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Thema: Das Dorf Gottes 2-Tag 1

Baum-Darstellung

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  1. #23
    Einaudi - Odd Days

    Konrad wusch sich mit Brunnenwasser das Eis aus dem gefrorenen Haar und den Angstschweiß vom Nacken. Er stand noch dort und atmete einmal mehr die rauchige Nachtluft als Merete fiel. Er hatte Hinrichtungen bereits gesehen, meist war es nur ein rascher Moment. Aber das gewohnte Krachen blieb aus und so schien es als kämpfte Merete. Gegen den Tod. Gegen die Ungerechtigkeit. Sie hatte nicht einmal die eigene Stimme zurückgezogen, als ihr Leben in Gefahr war. Eine starke Frau. Eine furchtlose Frau. Unschuldig.
    Er zog seinen Hut und wandte den Blick ab. Ohne sich bewusst dafür zu entscheiden begann er für Meretes Seele zu beten. Einige Tropfen fielen von seinem Kinn auf den weichen Grund hinab auf dem er stand. Färbten ihn dunkel. Unter seinen Füßen bemerkte er musterlose Formen im weichen Sand, platt getreten. Meinte ein kleines Reh auszumachen, einen Stern. Wellen, Strudel, Seevögel...
    Es gab eine Ort, an den er als Junge sehr gerne gegangen war. Um mit den großen Fischen den Fluss hinabzuschwimmen und sich dort vom Mond bescheinen zu lassen. Um Ruhe zu finden.



    ~*~ Im Wirtshaus ~*~

    Er legte Brunhild einen großen Beutel mit Kräutern auf den Tresen. „Ich hab eben noch nach den Pferden geschaut. Die Arbeit die liegen geblieben ist hol ich nach, versprochen. Mach bitte hieraus einen großen Pott für alle, meine Beste. Is' gegen die Kälte und eine anbahnende Erkältung. Wir waren heute alle recht lang draussen.“ Er räusperte sich und blickte mit gespielter Empörung Noel an, während er sich Luise zuwandte und sie aus dessen Mantel pflückte. Er sprach ein wenig lauter weiter: „Ich werd nämlich nicht zulassen das diese Lama-Sektennasen an einer Grippe verenden! Nicht wenn die Chance darauf besteht, das des Henkers Gehilfe bei ihnen vorher noch vorbeischaut und sie ein wenig das fürchten lehrt.“ Dann legte er Luise sorgfältig ihren eigenen Mantel um, drückte ihre Schulter sacht und schritt auf Noel zu. „Hier. Den Mantel musst du bei deinem Auftritt vorhin verloren haben.“ Seine Augen blickten distanziert und abschätzend auf Noel. Vor allem auf dessen blutig aufgebissene Lippe. "Lern erstmal dich selber zu beschützen, bevor du versuchst für andre ein Schild zu sein. Und solange diese Verrückten hier herumspazieren bin ich nicht sicher, was ich mit jemandem mache der ihr zu Nahe kommt. Legs nicht drauf an, dann kommen wir schon irgendwie miteinander aus. Und trink nen Schluck Tee - du standest den ganzen Abend über nur in deinem Hemd herum. Kannst froh sein wenn du keine Frostbeulen hast. Hier." Und er reichte ihm den Mantel und einen großen duftenden Pott mit honigsüßem Kräutertee.

    Dann setzte er sich mit einer eigenen Tasse von dem Kräutertee zu Justus, der eben von den Feldern zurückgekehrt war. Die Mönche hatten im Auftrag des Pfarrers den Teufel in den Ställen und in den Gebäuden ausgetrieben. Es war ein langer Tag gewesen – doch manch einer sorgte sich auch nun noch um das Seelenheil der Dörfler und stand ihnen bei. Wie auch sein Beichtvater. Konrad hatte ihn eben auch noch darum gebeten sein Testament abzuändern – um Lumi darin zu bedenken.
    „Du riechst nach Wind und Wald, Konrad. Wär dein Vater kein Händler von sonstwo, sondern von hier, hätte dich der Herzog sicher als Falkner angestellt. Aber da du nicht von hier bist... Junge... du hast dir damals schon keine Freunde gemacht mit deiner Offenheit und der Rumtreiberei. Sei es der Flickenjorgen, der hier alle paar Jahre durchkam bevor ihn der Wolfswinter erwischte oder diese Ausländer die dich anzogen wie Frühlingsblumen die Hummeln. Mich wunderts nicht, das wer dich beim Herrn Pfarrer angeschwärzt hat.“
    Konrad wich dem offenkundigen Griff an eine seiner Schwachstellen mit einer Gegenfrage aus. „Mein Vater lehrte mich zu reiten und mit der Balester umzugehn, auch wenn ich bei keinem von beidem viel Geschick bewies. Und er erzählte mir von größeren Männern, nach deren Vorbild ich lebe. Wieso erzählt keiner von den großen Frauen dieses Landes? Den Weisen, Beherzten, Sanftmütigen? Wieso erzählt keiner von der heiligen Hildegard oder...“
    „Mädchen sind einfach nicht dafür geschaffen, groß in der Weltgeschichte herum zu klettern. Das ist gefährlich. Ausserdem bringen Frauen nur Unglück. Hörst du mich Konrad? Unglück. Sie tun was sie wollen und sind launisch wie Aprilwetter. Das ist das einzige worauf du dich verlassen kannst.“


