Der Hauptmann hatte den Beginn der Wahl verkündet und mit Einem Mal trat eine Totenstille auf dem Platz ein. Keiner bewegte sich, niemand wagte zu atmen.
Ross schien etwas irritiert von der Situation und dass niemand sich anschickte, Verdächtigungen auszusprechen.
"Hah..."
Na klar, es würde wieder an ihm hängen bleiben.
Also, sollen wir?
Ja...
Noel drückte lächelnd sein Amulett.
Fangen wir an!
Stumm begab Noel sich auf die Bühne, stellte sich ohne Worte der Erklärung vor Hauptmann Ross und sah emotionslos in die schweigsame Masse.
Ex-Schweigsam. Sofort begann das tuscheln, Blicke unverholender Abneigung und Verdächtigungen trafen Noel.
Was solls.
"Bürger Düsterwalds..."
Diesmal keine Lügen. Kein Schauspiel und keine unnötigen Feindseeligkeiten.
"Wir stehen als Gemeinschaft vor einer sicherlich kniffligen Entscheidung. Es ist ganz natürlich, dass die Anfangsfreude da gering ist. Also möchte ich, der an diesem Abend des Blutes wohl einer der meistgesprochenen Namen ist, zuerst das Wort an euch richten. Sowohl zur Verteidigung als auch zum Angriff. Denn, so sagt man, aktive Wölfe sind berechenbare Wölfe."
Noel ließ den Text auf die Leute wirken, versuchte einzuschätzen, ob sie ihm eine Chance gaben. Genuschel. Verhaltene Blicke. Aber keiner zerrte ihn von der Bühne. Das genügte.
"Ich möchte, gleich einem Egoisten, mit mir beginnen. Wie bereits erwähnt, ist es nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass mein dünner, blasser Hals in einigen Stunden von den massiven Holzbalken des Schafottes hinter mir baumelt.
Wo sollte ich anfangen?
Ich will ehrlich zu euch sein.
Ja... einmal in meinem Leben will ich ehrlich zu anderen Menschen sein.
Ich habe nichts übrig für andere Menschen. Ich verachte viele Leute, verachte ganze Völker. Mein Leben vor diesem Dorf war leer und sinnlos. Doch hier fand ich ein Zuhause. Ich fand Menschen, die sich von der verdorbenen Masse der Zivilisation unterschieden. Und dennoch mied ich euch. Ich brachte euch Missgunst und Lügen gegenüber. Etwa bei meiner Nominierung zum Hauptmann. Es war eine unreine Nominierung, mit derer ich euch spotten wollte. Verzeiht."
Noel verbeugte sich kurz und schwieg einige Sekunden. Das Gesicht von Deusexus neben ihm wurde immer ungläubiger.
Er konnte es verstehen. Noel drehte hier gerade seinen Geist um, sein Leben. Aber er musste stark sein.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, und die ganze Zeit sein Amulett umklammernd, sprach er weiter.
"Ich bin deswegen verdächtig. Auch wegen dem unheimlichen Hautbild, dass ich zur Schau trage. Ich ließ es stechen, als ich jung und dumm war. Entsetzlich dumm."
Noel schwieg einen Moment verbittert. Eine solche Bitterheit konnte man nicht spielen. Sie war echt.
"Wie ich sagte. Ich halte nicht viel von anderen Menschen. Ich schätze dieses Dorf als friedliche Heimat, und sympathisiere mit seinen Bewohnern. Aber es wäre kalt gelogen, dass ich mich aufgrund dieser Verhalte dafür einsetzen würde, eine Lumianer-Sekte auszuschalten. Wahrschenlich wäre es mir egal, und ich würde euch sterben lassen."
Empörung ging durch die Masse, das Getuschel wurde für einen Moment unerträglich laut. Als Noel ungerührt blieb, ebbte die Lautstärke erneut etwas ab.
"Das ist eine Tatsache. Eine Andere ist, dass es in diesem Dorf..." , Noel lächelte warm, er hätte nie gedacht, dass mal ein anderer Mensch als sie dieses Lächeln zu sehen bekäme, "... einen Menschen gibt, den ich über Alles liebe. Einen Menschen, ohne dessen Lächeln ich nicht existieren könnte. Eine geradezu lächerliche Ironie, nicht?
Ihr sollt mir nicht glauben, dass ich ein guter Mensch bin, der sich selbstlos für euch einsetzt. Das bin icht nicht, und werde es, so Fortuna will, nie sein. Aber für diesen einen Menschen... würde ich Alles tun. Und für diesen Menschen werde ich Alles tun, und sei es bis über den Tod hinaus, um jeden Einzelnen von euch vor den Lumianern zu beschützen. Das müsst ihr mir glauben."
Die Art, wie er das Wort "Alles" betont hatte, löste sichtlich irritierte und unsichere Reaktionen aus. Genau wie gewollt.
"Ich bin ein furchtbarer Mensch. Ich bin ein kleiner Feigling, ein Einzelgänger, der mit niemandem klarkommt und sich etwas auf seinen Intellekt einbildet. Aber ich bin, das schwöre ich bei meiner Liebe zu dieser einen Person und bei meinem heiligen Dolch, kein Lumianer und niemand, der jemandem von euch etwas antun wird."
