nach unten. Zu seiner linken konnte Stephanus dort, wo die Treppe langsam in Richtung der tieferen Ebenen krümmte, eine weitere Fensterlaibung ausmachen, doch sie war so schmal, dass der orangen Fackelschein das durch sie hereinkommende Sonnenlicht übertünchte. Sein Orientierungssinn sagte ihm, dass sie wohl im großen runden Westturm der Festung angelangt waren.
    Doch was auffälliger war als die Beleuchtung der Treppe war der klassische Stapel an Baustämmen, zurückgehalten nur durch die Abwesenheit einer Person, die den ersten, untersten Stamm zum Rollen brachte. Der Kaiserliche trat auf die altbewährte Abwehrmethode gegen mordlustige Treppensteiger zu und deutete seinen Gefährten, sie sollten ihm den Rücken decken.
    Direkt neben dem Stapel blieb er stehen und reckte vorsichtig den Hals, um nach unten und weiter hinter die Biegung der Spirale blicken zu können. Von unten her drangen bekannte Stimmen zu ihm herauf und er entspannte sich ein wenig.
    „Berend, wir sind hier oben fast fertig!“
    Kurzes Schweigen, dann: „Levinius?“
    Einige Sekunden später erreichte der Dunmer samt seinem Gefolge dann Stephanus.
    „Bericht?“ Stephanus konnte an ihren Gesichtern ablesen, dass Berend's Begleiter genauso angespannt waren wie die Anderen und der Kaiserliche selbst auch. Der Dunmer selbst hingegen schien recht zufrieden mit sich selbst zu sein.
    „Zwei haben uns angegriffen, der Rest war schon tot oder hat sich nicht gewehrt,“ antwortete Stephanus knapp. „Die zwei ersten Stockwerke auf der südwestlichen Seite sind sauber. Und geht nicht in die Küche.“
    Der Dunmer nickte, und lächelte dann etwas breiter. „Wir haben uns einen der Bergmänner geschnappt. Sylaen ist gerade dabei aus ihm herauszukitzeln, warum sich die ganze Festung so schlappschwanzig wehrt.“
    Er schien seinen Gesichtsausdruck bemerkt zu haben, denn er fügte noch hinzu: „Keine sorge, ich hab Harun bei ihr gelassen, damit er aufpasst, dass sie den Affen nicht umbringt, bevor er uns alles erzählt hat.“ Anschließend schüttelte er den Kopf und sprach dann in leicht erschöpften Tonfall weiter: „Was soll nur aus der Jungelfe werden? Sie ist einfach zu eifrig...“ Dabei klang er, als würde er über eines seiner Kinder reden, dass wieder einmal etwas Unruhe gestiftet hat.
    Dann wurde er wieder ernst. „Hey, glotz mich gefälligst nicht so dumm an, Levinius.“ Stephanus stellte zufrieden fest, dass sein Blick also gereicht hatte, um auszudrücken, wie wenig er von Sylaen und Berend hielt.
    Der Dunmer schnaufte verächtlich. „Tu nicht so, als ob du was besseres bist, Levinius. Flanierst hier andauernd mit deiner miesepetriger-Veteran-Visage herum und blickst auf die anderen herab, als wärst du klüger und moralisch besser als jeder hier. Fast wie ein Hochelf.
    Das traf bei Stephanus einen wunden Punkt, er versuchte aber verzweifelt Haltung zu bewahren. Folms Berend lächelte zufrieden, denn er musste wohl bemerkt haben, wie der Kaiserliche kurz zusammengezuckt war.
    Das Stephanus Altmer nicht ausstehen konnte war gut bekannt, und mit ihnen verglichen zu werden rief bei ihm Übelkeit hervor, doch was ihn traf war etwas anderes, auf dass der Dunmer offensichtlich anspielte.
    „Bist du jetzt fertig?“ fragte der Kaiserliche ungeduldig, erpicht darauf, das Thema zu wechseln.
    „Ja. Nimm deine Leute und räum' das Plateau und die Türme,“ befahl Hrard's de-facto rechte Hand schließlich. „Bei der Treppe auf der anderen Seite gibt’s Komplikationen, die ist nämlich mit jeglichem Schrott verrammelt, und Bärenpelz will sich nicht bewegen, weil er sich angeblich irgendwas gezerrt hat. Verdammte Nords.“
    Unweit stieß Stahlzapfen ein wütendes „Hey!“ aus, doch der Dunmer beachtete ihn nicht weiter.
    „In Ordnung. Wie steht's mit dem Rest der Festung?“ erkundigte der Kaiserliche sich wieder in professionellem Tonfall. Berend's Dauerbeleidigungen größtenteils zu ignorieren war er schon längst gewöhnt – das sagte er sich selbst jedenfalls. Zudem hatten sie noch Arbeit zu erledigen.
