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Ritter
Mit gleichermaßen verwirrter wie beunruhigter Miene sah Luise zu, wie Noel nach vorne marschierte und vor der versammelten Dorfgemeinde seinen Schwur leistete.
Und spätestens in diesem Moment wurde Luise klar, dass es kein Zurück mehr gab. Man würde nun beginnen, seine Verdächtigungen abzugeben und am Ende des Tages würde jemand hängen. Wahrscheinlich jemand, der unbeliebt war oder sich viel zurückhielt. Aber mit Sicherheit hatten die Wenigsten tatsächlich eine Ahnung wer Teil der Lumianersekte sein könnte.
Und Luise bildete keine Ausnahme. Hatte sie zwar Menschen, denen sie tief vertraute, so gab es doch genauso Menschen, die sie einfach kaum kannte. Und das schlimmste war, dass auch jemand in ihrem engen Vertrautenkreis, so klein er auch sein mochte, sie verraten konnte. Doch diesen Gedanken verbannte sie am liebsten. Adalbert kam aufgrund seiner Erkrankung nicht einmal in den Kreis der Verdächtigen. Und Luise würde lieber selbst hängen, als Konrad oder Schwester Maria zu verdächtigen. Die beiden kamen nicht in Frage. Es waren die Menschen, denen Luise am meisten Vertrauen entgegenbrachte und sie konnte sich nicht durchringen, einen der beiden auch nur in Erwägung zu ziehen.
Da hörte Luise Noels Ansprache. Seltsam kam es ihr schon vor, wie der junge Bibliothekar sich in der Öffentlichkeit derart als menschenverachtender Egoist darstellte, nur um dann zu begründen, dass er der Liebe wegen dem Dorf helfen wollte.
Luise wusste nicht allzu viel über die Liebe. Natürlich war da die Liebe, welche ihre Eltern ihr entgegenbrachten oder, im Fall ihrer Mutter, ihr entgegengebracht hatte. Und die Liebe Konrads, welcher mehr einem Bruder als einem Vetter glich. Vielleicht auch die Art von freundschaftlich-fürsorglicher Liebe, die sie manchmal von erwachsenen Frauen wie Brunhild, Maria oder Viktoria erfuhr.
Aber selbst in ihren jungen Jahren, noch nicht heiratsfähig und innerlich noch ein Kind, wusste Luise, dass dies nicht die Art von Liebe war, die Noel meinte.
Ein wenig mulmig wurde ihr zumute, als sie daran dachte, wie der junge Bibliothekar die Hand an ihre Wange gelegt hatte. Noch nie hatte jemand sie so berührt und, obwohl es sicher eine Geste der Versöhnung und des Trosts gewesen war, wusste Luise nicht so recht, ob sie diese Berührung mochte.
Schnell verdrängte Luise diese Gedankengänge. Es war nicht, als hätten sie etwas miteinander zu tun. Und relevant waren sie für die heutige Wahl auch nicht.
Also lauschte sie weiter Noels Rede, welche ihr von Sekunde zu Sekunde unangenehmer wurde.
Brunhild sollte beschränkt sein? Luise wusste, dass die Wirtin nicht lesen konnte und vermutlich allgemein weniger gebildet war als sie selbst. Doch Brunhild besaß eine wichtigere Weißheit - sie wusste nämlich mit Menschen richtig umzugehen. Etwas, von dem Luise nur träumen konnte, so oft wie sie die Dinge missverstand oder einfach kein Wort herausbekam.
Bei der Bemerkung, dass Maria einer unerträglichen Zunft angehören sollte, klappte Luises Kinlade herunter und sie schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Sie hatte Noel nie in der Kirche gesehen, aber dass er eine derart negative Sicht auf die Kirche hatte, konnte Luise nicht begreifen. Auch seine Worte, welche den Glauben der nonnigsten Nonne unterstützten, klangen eher abwertend.
