~*~ In der Apotheke ~*~
Er träumte...
Der Dorffriedhof empfing ihn wie ein Ort der Beschwichtigung. Vom Wald her rief ein Käuzchen...
„Du kamst hierher, das war es Frühling, nicht?“
„Vor zwei Jahren, ja. Es war Anfang Mai und der Flieder blühte. Von den Kirschbäumen regnete es duftende Blüten. Um den Maibaum tanzten die Mädchen mit Kränzen im Haar. Ich liebe dieses Dorf von Herzen, Bruder. Habe es schon als Knabe geliebt, wenn ich die Sommer hier verbringen durfte. Mit all seinen Wäldern und Feldern, den Tieren und den Menschen darin. Gott muss diesen Fleck lieben, meint ihr nicht auch?“
...er blickte auf das Grab seiner Tante – nur ihr Haarband und ein Fetzen ihres Kleides lag darin. Der Wald... wüsste Adalbert von ihrem Verbleib, er würde gesunden... der Wald.
...ein Schwall Wasser brachte ihn in die wirkliche Welt zurück.
Der Mönch Justus kniete leibhaftig neben seinem Bett. „Du bist schwerer zu wecken, als ein Bär im Winterschlaf!“ „Justus! Was... ich war am Grab meiner Tante...“ „Du liegst in deinem Bett im Haus deines Onkels, Junge. Und das Mittagsläuten hast du verpasst. Zieh dich an und folge mir.“ Der kleine und stämmige Mönch wirkte toternst, sodass Konrad ihm wortlos in die Küche hinab folgte. Die Tür zur kleinen Werkstatt war offen. Anscheinend hatte er es versäumt sie am Abend zu verschließen. Das schlechte Gewissen begann bereits an ihm zu nagen...
Der Mönch schob ihm eine Tasse hin. „Trink das, das wird deinen Kopf ein wenig aufklaren. Nun, ich bin nicht hier um über dich zu richten, Junge. Sondern um dir einen Rat zu geben.Alle großen Veränderungen im Leben sind schwer zu ertragen. Manchmal erscheinen sie schier unerträglich, wir glauben das wir uns damit nie abfinden können. Aber alle Dinge wirken zusammen zu unsrem Besten und Gott denkt immer an unser Glück.“ Konrad biss sich auf die Lippe und nickte, obwohl er kein Wort verstand.
„Unser hochgeehrter Pfarrer, erhaben über jeden Zweifel, hat angeordnet das eine Sekte die sich in diesem Dorf herumtreibt durch den Strick dezimiert werden soll. Die Lumianer haben sich mit einem Schreiben zu erkennen gegeben, das heute Morgen am Markt gefunden wurde. Dem Pfarrer hat indes ein Dörfler gebeichtet, das er glaubt du seist Teil einer Sekte. Und unser Bibliothekar nannte die Namen derer, die in Betracht kommen. Du und Luise seid auch darunter...“
Er hörte es. Lärm vom Marktplatz her. Sein Schädel dröhnte dumpf, während er lauschte... „du besitzt offensichtlich nichteinmal die Gabe des Lesens. Schäme dich, bade dich in deiner güldenen Menschlichkeit..."
Dann erst sickerten die Worte des Mönchs ein. Luise! „Wo ist Luise?“ Sie dürfte solche Worte nicht hören. Dürfte nicht den Blicken ausgesetzt sein. Himmel hilf, wenn es eine Hetzjagd gab würde sie sich am Ende noch vor die Verdächtigen werfen in ihrer schlichten und unbekümmerten Art!
„Konrad. Der Pfarrer hat deinen Namen als ersten genannt.“
Konrad packte den Mönch wütend an dessen Kutte, als er ihm die Antwort verwehrte. „Ich frage euch noch einmal -wo ist Luise?" Justus seufzte nur laut. „Die Wirtsfrau hat sich ihrer angenommen. Derzeit hat unser neuer Hauptmann noch alles unter Kontrolle. Konrad, hörst du mir überhaupt zu? Der Pfarrer hat die Jagd eröffnet. Und Ross hat sich dem zu fügen. Wenn der Platz untersucht wurde, wird der Galgen errichtet werden. Dein Name wurde genannt.“ Die letzten Worte sprach er mit Nachdruck.
Da fiel in Konrads pochendem Kopf der Groschen.Mein Name?
