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Thema: Das Dorf Gottes 2-Tag 1

Hybrid-Darstellung

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  1. #1
    Zwischen lauter... Menschen auf kaltem Pflaster knien. Ich bin erbärmlich.


    Keiner der Bewohner nahm Notiz von Noel, beachtete oder half ihm gar.
    Lediglich Konrad trat stumm von hinten an ihn heran.
    "Hier. Den Mantel musst du bei deinem Auftritt vorhin verloren haben.“

    Stumm sah Noel dem Mann in die Augen. Er stand auf und nahm den Mantel entgegen, legte ihn sich ohne Worte des Dankes um und vergrub sowohl die Hände in den Taschen als auch das Gesicht im Kragen. Noel fühlte sich mit dieser Situation extrem unangenehm. Er erwartete, dass Konrad ihm gleich wieder Zorn und Hass entgegenwerfen würde, aber wie um Noels Erwartung zu strafen, war das Gegenteil der Fall.

    "Lern erstmal dich selber zu beschützen, bevor du versuchst für andre ein Schild zu sein. Und solange diese Verrückten hier herumspazieren bin ich nicht sicher, was ich mit jemandem mache der ihr zu Nahe kommt. Legs nicht drauf an, dann kommen wir schon irgendwie miteinander aus. Und trink nen Schluck Tee - du standest den ganzen Abend über nur in deinem Hemd herum. Kannst froh sein wenn du keine Frostbeulen hast. Hier."

    Konrad hielt ihm eine Tasse warmen Tee entgegen. Unerwartet.
    Etwas zögerlich nahm Noel seinem Gegenüber die Tasse aus den Händen, nahm einen Schluck. Das warme Getränk wärmte seinen Magen, als auch tiefer Liegendes. Trotzdem wich er Konrads' Blick aus und dachte über das Gesagte nach. Er sollte sich von Luise fenhalten.
    ...
    Das war gut. Er hatte sich diese Auflage selbst gegeben, aber wenn er es musste, wäre es umso wahrscheinlicher, dass er es tat.
    Konrad... war ein guter Mensch. Er liebte seine Cousine ebenso sehr, wie Noel, wenn auch (hoffentlich) auf andere Art und Weise. Er konnte sie beschützen. Warum also sich ihr noch nähern?
    Ich halte mich von ihr fern.

    "...te...ich....fern..."

    "Hm? Was hast du gesagt?"

    Noel hatte etwas gemurmelt dass, ob seines Flüstertones,konrad entgangen war.
    Nach kurzem Schweigen sah Noel Konrad in die Augen und wiederholte sich.
    "Ich werde mich von ihr fernhalten, darauf habt Ihr mein Wort. Ich werde euch in der Apotheke nicht mehr belästigen."
    Noel drückte dem rotgelocktem Mann mit einem leisen "Danke" die Tasse in die Hand und ging, ohne eine Reaktion abzuwarten, Richtung Taverne davon.






    In sich versunken trat Noel in die nun deutlich stillere Taverne ein.
    Die Stimmung war, wie könnte es anders sein, gedrückt, dezent gesagt.
    Nirgendwo Trunkgesänge, keine spielenden Spießgesellen, keine lachenden Frauen, keine ausgelassene Stimmung.

    Noel schlurfte zum Thresen, legte die Hand tief in seine schmerzende Stirn. Da trat Brunhild ihm gegenüber.

    "Du siehst so aus, wie die meisten sich hier wohl fühlen... Ein normales Bier oder verlangt es den Herren nach etwas Stärkerem?"
    Die Wirtin, die Noel noch vor Minuten gleich zum zweiten Mal an einem Tage beleidigt hatte, sah ihn mit unwirschem, aber doch undeutsamen Blick an.

    "... mir gleich. Hauptsache es lässt die Sinne verblassen..."

    Still verschwand die junge Frau in ein Hinterzimmer, um wenig später mit einer faszinierend golden schimmernden Flasche wieder aufzutauchen. Brunhild platzierte ein großes Glas auf dem Thresen und goss Noel großzügig ein.
    "Das ist bester Apfelkorn vom alten Helmut. Wird sehr sicher für die gewünschte Wirkung sorgen... Warum wünscht Jemand wie Du sich die Sinne zu vernebeln?"