Und als Luise seine Verdächtigungen hörte, wusste sie nicht mehr, ob es eine so gute Idee gewesen war, Noel um Hilfe zu bitten. Sicher - er nahm einige Dorfbewohner in Schutz. Aber dafür beschuldigte er einige, die ebenfalls extrem unwahrscheinlich waren.
Tyrell? Ja, Luise hatte ihn heute ebenfalls kaum zu Gesicht bekommen. Aber er hatte doch bereits gestern Abend solch fürchterliche Kopfschmerzen gehabt. Schuldbewusst dachte Luise daran, wie sie ihn gestern so auf Trab gehalten hatte. Vielleicht war er über Nacht wirklich krank geworden. Sie sollte später wohl nach ihm schauen.
Und Viktoria? Peter? Beide mochten recht altmodische Menschen sein und keiner der beiden verlor besonders oft viele Worte. Aber Luise wusste einfach, dass beide ein gutes Herz hatten und dies auch oft genug zeigten.
Patricia... konnte gut möglich sein. Luise kannte diese Frau nicht besonders gut. Die Frau in der scheppernden Rüstung war ihr immer etwas suspekt gewesen. Was für einen Beruf hatte sie eigentlich?
Allerdings sah Luise auch die einzelgängerische Merete nicht oft. Wobei diese als Jägerin auch einen sehr einsamen Beruf hatte. Und ihre Verbindung zum verstorbenen Hauptmann war anscheinend gut gewesen.
Nachdem Noel seine Rede beendet hatte, waren die Reaktionen der Gemeinde, verständlicherweise nicht besonders positiv.
Dennoch überraschte Luise, dass ausgerechnet Konrad mir der ersten Nominierung begann. Übelnehmen konnte sie es ihm aber nicht. Noel hätte wissen müssen, dass seine bestenfalls zweifelhaften, schlimmstenfalls ketzerischen Aussagen nicht gut bei den Gottesfürchtigen ankamen. Und Konrad befand sich noch immer in Gewahrsam des Pfarrers und des besten Freund des Henkers. Da verlor auch ein großmütiger Mensch wie er seine Geduld.
Doch, so sehr er sich auch verdächtig machte, irgendwie konnte Luise nicht glauben, dass Noel ein Lumianer war.
Die Art wie er sich auf einem Silbertablett präsentierte... es war beinahe, als wolle er, dass man ihn nominierte.
Ratlos hörte Luise zu, wie Rekon Konrads frühzeitige Entscheidung anzweifelte und Peter sich rechtfertigte. Dann herrschte einen Augenblick lang Stille.
Schließlich beschloss Luise, in Aktion zu treten. All ihren Mut nahm sie zusammen und trat nach vorne. So laut sie konnte, sprach sie: "I-ich möchte auch e-etwas sagen. Mir ist b-bewusst, dass ich nur ein Kind bin und meine Meinung d-deshalb vielleicht nicht so b-begründet ist, wie die eines E-erwachsenen." Vor dem nächsten Satz musste sie erst tief einatmen. Erwachsene mochten es garnicht, von einem Kind belehrt zu werden. "A-aber ich m-möchte sie trotzdem a-aussprechen, d-denn vielleicht k-kann dennoch jemand e-etwas damit anfangen." Luise zitterte unter all den auf sie gerichteten Blicken. Blut schoss ihr ins Gesicht und ihre Beine fühlten sich an, als würden sie jeden Moment nachgeben. Aber sie blieb standhaft und senkte ihren Blick nicht. "I-ich stimme Noel zu, dass es eine Torheit war, unseren ehrwürdigen Pfarrer von Konrads Schuld zu überzeugen. Und ich glaube, dass auch viele andere dies so sehen." Luise blickte ihrem Vetter ins Gesicht und schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, was aufgrund ihrer Nervosität aber wahrscheinlich erbärmlich aussah. Aber so lange, wie Konrad sie schon kannte, verstand er die Geste wahrscheinlich. Und das allein zählte.
