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Thema: Das Dorf Gottes 2-Tag 2

Baum-Darstellung

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  1. #11
    Vom sanft gegen die Scheibe prasselnden Regen geweckt machte sich Brunhild für den neuen Tag zurecht. Ihre Hände fuhren sacht durch den weichen Überwurf aus Schafsfell, den sie über das Bettende gelegt hatte. Er war der sichere Beweis, dass ihre nächtliche Begegnung mit Konrad nicht nur ein schönes Gespinst ihrer Phantasie gewesen war. Ein versonnenes Lächeln zeichnete ihr Gesicht.
    Nachdem sie die letzten Haarsträhnen unter das Kopftuch gestopft hatte, nahm sie das wärmende Kleidungsstück mit nach unten. Natürlich würde sie es ihm später zurückgeben, auch wenn sie es noch so gerne behalten würde. Es wäre sowieso ein gute Plan, gleich zu dem Lockenkopf zu gehen und zu schauen, ob er vom Wanderritt heil zurückgekommen ist, ma weiß ja nie. Doch vorher würde sie für Lumi und Schwester Maria ein ordentliches Frühstück bereiten.
    Nachdem sie den Überwurf auf dem Tresen abgelegt hatte und ein neu entfachtes Feuer bei der Kochstelle züngelte, fragte sich die Wirtin, wo eigentlich ihr alte Köter abblieb. Normalerweise war er morgens immer zur Stelle, wo es ja die einzige sichere Gelegenheit für ihn war, von ihr am Tag gefüttert zu werden. Vielleicht hatte ihn Konrad ja zu Ausritt mitgenommen. Wenn das Glück ihr hold war, hatte er vom vielen Laufen einen Herzinfarkt bekommen und ist irgendwo im Wald krepiert. Aber was Rüdiger anging hatte sie noch nie Glück gehabt.
    Aus der unverschlossenen Vorratskammer holte sie alles Nötige für das erste Mahl ihrer Gäste. Sich selbst genehmigte sie ein Stück Brot, während sie den Mehlbrei im Kessel anrührte und abschmeckte. Als sie sich zum Schüsselholen umwand, entdeckte sie die noch immer am Boden liegende Teigrolle, die sie nach dem nächtlichen Eindringling geworfen hatte.
    Grinsend bückte sie sich, um sie aufzuheben, als ihr Blick auf einen merkwürdigen Fleck auf den Dielen fiel. Für einfachen Dreck glänzte es zu sehr, als betrachtete sie ihn sich aus der Nähe. Ihre Augen weiteten sich bei der Erkenntnis, dass es sich um Blut handelte. Und da waren weitere Flecken in Richtung Eingangstür. Brunhild war sich eigentlich ziemlich sicher gewesen, dass Konrad unverletzt gewesen war, das wäre ihr doch aufgefallen…
    Alarmiert blickte sie sich in der Schankstube um. Die Flecken bildeten eine Spur von der Tür zum…Treppenansatz. Eine dunkle Vorahnung kroch langsam in ihr hoch, ihr Puls beschleunigte sich schlagartig. Auf zwei Stufen fand sich ebenfalls Blut, warum war ihr das vorhin nicht schon aufgefallen?
    Unsagbar langsam schritt sie die Treppe hinauf. Ein letzter kleiner Blutfleck direkt vor ihrem Zimmer, in dem die Nonne geschlafen hatte. Ihre Hand umschloss den Türgriff.
    Alles in ihr schrie danach, es zu lassen, auf dem Absatz kehrt zu machen, wieder hinunterzugehen und fortan so zu tun, als würde es dieses Zimmer nicht mehr geben. Doch bevor ihr Verstand die Oberhand gewann war die Tür bereits geöffnet. Ein Schrei des blanken Entsetzens entfuhr Brunhilds Kehle.
    Blut. Überall Blut. Das ganze Bett war getränkt davon. Auf dem Boden sah man eine verschmierte Blutlache, so als ob ein Körper durch sie ein Stück in Richtung Tür geschliffen wurde, ehe er hochgehoben und den Weg nach unten und aus dem Haus hinaus getragen wurde.
    Krampfhaft hielt sich die Wirtin ob ihrer weichen Knie am Türrahmen fest und kämpfte mit der sich anbahnenden Ohnmacht. Verzweifelt biss sie sich schließlich in den Finger, um wieder zu Besinnung zu kommen. Die Wirkung stellte sich prompt ein. Hals über Kopf stürzte sie die Treppe hinunter, warf sich ihre Heuke achtlos um und stürmte aus ihrem Heim auf den Dorfplatz- auf die kleine Menge zu.

    Als sie atemlos bei ihnen war, hörte sie Rekon gerade sprechen, dass zwei Leute benötigt wurden, um „sie“ zum Friedhof zu tragen. Ihr Blick fiel schnell auf sie, die noch vor wenigen Stunden friedlich in Brunhilds Bett geschlafen hatte.
    Auf die Knie fallend nahm sie den Kopf von Marias Leiche sacht in die Hände. Ihr Oberkörper wiegte unwillkürlich leicht vor uns zurück. Ihre Tränen vermischten sich mit dem Regen und fielen auf die kalten Wangen der guten Nonne. Wie konnten die Bastarde es nur wagen, eine Geistliche zu morden und dann auch noch gerade diese? Schwester Maria war mit Abstand die nonnigste Frau auf dem gesamten Erdenrund gewesen, eine treue Dienerin des Herren und eine Seele von einem guten Menschen.
    Plötzlich hielt sie inne, die Augen auf einen undefierbaren Punkt gerichtet. Die Mörder hatten es garantiert nicht auf Maria abgesehen. Außer ihr und der Wirtin hatte keiner Kenntnis darüber, dass die Nonne diese Nacht in ihrem Zimmer genächtigt hatte. Brunhild selbst war das eigentliche Ziel gewesen, dessen war sie sicher. Die gute Frau hatte aufgrund ihrer Entscheidung ihr Leben lassen müssen.
    Vorsichtig legte sie den leblosen Kopf wieder ab, ehe sie aufstand und zurückwich. Sie sollte hier liegen, ein Messer in der Brust, ihr Blut das Bett und den Boden des Wirtshauses tränken, ihr Lebensfaden diese Nacht durchtrennt worden sein.
    Es war allein ihre Schuld, dass Schwester Maria nun vor ihren Schöpfer getreten war. Ihr Blut klebte an ihren Händen, und sie würde sich nie reinwaschen können. Sie war genauso ihre Mörderin wie der, der ihr den Dolch ins Herz gestoßen hatte.
    Ihr Blick fiel auf Ross und ihr kam wieder etwas vom Vortag in den Sinn. Vor einigen Tagen hätte sie sich selbst dafür als verrücktes altes Weib gescholten, doch inzwischen hatte sich eine ganze Menge verändert. Doch nun war nicht die Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, sie musste ihn nur später zum rechten Zeitpunkt griffbereit haben.
    Stattdessen wand sie sich an Rekon und meinte mit bebender Stimme:
    “Ich werde sie mitragen, auch wenn ich ihrer unwürdig bin…es ist das Mindeste, was ich jetzt für sie tun sollte.“
    Vielleicht würde sie sich nie von ihrer Schuld Maria gegenüber lösen können. Aber sie würde alles in ihrer Macht stehende tun, auf dass die Seele der Nonne ihr im Himmelreich vergeben möge.

    Geändert von Mephista (30.03.2013 um 13:05 Uhr)

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