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Thema: Das Dorf Gottes 2-Tag 1

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  1. #1
    Peter stand an diesem Morgen früh auf. Die gestrige Versammlung auf dem Dorfplatz, die Nachricht vom Tode des Hauptmanns und die Wahl eines neuen sowie der anschließende Besuch im Wirtshaus mit Konrad hatte seinen ursprünglichen Tagesablauf gehörig durcheinander gebracht. Er war auf dem Felde lange nicht so weit gekommen, wie er es vorgehabt hatte. Das wollte er an diesem Freitag aufholen, damit er am geheiligten Wochenende keine Zusatzschichten schuften musste und stattdessen Zeit für die Familie hatte.
    "Ich schicke dir am Mittag Willi mit einem Brot vorbei. Dann musst du nicht extra heim kommen, sondern kannst auf dem Felde essen." sagte ihm Margarethe zum Abschied. "Und zieh dir das dicke Gewand über, es ist über Nacht wieder sehr kalt geworden." "Ich hoffe, der Boden ist nicht zu hart. Noch mehr Verzögerungen kann ich mir nicht leisten" entgegnete Peter und schich leise aus dem Haus, da die Kinder noch schliefen und er sie nicht wecken wollte.

    Doch er sollte an diesem Tage erneut nicht weit kommen mit seiner Arbeit. Der Acker war in dieser Nacht hart wie Stein geworden, da sollte keines seiner Werkzeuge durch kommen. "Na komm, mein Brauner" sagte er seufzend zu seinem alten Pferd "gehen wir nach Hause." Zu Hause angekommen, waren inzwischen auch die Kinder wach. Doch der kleinen Anna war der nächtliche Kälteeinbruch gar nicht gut bekommen. "Sie hustet und hat Fieber bekommen. Bitte Peter, kannst du eiligst zum Apotheker gehen und nach Medizin für sie fragen? Ich weiß nicht, ob ich es selbst in den Griff bekomme." Und so machte sich Peter auf den Weg ins Dorf und noch bevor er die Apotheke erreichte, wunderte er sich über die erneute Versammlung auf dem Dorfplatz. Anscheinend war eine Diskussion ausgebrochen.

    "Also gut, dann soll es so sein. Wir treffen uns heute Abend alle wieder hier auf diesem Platz und dann entscheiden wir, wer von uns als Lumianer enttarnt werden soll. Ich will jeden dann jeden sehen, der gestern bei der Wahl dabei war. Außerdem soll Konrad erklären, was es mit dieser Stimme auf sich hat. Sprecht das im Dorf herum." vernahm er die Worte des neues Hauptmanns Ross. "Falls irgendwer etwas weiß, falls irgendwer etwas gehört hat, will ich dass er es mir mitteilt. Das letzte, was ich will, ist einen Unschuldigen zu opfern." mit diesen Worten wollte er den Platz verlassen, blieb jedoch noch einmal kurz stehen "Ich werde Anweisungen geben lassen, den Marktplatz nach Hinweisen abzusuchen. Wenn das erledigt ist, wird hier der Galgen aufgebaut werden. Ich bitte, nein als Hauptmann befehle ich ausdrücklich, dass alle heute Abend hier zu erscheinen haben, um abzustimmen, wer sich nicht daran hält, macht sich verdächtig"

    Lumianer? Galgen? Peter verstand nicht, um was es ging und wendete sich daher an den neuen Hauptmann "Ross, was geht hier vor? Es soll jemand an den Galgen gehängt werden? Wer würde so eine gottlose Tat vollbringen?" Daraufhin zeigte ihm Ross die Nachrichten des Pfarrers und der Lumianer. "Ja Herrgottzeiten noch mal!" entfuhr es Peter, als er von der Anwesenheit der Sekte im beschaulichen Düsterwald hörte. Ungläubige. GottIose Ketzer. I hob's ja geahnt. murmelte er vor sich hin und seine Gedanken wanderten als erstes zu Noel. Er war ihm schon immer sehr suspekt gewesen. Es würde Peter in keinster Weise wundern, wenn er dieses Unheil in das Dorf gebracht hatte.

    In diesem Moment kam auch Konrad dazu und bat sie sich um Luise zu kümmern, sollte sich das Dorf gegen ihn entscheiden. Konrad? Wer würde ihn beschuldigen? Er begegnete ihm jeden Sonntag in der Kirche. Er war doch kein Ketzer, kein Anhänger einer gottlosen Sekte. Aber warum behauptet der Pfarrer...? Peter starrte gedankenverloren vor sich hin und bekam dabei gar nicht mit, wie Konrad den Hauptmann auf das Papier aufmerksam machte.

    Geändert von Layana (25.03.2013 um 21:06 Uhr)

  2. #2
    Patricia tappste durch das Dorf. Wobei tappsen in dieser Aufmachung wohl das falsche Worte war. Jeder Schritt hörte sich an, als würde der Alteisenhändler sein Lager renovieren.
    Im Dorf herrschte Bärenstimmung. Von dem was sie aufschnappen konnte, machten sich die Leute Sorgen um einen Fetzen Papier, ein Schwert und irgendwelche Sektenspinner, die dem Dorf Gewalt androhten.
    Meinten die damit den rothaarigen Kleiderständer? Der hatte doch gestern immerhin auf offener Straße einen alen Mann echt unsanft angepackt. Den Mann hatte sie danach auch nicht mehr gesehen.
    Die ganze Nachdenkerei machte echt hungrig. Was mit Honig wäre jetzt toll, brummte Patricia in sich hinein und machte sich auf den Weg.
    Auf dem Dorfplatz stand der Kleiderhaken inmitten einer Menschentraube und keifte hysterisch herumfuchtelnd herum. Patricia fühlte sich bestätigt und trottete weiter, zur Taverne.

    Geändert von WeTa (25.03.2013 um 21:59 Uhr)

  3. #3
    Noel saß jetzt seit zwei oder drei Stunden stumm auf der Bank und döste vor sich hin. Langsam wurde es spät und damit kühlte es auf. Allmählich hatte er keine Lust mehr, hier herumzuhängen, also dachte er über Alternativen nach.

    Zuhause, Bibliothek - Zu weit entfernt. Er musste ja bei dieser lästigen Wahl dabei sein.

    Freunde besuchen - Nun, wohl eher nicht.

    Das Wirtshaus - Grmbl. Es war gerade gut besucht, und sich in einem Wirtshaus die Kante zu geben, war so gar nicht sein Gefallen. Allerdings fiel ihm nichts Anderes ein und es konnte auch nicht schaden, sich mal ein Bier zu gönnen. Stumm erhob sich der tätowierte Junge und schlurfte in Richtung des vor Lichtern glühenden Gebäudes los.

    Folgst du schon wieder Luise? Du solltest vielleicht wissen, wann es vorerst genug ist. Deine Ansprache war in der Hinsicht ein Holzhammer, wenn du verstehst.

    Ja, Noel verstand. Auch wenn er sich zurückgehalten hatte, das musste für die Kleine Elfe ein anmaßender Kontrast gewesen sein. Aber es half nichts; Irgendwann hätte sie so oder so davon erfahren, was für eine wahnsinnige Bestie er ist.

    Ich will nicht zu Luise. Mir ist es hier zu ungemütlich. Ein Bier sollte auch für mich nicht so schwer zu ertragen sein.

    Na fein. Vielleicht fällt ja ein saftiger Braten für mich ab.

    Ist der Himmel kirschrot?

    ...

    Stumm öffnete Noel die hölzernen Türen der Schenke. Das Bild, dass sich ihm bot, war angenehmer als erwartet: Es war nicht so voll wie er gedacht hätte, vereinzelt saßen Leute an den runden Holztischen oder spielten Zillard, seine Elfe war nicht hier, was Noel durchaus gut passte. Die Wirtin verteilte gerade Bier, der Thresen war hingegen vollkommen unbesetzt. Also entschied Noel sich, dort einen Platz zu suchen.

    Er hatte sich kaum gesetzt, da kam ihm die Wirtin mit argwöhnischer Miene entgegen. Bevor sie den Mund öffnen konnte, um etwas zu sagen, schnitt Noel ihr ruhig das Wort ab.
    "Jeder Gast ist ein willkommener Gast. Ist es nicht so?"

    Das war das Motto deutscher Wirtshäuser. Brunhild wollte etwas erwiedern, aber für einen Moment schienen ihr die Worte zu fehlen. Noel hatte getroffen. Zähneknirschend begab sie sich hinter ihren Thresen und fragte mit zusammangepressten Zähnen, was er haben wöllte.

    "Ein Bier, wenns genehm ist. Möglichst süß, ich mag keine bitteren Dinge. Das süße Bier der großen Städte ist hervorragend, ich bin gespannt, einen Vergleich zu ziehen."
    Der Hauch Spott, den Noel in seine Aussage legte und das wirklich, wirklich, wirklich gut versteckte Lächeln waren eher unbeabsichtigt.

    Einige Minuten später hatte er einen großen Krug des Getränkes vor sich stehen. Da sah er sich um; Deus hatte es sich in einer Ecke der Taverne gemütlich gemacht, und Noel schloss, dass es kein Zufall war, das ebenjene Ecke dort lag, wo man einen formidablen Ausblick auf jenes hatte, was unter den Röcken der in der Nähe sitzenden Maiden lag. Kopfschüttelnd wandte er sich seinem Bier zu und nahm einen Schluck.
    Nicht übel.