    Angeekelt von dem Gedanken, Alkohol zu trinken, griff Noel zum Krug und leerte ihn mit einem beherzten Schluck, bevor er ihr mit dem Blick im Thresen versunken antwortete.
    "Ich habe eine große Rede gehalten, ich würde euch beschützen... in der ich dich zu unrecht gekränkt hab. Tud' mir leid.

    Es gibt' für mich gerade kein Grund, meine Sinne beisammen zu lassen.

    ...mehr."

    Noel hielt der Wirtin den Krug entgegen und mit unsicherem Blick füllte sie den Krug erneut. Noel leerte ihn in Sekunden.

    Zaghaft lächelnd winkte Brunhild ab.
    "Ach, mir wurden schon schlimmere Sachen an den Kopf geworfen, glaub mir. Eine pompöse Rede war es durchaus... ich denke, Niemand hatte gedacht, dass es so enden würde... doch deswegen in Selbstmitleid zu verfallen, scheint mir nicht der richtige Weg zu sein."

    ..."Dass s'... keen Selbstmitleed... ich hab versagt. Isch wollt die Jägrin' beschützn... aber niemand hat mir zu...zu'ehört... wie soll ich sie nur beschützn, wie nur..."
    Jammernd versank der junge Bursche auf dem Thresen in seinen Armen, war längst nicht mehr der stolze Bibliothekar vom Vortag.

    Durch seine Arme konnte Brunhild ein gedämpftes "Mehr" vernehmen, womit er wohl den leeren Krug meinte.

    Irritiert ob seines für ihn so merkwürdigen Verhalten zögerte sie einige Momente, ehe sie ihm doch noch einmal nachschenkte. Dann lehnte sie sich langsam zu ihm vor.
    "Wenn Dir wirklich keiner Gehör schenken wollte, ist es mindestens genauso deren Versagen. ...Und Du könntest sie sicherlich beschützen, wenn Dein Verstand klar und Du nüchtern bist...
    Nach kurzem Überlegen, und obwohl ihr ihre Innere Stimme riet, es auf keinen Fall zu tun, tätschelte sie leicht den Rotschopf.

    Noel tauchte aus seinen Armen auf. Klebrige Tränen verschmierten sein blasses Gesicht, als er den nächsten Krug von Hochprozentigem leerte und wieder auf dem Thresen versank wie ein erbärmlicher Säufer.
    "Sin' mir doch scheez... schiss.... kagegal, aber ch' wollt misch doch für sie vrändrn... wenn meiner kleen Elfe was passor... passia...ach scheeße!!!"
    Noel schug mit der Faust sichtlich angetrunken auf den Thresen, bevor er ein weiteres Mal mit dem Kopf auf seine Arme sank.
    "Will nisch alleen sein... Pesd un' Verschramnis... nich hassn, kleine herlfe..."
    Gefüllt wie ein prächtiges Fass in der Weinzeit wimmerte der junge Noel vor sich hin, als er sinnesvernebelt und im Flüsterton eine leise Melodie zu summen begann.

    "...kleene Erlfe, einschd traf 'ch disch im Wald...
    ...kleine Elfe, de' Sone schien, und dennoch wars so kalt...

    ...kleine Elfä, kommst su mir, lächeltesd auch so fein...
    Kleine Elfe, sagtest mir, lass un' freundä sein...

    Kleine Elfe, lachst sou hell, springst im Fluß um'er...
    Klein' 'lfe, rettesd mich, vergess' dat Gefühl niemähr..."

    Im Halbschlaf umklammerte der Junge das Amulett, dass er um den Hals trug und presste es an seine tätowierte Wange, ließ Rotz und Wasser seine silberne Oberfläche beschmutzen, als er schließlich auf seinen Armen betrunken einschlief und schnarchend noch einige Worte murmelte.
    "Nich hassn... tud mir leid... nich hassn...Luise."

    Damit glitt Noel, das Amulett an sich gedrückt, in einen unruhigen Schlaf ab.




