Ihre Füße wund. Ihr Mund trocken. Ihre Augen blind in der Dunkelheit. Kein Mondlicht drang in das hohe Gewölbe herein. Keine Lampe erhellte die Nacht. Lediglich das winzige Flackern einer weitentfernten Kerze erinnerte sie daran, dass es auch noch Licht gab auf dieser Welt. Weiter tappte sie, konnte nicht stehen bleiben. Aus Furcht, etwas könne aus der Dunkelheit nach ihr greifen und sie für immer zu sich in die Finsternis ziehen. Sie war so schutzlos. Ihre Hände umfassten die bloßen Schultern. Ihre Lippen zitterten vor Kälte. Und ihre bloßen Füße traten so unsicher auf den kalten Boden. So schutzlos. Zerbrechlich. Schwach.
Die Kerze wurde nur langsam größer. Quälend lang war der Weg dorthin. Zeit war nicht mehr als eine vage Erinnerung. Doch sie ging weiter. Und weiter. Und immer weiter. Bis sie eine ruhige Stimme hörte, kaum mehr als ein Wispern: “Was für ein kleiner Vogel hat sich denn zu solch später Stunde hierher verirrt? Tritt näher, Täubchen, damit ich dich sehen kann!“ Die Stimme erfüllte sie mit unerklärlichem Grauen. Doch um nichts in der Welt wollte sie zurückgehen, in die vollkommene Finsternis. Es blieb nur der Weg nach vorn. Der Weg ins Licht. In die Wärme. Heraus aus der Einsamkeit. Sie trat näher.
“Nun, was sehen meine alten Augen da? Glaubte ich eben noch, einen verirrten kleinen Vogel zu empfangen, so erkenne ich nun die schreckliche Wahrheit.“ Nichts verlor die Stimme an ihrer Ruhe. Sie klang monoton. Leblos. Kalt. “Welche Wahrheit?“ Zweifel überkamen sie. Die Gestalt stieß ein kaltes, humorloses Lachen aus. “Mich kannst du nicht täuschen, Wesen der Hölle. Mag dein Gesicht auch noch so unschuldig und dein Gebaren noch so zart sein – eines verrät dich.“
Sofort begann die Finsternis sich zu bewegen. Schatten sprangen auf sie zu. Hände griffen nach ihren Füßen. Zerrten an ihren Armen. Krallten sich in ihr Haar. Tausend Paar Hände. Formlos, kalt, schwarz. Wie die fleischgewordene Nacht. Sie wollte rennen. Wehrte sich mit Händen und Füßen. Sie biss sogar in eine Hand. Aber es brachte nichts. Sie war gefangen.
Schutzlos.
Zerbrechlich. Schwach.
“Nun... willst du es wissen? Willst du wissen, wer ich bin?“ Langsam zog das verhüllte Wesen seine Kapuze zurück. “Hier. Schau nur gut hin, kleines Höllentäubchen.“
Mit einem erstickten Schrei erwachte Luise.
Draußen hörte sie das sachte Plätschern von Regen. Aber das Licht sagte ihr, dass der Morgen bereits hereingebrochen sein musste.
An ihren bloßen Füßen fühlte sie etwas Warmes, Flauschiges. Etwas, das sich bewegte. Und tatsächlich - eine Sekunde dauerte es, da war Kürbis, der bis vorhin anscheinend noch friedlich an ihre Füße gekuschelt geschlafen hatte, auch schon auf ihren Schoß geklettert und winselte leise.
Luise kraulte ihm mit zitternden Händen das Fell. Es war gut, nach einem solchen Traum etwas so Beruhigendes bei sich zu haben.
Doch was machte Kürbis hier? Schlief er nicht eigentlich bei Konrad?
Das letzte, woran Luise sich erinnern konnte, war dass ihr Zimmer gestern Abend von Konrad bewacht worden war. Und schließlich war sie noch einmal aufgestanden und hatte nach ihm gesehen.
Sie erinnerte sich auch vage daran, dass sie den Fuchswelpe in die Arme genommen hatte. Und Konrad war am Schlafen gewesen.
Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, zurück ins Bett gestiegen zu sein.
War sie etwa dort, im kalten Flur, neben ihrem Vetter eingeschlafen? Hatte er sie zurück getragen?
Luise seufzte. Sie würde es wohl noch erfahren. Konrad würde sich wohl kaum die Gelegenheit nehmen lassen, sie ein wenig damit aufzuziehen. Und so sehr Luise es auch beschämte, ihm mehr Arbeit bereitet zu haben, so dankbar war sie auch, dass sie ihn hatte. Dass er sich immer so bedingungslos um sie kümmerte. Obwohl sie es nicht verdient hatte.
