Noel und Deusexus saßen zusammen auf einer Bank, dösten vor sich hin, Deus' haarige Schnauze auf Noels Knien und dessen Hand in seinem warmen, weichen Fell.
Da hörte Noel eine lautere Stimme vom Platze her, die sich Gehör verschaffte.
schon den restlichen Dörflern zuwandte und die Stimme erhob:
“Ich möchte mich für Konrad aussprechen. Er war gestern Abend einer meiner Gäste. Alle, die ebenfalls dort waren, können das bezeugen, er hatte für alle die Getränke nach der ersten Runde bezahlt. Konrad blieb bis in die späten Abendstunden, ehe er mit Peter mein Wirtshaus wieder verließ. Er lag vor dem Kamin und war so trunken, dass Ihm aufgeholfen werden musste und er ohne Peters Stütze nichtmal hätte gehen können. Ich glaube kaum, dass es ihm in seinem Zutand möglich gewesen wäre, noch irgendeinem sündhaften Treiben nachzugehen… auch wenn ich mich für das von da an Geschehene nichtmehr verbürgen kann…“
Ohne die Augen zu öffnen erkannte Noel, dass es sich bei der Besitzerin um Brunhild handeln musste. Sie entlastete oder schwächte zumindest den Verdacht gegen Konrad.
...was denkst du, Deus?
Hm, bin nicht sicher. Wenn der Kerl wirklich helle ist, könnte er sich so ein Alibi verschafft haben. Allerdings werdet ihr Menschen zu nutzlososen Reissäcken, wenn ihr mal richtig betrunken seid. In so einem Zustand konnte Konrad zumindest nicht mehr viel anrichten...
Hm. Ich hoffe, er gehört den Lumianern nicht an. Ich möchte es glauben.
Und bevor viel Zeit ins Land zog, öffnete Noel reflexartig die Augen, denn jemand kam auf ihn zugetrampelt.
„DU! Du hälst dich vielleicht für etwas Besseres doch das ist nicht wahr. Dein Herz ist schwarz vor Neid und deine Worte sind pures Gift. Wer dir im Weg steht wird angeklagt, nicht wahr? Heute Tyrell, morgen dann ich und dann ihr Onkel, bis du hast was du begehrst?" Er spuckte in Noels Richtung aus. „Ich geb dir einen heiligen Dolch, Bursche! Brunhild ist also beschränkt, ja? Maria und die Geistlichen sind eine unerträgliche Zunft? Du sprichst eine wegen ihrer Herkunft frei und zeigst gleich als nächstes aus dem selben Grund auf jemand anderen. Luise bekommst du Ungeheuer nicht!
Ich klage dich, Noel (Nonsense) der Umtriebe der letzten Nacht an! Und wenn es das letzte ist, was ich tue.“
Konrad hatte aufgebracht in Noels Richtung gebrüllt, die Masse hinter ihm starrte in stiller Erwartung auf die beiden. Noels' Ausdruck war mehr als verdrießlich, beinahe schmerzhaft.
Warum... feindet Konrad sich so mit mir an...?
Hmpf. Kann ich frei sprechen, ohne dass du in die Luft gehst?
Noel warf Deusexus eine Mischung aus vorwurfsvollem und wehleidigen Blick zu, was dieser als "Ja" interpretierte.
Darüber solltest du dich nicht wundern. Was erwartest du bitte, wenn du vor versammeltem Pöbel erklärst, dass du selbigen zur Hölle schicken würdest, nur um Luise zu schützen? Das darfst du dir denken, aber verdammtnochmal Noel, behalt soetwas für dich. Ehrlichkeit schön und gut, aber solche Aussagen stärken niemandes Vertrauen in dich. Du wolltest dich verändern, stimmts? Dann fang jetzt damit an!
Noel schwieg. Deuexus hatte ihn, seit die beiden sich kannten, selten so agressiv zurechtgewiesen.
...
Aber er hatte recht.
Stumm stieg Noel von der Bank auf, trat dem aufgebrachten Konrad gegenüber. Er verbeugte sich tief.
"Du sprichst wahr, und das in jedem Punkt, Konrad. Ich verstehe dein Misstrauen vollkommen. Verzeih dennoch meine Anmaßung, so du kannst. Ich hoffe, ich werde mein Schandmaul zukünftig beherrschen können."
Dann richtete der Junge sich wieder auf und wandte sich ans Dorf.
Bleib ruhig. Du hasst diese Menschen nicht. Niemand von ihnen hat dir etwas getan. Sei ehrlich. Sei es für sie.
"Konrad spricht wahr. Und jeder von Euch, der seinem Gedankengang folgen kann und diesem zustimmt, soll nicht zögern, mich ebenfalls zu nominieren. Ich werde bereit sein, zu gehen, wenn es denn euer Wille ist."
Nun war es Peter, der mit unwischem Gesichtsausdruck aus der Masse hervortrat.