    Noel hatte den Krug kaum abgestellt, da setzte sich eine kleine Gestalt neben ihm. Blonde Haare, ein schmutziges Gesicht und ein kleines Wiesel auf der Schulter erinnerten ihn schnell daran, dass es sich um die Streunerin von gestern handelte. Die beiden sahen einander einige Sekunden stumm in die Augen, bis Lumi das Wort eröffnete.
    "Du guckst so wie ich mich gerade fühle. Solange du mir nur in Augen guckst und nicht auf Füße ist alles gut, ja."

    Noels rechte Augenbraue zog sich fragend in die Höhe. Dennoch war die Anwesenheit der Göre ihm nicht unangenehm. Ja, warum nicht etwas Zeit mit ihr totschlagen.
    "Hm. Hey, ich lade dich ein, Mädchen. Was willst du trinken? Saft? Tee? Milch?"

    Sie gab ein "Pfff..." von sich und lehnte sich grinsend zurück. "Saft zu bitter, Milch zu fad, von Tee krieg ich Blähungen. Entweder Wasser oder Bier, such dir eins aus wenn du nicht sterben willst wegen halálos fingás [tödlicher Fürze]." Einen Moment später klärte sie ihn auf. "Fürze die töten. Willst du nicht, echt. Also lieber Wasser oder Dünnbier, such' dir was aus, bin gerade zu sehr-"

    "Ist ja gut, in Ordnung."
    Noel lachte kurze leise auf.
    "Du bist amüsant, weißt du das, Löckchen? Wirtin, Einmal ein kräftiges Bier für den Schmutzfink hier!"
    Noel warf der missmutigen Brunhild ein paar weitere Goldmünzen hin, worauf Lumi ihr Getränk bekam.

    "Was ist los mit dir? Genervt von den Dorfbewohnern? Schlechten Tag gehabt? Oder ist dein Tier an Würmern erkrankt?"

    "Nein zu alles.", stöhnte sie, nachdenklich ins Leere schauend. Bedanken konnte sie sich ja immer noch wenn das Bier dann mal leer war. "Aber kennst du das, wenn du irgendwas sagst was du nicht ernst meinst und dann plötzlich sieht's so aus als ob genau das passieren würde?" Noch einmal seufzte sie leise. "So wie wenn du jemandem aus Spaß sagst 'Ich hoffe du hast morgen Unfall.' und dann hat er am nächsten Tag Unfall - so in etwa."

    "Hm. Gewissermaßen."
    Noels Blick sank auf sein silbernes Amulett, mit den Gedanken woanders.
    "Hast du jemanden verloren, der dir wichtig ist? Woher kommst du, Mädchen? Oder redest du... davon?"
    Noel deutete mit dem Finger auf die Tür des Wirtshauses, etwa in die Richtung, in der das Schwert steckte.

    Als Reaktion kam nur ein Schulterzucken. "Irgendwie beides. Irgendwie nicht. Ist kompi-komplis-kom..."

    "Kompliziert?"

    "Igen [Jepp], genau das. Wer hat nicht Angst vor Dolchen mit Blut dran und komische Zettel wo so kruptischer Kram draufsteht, ja? Und alles nachdem euer Analbert-Hauptmann tot ist. Ist merkwürdig, oder? Ist wei das eine Mal, wo..."
    Sie hatten gerade die Zelte aufgeschlagen.
    "... das war..."
    Ein Speer mit Blut an der Klinge steckt im Boden. Daneben er. Leblos.
    "... mit sowas."
    Eine Spur in Form eines Kruzifixes in den Staub gemalt.
    Sie rührte mit dem Zeigefinger im Bierschaum herum, während sie gedanklich abschweifte. "Entschuldige, ich bin nur... bei sowas wird mir..." Sie räusperte sich udn hob den Krug an zum Prost. "Darauf, dass es nciht noch schlimmer wird, ja?"

    Noel lächelte seicht. Das Mädchen war ihm sympathisch, und sei es nur, weil es ihr nicht besser ging als ihm.

    "Ist schon in Ordnung."
    Damit stieß er mit ihr an, trank das süße, goldene Gebräu, woraufhin eine kurze Stille zwischen den Beiden einsetzte.

    "Hey."

    Das Mädchen sah auf.

    "Wie ist dein Name? Dich immer nur Schmutzfink, Göre oder Blondlöckchen zu nennen, ist mir zu mühsam. Ich heiße Noel."


    "Lumi-", sie beendete abrupt. Ihr voller Name war mehr oder weniger ein böses wandelndes Omen.

    "Nun, dann pass auf, Lumi. Ich achte schon darauf, dass man dir nicht deinen noch jungen Hintern aufreisst. Es wäre ein Verschwendung von unbeschmutztem Leben, dich zu richten. Zumal ich dir nicht zutraue..." , Noels Blick fuhr hinüber zu Deus, der die beiden grinsend beobachtete, "dich solchen Narren anzuschließen. Da scheinst du mir entschieden zu vernünftig. Also passe ich auf dich auf."

    Lächelnd tippte Noel ihr mit dem Zeigefinger sanft gegen die Stirn.


    "Ich bin großes Mädchen, aber danke. Für Bier.", sagte sie mit dem Anflug eines Grinsens auf dem Gesicht. "Solltest öfter nett sein, steht dich viel besser als dich zu benehmen wie seggfej. Äh, wie Arschloch." Pause. "Tut mir leid wegen 'Arschloch'."

    Affektiv hielt Noel sich die Hand vors Gesicht, kicherte er doch ungewohnt herzhaft los. Verflucht, was war das?
    War er plötzlich ein gottverdammter Optimist?
    Noel wollte gerade weitersprechen, als krachend die Tür der Taverne auffiel.

    "Es geht los! Es geht los!"
    Der Bauer schluckte bedeutungsschwer.
    "Die Hinrichtung. Die Wahl des Hängenden. Sie beginnt! Alle auf den Dorfplatz!"
    Und damit verschwand er auch schon Richtung besagten Platzes.

    Noels Blick wurde wieder ernster. Jetzt ging es los.
    Stumm nickte er Deus zu, welcher sich schon erhoben hatte.
    Noel umfasste sein silbernes Amulett, drückte einen gehauchten Kuss darauf und wandte sich ein letztes Mal Lumi zu.
    "Also dann Lumi,"
    Er zwinkerte ihr zu.
    "Lass uns sehen, wer gleich vom Holze baumelt und hoffen, dass wir es noch sehen werden."

    Und damit trat der junge Mnn auf den dunklen Platz, vielleicht seinen letzten Gang machend. Deus schritt an seiner Seite.
    Doch wenn es sein letzter Gang war... wüsste er schon ganz genau, wie er sterben wöllte.
    Nicht durch das Seil.
    Nicht durch die Meute.





    Durch eine kleine, herzensreine Elfe mit wundervollen, roten Haaren.

    Geändert von Holo (26.03.2013 um 00:09 Uhr)

  4. #4
    Maria war immer noch ins Gebet vertieft, und bemerkte kaum, dass Luise die Kirche betrat und sich neben sie stellte. Erst, als das rothaarige Mädchen sprach: "Ich bitte Euch, Schwester Maria. I-ich bitte Euch im Namen des Herrn und bei all seinen Engeln und Heiligen. Bitte, rettet Konrad!" blickte Maria überrascht auf. Sie spürte die Dringlichkeit des Wunsches, zumal Maria auch von Luises familiärer Beziehung zu Konrad wusste, und fing an, nach Worten zu suchen, die dem Mädchen helfen würden. Jedoch sprach Luise weiter, ehe Maria antworten konnte.
    "Bitte! Ich werde alles tun, was Ihr wollt. Ich würde mich sogar selbst an seine Stelle setzen, wenn Ihr das für notwendig erachtet. Ich vertraue Euch. Ihr werdet im Namen des Herrn urteilen, das weiß ich." Maria wusste zunächst nicht genau, wie sie sich formulieren sollte, als sie die Traurigkeit erkannte, die in Luises Augen lag. Voller Tränen standen sie, und so wie die Lage aussah, würde es eine Weile dauern, bis das Mädchen wieder Sorglos vor sich hin leben dürfte. Luise redete weiter in Marias beginnenden Gedankengang hinein: "Ich weiß, es ist eine große Bitte. Aber helft mir, weise zu handeln und Konrad zu retten!"