Schnell schlüpfte Luise in ihre Kleidung und warf dann einen Blick vor die Tür. Von Konrad war nichts zu sehen. Ein wenig alarmiert schritt das Mädchen, gefolgt von einem aufgeregt fiependen Kürbis, zu seiner Kammer. Auch dort war er nicht zu sehen. Seine Stiefel und sein Mantel waren nirgends zu sehen.
Luise runzelte die Stirn. Es kam nicht besonders häufig vor, dass Konrad in solcher Frühe schon auf war. Geschweige denn, Ausflüge machte. Vielleicht hatten die Ereignisse ihm doch ähnlich stark zugesetzt wie Luise selbst.
Sie würde später mit ihm reden. Sicher würde alles gut werden.
Doch während Luise das Frühstück für Adalbert vorbereitete, verließ das ungute Gefühl sie nicht. Irgendetwas stimmte nicht, aber sie konnte nicht festmachen, was. Nachdenklich warf sie Kürbis einige Fleischstreifen zu.
Auf ihr eigenes Frühstück verzichtete Luise. Sie würde gleich einfach zum Wirtshaus eilen und Brunhild fragen, ob diese ihren Vetter heute schon gesehen hatte. Ja, das würde sie tun. Und man würde ihr sagen, dass er schon früh morgens in der Kirche zum Beten war. Oder, dass er einen kleinen Morgenspaziergang machte.
Eine Sekunde lang zögerte die junge Apothekertochter. Dann öffnete sie mit zitternder Hand die Tür zur Straße.
Erst wollte sie wegblicken. Sich einfach umdrehen und vorgeben, nichts gesehen zu haben.
Doch sie konnte nicht. Mit zögerndem, unsicheren Schritt ging sie auf Rekon und die am Boden liegende Gestalt zu. Die Lumianer hatten wieder zugeschlagen.
Es konnte nicht Konrad sein. Dafür war die Gestalt viel zu klein und schmal. Aber dieser vorläufige Trost verebbte, als sie das Opfer erkannte.
Luise rannte nun und kniete sich trotz des schlammigen Grundes neben Maria nieder. Sah den Dolch in ihrer Brust. Berührte zitternd die kalte Hand.
"Nein...", hauchte das junge Mädchen. Mehr brachte sie nicht hervor. Ihr Atem stockte. Warum ausgerechnet Schwester Maria?
Die liebenswerte Nonne, welche ihr gestern noch Worte des Muts zugesprochen hatte.
Die sich gegen die Meinung des Pfarrers gestellt hatte.
Die Frau, der Luise voll und ganz vertraut hatte.
Der sie ihr Leben in die Hand gelegt hätte, selbst nach ihrer gestrigen Fehleinschätzung.
Nun lag sie reglos und schmutzig auf dem Boden. Am Ende so sterblich und unvollkommen wie jede andere auch.
Mit verwirrter Stimme murmelte Luise, mehr an sich als an Rekon gerichtet: "W-wir müssen s-sie fortbringen. W-wenn man sie so sieht, w-was soll dann werden?" Mit zitternden Händen versuchte Luise, das schmutzige Kleid zu glätten. "W-wie soll sie d-denn in Frieden ruhen, w-wenn ihr Körper auf s-so kaltem Grund liegt?"
Der Grund, warum die Lumianer ausgerechnet Maria gewählt hatten, lag selbst für Luise auf der Hand. Nie hatte die Nonne jemandem etwas zuleide getan. Immer hatte sie auf ihre nonnige Art und Weise ihrem Herrn und Schöpfer gedient. Sie war deshalb im Weg gewesen. Hatte nicht genug Hass im Herzen getragen, um ihnen von Nutzen zu sein.
Stattdessen lebten sündige Menschen wie Luise weiter. Menschen, die nicht in der Lage waren, den Frieden zu wahren. Oder jemanden zu schützen.
Das Mädchen blickte unruhig umher.
Der Regen plätscherte weiterhin herab. Verwandelte den Boden in ein schlammiges Meer. Durchnässte Luises Kleid und machte auch vor der reglosen Nonne keinen Halt.
Doch auf mysteriöse Weise hatte er die beiden an die Dörfler adressierten Zettel verschont.
Zitternd erhob sich Luise und las die Nachrichten. Verstand die Worte nicht. Las sie erneut. Riss den einen Zettel herab und las ihn erneut. Murmelte das Gelesene vor sich hin.
Aber die Worte änderten sich nicht. Konrad sollte ein Ketzer sein. Ein von Gott Verstoßener. Und nun auch aus dem Dorf verbannt.
Luise rührte sich nicht. Sie starrte lediglich weiter den Zettel an. Ihr war, als hätte die Zeit einen Moment lang den Atem angehalten.
Geändert von Zitroneneis (29.03.2013 um 11:26 Uhr)