Die Apothekertochter fuhr fort: "W-womit ich nicht einverstanden bin, sind s-seine D-darstellungen e-einiger ehrenwerter D-dorfbewohner. M-maria i-ist ihrem B-beruf und damit auch dem Herrgott mit Leib und Seele verschrieben. A-aber trotzdem h-hat sie immer ein o-offenes Ohr f-für uns einfache, sündige Menschen u-und kümmert sich s-so gut sie kann um die Gemeinde. I-ich k-kenne keine edlere G-gesinnung."
Dann fiel ihr Blick auf die Wirtin der "Runden Hirschkuh". "Und Brunhild ist a-alles andere als b-beschränkt. S-sie mag n-nicht lesen können. A-aber sie weiß i-immer, w-wie man anderen Menschen in Not h-hilft. S-sie kümmert s-sich unermüdlich u-um andere u-und lässt s-sich nicht davon abbringen, j-jemanden aufzuheitern o-oder zu trösten. O-ob es n-nun mit aufmunternden Worten o-oder mit warmer M-milch ist."
Luise wurde ein wenig schwindelig von dem vielen lauten Reden und der Menschenmasse, welche sie umgab. Aber sie ließ nicht locker. Sie würde ihre Stimme nicht eher senken, als dass sie gesagt hatte, was sie aussprechen wollte. "W-was Tyrell betrifft... e-es mag sein, d-dass er heute k-kaum gesichtet w-wurde. A-aber ich hatte Gründe d-dafür, ihm gestern m-meine Stimme z-zur Hauptmannswahl zu geben - u-und ich vertraue ihm n-noch immer. E-er litt schon gestern a-an Krankheitssymptomen, v-vielleicht ist er m-mittlerweile bettlägrig u-und wurde deshalb heute k-kaum gesehen."
Dann schaute sie schüchtern erst den Bauern Peter, dann Viktoria an und fuhr fort: "H-herr Eichmann u-und unsere junge Schneiderin s-sind beide nicht b-besonders gesprächig. A-aber beide sind großherzige u-und a-anständige L-leute. H-herr Eichmann war gestern Abend noch mit den anderen i-im Wirtshaus. I-ich habe ihn dort gesehen, wie e-er m-mit den anderen zusammen war u-und auf den alten Hauptmann angestoßen h-hat." Luise warf Konrad einen schuldbewusst Blick zu. "I-ich weiß, dass ein junges M-mädchen wie ich d-dort abends nichts z-zu suchen hat. E-es tut mir leid."
Mit verbleibender Kraft warf sie schließlich ihren letzten Gedankengang in den Raum: "D-dort habe ich d-dann auch jemanden gesehen, d-den ich nicht kannte. U-und zwar d-die "Rote Viola" m-mit der schönen Stimme. I-ich k-kenne sie nicht u-und anscheinend weiß a-auch sonst niemand, w-wer s-sich hinter d-dieser Maske v-verbirgt. W-was ich weiß, ist d-dass sie j-jemand a-aus dem D-dorf sein muss, d-denn eine s-so zarte F-frau könnte u-unmöglich nachts d-den Wald unbeschadet d-durchqueren. I-ich führe da eine Kräutermischung i-in der Apotheke, die herkömmlich als M-medizin angewendet w-wird, a-aber auch einen g-grünen, w-wasserlöslichen F-farbstoff aufweist. V-vielleicht w-wurde d-diese f-für die Haare v-verwendet." Einen Moment schwieg sie und fügte dann eilig hinzu: "I-ich will nicht sagen, d-dass sie eine Schuldige ist. A-ber vielleicht h-hat sie g-gestern Abend e-etwas gesehen."
Dann sprach sie: "U-und i-ich möchte n-noch sagen, dass ich nicht g-glaube, dass Noel e-ein Lumianer i-ist. Ich kann m-mir nicht vorstellen, d-dass e-er dann so v-viel ü-über sie preisgeben u-und sich selbst a-als Zielscheibe d-darbieten w-würde."
Mit diesen Worten trat sie ein paar Schritte zurück, froh, dass ihre Beine nicht nachgaben, und überließ erneut den Erwachsenen das Wort.
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