    Maria würde sich sehr freuen, wenn das Apothekermädchen überhaupt jemals wieder sorglos leben könnte, denn wer weiß, welche Leben diese Sekte in den nächsten Tagen kosten würde. Vielleicht nur noch die der Sektenmitglieder, vielleicht auch die aller Unschuldigen. Es war ein so furchtbarer Gedanke, dass Maria schlecht dabei wurde. Wo war dieses ansonsten so friedliche Dorf da nur reingeraten? ... Eins stand jedoch fest: Wenn einer helfen konnte, die Lumianer aufzuspüren, und das schlimmste zu verhindern, dann vermutlich Noel. Er schien Erfahrung mit ihnen zu haben, hatte er ja nach eigenen Angaben mit den Lumianern bereits zu kämpfen gehabt.
    "Luise", begann Maria schließlich, und blickte ihr tief in die traurigen Augen. Jetzt galt es, dem Mädchen wieder Mut einzubringen, denn die Stimme des Pfarrers entsprach nicht der Meinung aller Dorfbewohner. "Es gibt da diesen Psalm, den ich erst vorhin wieder gelesen habe:
    'Mit Tränen bringen wir die Saat aus, doch jubeln dürfen wir, wenn die Zeit der Ernte kommt.'*
    Ich sehe, dass es dir zurzeit nicht allzu gut geht. Ich brauche dich nicht einmal dafür anzusehen, nein. An deiner Stimme ist es zu hören, und wer deine Situation kennt, der braucht nichtmal deine Worte dazu. Aber auch die nächsten Tage werden keine schönen sein. Und jede Wahl, die wir treffen, wird uns im innersten Schmerzen, denn dies bedeutet jeden Abend ein weiterer Abschied. Hoffentlich erwischen wir die richtigen Personen, also diejenigen, die verbergen, ein Lumianer zu sein. Aber genau wissen werden wir es erst hinterher."

    Luise schien merklich betroffen zu sein, sodass Maria dem Bedürfnis, diesem schwachen, hilflosen Wesen eine schützende Umarmung zu geben, weder widerstehen konnte noch wollte.
    "Ach, meine liebe Luise. So mach dir doch nicht so viel Sorgen um ihn. Ich kann nicht oft genug wiederholen, dass ich fest von Konrads Unschuld überzeugt bin. Er ist ein pflichtbewusster, stattlicher Mann von großer Güte und Treue und er möchte die gewiss Lumianer mit ebenso großem Interesse verjagen, wie wir alle. In der Bibel heißt es 'Gottes Wege sind vollkommen. Er ist ein Schild allen, die ihm vertrauen.**' - Konrad ist einer von uns, der Gott vertraut. Deswegen vertraue ich Konrad." Die Nonnige ließ los, ergriff stattdessen Luises Hände und sah sie Luise erneut an, diesmal mit einem festen und entschlossenen Blick.
    "Das ändert natürlich nichts daran, dass er bereits eine Stimme auf dem Wahlzettel bekommen hat. Denke daran, dass eine Stimme allein nicht gilt, sondern alle Stimmen, die am Abend zusammen kommen, zählen. Heute Abend werden wir gemeinsam einen aus unserer Reihe bestimmen müssen - auch du wirst eine Wahl treffen - wer das Dorf als Lumianer verlassen muss. Der Pfarrer muss einem Irrtum unterliegen, vielleicht vertraut er selbst dem Falschen. Wer weiß wer diese Person ist, die das Vertrauen des Pfarrers so stark innehält, dass dieser sogar den Treuen Konrad wählt. Hast du gehört, was Noel erzählt hat? Anscheinend hat er sie früher schon einmal bekämpft." Maria blickte bei dem Gedanken an Noel, der ihr immer noch ein wenig unbehagen bereitete, einen Moment zum Kirchenfenster, durch das, bunt gestreut, schwaches Tageslicht hineinfiel, und sah dann wieder Luise ins Gesicht. "Die Lumianer sind vermutlich sehr trickreich und erfahren, denn laut unserem Bibliothekar haben sie bereits viele Leute in die Irre geführt. Wer weiß, ob nicht ein Lumianer mit dem Pfarrer gesprochen hat. Ein Lumianer, der jetzt versucht, das furchtbare Werk seiner Sekte anzutreiben, und umso mehr Menschen leiden zu sehen."
    Einen Augenblick fehlten ihr weitere Worte, doch sie besann sich ihrer Nonnigkeit und versuchte, noch ein wenig mehr zu sagen, was Luise helfen könnte.
    "Konrad macht sich um dich gewiss genauso viele Sorgen wie du dir um ihn. Aber wenn du ihm helfen willst, bleibt dir kaum etwas anderes übrig, als jemand anderen dafür zu wählen. Luise. Ich kann dir nicht sagen, wen du wählen sollst. Dies ist eine schwere Wahl, die auch ich bisher nicht treffen konnte und die mir auch noch sehr schwer fallen wird." So langsam wurde Maria bewusst, dass sie sich wiederholte. Doch vielleicht war das ganz gut so, denn sie empfand es als wichtig, was sie versuchte, Luise mitzuteilen, und wiederholungen sollen ja bekanntlich besser im Gedächtnis bleiben.

    Erneut läuteten die Glocken und Maria blickte in die Richtung, in der etwa die Glocken hängen dürften, die man vom Kirchraum aus nicht sah. Nach dem das Geläut verklungen war, führte sie ihren Monolog zu Ende, Luises Hände immer noch haltend:
    "Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, der aus dem tiefsten Herzen einer Nonne kommt, dann bedenke folgende Worte: Was andere uns zutrauen, ist meist bezeichnender für sie als für uns."


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    * (Psalm 126,5)
    ** (2.Samuel 31)

    Geändert von Wencke (26.03.2013 um 00:27 Uhr)

  5. #5
    "Nein, Mädchen! Gewöhnliches Schmiederwerk. Könnt' von überall sein." Die raue Stimme des dickwanstigen Schmieds kratzte in ihren Ohren. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, legte er das Schwert vor sie und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Merete nahm es an sich, doch beschloss, es alsbald loszuwerden. In Anbetracht der Umstände würde es ihrer Geltung schaden, mit einer blutigen Klinge durch das Dorf zu schreiten.

    Lass sie mich nicht verdächtigen!, dachte sie still und appellierte an ihren Verstand. Wenn sie nur ihr Bestes tat, die wahren Täter ausfindig zu machen, würde niemand sie beschuldigen. Doch andererseits: Hatte sie es in der Hand? So wie sie es verstand, war nahezu jeder in diesem Dorf rechtschaffen. Und dennoch - jemand würde verurteilt werden. Und würde es nicht erst die Ungläubigen treffen? Sie, die sie annähernd ihr gesamtes Leben damit verbrachte, vor der unbarmherzigen Gewalt der Kirche zu fliehen? Und selbst wenn sie das Vertrauen der Gemeinde besaß - davor, Ziel der blutrünstigen Sekte zu werden, bewahrte es sie nicht. Eine Kämpferin wie sie würde heimtückisch im Schlaf gelyncht werden, ehe sie sich im Kampf den Feinden stellen könnte.

    Den Besorgnis verbergenden Blick stolz nach vorne gerichtet stieß sie - das Schwert im Gürtel verankert - zu der kleiner gewordenen Masse am Brunnen, blickte sich um. Kaum vorstellbar, dass einer dieser Menschen ein falsches Spiel spielte. Freiwillig den Frieden, die angenehme Stille vom Dorf zu nehmen, schien der verwaisten Jägerin töricht. Wer würde so etwas wollen? Welche Vorteile brächte es mit sich, Dorfleute zu töten, sie gegeneinander aufzubringen, wenn man doch einer von ihnen war? Konnte allein der Hass Menschen so weit treiben?

    "Hauptmann!", rief sie und ließ ihren Blick starr auf dem neu gewählten Vertreter liegen, während ihre Beine sie zügig in seine Richtung trugen. Sie wiederholte den Ausruf zwei mal, je näher sie ihm kam, da er drauf und dran war, den Dorfplatz in Richtung des Haupthauses zu verlassen. Erst spät erlangte sie seine Aufmerksamkeit, blieb mit beiden Beinen vor ihm stehen, zog den linken Fuß hoch, um den Halt nicht im schlammig gewordenen Untergrund zu verlieren, während der harte Regen erbarmungslos ihr Haar, ihre Haut und den noch zu dünnen Stoff über dieser auspeitschte. "Hauptmann. Der Dorfschmied konnte mir nur wenig über die Klinge verraten. Sie sei gewöhnlich, ihre Herkunft nicht auszumachen", waren ihre Worte, gefolgt von einem raschen, jedoch vorsichtigen Herausziehen des Schwertes aus dem Leder, welches ihre Hüfte umspannte. "Wohl ist es in Ihrer Hand am tauglichsten aufgehoben, Hauptmann!", fügte Merete hinzu und bot ihm den Griff des Schwertes an, indem sie es - die Klinge vor ihrer eigenen Brust - von sich hielt, die schmutzigen Hände als Sockel für die Schneide benutzend.

    Geändert von MeTa (26.03.2013 um 00:28 Uhr)

  6. #6
    Ross hatte erst gar nicht gemerkt, dass er den Zettel in der Hand trug, bis Konrad ihm etwas entgegenwarf, was Ross aber nicht gleich verstand. „Das Papier, Ross, das Papier!“ ja natürlich, Ross hielt den Zettel in der Hand und was war da jetzt so besonders? Bevor er noch einen weiteren Gedanken daran verschwenden konnte, tauchte plötzlich die Jägerin Merete auf und begann über das Schwert zu reden. Danach hielt sie ihm dieses hin. "Wohl ist es in ihrer Hand am tauglichsten aufgehoben, Hauptmann!"