Tief erschöpft hauchte Noel aus.
Seine Seele war von kleinauf durch Hass geprägt. Auch jetzt fühlte er sich unwohl, wollte weg von diesen ganzen Menschen, deren Anblick er kaum ertragen konnte.
Irrelevant. Ich habe es zu ertragen und mich zu verändern.
"Das war genug von mir. Ich werde euer Diener sein im Kampf gegen die Lumianer. Und wir werden die Richtigen finden. Und, so sehr es euch auch schmerzt, dafür müssen wir uns bekannte Personen richten. Darum werde ich nun die Hohnheit besitzen, meine Gedanken mit euch zu teilen, um einen ersten Anstoss des Verdachtes in diese Runde zu bringen. 12 Namen habe ich euch genannt.
Vertraut ihr meiner Menschenkenntnis, so seid euch sicher:
Weder Brunhild, Konrad, Maria noch das Mädchen Lumi gehören zu den Lumianern."
"Ach ja, wie kannst du dir da so sicher sein, du Spinner?"
"Genau! Wahrscheinlich seid ihr vier alle Luminaner und deckt euch!"
"Lutsch meinen riesigen, harten, haarigen *************, du Träne!"
Verschiedene Gesellen aus der Masse schrienen Noel ihre Einwände und... ähnliche Kommentare entgegen.
"Selbstredend sollt ihr einer Person wie mir nicht blind vertrauen. So gestattet, meine Theorie auszuführen:
Brunhild ist die allseitsbekannte Wirtin. Obgleich ich sie nicht schätze, ist sie keine Person, die die Lumianer in die ihrigen Reihen aufnehmen würden. Wie ich erwähnte, ich kenne diese Sekte. Zudem ist Brunhild, man verzeihe mir abermals meine Arroganz, viel zu... nun... beschränkt, eine solche Intrige dauerhaft bestehen lassen zu können. Oder einfach gesagt: Sollte sie lügen würdet ihr es ihr ansehen."
Konrad ist von einem naiven Narren der Mittäterschaft bezichtigt wurden, weswegen er in einen Strudel der Anschuldigungen geriet.
Mit Konrads's gestriger Aufrichtigkeit in Gedanken fuhr Noel fort.
"Doch dies, so ist meine Sicht des Verhaltes, ist purer Unsinn. Konrad, ein redlicher Geselle, seit ich in dieser Umgebung wandele, ist fürsorglicher Cousin Luises' und kümmert sich zudem um ihren bedauernswerten Vater. Denkt ihr einen Moment über diese Tatsache nach, so wird euch sicher auffallen, dass er keinerlei Gründe hätte, sich dem Lumianerpack anzuschließen. Denn das würde bedeuten, er müsste seine Cousine, Luise, töten. Glaubt ihr, er ist dazu im Stande? Denkt ihr ernsthaft, er würde seine kleine Cousine abschlachten?"
Mit vorwurfsvollem Blick und Tonfall ließ Noel eine Pause zu, ließ die Leute nachdenken. Wie es schien, wirkten seine Worte.
"Maria ist eine Frau Gottes und, man gestatte mir die Bemerkung, selbst für diese unerträgliche Zunft nochmal ein ganz eigenes Kaliber. Der Herr selbst würde nach einer Sitzung mit ihr vom Glauben abfallen."
Einige Leute lachten verhallten.Noel war indes nicht klar, dass er einen Scherz gemacht hatte.
"Schon allein von einfachster Logik her ist es ausgeschlossen, eine christliche Nonne den Lumianern zuzuschreiben. Nonnen werden von klein auf erzogen und vorbereitet auf ihr späteres Schicksal. Und ihren Glauben als Erwachsene noch einmal zu revidieren und dem Morden zugänglich zu machen ist, um die Dinge beim Namen zu nennen, unmöglich."
Und schließlich zu Goldlö-ähem, Lumi, dem Mädchen, welches erst gestern zu uns stieß. Dazu mag ich fast keine Worte verlieren, so offensichtlich ist es. Es mag auch für ein Kind möglich sein, dem Wahnsinn anheim zu fallen, doch in Osteuropa gibt es Lumianer nicht, Lumi hätte zudem nicht den geringsten Grund, in dieses Dorf zu kommen und sich einer deutschen Ketzersekte anzuschließen. Außerdem ist das Mädchen viel zu einfach gestrickt für solch eine Sache. Eher würde sie sich mit einem Messer selbst die Pulsadern aufschlitzen bei dem Versuch, es aus einer Scheide zu ziehen."
Wieder machte Noel eine Pause. Ihm ging die Kraft aus, immerhin hasste er es, zu sprechen.