    „Nur noch ein Paar Gewölbe und das verdammte Plateau. Wenn ihr hier oben fertig seit, bewegt eure Ärsche zur Eingangshalle und wir verschwinden von hier.“
    Die Aussicht darauf, diese verfluchten Mauern zu verlassen belebte Stephanus ein wenig.
    „Berend, sag Hrard Bescheid, dass es vermutlich Magier waren, die diese Abgeschworenen so übel zugerichtet haben.“
    „Magier, hmm?“
    „Ja. Wir haben einen verkohlten Leichnam gefunden, offensichtlich Feuermagie. Ist sogar noch etwas warm.“
    „Nun gut. Und jetzt mach dich gefälligst an die Arbeit, Kaisermann.“
    Und damit ging der Dunmer samt Entourage wieder nach unten.
    Stephanus sah ihm finster hinterher und fragte sich, ob Berend wirklich auf die zwei Morde angespielt hatte.
    Vor etwa eineinhalb Jahren wurden zwei Altmer in Hrards Trupp gesteckt, und der Kaiserliche hatte sich nie die mühe gemacht, sich ihre Namen zu merken. Nach rund einer Woche war der erste bereits tot: Im Getümmel der Schlacht passierten oft Unfälle, vor allem wenn gerade niemand hinsah. Einen Monat später folgte auch der nächste seinem Vetter ins Grab. Stephanus hatte den Fehler gemacht, den zweiten einige Tage vor einem Kampf und seinem Tod wütend anzuschreien, und Gerüchte hatten damals schnell die Runde gemacht.
    „Tu nicht so, als ob du was besseres bist, Hochelf. Du flanierst hier andauernd mit deiner hochwohlgeborenen Visage herum und blickst auf die anderen herab, als wärst du klüger und moralisch besser als jeder hier.“ Berend hatte ihn fast Wort für Wort zitiert.
    Der Kaiserliche schüttelte den Kopf. Dass der Dunmer sich nach so einer langen Zeit noch an den genauen Wortlaut eines Wutausbruchs erinnerte war wohl Teil der elfischen Langlebigkeit. Stephanus selbst hatte seine eigenen Worte schon fast vergessen, und erst als er sie wieder gehört hatte wurde die Erinnerung daran geweckt.
    „Na und? Warum fühlst du dich plötzlich schuldig? Schließlich hast du der Welt einen großen Dienst erwiesen. Nicht nur waren die beiden Gelbhäute gewissenlose Söldner gewesen, sondern dazu auch noch Hochelfen!"
    Sein Blick lies sich wieder auf dem Stapel aus Baumstämmen nieder. Musste er jetzt Erpressung fürchten? Ein Paar rollende Stämme würden ihm gewiss Sicherheit verschaffen.
    „Nein. Wie würde er mich damit erpressen? Unter Mördern ist Mord nichts besonderes. Außerdem ist es den ganzen Ärger nicht wert.“ Er seufzte und drehte sich zu seiner Truppe um, um sie mit einem Winken in Bewegung zu versetzen.

  19. #99

    Himmelsrand, Fürstentum Reach, Broken Tower Redoubt

    Die Söldner atmeten hörbar auf, als sie sich auf das höchstgelegene Plateau hinaus bewegten und nicht mehr auf der Innenseite der verfluchten Mauern steckten. „Deswegen haben wir die Abgeschworenen auch außerhalb der Festung erwischt,“ dachte Stephanus, als er und seine Mitstreiter von der Tür weg ausfächerten.
    Hier oben überragten sie nur noch die beiden Türme am West- und am Ostende der Festung, und als sich ihnen niemand entgegenstellte und vom Ostturm auch nicht sofort auf sie geschossen wurde, entspannten sie sich. Eine grundlegende Bereitschaft behielten sie jedoch bei, die Waffen blieben gezogen und die Schildarme angespannt.
    Einschließlich Stephanus waren sie zu viert; zwei seiner Leute hatte er hoch auf den Westturm befohlen, der jetzt in ihrem Rücken lag.
    Dort oben hatten sie auch eine große Feuerpfanne mit daneben liegenden Tongefäßen voller Kräuter gefunden, ohne Zweifel das Brennmaterial für ihre Signalfeuer. Die Töpfe waren mit drei verschiedenen Farben markiert, und die daneben liegende auf Pergament geschriebene Liste ließ Stephanus vermuten, dass die Abgeschworenen doch nicht so primitiv waren, wie es zunächst den Anschein hatte. Auf ihr waren alle Bewegungen an der Festung vorbei aufgezählt, doch was Stephanus' Aufmerksamkeit wirklich erregt hatte, waren die auf ihr aufgelisteten Handelskarawanen: Die meisten von ihnen würden dem Stück Papier zufolge erst im Laufe der kommenden Wochen hier vorbeikommen.