    Ross war zuerst verwirrt, nahm nach einigem Zögern aber die Klinge entgegen. "Eine gewöhnliche Klinge? Das Material vielleicht, aber seine Existenz ist eine Kriegserklärung an uns und ich will nicht in Händen halten, was mit den schmutzigen Händen des Feindes besudelt wurde. Aber als Beweismittel ist es sicherlich dienlich." dann fügte Ross noch hinzu "Konnte der Schmied noch irgendwas anderes dazu sagen? Wo die Waffe herkam zum Beispiel?" dann erinnerte Ross sich an etwas anderes "Es klebte doch Blut an der Klinge, nicht war? Wenn wir herausfinden, wessen Tier damit getötet wurde, können wir vielleicht herausfinden, wo sich diese Lumianer versteckt haben...dort wo sie das Tier abgeschlachtet haben, müssen Spuren sein."

    Jetzt richtete Ross seinen Blick auf den Zettel, der noch immer in seiner Hand lag. "Ich werde jetzt diesen Konrad verhören, du Merete suchst dir ein paar Leute und fragst bei allen Bauern nach, die Vieh besitzen. Wenn sie Verluste beklagen, schaut euch in der dortigen Umgebung nach Spuren um." der Rest war mehr ein Selbstgespräch "Der Rest soll sich um den Galgen kümmern. Außerdem muss jemand den Pfarrer bei Laune halten..." seufzend bedeutete Ross mit einer Handbewegung Merete, dass sie sich beeilen sollte. Danach gab er noch ein paar Anweisungen an einige der Anwesenden, die sich bereits in Bewegung gesetzt hatten, den Galgen aufzubauen, bevor er letztlich dem Pfarrer hinterhereilte.

  7. #7
    Mit einem höflichen Nicken nahm sie die Aufgabe an, die der Hauptmann Merete zuteil werden ließ, ohne sich sicher zu sein, ob dieser jene Geste noch erkannte, wies er doch bereits weitere Dörfler an, sich um den Galgen zu kümmern. Der Gedanke an das verordnete Töten gefiel ihr nicht, beängstigte sie gar. Würde erst Blut auf dem Grund dieser Gemeinde vergossen, wären die Flammen der Angst tief in den Herzen der Überlebenden verankert, würden sie zu hasserfüllten Bestien machen, die sich selbst in ihrer Mordlust auf eine Stufe stellten mit dem, was sie jagten.

    Unzählige Menschen hatte sie getötet. Doch kam dies stets nur dann in Frage, wenn ihr Leben - oder das eines Freundes - unmittelbar bedroht war.

    Nicht zuletzt, um in der Suche nach den Lumianern ihr Übriges zu leisten und die Gedanken an das Töten Unschuldiger abzuwimmeln, machte die Jägerin sich auf, die Viehwirte dieses Dorfes zu befragen. Ihr Weg führte sie zum Haupthaus, an dessen Südseite sie einen der Läufer entdeckte, gar jenen, der ihr am Vortag von der Versammlung berichtete, bei der der junge Mechaniker sie und die anderen über den Tod des Hauptmannes aufklärte. Der junge Bursche schien vertieft in ein Gespräch mit einem jungen Mädchen, das ihr blondes Haar zu zwei Zöpfen geflochten hatte und sich neben dem - das Gemäuer leicht überragenden - Dach des Verwaltungsgebäudes nur durch den dünnen, doch edlen weißen Stoff des Tuchs, welches ihr Haupt bedeckte, vor dem Regen schützte.

    Das laute Fauchen des Niederschlags verwehrte Merete, selbst Fetzen der Konversation aufgreifen zu können, doch als sie näher trat und ihr Fuß lautstark Wasser aus einer größeren Pfütze verdrängte, erschraken beide. Das Mädchen lief ohne jegliche Verabschiedung davon und hinterließ einen Botenjungen, der die Bogenschützin nun ertappt dreinblickend ansah. Ihre Verwirrung verbergend erhob sie das Wort, sprach lauter, um die Oberhand über das Prasseln des Regens zu gewinnen.

    "Ich habe Anweisung des Hauptmannes, die Bauern dieses Dorfes zu ihrem Vieh zu befragen. Wenn es eine Liste gäbe, die sämtliche Zuchten samt der ihnen zugehörigen Wirte enthielt, so bäte ich darum, sie zu sehen." Zuerst noch untersuchend an die leere Stelle zwischen den zwei Hütten blickend, hinter denen das Mädchen verschwunden war, fasste sich der Dorfläufer schließlich und schenkte Merete ein befreiendes Nicken. Für wenige Momente verschwand er im Inneren des Haupthauses und kehrte mit einem Schriftstück zurück.

    Sie bat den Jungen, ihr einen Auszug der Liste vorzulesen und wies ihn an, im Auftrag des Hauptmannes andere Helfer zu finden, die die verbleibenden Viehwirte nach dem Zustand ihrer Tiere befragen sollten. Er nickte hörig und ließ sie einen der Namen wissen.

    Peter Eichmann!, rekapitulierte Merete anschließend in ihren Gedanken und machte sich auf den Weg, ihn zu finden. Ihr Interesse an den Menschen war erst frisch, doch verband sie das Bild eines stämmigen, braunhaarigen Mannes mit dem Namen. So suchte sie - durch die kalte Nässe schreitend - das Dorf ab, wurde abermals am Platz beim Brunnen fündig, so glaubte sie.

    "Peter Eichmann!", wiederholte sie, erneut lautstark gegen die akustische Gewalt des Unwetters ankämpfend, trat dabei auf den Mann zu, den sie für den entsprechenden Bauern hielt. "Der Hauptmann schickt mich!"

    Geändert von MeTa (26.03.2013 um 01:19 Uhr)