"Diese Personen solltet ihr auf dem Stimmzettel meiden, so bitte ich euch. Wenn man jemanden in Schutz nimmt, hat man selbstredend Verdächtige. Ich werde nicht zögern und auch hier ehrlich zu euch sein. Denn irgendjemand muss die schwersten Worte, die da wie Blei auf unserer Zunge liegen, zuerst aussprechen. Vertraue ich meinem scharfen Verstand, der mich bisher selten im Stich ließ, sind folgende Personen die wahrscheinlichsten Ketzerbasdarde:.....oh verflucht."
Noel kannte die Hälfte der Namen nicht.
Deus! Rettung! Schnell!
Wie heißt das Magiewort?
WOLFSBRATEN, du dreckiger, flohverseuchter Kaminvorleger!
*Seufz...*
Gehorsam nannte ihm Deus die Namen, und so konnte er seine Rede fortsetzen.
"Tyrell, Peter Eichmann, Patricia Andars, Viktoria."
Ein erschrockenes Aufstöhnen ging durch die Masse. Noel sprach ruhig und doch entschlossen. Ohne weitere Reaktionen abzuwarten, fuhr er fort.
"Es ist kein Geheimnis, dass ich den Burschen Tyrell nicht ausstehen kann. Dies jedoch hat hiermit nichts zu tun. Ich weiß, dass er sehr bekannt und aktiv im Dorf ist, jeden Tag zeigt er sich. Doch heute... er ist wie vom Erdboden verschluckt. Nirgendwo sah man ihn. Wo ist der Junge, frage ich mich? Und war er gestern bei der Wahl des Hauptmannes nicht sehr stark enthusiastisch in suspekter Hinsicht? Es liegt mir fern, ein Kind zu verdächtigen. Ich halte ihn nicht für unser größtes Problem, doch behaltet es im Hinterkopf.
Peter Eichmann. Ein nach außen hin aufrichtiges Mitglied dieser Gemeinschaft, mit dem ich persönlich nie viel zu schaffen hatte. Doch auch bei ihm stellt sich die Frage: Wo mag er sein? Und warum ist er trotz dieser Situation anscheinend so vehement unbeteiligt? Könnte es sein, dass die Lumianer ihm etwas geboten haben für seine Unterstützung? Schutz? Reichtum? Ich weiß es nicht, meine Weisheit kennt Grenzen.
Patricia Andars. Ich habe vor vielen Jahren in der Zeitung über sie gelesen. Eine mächtige Ex-Leibwächterin einer der einflußreichsten Fürstinnen aus Fernost. Doch, so die Gerüchte stimmen, wurde sie unehrenhaft aus ihrem Dienst entlassen. Denkt über dieses Gerücht nach, und verbindet es geistig mit der Tatsache, dass sie eine formidable Kämpferin ist. Sie versteht das Morden, sie versteht den Krieg. Und sie zeigt sich kaum bis nie im Dorf, keiner hier kann behaupten, sie näher zu kennen, ist es nicht so!?"
Niemand Antwortete. Der Antwort genug.
"Und schließlich Viktoria, ein junges, unaufälliges Mädchen. Ich traf sie nur einige Male des Nachts durch Zufall. Meine Menschenkenntnis mag mich täuschen, doch diese Frau ist nicht das, was sie vorgibt, zu sein. Tief in ihr brodeln Gefühle, die so intensiv sind, dass der Himmel allein weiß, zu was sie führen können. Sie ist insichgekehrt und pflegt kaum öffentliche Kontakte. Das perfekte Muster eines Lumianers."
Damit herrschte Stille. Noel hatte im Großen und Ganzen gesagt, was er zu berichten hatte. Sein Hals war gänzlich ausgetrocknet, sein Hemd durchschwitzt und er relativ am Ende. Er wollte nur noch runter von der Bühne.
"Das ist Alles, für nun.
Bitte lasst mich ein Letztes Mal sagen:
Ich bin ein Diener dieses Dorfes. Und jeder Beweis meiner Unschuld, den ich euch erbringen darf, werde ich erbringen. Jeden, ohne Ausnahme. Denkt über meine Worte nach; denn ganz gleich, wer heute nacht stirbt, es ist ein Mitglied des Dorfes. Eine solche Wahl sollte wohlüberlegt sein, nicht?"
Ein letztes Mal verbeugte Noel sich tief, bevor er nach seiner langen Rede schweigend die Bühne mit dem verdutzten Hauptmann und der überforderten Masse zurückließ.
Noel entdeckte eine Bank am Rande des Platzes, gerade nah genug, um die Worte an der Bühne wahrzunehmen. Erschöpft ließ er sich darauf fallen und beobachtete mit halbgeöffneten Augen das Treiben.
Nicht schlecht, Noel. Ich dachte, ich würde dich kennen. Offensichtlich habe ich mich geirrt. Denn keines deiner Worte war gelogen.
Deusexus legte sich neben Noel auf die Bank, bettete seine Schnauze auf Noels' Knien.
Ich sagte es doch bereits. Ich werde mich für die Göttin, die ich liebe, verändern. Diese Veränderung begann soeben. Ich werde meinen Hass ablegen. Das schwöre ich.
Nun lag sein Leben in den wankelmütigen Händen des Schicksals.
Oder waren es Pfoten?