    Brunhild stöhnte auf. Sie hätte dem Burschen nicht nochmal auffüllen dürfen, jetzt hatte sie die Lauge... Eingeschlafene Gäste konnte sie höchstens bei sich den Rausch auschlafen lassen, wenn es sich um vertrauenswürdige Stammkunden handelte. Doch da sie Noel nicht zu diesen zählte, und sie wider der Sektengeschichte sowieso schon mehr als genug Personen bei sich beherbergte, musste er weg. Und zwar möglichst, solange noch eine kräftige Männerhand zum Anpacken da war.
    Ein lautes Pfeifen durchschnitt die Stube, alle Köpfe drehten sich zur Wirtin um, die mit einem Kopfnicken zum Schlafenden ihr Problem deutlich machte. Wenige Momente später standen der Schweinehirt und sein Neffe schelmisch grinsend vor ihr.
    Ich gebe jedem von Euch eine Runde Starkbier und eine halbe Wurst aus, wenn ihr ihn unbeschadet und ohne ihn zu beklauen nach Hause schafft. Das Wirtshaus konnte sie geöffnet nicht allein lassen, und die beiden Männer waren viel zu einfach gestrickt, als dass sie versucht hätten, das Freibier trotz eines Unauffälligen Diebstahls einzufordern.
    Gackernd und witzelnd ob der scheinbar nicht vorhandenen Trinkfestigkeit des Gesichtsbemalten schulterten der Schweinehirt samt Anhang den Gesichtsbemalten und verließen die Wirtsstube. Nach einigen Anläufen ward die Eingangstür Noels endlich geöffnet- also eingetreten- und der trunkene Junge mehr oder weniger sanft aufs Bett geworfen. Die leicht demolierte Tür wurde beim Rausgehen achtlos zugeworfen, schließlich warteten eine halbe Wurst und Bier auf sie...

    Geändert von Holo (28.03.2013 um 18:44 Uhr)

  2. #2
    Luise hatte einen Fehler gemacht.
    Es wurde ihr schmerzlich bewusst, als sie sah, wie Merete ihren Gang zum Galgen antrat. Ohne ein einziges Wort, einen anklagenden Blick. Sie hatte sich nicht gewehrt, hatte es einfach geschehen lassen.
    Und Luise war nicht eingeschritten, hatte trotz ihrer Zweifel stumm zugesehen.
    Geschworen hatte sie sich, zu ihrer Entscheidung zu stehen und bis zum Ende dazubleiben. Doch als sie sah, wie die junge Jägerin hilflos am Strick hing, hörte wie sie verzweifelt und vergeblich nach Luft schnappte, wich Luise zurück und wandte ihren Blick ab, verschloss die Ohren vor den Geräuschen.
    Doch es half nichts, die Bilder hatten sich in ihren Kopf eingebrannt und die bald einsetzende Stille hinterließ ein anklagendes Echo. Merete war tot. Und Luise trug Mitschuld daran.
    Mit gesenktem Kopf, machte sie sich heimlich davon.

    Eine Weile hatte Luise nun alleine im hinteren Teil von Viktorias Garten verbracht. Diesmal hatte sie darauf acht gegeben, nicht gesehen zu werden. Der Kirschbaum verdeckte die Sicht auf das junge Mädchen. Lediglich Noel hätte sie von seinem Haus aus sehen können, hätte er dort aus dem Fenster geschaut. Doch Luise konnte das bleiche, tätowierte Gesicht nirgends ausmachen und war auch irgendwie froh darüber. Sie wollte einfach allein sein.
    Normalerweise beruhigten das Rascheln der Blätter, das Ächzen der alten Zweige und das Meer aus blauen Blüten Luises Seele. Doch jetzt saß sie einfach reglos da und war innerlich so aufgewühlt, dass sie nicht wusste, was sie tun sollte.
    Seltsamerweise kamen aber keine Tränen. Möglicherweise hatte sie zu viel geweint und damit all ihre Tränen vergossen. Vielleicht war es ihr aber auch nicht vergönnt, ihre Verzweiflung mit Tränen fortzuwaschen. Vielleicht musste sie erst büßen, bevor sie ihrer Trauer freien Lauf lassen und sich damit ihres festen Griffs entledigen konnte.
    Eine Weile blieb Luise einfach sitzen, doch als sie schließlich merkte, dass ihre Gedanken sich im Kreis drehten. Seufzend stand sie auf und ging zum Wirtshaus, wo sie hoffte, Konrad anzutreffen.
    Er machte sich bestimmt Sorgen um sie, und bei den derzeitigen Umständen, war das nur allzu verständlich.