    Geistesabwesend klopfte er auf den Beutel, in dem er das gefaltete Papier nun aufbewahrte. Außer einigen Kisten und Zelten, die sie rasch durchwühlten, gab es neben der Leiche des Bogenschützen auf der Terrasse nur eines, dass einen zweiten Blick würdig war: Eine kleine Balliste, vom Typus der als „Skorpion“ seit Jahrhunderten bei der kaiserlichen Legion und damit auch bei so gut wie allen Militärs auf Tamriel bekannt war. Die Ork stieß ein zufriedenes „Hah!“ aus, als sie ihren Pfeil in der Brust des Bergmannes wiedererkannte.
    Neben dem nach oben zielenden Kriegsgerät lagen ein halbes Dutzend armlange Bolzen verstreut, doch die Balliste selbst war weder geladen noch gespannt.
    „Seltsam,“ sagte Stephanus laut, während er mit dem behandschuhten Finger über den in das Holz eingeätzten kaiserlichen Drachen fuhr, der den letzten Zweifel daran beseitigte, dass diese Waffe gestohlen und nicht etwa von den Abgeschworenen selbst gebaut worden war.
    „Warum haben die das Ding hier nicht gegen uns eingesetzt?“
    Hinter ihm zuckte Stahlzapfen mit einem hörbaren Klappern seiner Rüstung die Achseln. „Ist doch egal, oder? Ihr habt ja gesehen, wie weich die alle in der Birne sind. Und so wie ich die Abgeschworenen kenne haben die's wahrscheinlich als Gott angebetet oder so.“
    „Du kennst doch die Abgeschworenen gerade mal seit ein Paar Tagen, Soldin.“
    „Lang genug, um genug über sie zu wissen. Muss aber zugeben, dieses Ding sieht nicht gerade aus, als ob es die Neun im Alleingang verschlingen könnte. Vielleicht haben die hier noch irgendwo ein Katapult, das mitgeholfen hat. Mit hinterhältigem Kriegsgerät kann man das nie wissen.“
    Stephanus richtete sich mit einem belustigtem grunzen wieder auf und winkte den Rest der Truppe weiter zum Ostturm.
    „Was is ein Skorpion überhaupt?“, warf einer der anderen Söldner, ein weiterer Nord namens Olaf, plötzlich ein. „Hab mich das immer schon gefragt.“
    „Keine Ahnung,“ antwortete Soldin, doch dann fuhr er mit der Sicherheit eines Teilzeitexperten fort. „Wahrscheinlich eine Art von exotischem Daedroth. Eine Art, die große Nadeln verschießt. Ist doch offensichtlich.“
    „Quatsch,“ sagte Stephanus, unangenehm an seine Zeit in Hammerfell und die unbarmherzige Wüste erinnert. „Ist ein Spinnenvieh, dass in der Wüste lebt. So ein Ding hat mir vor Jahren mal fast in den Fuß gestochen.“
    „Also haben sie doch Nadeln!“ rief Stahlzapfen mit einem selbstgefälligen Nicken.
    „Ja,“ bestätigte der Kaiserliche, „am Schwanz.“
    Nach einer kurzen, grübelnden Stille sagte Olaf: „Frauenskorpione tun mir echt leid.“
    Ohne dies einer Antwort zu würdigen warteten Sie noch darauf, dass ihre Truppenmitglieder vom Westturm nach einem Ruf zu ihnen aufschlossen, danach betraten sie widerwillig den Ostturm.

    Schon nach dem ersten Schritt zurück in das Gemäuer war die gute Stimmung verflogen. Stephanus' Hände fingen leicht an zu zittern, wenn er sich nicht bemühte, es zu unterdrücken. Unter seinen Handschuhen waren sie schon längst verschwitzt, und nicht nur wegen der vorangegangenen Anstrengungen beim Stürmen der Festung.
    Wie erwartet war das Innere des Turms das Spiegelbild des anderen, und eine Untersuchung der Turmspitze bestätigte Stephanus' Vermutung, dass sich dort niemand befand. Auch hier gab es eine Feuerpfanne, aber die Gefäße mit den Rauch färbenden Kräutern waren alle zerbrochen. Darüber hinaus gab es für die Söldner nichts von Interesse und sie stiegen wieder hinab.