    Er dachte an Meretes Augen. Wer weiß schon, was ihre Augen sahen. Ihre Augen wirkten so alt. Neugierig hatten sie manchmal aufgeblitzt, forschend, fragend. Und doch blieb die Nordfrau immer stumm. Als hätte sie mehr gesehen. Als hätte ihr Herz mehr gefühlt. Als wäre ihre Seele vom Meer weit und frei geworden. Wie klein müssen ihr unsre Sorgen erschienen sein, wenn sie das Meer gesehen hatte. Sein Vater Matthias und seine Brüder Titus und Wilhelm waren ständig auf Reisen. Liam hatte ihm vom Meer erzählt. Wie furchteinflößend und stark es war. Und wie wunderschön.

    Konrad blickte derweil nachdenklich auf Lumis goldene Locken, die seinen so ähnlich waren. Er vermutete das sie, wie diese Nordfrau, irgendwoher kam wo es nicht so schön war wie hier. Etwas war mit ihrem Auge passiert... oder war sie so geboren worden? Vielleicht war sie eine von den Frauen die mit Geistern reden konnte? In seinem Geburtsort hatte es sie gegeben – die Weiber, die man nur heimlich ins Haus holte, wenn kein Mediziner mehr helfen konnte. Oder um sicherzugehen, wenn ein Vorhaben gelingen sollte. „Stell dich mit den Nornen gut, blüht der Distel Federhut, weben sie dir Schicksalsfäden, auf denen Licht und Tränen zum Himmel streben.“
    „Was murmelst du da in deinen Bart?“

    „Nichts.“

    „Nichts also, hm? Hör mal her, du hast in deiner Zeit hier viel Gutes getan, Junge. Manche Dinge kann ein Mensch nicht einfordern. Nur erhoffen. Und sie bleiben ein Geschenk.“

    „Ihr meint die Hauptmannwahl? Darüber bin ich schon hinweg. Luise...“Wird dieses Jahr alt genug sein um sich zu vermählen, so ihr Vater es wünscht. Und du solltest ihr dabei helfen und die notwendigen Möbel zur Aussteuer beitragen. Und nicht dein Geld irgendwelchen Rumtreiberinnen in den Rachen werfen nur weil deine Neugierde dich umtreibt.Luise. Sie war ihm mehr als alle andren hier im Dorf in diesem Jahr ein Rätsel geworden. Und doch. Ihr aufmunterndes Lächeln. Ihr schuldbewusster Blick. Ihre Stimme. Das Leuchten ihres Haars. Das alles war gleich geblieben. Aber der Zwiespalt dieses jungen Herzens... das er ihr nicht folgen konnte wohin sie nun ging. Sie sieht aus wie ihre Mutter. Und die hat der Wald verschlungen.
    Konrad stand auf und nickte Justus zum Abschied zu. "Schluss für heute, mein Bett ruft mich. Also vermerk es Justus, 40 Goldtaler. Keinen weniger. Verstanden?" "Wie du wünscht. Auch wenn es närrisch ist..." "Lass gut sein Justus, du hast es verpasst mich zu einem klugen Mann zu erziehn, dann bin ich halt ein Narr. Aber ein glücklicher Narr. Peter? Brunhild? Danke... für eure Worte. Es wär vielleicht anders ausgegangen heut', hätt ich keine solchen Freunde wie ihr es seid. Schlaft ruhig heut Nacht und erholt euch von dem Schrecken. Gott schütze euch. Luise? Wir gehn heim. Komm."

    In der Apotheke richtete er sich mit der Balester auf dem Gang im oberen Stockwerk einen Schlafplatz vor Luises Kammer ein. Luise schimpfte ihn zwar, weil er ein Dummkopf war, den Boden seinem Bett vorzuziehen, aber wenn sein Onkel eines nicht überleben würde, dann wäre das ein erneuter Schicksalsschlag. Und doch fiel er bei seiner "Nachtwache" in einen tiefen Schlummer, als er da so saß und durch das Nordfenster des Ganges auf den Sternenhimmel blickte und nur Kürbis leise und aufgeregt in seinem Schoß japste und mit dem Schwanz wedelte, fast so als jage er in seinem Traum mit hohen Sprüngen ein paar Mäuse.

    Geändert von Viviane (28.03.2013 um 03:06 Uhr)

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