  8. #8
    Einen Moment lang stand Luise einfach da, ihre Hände in Marias, und ließ sich die Worte der Nonne durch den Kopf gehen.
    Was andere uns zutrauen, ist meist bezeichnender für sie als für uns.
    Luise glaubte, den Satz zu verstehen, obwohl sie selbt Schwierigkeiten hatte, jemanden einer Schandtat zu bezichtigen.
    Doch sie hatte schon oft gesehen, wie Erwachsene sich gegenseitig mal mehr, mal minder üble Beschuldigungen an den Kopf warfen, wenn es Probleme gab. Und oft genug stellte sich heraus, dass sie genau das Verhalten am Gegenüber kritisierten, was ihnen selbst zu eigen war.
    Somit war es auch durchaus möglich, dass jene, die zuerst begannen andere als Lumianer zu beschuldigen, selbst solche waren.
    Aber würde Luise sich nicht selbst schuldig machen, indem sie jemanden wählte, ohne Beweise zu haben, dass er wirklich einer dieser bösartigen, menschenverachtenden Ketzer war?
    Sie sollte dies im Hinterkopf behalten. Denn selbst wenn das Dorf einstimmig jemand anderen als Konrad bestimmen würde, und selbst wenn sich der Gewählte als einziger Lumianer im Dorf herausstellen - selbst dann hätte Luise Mitschuld an seinem Tod. Selbst wenn der Lumianer den Tod verdiente, sein Blut würde dennoch auch an Luises Händen kleben. Einem Menschen seine Wahlstimme zu verleihen, bedeutete den Versuch, ihn zu töten. Sie durfte nicht vergessen, dass auch Entscheidungen einer Gruppe nicht die Sünde des Einzelnen entschuldigen.
    Dennoch war sie Maria dankber. Die Nonne vermochte vielleicht selbst nicht genau zu sagen, wer hier der Schuldige war oder wer in Frage kam. Doch ihre Worte waren tröstlich und gaben Luise Hoffnung, dass auch andere von Konrads Unschuld überzeugt waren. Und sie ließen hoffen, dass womöglich sogar der Pfarrer sich manchmal irrte. Es war die richtige Entscheidung gewesen, Luises Gedanken und Gefühle der Nonne anzuvertrauen. Immer schon hatte man Schwester Maria vollstes Vertrauen entgegenbringen können. Und Luise würde genau dies auch weiterhin tun.
    Mit einem dankbaren Lächeln ließ das Mädchen die Hände der Nonne los und wischte sich die Tränen aus den Augen.
    Dann sprach sie mit wieder gestärkter Stimme: "Ich danke Euch, Schwester Maria. Ich bin sicher, dass Ihr recht habt, mit Eurer Einschätzung. Der G-gedanke einen anderen Menschen dem T-tode zu weihen... e-er gefällt mir gar nicht." Luise schluckte schwer und fuhr dann fort: "Aber es ist wohl tatsächlich notwendig, um Unschuldige zu schützen... ehrliche Menschen wie Konrad." Dann warf sie einen Blick auf den Altar und sagte: "Ich würde gerne mein Gebet verrichten. D-danach möchte ich mich, bevor die Wahl beginnt, noch mit Noel sprechen. E-er mag ein... M-menschenhasser... sein, aber e-er hat sicher einen Grund dafür u-und i-ich glaube nicht, dass er sein Wissen um die Lumianer so öffentlich teilen würde, w-wenn er selbst einer wäre."
    Nach diesen Worten kniete sie sich vor den Altar, faltete ihre Hände und schloss ihre Augen.
    Luise mochte diese Kirche. Sie war klein und beschaulich und durch die Buntglasfenster fiel stets ein warmes Licht. Sie war so anders als jene gewaltige Kathedrale, welche Luise als kleines Kind betreten hatte, während sie mit ihren Eltern zu Besuch in einer großen Stadt gewesen war. Die Steine waren von einem Kalten grau gewesen und die Decken so hoch, dass Luise alleine vom bloßen Ansehen schwindelig geworden war. Es hatte sort auch Buntglasfenster gegeben, viele sogar. Aber das durch sie hindurchfallende Licht hatte nur die graue Kälte, das ständige Dämmerlicht und die schreckliche Leere betont. Luise hatte sich verloren gefühlt und war glücklich gewesen, wieder auf die belebte, sonnenbeschienene Straße zu treten.
    Und dieser Eindruck war nichts gewesen, im Vergleich zu der Bedrohlichkeit, welche die hohen steinernen Wände nachts ausgestrahlt hatten...
    Aber das war im Augenblick unwichtig. Wichtig war, dass Luise nun ihr Gebet sprach und sich danach zu Noel aufmachte, bevor die Wahl begann.
    Leite mich. Lass mich den richtigen Weg finden. Alles worum ich bitte, ist jetzt ein gerechtes Urteil. Bitte beschütze deine treuen Diener und führe sie zu den wahren Übeltätern. Und vergib mir, dass ich womöglich jemandes Tod verursachen werde. Ich werde dafür büßen, wenn die Zeit gekommen ist.
    Als sie fertig gebetet hatte, bagab Luise sich, der Nonne noch einmal dankbar zunickend, zum Dorfplatz. Hier draußen schüttete es wie aus Eimern und selbst der dicke Mantel bot wenig Schutz. Schon bald spürte das Mädchen die Nässe im Gesicht, unter der Kleidung und in den Schuhen. Doch Luise ging entschlossen weiter und kam schließlich durchnässt am Dorfplatz an, wo sie Noel zuletzt gesehen hatte.
    Es dauerte nicht lange, da hatte sie ihn auch schon entdeckt, sah wie er aus der Taverne trat. Allerdings schien auch die Wahl des zu Hängenden bald zu beginnen. Luise blieb keine Zeit.
    Eilig hastete sie auf den jungen Mann mit dem blauen Mal im Gesicht zu und begann atemlos:
    "Noel! I-ich weiß, d-dass ich dir heute M-morgen wohl zu n-nahe getreten bin. I-ich habe dich sicher verletzt m-mit meinem unüberlegten Gerede." Sie würde nie wieder gedankenlos über Schiffe reden. Das wusste sie jetzt schon. "D-du musst w-wirklich wütend sein. B-bestimmt hasst d-du mich jetzt dafür..." Das würde jedenfalls sein vorheriges Auftreten auf dem Dorfplatz erklären. Es musste hart gewesen sein, einfach so an seine furchtbare Schiffsvergangenheit erinnert zu werden. Sicher tat das einiges dazu bei, ein schlechtes Menschenbild zu entwickeln. Also fuhr sie, noch immer sichtlich nervös und schuldbewusst fort: "U-und das ist auch dein g-gutes Recht. I-immerhin w-war ich wirklich taktlos..." Sie schwieg eine Sekunde lang, um all ihren Mut zu sammeln. Dann blickte sie Noel direkt an und sprach: "A-aber das ist m-meine Schuld, nicht die der anderen Dofbewohner. I-ich kann d-dich schlecht um Verzeihung b-bitten, w-wo ich d-deine Gefühle so verletzt habe. A-aber selbst wenn du mir nicht vergibst - ich bitte dich dennoch darum: Teile dein Wissen über die Lumianer mit uns! Hilf dabei, die Unschuldigen zu schützen, indem du uns mit deiner Erfahrung und deinem Wissen beistehst!"
    Es musste einen ziemlich einfältigen Eindruck machen, wie sie hier auftauchte, durchnässt wie ein im Regen verlorenes Kätzchen, all den nassen roten Strähnen im Gesicht, welche sich den Tag über aus ihrem Zopf gelöst hatten, und dann auch noch Forderungen stellte. Aber es war ihr wichtig. In ihren Augen schimmerte Verzweiflung, doch sie senkte nicht den Blick, sah Noel direkt ins Gesicht.
    "B-bitte. Du musst es n-nicht für mich tun. E-es ist für alle, die hier leben. A-alle die e-ein friedlliches Leben führen wollen. Alle, d-die all das Unglück der Welt vergessen wollen. I-ich werde d-dich nicht weiter belästigen, w-wenn du das nicht möchtest. A-aber denk bitte an alle, die n-nichts mit a-alldem zu tun haben!"

    Geändert von Zitroneneis (26.03.2013 um 11:26 Uhr)