    Auf dem Weg in die andere Richtung der Wendeltreppe, weiter nach unten, stießen sie schließlich auf die von Berend beschriebene Barrikade aus Möbeln, Kisten und einfach allem, was der Barrikadenbauer wohl gerade zur Hand gehabt hatte. Vor ihr saß einer der Abgeschworenen, mit den Händen auf den Ohren hin und her wippend, und von der anderen Seite her waren die anderen Söldner hörbar, die gerade versuchten, die Mauer aus Holz zu überwinden.
    „Ich versteh nicht, warum wir dieses vermaledeite Ding nicht einfach abfackeln,“ drang Bodeados Stimme zu ihnen herüber. Jemand antwortete ihm, doch sie wurde von einem orkischen Stöhnen und den Klängen splitternden Holzes übertönt.
    Der Abgeschworene bemerkte schließlich die von hinten an ihn herannahenden Söldner. Mit blutunterlaufenen Augen schaute er auf, dann zuckte sein Blick einige Male zwischen der Barrikade und Stephanus' Truppe hin und her.
    „D-das- das ist einfach nicht fair!“ stammelte er und wollte nach dem Dolch an seinem Gürtel greifen, bevor er wortlos niedergestreckt wurde.
    Während die Leiche des Riekmannen von seinen Mitstreitern durchsucht wurde, trat Stephanus an die improvisierte Sperre heran und musste beeindruckt nicken. Wer auch immer diese Barrikade aufgebaut hatte, wusste genau was er tat, oder eben auch nicht. Tischbeine und Schubladen waren miteinander verkeilt, einzelne Bretter hielten größere Einzellteile des großen Ganzen zurück... Das Ergebnis war eine Mauer aus Holz, die einige Schritt tief war und vom breit gestuften Boden bis an die Decke reichte und den Weg auf ganzer Breite versperrte, und die scheinbar niemals mehr mit bloßen Händen auseinander gezogen werden konnte.
    „Bodeado?“ rief der Kaiserliche während er versuchte, ein Loch in der Barrikade zu finden, durch das er auf die gegenüberliegende Seite sehen konnte.
    Auf der anderen Seite wurde die Arbeit eingestellt.
    „Levinius? Seit das wirklich Ihr?“
    „Ja. Auf dieser Seite ist alles frei.“
    „Wir haben also umsonst wie die Blöden auf dieses Ding eingehackt?“ Diese verärgerte Stimme war nicht Bodeado, sondern Brarek Jungeiche.
    „Sieht wohl so aus. Hrard will, dass wir uns unten am Eingang treffen.“
    Wie erwartet atmeten die Leute auf der anderen Seite hörbar auf.
    „Na endlich kommen wir hier weg! Bis gleich, dann!“
    Der Kaiserliche seufzte. Sie konnten leider nicht wie die Anderen direkt die Treppe nach unten nehmen, aber wenigstens konnten sie noch einen kurzen Spaziergang im Freien genießen.
    Geändert von Kampfkatze2 (23.06.2016 um 23:54 Uhr)

  20. #100

    Himmelsrand, Fürstentum Reach, Broken Tower Redoubt

    Stephanus zückte seinen Bogen, legte eine Hand auf die Brustwehr und seufzte. Naja, wenigstens hatten sie einen Posten im Freien zugeteilt bekommen.
    Hrard hatte, als sie ihm von ihrem Erfolg berichtet hatten und die Festung verlassen wollten, mit leicht gerunzelter Stirn zwischen seinen Söldnern hin und her geblickt. „Gehen? Niemand hat was von gehen gesagt.“
    Der Nord hatte das Ende des sofort entstehenden Tumultes abgewartet und dann weitergesprochen: „Was bei Oblivion habt ihr denn erwartet? Die gesamte Kompanie soll an dieser Festung vorbeimarschieren. Wollt ihr etwa, dass uns diese Bergtrottel das Ding wieder unter'm Arsch wegschnappen? Nein, wir bleiben hier und stehen Wache, nur die Verwundeten werden zurückgeschickt. Nein, Meum-Te, du kannst nicht gehen, weil du von deinen Eltern ausgesetzt wurdest, seelische Wunden zählen nicht. Brarek, pack das Messer weg, selbst zugefügte Stiche zählen nicht. Nein, Stahlzapfen, du kannst nicht gehen, wenn du und Brarek euch gegenseitig abstecht. Bei den Neun, ihr benehmt euch ja wie ein verfluchter Haufen Kinder heute!“
    Sie hatten gemurrt, geflucht, gezetert und geheult, aber am Ende hatten sie sich doch ihrem Schicksal gefügt.
    Die kleine Gruppe aus Verwundeten und ihre Eskorte verließen gerade die Festung.
