-
Ehrengarde
Die Kälte durchdrang mühelos alle Stoffschichten und fuhr bis in die kleinste Faser ihres Körpers.
Es war die Art gewesen, wie die stille Jägerin ihren letzten Gang angetreten war, die unumstößlich verdeutlichte, dass sie bar jeder Schuld gerichtet wurde. Diese Erkenntnis, die die Wirtin den Blick abwenden ließ.
Es war das Geräusch des unsäglichen Todeskampfes gewesen, das noch immer in ihren Ohren nachhallte. Ihr die Tränen in die Augen schießen ließ.
Es war der nun leere, entseelte Ausdruck in den Augen der zu Unrecht Gehängten, dass sie wie in Trance nähertreten und niederknien ließ.
Die Hand ausstreckend trachtete sie danach, die schlaffen Glieder zu umfassen. Die vielleicht noch nicht ausgefahrene Seele um Verzeihung zu bitten, dies Schicksal nicht abgewendet zu haben. Den Zeitpunkt des Kennenlernens immer wieder verschoben zu haben, im trügerischen Glauben, es gäbe in der Zukunft noch genug Zeit dafür. Doch sie fühlte sich nicht würdig genug.
Die Hand zog sich zurück und legte sich an ihr Gegenstück zum Gebet. Inständig bat Brunhild den Herren um sicheres Geleit für die Seele Meretes, flehte ihn an, sie möge, wo auch immer sie hinwanderte, den Frieden finden, der ihr hier nicht mehr vergönnt war. Um Beistand ersuchte sie ihn demütig, obgleich sie bei Weitem nicht die frommste Frau unter seinen Kindern auf Erden war. Beistand für sie und alle anderen Bürger, die kommende Zeit zu überstehen und den Blick zu klären für die, die ihre Gemeinschaft zerstören wollten und Vertrauen ausnutzten.
Bedächtig bekreuzigte und erhob sie sich, die sichtverschleiernden Tränen aus den Augen wischend. Noch länger vermochte sie es nicht zu ertragen, hier zu verweilen. Gerade wand sie sich um, um zurück zu ihrem Heim zu gehen, als die nonnige Nonne auf sie zukam.
"Brunhild", sprach Schwester Maria sie an "Brunhild... Ich weiß, dass dieser Fehler unverzeihlich war. Doch fürchte ich nun, dass ich heute Nacht nicht mehr in Gottes Wänden verbringen können werde. Zu tief sitzt mir die Schuld in allen Gliedern ob des unschuldigen Fräuleins Leben. Ob ich... ob ich vielleicht ... zumindest diese Nacht.. bei euch im Gasthaus verbringen dürfte?"
Und nach einem kurzen Zögern fügte sie eilig hinzu:
"Ich... ich bin auch bereit, mich dafür von euch einschließen zu lassen, sodass ich nicht aus dem Zimmer heraus kann, wenn ihr mir nicht traut. Ich werde heute Abend nur noch beten, und dann schlafen gehen, sofern ich denn heute noch einmal Frieden fände..."
Einige Momente betrachtete Brunhild die Geistliche verdutzt und unsicher, während ihre Gedanken im Kopf rasten.
Sie war die Erste gewesen, die nach Meretes mutiger Selbstanklage die Stimme gegen die nun Tote erhob. Ihre Vorwürfe mochten teils seltsam angemutet haben, zumal sich Merete dagegen glaubhaft verteidigt hatte. Worauf die Nonne stumm geblieben war… Doch auf der Anderen Seite sprach Marias Gesicht nun offen von ihren Schuldgefühlen, dem ehrlichen Gram ob ihrer Fehleinschätzung und der Trauer um das verlorene Dorfmitglied… Und sie war immernoch ein hoch angesehenes Mitglied der Kirche, vor der die Wirtin Respekt hatte.
Tief atmete sie ein, ehe sie den Mund zu einem leichten Lächeln animierte. Er wollte ihr nicht recht gehorchen: “Schwester Maria, ich bin überzeugt, dass Deine Wahl lauteren Begründungen folgte, so hörten sie sich für mich zumindest an. Ich kann mir allerdings nicht herausnehmen, Dir deswegen mein Vertrauen in Dich zu versagen oder nur deshalb Böses von Dir zu denken. Morgen wird es reichlich Gelegenheit geben, Deine Wahl vor allen zu erklären, auch wenn Du Dich nicht so nötig erklären musst wie ein Anderer, der Merete dem Galgen überantwortete…“
Sie seufzte bei dem Gedanken und gerade den Konsequenzen der letzten Worte auf. Die Nacht würde sie definitiv darüber schlafen müssen, um sich sicher zu werden…
Jedenfalls, , fuhr die Wirtin fort, werde ich Dich natürlich heute Nacht bei mir schlafen lassen. Lumi bezieht zwar gerade die Gästekammer, aber mein eigenes Gemach soll Dir heute Nacht zu Verfügung stehen, ich werde das alte Zimmer meiner Eltern nehmen... Ich werde für Dich gleich alles herrichten, Du kannst dann jederzeit Dich zur Ruhe begeben… Natürlich hoffe ich, dass Dich dann der Lärm aus dem Schankraum nicht stören wird, auch wenn ich Dich natürlich gerne auf einen Trunk einladen würde, wenn Du magst… Kurz dachte sie über die Vorstellung einer Bier trinkenden Maria nach, ehe sie nachsetzte: Oder einen heißen Tee…
Sacht strich sie der Nonne über die Schultern, ehe sie sich schon auf den Weg zu ihrem Gasthaus machte.
Im Kamin glommen die Holzkohlen herunter und der alte Hund träumte davor von dicken Würsten und einer jüngeren Brunhild, die ihn immer gerne geknuddelt hatte.