  9. #9
    Noch immer auf der Außenterreasse des Gasthauses sitzend blickte Brunhild der sich zur Kirche laufenden Luise nach. Es erleichterte sie sehr, dass es dem Mädchen wieder den Umständen entsprechend gut ging. Die nonnigste aller Nonnen um Rat und Beistand zu fragen war sicherlich eine kluge Entscheidung. Der Blick der Wirtin war immer noch starr auf die Empore, gerichtet, auf der Konrad gleich verhört werden würde.
    Sicherlich wollte sie wissen, was er zu sagen hatte, schließlich würde es bei der späteren Versammlung noch von Bedeutung sein könne.
    Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals, beim Gedanken daran, dass sie heute Abend wirklich über das Leben eines Menschen richten wollten, um es noch vor Einbruch der Nacht enden zu lassen. Das konnte nicht gottgefällig sein, solch ein Treiben ist genauso sündig wie das, was diese Sekte mit ihnen tun wollte…
    So erhob sie sich und ging die drei Stufen des Treppchen hinunter. Es mochte ihm vielleicht nicht helfen oder überhaupt auffallen, aber die Wirtin wollte jetzt bei ihrem Stalljungen sein, ihm vielleicht mutvoll ansehen und so zeigen, dass sie hinter ihm stand und keinen Zweifel an seiner Unschuld hatte… Da erreichte ihr Ohr ein nur allzu vertrautes rythmisches Scheppern, welches sich näherte. Den Kopf umwendend erblickte sie Patricia, die offenkundig das Wirtshaus ansteuerte. Mit einem Blick zur Sonne stellte Brunhild zwar fest, dass es zum Öffnen der Schankstube noch etwas früh war, doch einzelnen hungrigen und durstigen Seelen verwehrte sie auch am Tag nicht den Einlass.
    Wehmütg schaute sie noch einmal zum Treiben auf dem Dorfplatz und zu Konrad, der gerade die Hand auf die Bibel legte und kehrte dann seufzend um. Kurz bevor sie eingetreten war, Patricia schepperte gerade die Stufen hoch, fiel ihr etwas ein.
    Mit einem: Grüß Dich, meine Liebe! Geh schonmal rein und mach’s Dir bequem, ich kümmer mich gleich um Dich, muss nur noch kurz etwas erledigen…, quetschte an der berüsteten Frau vorbei und eilte zu den Ställen. Wie vermutet waren die inzwischen sehr unruhigen Pferde noch nicht versorgt worden- ihr Pfleger hatte auch wahrlich gerade andere Sachen am Hals. Also richtete Brunhild noch einmal ihren Handverband und machte sich an die Arbeit, die Ställe auszumisten und die Rösser zu tränken und zu füttern.
    Als sie schließlich die Schankstube betrat und die Heuke an den Haken warf, empfing sie ihr Gast bereits ungemütlich grunzend. Beschwichtigend hob sie die Hände, bevor sie sich daran machte, die restlichen Stühle hinunterzustellen und die Tische abzuwischen.
    „Verzeih, gute Patricia, aber es herrscht gerade einiger Trubel, wie Du sicher schon mutbekommen hast.“ Das Feuer wurde neu geschürt und der Boden gekehrt.
    „Ich meine, ich habe vorher noch nie von die Lumstern gehört, und auf einmal sollen sie sich hier tummeln und uns alle umbringen wollen… Und der Priester hat angeordnet, die Bedrohung durch den Strick zu lösen…heute Abend schon sollen wir alle darüber richten, wer zu der Sekte gehört und der oder die wird dann gehängt…
    Sie erinnerte sich daran, dass Noel auch Patricias Namen als einen der potenziellen Sektenanhängern genannt hatte. Sie war wirklich eine sonderbare Frau, aber konnte sich die Wirtin schlecht vorstellen, dass sie nachts Jemanden morden könnte, ohne dabei das ganze Dorf zu wecken.
    Zur Antwort erhielt sie ein weiteres erbostes Gegrunze, in dem sie etwas wie „mit Honig“ herauszuhören glaubte. So holte sie aus der Vorratskammer Brot, zwei Würste und ein kleines Fässchen, von welchem sie einen Krug abfüllte. Alles stellte sie vor Patricia ab.
    Das ist selbsgebrauter Met, ich hoffe er ist gut geworden, ich über noch an der perfekten Rezeptur… Und ich mach gleich noch Brei, damit Du auch mal wieder was Warmes im Bauch hast..., sprachs und setzte sogleich großzügig bemessen Roggenbrei auf.
    Als dieser sich langsam über der Kochstelle erhitzte, fiel der beschürzten Frau auf, dass irgendetwas anders war als sonst. Hastig blickte sie sich um, ehe es ihr einleuchtete: Sie wurde garnicht vom sonst stets hinter ihr hertapsenden Rüdiger bei der Arbeit gestört!
    “RÜDIGER, BIST DU ENDLICH TOT?“, rief sie einigermaßen laut und hoffte auf keine Reaktion, abgesehen von Patricias offenbar beglückten Schmatzen.
    Von oben waren allerdings eilige Schritte zu hören, kurz gefolgt von dem Klang von etwas oder Jemandem, der die Treppe hinunterpurzelte. Mit aufgerissenen Augen erblickte sie im Gang den auf dem Rücken gelandeten Schäferhundgreis, der wild mit den Pfoten rudern wieder auf die Beine kam und ruteschwingend auf die zugetrabt kam, ein vollgesabbertes Unterhemd im Maul.
    Entsetzt entriss sie dieses dem Köter und herrschte ich dann an: „Himmel, Arsch und Zwirn! -vergib mir meine Worte, Herr- bist Du jetzt auch noch senil geworden?! Du hast oben nichts zu suchen, das weißt Du genau! Geh ja auf Deinen Platz und da bleibst Du für den Rest des Tages! Wehe Dir, Du wagst es auch nur daran zu denken, Dich zu bewegen, mein Freundchen, dann wirst Du Dir wünschen, Du hättest dir bei der Treppe das Genick gebrochen…“
    Rüdiger legte sich mit hängendem Kopf vor den Kamin und beobachtete mitleidig sein Frauchen, welches das Unterhemd hastig unter den Tresen warf. Einen Moment blickte sie zornig auf Patricia, bevor sie merkte, was sie tat und schnell wieder ein Lächeln aufsetzte.
    Entschuldige…wo war ich?, gab sie seufzend von sich, während sie den Brei umrührte und mit getrocknetem Kerbel würzte.
    Achja, diese Abtstimmung… ich halte garnichts davon, vielleicht unschuldige zu morden. Irgendein Dumschwätzer hat dem Priester in der Beichte vorgesäuselt, dass ausgerechnet Konrad zu diesen Mördern gehören soll. Kannst Du Dir das vorstellen? Er hat also auf jeden Fall eine Stimme, und wird jetzt draußen vom Priester und wohl auch Ross verhört…“ Sie sah hinüber zur Eingangstür und malte sich einige Momente die Szene aus, ehe sie vom fertigen Brei in eine Schale schöpfte und sie vor Patricia abstellte, welche sich gleich darüberhermachte und mit einem kurzen Grunzer Nachschank forderte.
    Während sie den Krug auffüllte, fuhr sie in ihrem Monolog fort: Es ist vollkommen klar, dass Konrad unschuldig ist, aber das Problem ist… Ich möchte wirklich keinen hinrichten lassen und auch die Anderen sollten sich diese Sünder nicht aufbürden. Aber selbst wenn ich alle davon überzeugen könnte, sich ihrer Stimme zu enthalten, würde es die Stimme des Priesters nichtungeschehen machen und damit Konrad…
    Brunhild schluckte und schob den aufkommenden Gedanken beiseite.
    „Das heißt also, dass ich, -wir alle, für sein Leben das eines anderen opfern müssen und hoffen, dass es einer dieser Verrückten ist. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das mit meinem Gewissen vereinbaren könnte. Notfalls würde ich ja mi-„
    In dem Moment betraten der Schweinehirt samt seiner Töchter die Schankstube und beendeten damit ihren laut ausgesprochenen Gedankenfluss jäh. Dankend fuhr die Wirtin der Berüsteten über das Schulterstück, ehe sie sich ganz der Bedienung ihrer Gäste widmete für die nächsten Stunden.
    Unter ihnen war überraschender Weise auch Noel, der sie auf den Platz als dumm ob ihrer Meinung und ihres Unvermögens zu Lesen hinstellte. Wenn er damit nicht irgendwo Recht hätte, würde sie ihn vielleicht sogar wieder hochkant rauswerfen, doch mit großer Bildung kann sich Brunhild wahrlich nicht rühmen. Außerdem würde sie es nur in absoluten Sonderfall einen Gast Speis und Trank verwehren. Und schließlich war der Bursche auch zu den meisten anderen so rüpelhaft, also nützte es nicht, einen Groll deswegen gegen ihn zu hegen…
    So schritt sie anfangs noch bemüht lächelnd ob ihrer Gedanken auf den sich an den leeren Tresen Setzenden. Als sie zur Begrüßung anhob, kam er ihr mit einem :
    "Jeder Gast ist ein willkommener Gast. Ist es nicht so?", zuvor. Verdutzt schaute sie ihn an. Was sollte das denn jetzt? Sie wollte etwas darauf sagen, wusste aber nicht recht, was.
    Ihr über die Jahre perfektioniertes Wirtinnenlächeln kehrte schnell zurück:
    Was darf’s denn für den Herren sein?
    "Ein Bier, wenns genehm ist. Möglichst süß, ich mag keine bitteren Dinge. Das süße Bier der großen Städte ist hervorragend, ich bin gespannt, einen Vergleich zu ziehen."
    Ihre Miene vereiste bei diesen leicht spöttischen Worten leicht. Kurz nickte sie, ehe sie den anderen Gästen zuerst ihre Getränke und Mahle brachte und dann zurück hinter den Tresen schritt, um dem Gesichtsbemalten sein so unglaublich süß abzuzapfen. Sie war vielleicht keine helle Leuchte unter Gottes Himmel, aber ihre Braukunst schlechtreden zu wollen, passte ihr garnicht in den Kram. Kurz war sie versucht, dem anspruchsvollen Herren sein Bier noch mehr zu versüßen und zog auch schon leise die Nase hoch… doch dann wand sie sich schlicht um und stellte den Krug mit einem extrabreiten Grinsen vor ihm ab.
    Einige Zeit später sah sie Lumi die sich zu dem selbsternannten Bierexperten gesellt hatte und sollte auch für sie eine Maß abzapfen. Folgend beobachtete sie die beiden aus den Augenwinkel immer mal wieder und ihr fiel auf, dass sich Noel ihr gegenüber offenbar netter zeigte. Nicht so kriecherisch wie bei Luise, aber immerhin… In ihm steckte also wirklich noch irgendwo ein guter Kerl, auch wenn nur wenige in den Genuss kamen, diesen jemals wirklich zu Gesicht zu bekommen…
    _______
    Zum dritten Mal füllte Brunhild gerade die Breischale Patricias auf, als die Eingangstür stürmisch aufgestoßen wurde.
    "Es geht los! Es geht los!"
    Der Bauer schluckte bedeutungsschwer.
    "Die Hinrichtung. Die Wahl des Hängenden. Sie beginnt! Alle auf den Dorfplatz!"
    Und damit verschwand er auch schon Richtung besagten Platzes.
    Stille kehrte ein, gefolgt von eifrigem Gemurmel, als auch schon die meisten Gäste sich erhoben und das Gasthaus verließen, darunter auch Lumi und Noel.
    Die restlichen wurden mehr oder weniger schnell von der Wirtin hinauskomplimentiert, die mehr und mehr ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bekam angesichts der Tatsache, dass die Abstimmung nun unmittelbar bevorstand. Als auch der letzte Gast den Schnakraum verlassen hatte, wurden eifrig alle Stühle wieder hochgestellt sowie die dreckigen Krüge und Schalen abgewaschen. Danach schritt Brunhild langsam zur Eingangstür, dort angekommen die Heuke wie in Zeitlupe anlegend. Sie trat hinaus in die Kälte und den nun aufkommenden Regen, blickte noch einmal zurück. Rüdiger hob den Kopf und wedelte aufgeregt mit der Rute. Mit todernstem Blick deutete sie mit zwei Fingern zuerst auf ihre Augen und danach auf die ihres alten Hundes, der draufhin sein Haupt wieder auf die großen Pfoten aufbahrte.
    Alsdann schloß sie ihre Heim- und Arbeitsstatt ab und machte sich auf den Weg zu der sich vergrößernden Menschentraube.

    Geändert von Mephista (26.03.2013 um 13:46 Uhr)

  10. #10
    Noel und Lumi traten auf den Platz heraus. Es war mittlerweile dunkel, um das Schafott herum aufgestellte Fackeln waren die zuverlässigste Lichtquelle, als sich das Dorfzentrum langsam mit tuschelnden Leuten füllte. Da passierte einmal mehr das schier Unmögliche: Luise kam keuchend auf Noel zugerannt, suchte seinen Blick, wollte offenbar mit ihm reden. Noel wollte aber nicht mit ihr reden. Trotz seines Unbehagens hätte er es allerdings nie fertig gebracht, Luise abzuweisen. Nie. Also ließ er sich wohl oder übel darauf ein.
    "Lumi..."
    Er legte seine Hand auf die Schulter seiner kleinen großen "Freundin."
    "Geh schon Mal vor. Ich komm' gleich."

    Mit hochgezogener Augenbraue beäugte sie Noel, bevor Lumi kopfnickend zum Zentrum schritt. Stumm und seufzend wandte sich Noel Luise zu, suchte ihren Blick und wartete ab, wie sie ihm Hass und Verachtung entgegenschreien würde. Vorher aber schwank seine Aufmerksamkeit zu Deus, der geduldig neben den beiden saß.