    Der Kaiserliche winkte ihnen gedankenverloren hinterher und sah ihnen dabei zu, wie sie nicht weit im Osten in der Straßenkurve hinter den Bergen verschwanden. „Glückliche Bastarde.“
    Neben ihm zogen Soldin und Brarek verärgert über Hrard her, wobei sie jedoch nicht sehr laut waren und dauernd nervöse Blicke über die Schulter warfen. Der kühle Nord hatte die Angewohnheit, trotz schwerer Rüstung leise und plötzlich hinter einem aufzutauchen, wo er dann eine weile schweigend dastand und zuhörte, bis jemand ihn bemerkte.
    Bei ihrem Gezeter erwähnte Brarek immer wieder, dass die Abgeschworenen dafür berüchtigt waren, böse Naturflüche zu spinnen und sich mit dunkler Magie das Bett zu teilen, dass sie die Festung wahrscheinlich so verflucht hatten, das jeder in ihr wahnsinnig wurde, und dass es von Hrard unverantwortlich sei, seine Leute in ihr gefangen zu halten. Als Soldin fragte, warum die Riekmannen das machen sollten, während sie selbst noch in der Festung steckten, antwortete der Nord nur, dass es zeigte, wie hinterhältig und skrupellos sie wirklich waren.
    Ein bisschen weiter weg spielten Bodeado, Gramul gro-Ogdum und Olaf mit der Balliste herum. Über den Dreien stieg blaugrauer Rauch auf, wurde vom Wind mitgerissen und verschwand dann wieder. Sie hatten in einer Kiste, die in der Barrikade im Ostturm gesteckt hatte, einige Säcke gemahlenen Tabaks gefunden und sofort beschlagnahmt. Bodeado hatte den anderen gezeigt, wie sie sich aus einem Stück Pergament eine improvisierte Pfeife basteln konnten, und sofort fingen die Söldner an, ihre Beute mit den von Bodeado „Zigarren“ genannten Rollen zu verrauchen und zu schnupfen. Der Rothwardon selbst benutzte seine eigene, echte Pfeife aus Holz (natürlich mit eingeschnitztem Totenschädel-Motiv), und nickte selbstzufrieden dem laut hustenden Gramul zu.
    Stephanus griff seinen Bogen, der gegen die Mauer gelehnt hatte, und schlenderte zu der Gruppe am Belagerungswerkzeug hin, danach bestrebt, sich von der Aura der Festung abzulenken.
    „Natürlich ist das hier ein kleines Exemplar,“ erklärte Bodeado gerade in fachmännischem Tonfall, als er das Kriegsgerät mit einem der Bolzen lud. „Die Rote Rhyssa hatte richtige Ballisten auf ihrem Schiff. Mann, was für 'ne Frau das war.“
    Die Gruppe bemerkte Stephanus und nickte ihm vereinzelt zu, als er sich zu ihnen gesellte.
    „Erbeutet aus einem Transportschiff voller Zwergenzeug. Ein Bolzen konnte die meisten kleineren Schiffe mit einem Schuss versenken. Pyrultimus, unser Zerstörungsmagier an Bord, der musste sich richtig anstrengen, um Schritt zu halten, wenn die Ballistenmanschaft erst mal in Fahrt gekommen ist.“
    „Pyrultimus? Wer nennt sein Kind Pyrultimus?“ fragte Stephanus und spürte, wie seine Angespanntheit langsam verflog, unterdrückt durch die alte Tradition des Nonsens-reden beim Wache stehen.
    Niemand nahm die Geschichte des Rothwardonen wirklich ernst, sie war wahrscheinlich frei erfunden, aber trotzdem war das Trockenland-Seemannsgarn unterhaltsamer, als stumm Wache zu stehen und auf die Ablösung zu warten.
    „Ach, so hat er sich selbst genannt,“ erklärte Bodeado. „Sein echter Name war Stultus, Stultus Starco-, Stecco-, nein, Stercorintus, oder so.“
    Stephanus grinste.
    „Welcher seiner Vorfahren hat jemals gedacht, dass der Name gut ist? Ich kann verstehen, warum er seinen Namen geändert hat,“ sagte er.
    Die drei Nicht-Kaiserlichen sahen ihn verwirrt an.
    „Wie dem auch sei...“ sagte Bodeado langsam, vom kurzen Themawechsel etwas aus dem Konzept gebracht. „Die Zwergen-Ballisten, richtige Prachtexemplare waren dass. Was kleine Armbrüste mal sein wollen, wenn sie groß sind. Hatten sogar eingebaute, wie hießen die Dinger nochmal, Gyr-ro-skope, die das Schwanken auf hoher See kompensiert haben.“
    „Was ist denn aus der Roten Alyss geworden?“ fragte Gramul, der davor nur nickend und rauchend zugehört hatte.