„Du weißt, das Beichtgeheimnis ist heilig. Werauchimmer es war, muss seine Gründe nicht nennen. Jedoch – du solltest die Gründe kennen. Der Pfarrer höchstselbst wird dir daher die Beichte abnehmen. Erzähl ihm alles, Konrad, verschweige nichts. Erkunde jetzt dein Gewissen. Und bete.“ Konrad saß vor ihm, nur hastig bekleidet und schwieg. Durch den Tee ebbte das Pochen in seinem Kopf zwar ab, aber es war schwer einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich brauche ein wenig Zeit. Zuerst muss ich nach Lui...“ „Luise wird nichts geschehen. Nicht heute, Konrad. Der Pfarrer wird dich bald einer eingehenden Befragung unterziehen. Er hat die Mittel und Wege dazu... und er ist bereits auf dem Weg hierher. Du hast keine Zeit.“ „Was?“ „Nimm den Mantel. Rasch jetzt.“
~*~ Auf dem Marktplatz ~*~
Seine Beine waren schwer wie blei, als er auf Ross zuschritt. Er straffte mühsam die Schultern. Der Pfarrer nahte bereits heran, jedoch wollte er noch etwas sagen... Vor Trauer und Hilflosigkeit glänzten seine Augen. Sein Kopf war leer. Er ging im Geiste die Stelle der Philipper durch, die er als Kind so gern gehört hatte... Alles kann ich durch Christus, der mir Kraft und Stärke gibt. … Gott wird euch für eure Liebe und Fürsorge belohnen.
Konrad atmete durch und erhob das Wort. „Ich werde mich dem Urteil der Dörfler natürlich stellen. Und unsren Hauptmann in allem unterstützen, was er vorhat. Und sei es der Bau... des Galgens." Er schluckte. Die Situation war makaber. „Wenn die Wahl zu meinen Ungunsten ausfällt, hoffe ich das ihr euch um Luise und meinen Onkel kümmert. Sie ist ein gutes Mädchen, die Engel wachen über sie. Lasst nicht zu, das sie die Kälte der Einsamkeit spürt. Denn diese Krankheit ist so schlimm wie der Tod. Und sie hat unsren Onkel befallen, so schlimm... Steht zusammen, ich bitte euch. Ich kam hierher, nicht um Geld zu verdienen. Sondern wegen dem, was ich hier als Junge fand. Das kann euch kein Irrgläubiger nehmen. Wenn ihr nur... glaubt." Er bat nicht um Gebete. Oder Gedenken. Oder Gnade.
Vielleicht ist es besser so. Besser ich, als sie.
Das dachte er, als sein Blick über das Dorf streifte. Das Dorf, das er immer noch liebte. So sehr, das es weh getan hatte als keiner ihn zum Hauptmann haben wollte. So sehr, das es weh getan hatte, als er von seiner Nominierung hörte. So sehr... liebte.
Der Pfarrer war da. Ein ernst und strenggekleideter Mann, dessen schwarze Robe nicht viel von dem Mann dahinter preisgab. Das Kreuz um seinen Hals jedoch erfüllte Konrad mit Ehrfurcht und Hoffnung. „Konrad Elkarst. Durch die Beichte eines Mitbürgers bist du bist als Sünder vor dem Herrn benannt worden! Und als solcher in diesen schweren Zeiten nicht mehr würdig den Tempel des Herrn zu betreten. Betrittst du auch nur den geweihten Boden des Allmächtigen - sei es auch nur unser Gottesacker -, wirst du den Zorn der Kirche zu spüren bekommen. Daher bin ich hergekommen. Um der Beschuldigung mit aller nötigen Ernsthaftigkeit nachzugehen, werde ich dich einer Befragung unterziehen, zu der du auf die heilige Schrift schwören musst.“ Wer solch einen Schwur brach, dem half nicht Ablass noch Gebet um dem Höllenfeuer zu entkommen. „Wie ihr wünscht.“ Konrad verneigte sich vor dem Pfarrer, dabei fiel sein Blick jedoch zuerst auf die Bibel – und dann auf das Papier in der Hand ihres Hauptmannes.
Da traf ihn eine Eingebung wie ein Blitz. Alles mögliche stapelte sich in der Apotheke – so auch Gewürze, Wein und Papier. Das Papier! Die Hälfte der Dörfler vermochte nicht zu schreiben, nur eine Handvoll konnten sich solch feines Papier überhaupt leisten! Kaum ein fahrender Händler verkaufte Papier und wenn dann nur Lumpenpapier aus Stoff, denn die Apotheke hatte seit langem die Rechte am Verkauf. -Als Helfer und Wegbereiter der Mörder bist du genauso schuldig wie die, für die du arbeitest.- Werauchimmer das geschrieben hatte, war Teil dieser Sekte.
„Das Papier...“, flüsterte er während er eindringlich auf die Notiz in Ross Hand blickte. „Das Papier, Ross, das Papier!“ Zwei Hände griffen ihn grob an den Schultern und zerrten ihn fort zur Tribüne des Hauptmannhauses, wo er vom Pfarrer befragt werden sollte. Sein Blick blieb auf den Zetteln haften. Und er hoffte, das der Hauptmann verstand.