Eine friedliche Stille lag in dem Raum, die ihr gerade nach dem Geschehenen entsetzlich falsch vorkam. Obgleich sie sich gerade Nichts sehnlicher wünschte als Ruhe, entfachte sie die Lampen am Eingang genauso wie das sterbende Feuer im Kamin. Rasch stieg sie nach oben in ihr Zimmer, ersetzte ihr eigenes Bettzeug durch neues und kehrte sorgfältig den Raum aus. Dann schaffte sie ihr benutztes Bettzeug in den einzigen ungenutzten Raum des Wirtshauses. Seit dem Tod ihrer Mutter vor sechs Jahren hatte sie ihn nichtmehr betreten. Eilig bekreuzigte sie sich, ein nicht einfaches Unterfangen mit Bettlaken und –decke auf dem Arm. Das gigantische Stofftuch über dem großen, gut gearbeiteten Bett wurde heruntergezogen, das Bettzeug achtlos darauf geworfen.
Als Brunhild wieder unten war, hatten sich bereits erste neuen Gäste eingefunden, die nach einer schnellen Entschuldigung eilig bedient wurden.
Die Stimmung war gedrückt, es war geradezu totenstill für das Wirtshaus, nur gediegenes Gemurmel und verhaltene Gespräche. Kein Lachen, keine schief dahingeschmetterten Lieder erklangen. Auch die Inhaberin strahlte keine Freude und Geborgenheit wie sonst üblich aus, obschon sie sich redlich darum bemühte. Ihr Lächeln war nicht mehr als schief hoch gezogene Mundwinkel, ihre Bedienung erfolgte einsilbiger. Es wollte ihr nicht einleuchten, warum sie der Tod der Jägerin so unglaublich mitnahm, wo sie doch eigentlich kaum etwas mit ihr zu tun gehabt hatte.
Vielleicht, weil mit ihr das gestorben war, was bis vor Kurzem noch so klar schien. Dass wir hier ein friedliches und freundliches Dörfchen mitten im Nirgendwo sind. Dass wir hier unbekümmert und ohne Angst leben können, weil wir von Personen umgeben sind, denen wir vertrauen können…
Konrad legte Brunhild einen großen Beutel mit Kräutern auf den Tresen. Sie hatte sein Kommen garnicht bemerkt. „Ich hab eben noch nach den Pferden geschaut. Die Arbeit die liegen geblieben ist hol ich nach, versprochen. Mach bitte hieraus einen großen Pott für alle, meine Beste. Is' gegen die Kälte und eine anbahnende Erkältung. Wir waren heute alle recht lang draussen.“
Noch zu verdutzt für eine Antwort nahm sie einfach bemüht freundlich nickend den Kräuterbeutel an sich. Der große Kessel wurde über das Feuer gehangen und Wasser darin zum Kochen gebracht. Eilig waren die Krüge gefüllt und mit Honig bekömmlich gesüßt, als sie sie auch schon auf den Tresen stellte, auf dass sich jeder nehmen konnte. Lumi drückte sie einen Pott bedächtig in die Hände, die eben leicht dümmlich grinsend und torkelnd hereingekommen war. Dieses Verhalten sah die Schankfrau sonst nur bei Gästen, die ihre Schankstube verließen, deswegen war es ihr bei der Blondgelockten nicht ganz geheuer.
Sich selbst hatte sie auch einen Kräutertee zurückgehalten, an dem sie sich nun bei jeder Bedienpause wie eine Ertinkende am Rettungsseil festklammerte. Ihr Blick schweifte dabei über die Menschen im Raum und blieb immer wieder an dem Hinterkopf Konrads haften, der sich gerade mit dem guten Mönch Justus unterhielt.
Inmitten der sie noch immer durchdingenden Kälte entfachte sich ein kleines Feuer. Es vermochte vielleicht nicht ihre Trauer und den Schmerz zu verbrennen, wohl aber zu lindern.
Sie ertappte sich dabei Erleichterung zu verspüren, dass es nicht sein Hals war, um den sich die Schlinge tödlich gelegt hatte. Und selbst dafür verfluchte, sein Leben über das von Merete zu stellen.
"--- Aber ein glücklicher Narr. Peter? Brunhild? Danke... für eure Worte. Es wär vielleicht anders ausgegangen heut', hätt ich keine solchen Freunde wie ihr es seid. Schlaft ruhig heut Nacht und erholt euch von dem Schrecken. Gott schütze euch. "
“Es war nur die-„
"Luise? Wir gehn heim. Komm."
“Wahrheit….“ Ein Seufzen entrann ihrer Kehle. Gute Nacht ihr Beiden, möget Ihr von Gott behütet ruhen!“, rief sie ihm und Luise nach, die gerade in die klirrende Nacht hinausliefen.
Eine ganze Weile später war schließlich auch der letzte nicht mehr ganz nüchterne Nacht gegangen. Alle Stühle wurden hochgestellt und das Feuer gelöscht. Rüdiger blickte ihr auf dem Treppenansatz nach, und irgendetwas in seinem Blick lie sie noch einmal hinuntersteigen und ihn in den Arm nehmen. Freudig schlabberte ihr durchs Gesicht. Es schien ihr endlos lange hergewesen zu sein, seit sie das letzte Mal Jemanden in die Arme schloss, nur des Umarmen und der daraus resultierenden Nähe willens. Nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich löste sie sich wieder von ihm und ging ohne todwünschenden Nachtgruß die Treppe hinauf in ihr heutiges Schlafgemach.
Geändert von Mephista (28.03.2013 um 15:16 Uhr)
Berechtigungen
- Neue Themen erstellen: Nein
- Themen beantworten: Nein
- Anhänge hochladen: Nein
- Beiträge bearbeiten: Nein
-
Foren-Regeln