    „Ryssa, nicht Alyss,“ verbesserte der Rothwardon ihn. Ein anderer Erzähler wäre durch den ungläubigen Ton ihn ihrer Fragerei wohl genervt gewesen, doch Bodeado schien er sogar zu erfreuen.
    Stephanus vermutete, dass es für seinen Freund eine willkommene Herausforderung war, ohne Verzögerung kleine Details dazu zu dichten, und dass es ihm Zeigte, dass Leute überhaupt Interesse an seinen Geschichten hatten, selbst wenn sie nur versuchten, Unstimmigkeiten zu finden.
    „Ach die, wurde in Sentinel in einer Kneipe erstochen. Auf dem Meer war sie unbesiegbar, kämpfte immer, als würde Molag Bal persönlich hinter der Tür des Todes auf sie warten, doch auf dem Land... Leute haben gesagt, sie wäre so sehr an das Leben auf dem Schiff gewöhnt, den Wellengang und den Herzschlag der See, dass ihr auf festem Boden das Schwanken gefehlt hätte, und dass das sie tolpatschig gemacht hatte. Schade eigentlich.“
    „Und die Ballisten?“ fragte Olaf.
    „Hat die Mannschaft schnell verscherbelt und sich dann mit dem Gold verzogen.“
    „Hah!“
    „Ja. Und lasst es euch gesagt sein, wenn diese Khajiit-Bastarde keine gewichteten Würfel benutzt hätten, wäre ich heute nicht hier, sondern in meiner Villa in Skingrad. Spielt niemals Drei-Tage-Sheogorath gegen Katzenpack. Also nicht, dass ich was gegen Khajiiten hätte, faszinierende Kultur und alles, interessanter Fokus auf die Monde, aber sie stehlen das Glück aus dem Glücksspiel.“
    „Sagen Glücksspieler nicht andauernd, dass es kein Glück im Glücksspiel gibt?“ warf Stephanus ein.
    „Ach, was wissen die schon?“
    „Wo habt ihr eigentlich das Papier her?“
    „Huh? Oh, für die Zigarren. Kurze Geschichte des Kaiserreiches, Band zwei. Diese ungebildeten Lümmel hier…„ er klopfte Gramul mit einem schiefen Lächeln demonstrativ auf die Schulter, „Die wollten ein echtes Buch nehmen, „Cherim’s Herz“. Ich hab’s beschlagnahmt und werd’s in der nächsten Stadt verkaufen, wo hoffentlich jemand noch den Wert von Literatur zu würdigen weiß. Rund sechzig Septime wert, und diese Trottel wollten es verbrennen.“
    „Was ich mich frage,“ sagte Gramul, wobei er die Balliste hin- und her schwenkte und somit das Thema von Büchern und Papier weglenkte, „was ich mich frage, wenn wir in 'nem so kleinen Pass sind, was kann man mit diesem Ding schon treffen?“
    Stephanus, Olaf und Bodeado wandten sich ihm zu.
    „Ich mein', guckt mal, alles is' zu nah dran, wenn man was treffen will...“
    „Die brauchen ja nur die beiden Enden der Straße hier zu treffen,“ sagte Olaf.
    „Sie erwischen die Ochsen oder die Pferde, die die Wagen ziehen, und dann gehört der ganze Scheiß ihnen, egal, ob die Besitzer abhauen.“
    Eine Wolke schob sich vor die Sonne, nur einen kurzen Moment lang.
    „Aber, aber,“ sagte Bodeado, „die Riekmannen, in ihrem Bestreben ihre Heimat zurückzuerobern, legen eher Wert darauf, Furcht zu verbreiten. Da wäre es doch viel besser für sie, eine ganze Handelskarawane zu meucheln und vielleicht einen Überlebenden zu lassen, der es weiter erzählt, oder? Was bringt es ihnen, wenn sie ein Pferd erschießen und sich dann der Rest verzieht?“
    Stephanus blickte nach oben. Weit und breit war keine einzige Wolke zu sehen. Die angespannte Aura der Festung entfaltete wieder ihre volle Wirkung, wie ein Jäger, der kurz von seiner Beute abgelassen hatte, um sie in Sicherheit zu wiegen. Sein Puls fing an zu rasen und er griff nach seinem Bogen.
    „Ganz einfach,“ sagte Olaf, „sie erledigen einfach den letzten Wagen und blockieren den Weg nach hinten. Da vorne, blockieren sie den Pass einfach selbst mit einem Baumstamm oder so, und die Karawane ist gestrandet.“
    Gramul blickte nun ebenfalls nach oben. Offensichtlich hatte er das gleiche bemerkt, wie der Kaiserliche.