    Verzieh dich.

    Was? Du willst, dass ich DAS verpasse?! Auf keine Fa-

    Ich sags nicht nochmal.

    Grummelnd schlurfte der Wolfsgott Lumi hinterher, Noel mit einem unzufriedenen Blick strafend. Jetzt hatte der rothaarige Junge Zeit für seine Elfe.

    "Noel! I-ich weiß, d-dass ich dir heute M-morgen wohl zu n-nahe getreten bin. I-ich habe dich sicher verletzt m-mit meinem unüberlegten Gerede."

    Noel kniff schwer denkend die Augen zusammen.
    Es ratterte in seinem Kopf.
    ...
    ...
    ...
    ...
    ...
    HÄ?


    "D-du musst w-wirklich wütend sein. B-bestimmt hasst d-du mich jetzt dafür..."

    Noel verstand nicht genau, wovon sie redete. Da würde ein bisschen... moment. Verdammt. Kein Gedankenlesen.
    Na ja, eigentlich war die Situation auch so klar - Seine kleine, süße, naive Elfe hatte Mal wieder Irgendetwas falsch verstanden. Einem unbestimmten Reflex folgend legte Noel ihr lächelnd eine Hand an die Wange, schob sanft ihre Strähnen beiseite.
    "Hassen? Wie könnte ich dich jemals hassen, kleine Elfe? Wie dir Abneigung entgegenbringen?"

    Luise schwieg, blickte ihm sichtlich verwirrt ins Gesicht.
    "E-es wäre dein g-gutes Recht! I-immerhin w-war ich wirklich taktlos..."

    Noel wollte gerade fragen, wovon sie sprach, als sie bereits weiterhaspelte.

    "A-aber das ist m-meine Schuld, nicht die der anderen Dofbewohner. I-ich kann d-dich schlecht um Verzeihung b-bitten, w-wo ich d-deine Gefühle so verletzt habe. A-aber selbst wenn du mir nicht vergibst - ich bitte dich dennoch darum: Teile dein Wissen über die Lumianer mit uns! Hilf dabei, die Unschuldigen zu schützen, indem du uns mit deiner Erfahrung und deinem Wissen beistehst! B-bitte. Du musst es n-nicht für mich tun. E-es ist für alle, die hier leben. A-alle die e-ein friedlliches Leben führen wollen. Alle, d-die all das Unglück der Welt vergessen wollen. I-ich werde d-dich nicht weiter belästigen, w-wenn du das nicht möchtest. A-aber denk bitte an alle, die n-nichts mit a-alldem zu tun haben!"

    Luise sah Noel direkt in seine dunklen Augen, mit den ihrigen, die so schimmerten, dass ein jeder Smaragd dagegen verblasst wäre.
    Es tut weh.
    Ihre Haare waren vom Regen durchnässt, ihre Kleidung schmutzig, Nervosität und Tränen zierten ihre Mimik.
    Es tut weh.
    Luise war schöner als je zuvor. Und wegen Irgendetwas fühlte sie sich schuldig ihm gegenüber.

    Oh nein, naives Elflein, glaubt, meine Gefühle verletzt zu haben... es tut weh.

    Da kenne ich so viele Arten des Umganges und so viele Wörter... und doch bekomme ich nicht einen einzigen Satz auf die Reihe. Kann sie nicht beruhigen. Und mich ebensowenig.
    Es tut weh.




    Ich liebe dich.





    "Kleine Elfe..."
    Noel wich Luise' Blick aus. Er ertrug ihn nicht mehr, sprach mit einer bebenden Stimme.

    "Zuersteinmal.." ,
    er zwang sich zu einem Lächeln. Ein für seine Verhältnisse erbärmliches Schauspiel. Nein, für jedermanns Verhältnisse.
    "Du hast meine Gefühle nicht verletzt. Du bist der Grund, warum ich welche habe..."
    Den zweiten Teil des Satzes murmelte er eher, als dass er sprach. Dann sah er Luise lächelns ins Gesicht.
    "Ich bin dir nicht böse, Luise. Ich war es nie... und werde es nie sein."

    Seine Hand auf ihrer Wange zitterte wahrscheinlich. Oh verdammt. Schnell zog Noel sie von ihr weg, hoffentlich noch rechtzeitig. Sie war nach wie vor stumm, Noel konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten.

    "Du willst, dass ich den Dorfbewohnern gegen die Lumianer helfe?"
    Wieder folgte Noel einem Reflex. Er kniete sich vor dem Mädchen auf ein Bein, nahm ihre Hand in die Seinige.
    ""Alles, was du möchtest. Ich werde dir jeden Wunsch erfüllen. Versprochen."
    Stumm drückte er einen leichten Kuss auf ihren Handrücken. Sie zitterte ebenfalls.
    Noel erhob sich wieder und entkleidete sich seines Mantels, welchen er ihr unaufgefordert um den Körper legte.
    Er hatte ja immer noch ein schwarzes Hemd an, das würde reichen.
    "Er ist nicht der Beste, aber.."
    Wieder zwang Noel sich zum lächeln, "er sollte dich etwas wärmen, kleine Elfe."

    Dann schweifte sein Blick ab, herüber zum Schafott, während er nochmals mit Luise sprach.
    "Es gibt da etwas, dass ich dir sagen möchte, weißt du? Aber ich kann es noch nicht. Ich bin... zu feige. Ich bin ein kleiner Feigling. Es war nie anders. Aber irgendwann..." ,
    Und da erschien das erste echte Lächeln auf seinem tätowierten Gesicht, "möchte ich mich verändern. Ich möchte mutig werden. An diesem Tag sage ich es dir, ja? Also werde ich Alles in meiner Macht stehende tun, damit wir beide diesem Tag entgegengehen können. Ich werde das Dorf beschützen.
    Versprochen, Luise."


    Ein letztes Lächeln schenkte er dem Mädchen, bevor er sich, ohne eine Antwort abzuwarten, mit den Händen in den Hosentaschen zum Dorfplatz begab. Das erste Mal seit langer, langer Zeit hatte Noel das Gefühl, für den Moment mit sich und der Welt im reinen zu sein. Und würde dieses Gefühl auch nicht lange anhalten, so die Hinrichtung doch bevorstand und man Hass nicht ohne weiteres tilgen konnte, wollte er es für nun still genießen.
    Deus wartete bereits auf ihn und ging mit Noel die restlichen Schritte.

    Hast wohl gelauscht, was? Scheiß Köter.

    Nein, habe ich nicht. Kein Wort. Das tut man nicht unter Freunden.

    Pff...
    Noel lächelte stumm in sich hinein.

    Was wirst du jetzt tun?

    Na, was wohl? Ich werde dieses Dorf beschützen. Jeden einzelnen Bewohner. Für sie. Für ihr Lächeln. Nein... auch für mich.

    Wie meinst du das?

    Warum... hasse ich die Menschen, seit ich denken kann, Deus?

    ...

    Ich möchte mich verändern und die Menschen wie auch die Welt... akzeptieren können. Mögen können. Lieben können. Für Sie.

    Der Wolf grinste zähnebleckend.
    Verstehe.


    Und damit trat Noel vor das Schafott, bereit, einen Lumianer hinzurichten.
    Eine Alternative gab es nicht.
    Stumm, wenngleich mit lodernder Entschlosenheit zog er seinen Dolch, hielt ihn in Richtung des Strickes und sprach laut über den Platz, mehr zu sich selbst, als zu irgendjemandem sonst.


    "ICH, Noel De'chrones'tulem, schwöre bei meinem Dolche, dass HEUTE NACHT ein LUMIANER hängen wird!"

    Geändert von Holo (26.03.2013 um 17:41 Uhr)

  11. #11
    Eben als er die Hand auf die Bibel legte, streunte noch ein Kerl mit einer düster aussehenden Kutte heran. Eine Augenklappe bedeckte das rechte Gesicht, ein schäbiger Hut seinen Kopf. „Ich werd mal maßnehmen, Herr, so ein Strick will wohlgewählt sein. Na, was für einen Hals haben wir hier denn...“ Und während Henkers bester Freund Konrad eifrigst den neuen Kragen „anpasste“ begann das Verhör:
    „Konrad Matthias Elkarst, dir wird von einem der Dörfler vorgeworfen das blutige Schwert dort platziert zu haben. Sprich wahr – was hast du zu diesem Vorwurf zu sagen?“
    „Ich erinnere mich an die Runde für den toten Hauptmann im Wirtshaus. Ich erinnere mich an ein zweites Bier und... etwas mit einem Hund. Oder war es ein Marder? Jedenfalls erwachte ich in meinem Bett. Zwar nach der Mittagsstunde...aber so betrunken das ich herumgewandert wäre, war ich dann doch nicht.
    Aus den Augenwinkeln bemerkte Konrad wie Noel Luise vorm Gasthaus eine zeitlang an die Wange griff und ihr dann seinen Mantel umlegte. Das gehörte sich nun wirklich nicht! Aber wie sähe das aus, wenn er die zwei jetzt zurechtwies? Da alle auf die Bühne blickten, hatte es vielleicht auch niemand gesehen... und Justus hatte Recht, er musste sich erstmal um sich selber kümmern. Und so beteuerte er all seine Verfehlungen, die ihm einfielen: „Und ich habe gestern Fisch gegessen Herr. Nur ein Bissen, den Rest hat das Frettchen genatzt. Ich hab dann mit der Zugereisten gesprochen, wie ich es immer tue. Vielleicht sah mich ja jemand dabei und hat sich nichts dabei gedacht mir eine weitere Sünde anzuhängen. Aber ich beteuere euch, ich weiß nichts von dieser Lama-Sekte.