"Grüß Gott, Herr Bibliothekar! Darf ich mich vorstellen? Peter Eichmann, Landwirt, ich bewirte einige der Felder dort drüben am Dorfrand" und zeigte dabei in Richtung Osten. "Nur damit du es weißt: Ich bin hier, und zwar schon seit einer ganzen Weile. Ich bin vielleicht kein Mann vieler Wort, aber mir liegt dieses Dorf und seine Bewohner am Herzen. Ich bin hier aufgewachsen, meine Familie lebt hier, ich kenne nichts anderes! Also wage es dich nicht noch einmal mich als abwesend oder unbeteiligt zu bezeichnen!"
Noel blickte beschämt zu Boden. Er hatte sogar einen seiner Beschuldigten übersehen. Ein Schlag nach dem Anderen fuhr schmerzhaft in seine Magengrube.
Vergiss nicht, Noel...,
Deus trat an Noels Seite.
Daran bist letztendlich du selbst Schuld. Hass erzeugt Gegenhass. Immer.
Es stimmt. Die Abweisungen der Bewohner geschahen ihm nur recht.
Plötzlich trat überraschend Luise zwischen die drei Männer. Ihre Blicke trafen sich einen Moment, bevor Noel dem ihrigen auswich. Zweifellos, es lag Abneigung, unwohlsein und Verbitterung in Luise' Augen. Er war selbst Schuld. Und trotzdem...
"I-ich möchte auch e-etwas sagen. Mir ist b-bewusst, dass ich nur ein Kind bin und meine Meinung d-deshalb vielleicht nicht so b-begründet ist, wie die eines E-erwachsenen."
Der Seitenhieb auf Noel schmerzte unbeschreiblich. Aber er blieb weiterhin stumm stehen.
Renn einmal nicht weg. Nur einmal.
Was folgte, war ein längerer Dialog Luises' über seine Anschuldigungen, die Meisten davon zweifelte das Mädchen an.
Noel verstand es. Wie konnte sie die Menschen, die sie kannte und die ihr nahestanden, als Mörder bezichtigen? Er würde sie nicht so verzweifelt lieben, wenn Luise nicht so wäre.
"U-und i-ich möchte n-noch sagen, dass ich nicht g-glaube, dass Noel e-ein Lumianer i-ist. Ich kann m-mir nicht vorstellen, d-dass e-er dann so v-viel ü-über sie preisgeben u-und sich selbst a-als Zielscheibe d-darbieten w-würde."
Ein kleiner, warmer Hauch von Dankbarkeit strich durch Noels Brust. Aber es blieb bei einem Hauch. Weitaus größer war das spöttsche Grinsen, dass neben seinem Ohr vor sich hin kicherte:
"Das hast du nicht verdient, du Wahnsinniger!"
Damit trat Luise wieder zurück. Noel wollte ihre Augen nichtsuchen, denn er war sicher, sie wären voll Anklage. Würde sie ihn nach diesem Abend jemals nocheinmal wie vorher ansehen?
Es folgten kleinere Gespräche der Jägerin, welche sich nominierte und Rekons' , welcher seine Gedanken teilte. Dann wurde es zunächst ruhig. Noch schien keine Entscheidung in Sicht, also setzte sich Noel erneut auf die Bank und überlegte, wen er wohl nominieren würde. Er wusste es nicht. Er musste abwarten.
Stört es dich nicht, dass luise dich... nun ja...
...hasst?
...
Jeder ist seines Schicksales schmied. Ich war mir immer bewusst, dass sie so reagieren würde, wenn sie mein wahres Wesen kennenlernt.
Aber weißt du was, Deus?
Noels Blick verlor sich lächelnd im weiten Sternenhimmel, als er weitersprach.
Ich möchte mich verändern. Und das betrifft auch Luise. Ich denke, unsere Bekanntschaft ist zuende. Aber... das ist in Ordnung. Ich sollte mich von ihr loslösen und zu einem Menschen werden, den sie nicht fürchtet... oder hasst. Wenn ich das eines Tages geschafft habe, wird sie mir vielleicht wieder ein Lächeln schenken...
Du bist dir im klaren, dass die Chance, dass du ihr Vertrauen zurückgewinnen kannst, mit jedem Tag sinkt, denn du dich von ihr distanzierst?
Immer noch lächelte Noel.
das war... unerwartet.
Es ist in Ordnung. Wenn sie einen Menschen findet, den sie liebt, mit ihm ihr Leben verbringt. Wenn sie mich hasst, verachtet und kein Wort mehr mit mir wechselt. Wenn wir Zeit unseres Lebens Fremde bleiben.
Wenn ich sie nur für den Rest meines Dasins beschützen kann... dann bin ich schon zufrieden. Die Hauptsache ist, dass Luise glücklich wird. Egal, mit welchem... Menschen an ihrer Seite.
verstehst du?"
Deus legte sich auf den Boden vor der Bank und schnaufte.
Menschen sind seltsam... ich verstehe euch einfach nicht.
Noel kicherte und strich dem Gott in Wolfsgestalt grinsend über das Fell.