    „Es gibt keine Drachen, es gibt keine Drachen. Es war einfach nur einer dieser verfluchten Vögel, der vor die Sonne geflogen ist.“
    Doch es war kein einziger Vogel am Himmel. Stephanus, der sich selbst immer stolz als gebildeten Menschen gesehen hatte, kannte sich besser mit Federvieh aus, als die meisten seiner Kumpane. Die Söldner kannten eigentlich nur Raben, Krähen, Aasgeier und Drosseln – Erdrosseln, genauer genommen. Doch Stephanus konnte einige weitere benennen. Normalerweise kreisten immer mindestens ein oder zwei Adler oder Falken in der Luft über den Tälern und Klüften des Reach. Aber jetzt nicht. Jetzt ertönte, außer den Gesprächen der Söldnern und dem leisen Wehen des Windes, kein Laut mehr. Stephanus spürte, wie ihm wieder kalter Schweiß über die Stirn rann.
    Sein Instinkt sagte ihm, dass er es sich nicht einfach nur eingebildet haben konnte, dafür war die Stille einfach zu unnatürlich. „Götter steht uns bei.“

    Olaf und Bodeado verstummten nun ebenfalls und wandten den Blick unsicher nach oben, als die Sonne erneut verdunkelt wurde. Ein großer Schatten schob sich in absoluter Stille und für seine Größe unnatürlicher Geschwindigkeit über den Himmel und verschwand wieder hinter den Gipfeln.
    Auf der ganzen Festung verfielen die Söldner nach kurzer Starre fluchend in Bewegung.
    „Die Balliste, Bodeado!“ schrie Stephanus, als er einen Pfeil aus dem Köcher zog und auflegte.
    „Was bei allen Göttern?“ rief der Rothwardone, als er das Kriegsgerät hastig nach oben auf die Stelle zielte, hinter der das fliegende Monstrum verschwunden war. Olaf griff bereits nach dem nächsten Bolzen, bereit, die Wurfmaschine nach dem Abfeuern sofort nachzuladen. Gramul zückte den Bogen, den er einem getöteten Abgeschworenen abgenommen hatte.
    „Keine Sorge,“ rief der irre lachende Soldin vom anderen Ende der Befestigungsanlage, ebenfalls einen Bogen in der Hand, „es ist nur eine komisch geformte Wolke!“
    Wieder herrschte Stille, doch diesmal war sie eine andere: Zuvor war sie nur das Fehlen der üblichen Umgebungsgeräusche gewesen, jetzt war sie die schon fast hörbare Stille, die entsteht, wenn eine große Zahl an Menschen verstummt und angespannt abwartet. Es war, als hielte Nirn den Atem an. Sie blickten jeder auf den Rand der Klüfte, keiner wollte es wagen, im falschen Moment zu blinken.
    Stephanus fühlte sich, als würde sein Herz gleich versagen. In der Lautlosigkeit schlug es so laut, dass er dachte, die ganze Welt könnte es hören.
    „Da kommt es wieder!“
    Tatsächlich tauchte die Kreatur unweit der Felsen wieder auf, hinter denen Stephanus es zuletzt gesehen hatte, und bewegte sich im Sturzflug auf sie zu. Die grünen in der Sonne glänzenden Schuppen, die enormen Flügel und der mit Hörnern versehene Kopf vertrieben jeden Zweifel: Sie wurden von einem Drachen angegriffen. Drachen waren vielleicht nur ein Mythos, aber dieses Exemplar hatte offensichtlich das Memo nicht erhalten.
    Die Balliste schoss mit einem lauten Knattern und verfehlte ihr Ziel.
    „Treff richtig, du Scheißkerl, bevor ich dich erwürge!“
    „Halt die Klappe, Olaf, und leg Bolzen nach!“
    Der Rothwardone war bereits dabei, wild am Mechanismus der Kriegsmaschine zu kurbeln, um den Schieber wieder in Position zu bringen.
    Mehrere Pfeile kamen dem fliegenden Monster entgegen, prallten jedoch nutzlos an den Schuppen ab, während es unbeeindruckt und unaufhaltsam näher kam, die kleinen, bösartigen Augen geradeaus auf die Festung gerichtet. Stephanus zog panisch Pfeil nach Pfeil aus dem Köcher, nur um zuzusehen, wie jeder Schuss an der Panzerung des Dings zerschellte.
    Vereinzelte Söldner flüchteten bereits durch die Türen in das Innere des Gemäuers.