    In der eintretrenden Pause hörte man deutlich Noels Worte: "ICH, Noel De'chrones'tulem, schwöre bei meinem Dolche, dass HEUTE NACHT ein LUMIANER hängen wird!" Alle Augen richteten sich auf Noel, der in die Mitte des Platzes geschritten war und die letzten Worte laut rief. Er trug keinen Mantel mehr und in dem Hemd sah er aus wie ein zu kurz geratener Schornsteinfeger ohne Hut und ohne Schrubbgerät. Der Pfarrer seufzte und rieb sich entnervt an den Schläfen. „So kommen wir nicht weiter... Wenn du nichts von dem Schwert und der Notiz weißt, vermutest du selbst einen, der schuldiger ist, als ein Sünder wie du es bist?“
    Konrads Kopf ratterte. Es musste doch eine Möglichkeit geben diese Lama-Anhänger zu erkennen. Der Zettel... Tyrell hat eine furchtbare Handschrift, die selbst ich erkenne. Luises Handschrift ist ähnlich einzigartig. Wer hätte noch Zugang zu Papier?… Nein... doch... vielleicht... Maria? Das kannn nicht sein. Wer nur, wer?
    „Nun Bursche?“
    „Ich weiß es nicht, Herr. Vielleicht mag unser Hauptmann Schriftproben nehmen lassen, um sie mit denen auf dem Papier zu vergleichen. Papier wiegt sich unsereins mit Gold auf – woauchimmer die Blätter herstammen, es mag kein armer Bauer gewesen sein, der sie erwarb. Das Pergament ist frisch und rein, wie ich es nur selten erblickte. Das ist alles. Anderes vorzuschlagen steht mir nicht zu. Und Gott behüt' das ich einen andren an den Strick schicke um meinen eigenen Hals zu retten. Heiliger Josef, wache über mich. Gütiger Herr, erlöse mich von der Versuchung... ich kann doch nicht einfach einen andren benennen. Nur weil ich ihn nicht mag. Oder weil er allen im Dorf Angst einjagt.

    "Bitte... es gibt sicher irgendwen der mich gestern Nacht gesehen hat. Vielleicht Brunhild? Hat Peter mich auf dem Heimweg begleitet? Sicherlich doch... wenn ein Zeuge sich für mich ausspricht, dann lasst ihr mich doch gehn? Ja?" Die Kälte kroch ihm unter den Mantel und sein Atem gefror an den Augenbrauen... nur die Angst die sich durch ihn fraß schickte Hitze durch seine Adern. Er wirkte halbtot, wie er da kniete, vom Fasten ausgemergelt mit eingefallenen Wangen und von der Angst weiß wie ein Laken. "Ich wars nicht, Herr, ich schwöre! Wer dann, wer dann? Ich weiß es nicht...“, rasselte es leise aus seiner rauhen Kehle, bevor er sich die Arme um den Oberkörper schlang und sich hin- und herwiegte, wobei es seinen Körper vor Angst schüttelte und er dann vorneüber auf die mit Reif überzogenen Planken fiel. "Bitte... so hilf mir doch jemand. Irgendwer. Hilfe... ich will nicht sterben..."

    Der Bursche hat einen recht dürren Hals.“, murmelte Henkers bester Freund grimmig, der an den Pfarrer herangetreten war. „Wobei, meine Mutter sagte schon – traue nie einem Mann mit schmalen Nasenlöchern und dünnen Lippen. Ich find schon einen passenden Strick. Nur zu, lasst ihm mich aufhängen, Hauptmann! Der windet sich vor Schuld, das ist doch eine klare Sache. Wo ichs recht bedenke - um sicher zu gehen könnten wir ihn auch vorher noch ein wenig gradestrecken. Dann gesteht er sicherlich... oder lasst uns ein Gottesurteil einholen. Was darf es sein? Ein Kessel mit heißem Wasser oder doch ein heißes Eisen?“ Ein keckerndes Lachen hallte über den Marktplatz und es war klar, das immerhin Henkers bester Freund heute gewiss seinen Spaß haben würde.

    Geändert von Viviane (26.03.2013 um 17:28 Uhr)

  12. #12
    Einige Zeit verstrich, in der Maria mit Luise in der Kirche stand. Das junge, hübsche Mädchen verrichtete noch ein Gebet, während Maria schweigend danebenstand und vermutlich den gleichen Wunsch hegte, wie Luise selbst.

    Nach ihrem Gebet verließ das Mädchen die Kirche. Während sie alleine in der Kirche saß, beobachtete Maria noch ein wenig das letzte Licht, das durch die Kirchenfenster schien, bevor sie sich ebenfalls auf den Dorfplatz begab.

    Der Galgen war inzwischen aufgebaut, lediglich ein paar Leute schienen noch zu fehlen, bis die Nominierung beginnen sollte.

    Maria wurde ganz Schwermütig, sie wollte doch, dass alles friedlich blieb. Es reichte, wenn nur der Hauptmann gestorben war... Mussten jetzt noch weitere Menschenleben geopfert werden?
    Ein paar Meter von der Gruppe entfernt blieb sie stehen, schloss die Augen und holte einige Züge tief Luft, um sich zu beruhigen. Dann trat sie heran, um die weiteren Ereignisse beobachten zu können.

  13. #13
    Ross hatte das Verhör beobachtet und leider, wieder, keinerlei hilfreiche Erkenntnisse gewonnen. Alles lief nun wohl auf eine Wahl ins Blaue hinaus. Ross seuzfte und als er sich umdrehte, um den Dorfplatz zu überblicken, der mittlerweile langsam von Fackelschein erfüllt wurde, da sich der Himmel bereits zum Nachthimmel wandelte. Mittlerweile schienen alle, nein wohleher fast alle, angekommen zu sein. Auf jeden Fall waren es genug, um die Wahl zu starten und für den Fall, dass nicht alle noch zur Wahl auftauchten, würde er sich eben eine Liste mit den Namen der Abwesenden geben lassen. Ohnehin befürchtete Ross bereits, dass selbst wenn sie heute einen Lumianer erwischen sollten, dort noch mehr von ihnen waren und sie mit Sicherheit in der Nacht zuschlagen würden.

    Ross machte sich also nun bereit und die Menge schien augenblicklich zu verstummen, als sie mitbekamen, dass es wohl losgehen sollte.

    "Ich Ross Fäller, ehemals Holzfäller und seit gestern Hauptmann heiße euch bei diesem unschönen Ereignis willkommen. Das Dorf wurde von einer widerlichen Sekte infiltriert, die nun versucht, die rechtschaffenen Bürger, also uns, zu töten und das Dorf für sich zu beanspruchen. Doch das dürfen wir nicht zulassen. Wir werden ihnen unser Dorf nicht kampflos überlassen. Wir werden sie finden und zur Rechenschafft ziehen, egal wie gut sie sich auch verstecken mögen."

    "Jeder Mensch und jedes Tier hinterlässt irgendwelche Spuren, Spuren die man nur finden muss. Einer allein wird allerdings nicht viel ausrichten können, deshalb bitte ich euch, die ihr mit Sicherheit alle eure Heimat behalten wollt, uns Hinweise zu geben und sei es auch nur, dass ihr in der Nacht ein Geräusch gehört habt. Denn egal, wie winzig der Hinweis auch sein möge, am Ende könnte er viele Leben retten. Jeder, der irgendetwas weiß, sich aer nicht äußert, tut nichts anderes, als dieser Sekte zuzuarbeiten."

    "Heute Abend wird jemand hingerichtet werden, vielleicht ist es Konrad, vielleicht aber auch ein anderer. Also helft mit, dass heute kein Unschuldiger sterben muss." Ross ging zu dem Zettel, auf dem bereits in der Nacht jemand bei Konrad einen Strich gemacht hatte.

    "Dieser Zettel hier soll eure Stimme sein. Wenn ihr nichts weiter zu sagen habt, möchte ich euch bitten, einen Strich bei dem Namen zu machen, bei dem ihr euch sicher seit, dass dies einer der Übeltäter ist. Derjenige, der am Ende die meisten Stimmen hat, soll heute gehenkt werden."

    "Ich selbst werde heute ebenfalls meine Stimme abgeben, aber noch nicht gleich, denn ich will vermeiden, dass sich alle auf eine Person stürzen und dadurch womöglich irgendetwas wichtiges zurückhalten, ob nun willentlich, oder nicht. Niemand soll behaupten, der Hauptmann habe sie zu einer bestimmten Entscheidung gezwungen."

    "Jeder, der noch etwas sagen möchte, soll nun sprechen. Danach möchte ich alle Anwesenden darum bitten, einer nach dem Anderen seine Stimme abzugeben. Möge die Wahl beginnen und möge sie glimpflich verlaufen." mit diesen Worten hatte es also begonnen.

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