    Später, als Konrad sich trotz jedes Widerspruchs vor ihrer Zimmertür postierte, bereute sie ein wenig, wie große Sorgen er sich machte. Sie konnte ihn nicht dazu bewegen, einfach in sein bequemes Bett zu steigen und dort zu schlafen. Warum musste er nur immer so sehr den Beschützer spielen? Warum konnte er nicht einfach an sich selbst denken? Nein, Konrad ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und seine kleine Cousine wusste, dass der Versuch, ihn umzustimmen, zwecklos war.
    Doch nachdem Luise lange mit offenen Augen im Bett gelegen hatte und schließlich noch einmal in eine Decke gewickelt vor die Tür trat, fand sie ihn fest schlafend vor. Kürbis jedoch war von dem Geräusch erwacht und sprang Luise, trotz verbundener Pfote, freudig entgegen. Geistesabwesend nahm Sie ihn in den Arm und blickte ihren Vetter an.
    "Du bist wirklich ein Dummkopf", murmelte das Mädchen und setzte sich neben ihn. Einen Moment lang betrachtete sie sein friedlich schlafendes Gesicht und fuhr dann leise fort: "Du solltest wirklich... mehr an dich selbst denken. Hier so unbequem... zu sitzen... bestimmt gibt das morgen... Rückenschmerzen..." Schläfrig rieb Luise sich die Augen. Warum war sie auf einmal so müde? Den Welpen an sich drückend sagte sie noch: "Dabei... bin ich... doch schon... gar nicht mehr so... klein..."
    Und dann sank sie selbst, neben ihm an die Wand gelehnt, in einen tiefen Schlaf.

    Geändert von Zitroneneis (28.03.2013 um 18:51 Uhr)

  3. #3
    Maria lächelte. "Das ist so lieb von dir, Brunhild. Ich weiß nicht, wie ich dir je danken könnte."

    Sie folgte der Wirtin ins Gasthaus und wärmte sich, wie eingeladen, an einem Tee, doch wohl war ihr in der Menge der Gäste nicht zumute. Deshalb beeilte sie sich ein wenig mit dem austrinken und stand auf, ehe jemand auf sie zukommen konnte. Morgen würde sie Rede und Antwort stehen, wenn es sein musste, aber für heute hatte Maria genug erlebt. Sie wandte sich an Brunhild.
    "Vielen Dank für das gute Getränk. Ich würde nun nach oben gehen, und Gott um Vergebung bitten. Wenn der Herr mir nicht verzeiht, dann kann mir dies ebenso wenig."
    Geknickt schaute Maria zu Boden. Wenn sie wenigstens so Tapfer gewesen wäre, und sich ebenso selbst nominiert hätte - So im Nachhinein betrachtet wäre das wohl die sinnvollste Entscheidung gewesen. Die wenigsten im Dorf waren mit der Entscheidung, jemanden zu hängen, zufrieden gewesen. Wenn alle mitgemacht hätten, und sich selbst nominierten, dann wäre wohl keiner gehängt worden. So war es dann aber nun geschehen, dass Maria sich entsetzlich dumm - und vor allem sündig fühlte.

    Sie blickte sich um, hier und da trübselige Gesichter. Keiner war wirklich froh um die unschuldige Gehängte. Dies verstärkte Marias Schuldgefühl umso mehr.

    Dann verließ sie den Bereich des Gasthauses und trat die Treppe nach oben, in ihr vorbereitetes Zimmer, setzte sich und betete im einfallenden Mondlicht. Bis ihr die Augen zufielen und sie schlief...

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