    Direkt vor der Festung breitete es plötzlich die ledrigen Schwingen aus und blieb mitten in der Luft stehen, der irre Sturzflug mit Kollisionskurs schlagartig beendet. Die Flügel des Ungetümes klangen dabei wie die sich ausbreitenden Segel eines Schiffes.
    Bevor Olaf und Bodeado die Balliste wieder schussbereit gemacht hatten, öffnete der Drache sein Maul und stieß eine stille Welle aus gekräuselter Luft aus, die immer größer wurde und sich auf sie zu bewegte.
    Stephanus begriff, dass sie zwar langsam war, aber es durch ihre Breite allein unmöglich war, ihr auszuweichen. Bei dieser Erkenntnis versagte ihm der Mut. Dann brach der Zauber des Wesens über sie herein.

    Der Kaiserliche merkte, wie seine Muskeln versagten, ermüdet erschlafften, und ihm der Bogen aus den Händen glitt. Seine Knie wurden weich, und es wurde ihm immer schwerer, aufrecht zu bleiben und nicht auf die Knie zu fallen. Sein Blick fiel nach unten, starr auf seine zitternden Beine und Füße gerichtet.
    Eine Stimme dröhnte in seinem Kopf, und es kam ihm vor, als ob sie einfach dort auftauchte, ohne zuerst die Entfernung zwischen ihm und dem Redner zu überwinden: „Ich bin Nahlotahdinok, und ich bin euer Gott. Eure alten Götter sind tot. Unterwerft euch mir, oder ihr werdet ihnen in folgen.“
    Es kostete dem Kaiserlichen seine ganze Kraft, nicht hier und jetzt umzufallen. Angestrengtes und schmerzhaftes Stöhnen zu seinen Seiten verrieten ihm, dass es seinen Gefährten nicht besser ging. Die Schmerzen in seinen Gliedern verhinderten es, dass er in eine Angststarre verfiel, in der er aufhörte, nachzudenken, doch wie lange würde er noch durchhalten?
    Die Furcht war beinahe überwältigend, und er spürte, wie sie wie ein wild aufgewirbelter Nebel seinen Kopf füllte und seine Gedanken lahmlegte. Diese Kreatur hatte sie alle mit einer einzigen Welle aus Magie betäubt und Kampfunfähig gemacht, und sie hatten es nicht einmal geschafft, es auch nur ansatzweise zu verletzen. Was für eine Chance hatten sie denn, sich diesem vor Kraft strotzenden Wesen zu widersetzen? Es war zeitlos und den Göttern gleich, Stephanus dagegen war nichts weiter als Staub im Wind, verflogen, bevor Nirn auch nur einen Lidschlag getan hatte. Im Großen und Ganzen war er unwichtig, ein kurzsichtiges Rindvieh, zu nichts zu gebrauchen, außer vielleicht dazu, geschlachtet zu werden...
    Neben ihm presste Olaf laut „Raus aus meinem Kopf!“ zwischen den Zähnen hervor, und in diesem Moment realisierte Stephanus, dass diese Gedanken nicht seine eigenen waren, und der Zauber verlor an Stärke. Er gewann unter Anstrengung die Kontrolle über seine schmerzenden Glieder wieder und richtete sich langsam wieder auf, laut nach Luft schnappend. Er fühlte sich, als hätte er tagelang Holzstämme über einen steilen Berg geschleppt.
    Einer der anderen Söldner gewann genug Herrschaft über seinen Körper wieder, um einen Pfeil auf das Biest abzufeuern, und das Klacken des abprallenden Pfeils und das anschließende empörte Brüllen der Bestie ließen den Zauber völlig zerbrechen.
    Die Kaufklingen regten sich wieder ruckartig und stoben panisch und heiser schreiend auseinander. Stephanus folgte ebenfalls dem nun übermächtigen Fluchtinstinkt und sprintete auf die Tür des Ostturms zu. Im Lauf hörte er hinter sich, wie am anderen Ende des Plateaus, beim Westturm, mehrere seiner Gefährten aufschrien. Was folgte, war das Geräusch von mehreren beschuppten Tonnen Gewicht, die auf Stein aufkamen, das Schnappen eines übermächtigen Kiefers und ein spitzer, plötzlich abgebrochener Schrei, untermalt von dem Knacken einer Stahlrüstung, die von mächtigen Zähnen durchtrennt wurde, wie ein trockenes Stück Pergament.
    Kurz danach brandete eine Hitzewelle über seinen Rücken, doch er drehte sich nicht um. „Nicht anhalten, nicht anhalten.“ Kurz darauf erreichte er die Öffnung und hastete in die zweifelhafte Sicherheit des Ostturms.
    Geändert von Kampfkatze2 (29.10.2016 um 23:13 Uhr)

Stichworte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •