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Ehrengarde
Noch immer auf der Außenterreasse des Gasthauses sitzend blickte Brunhild der sich zur Kirche laufenden Luise nach. Es erleichterte sie sehr, dass es dem Mädchen wieder den Umständen entsprechend gut ging. Die nonnigste aller Nonnen um Rat und Beistand zu fragen war sicherlich eine kluge Entscheidung. Der Blick der Wirtin war immer noch starr auf die Empore, gerichtet, auf der Konrad gleich verhört werden würde.
Sicherlich wollte sie wissen, was er zu sagen hatte, schließlich würde es bei der späteren Versammlung noch von Bedeutung sein könne.
Ein dicker Kloß bildete sich in ihrem Hals, beim Gedanken daran, dass sie heute Abend wirklich über das Leben eines Menschen richten wollten, um es noch vor Einbruch der Nacht enden zu lassen. Das konnte nicht gottgefällig sein, solch ein Treiben ist genauso sündig wie das, was diese Sekte mit ihnen tun wollte…
So erhob sie sich und ging die drei Stufen des Treppchen hinunter. Es mochte ihm vielleicht nicht helfen oder überhaupt auffallen, aber die Wirtin wollte jetzt bei ihrem Stalljungen sein, ihm vielleicht mutvoll ansehen und so zeigen, dass sie hinter ihm stand und keinen Zweifel an seiner Unschuld hatte… Da erreichte ihr Ohr ein nur allzu vertrautes rythmisches Scheppern, welches sich näherte. Den Kopf umwendend erblickte sie Patricia, die offenkundig das Wirtshaus ansteuerte. Mit einem Blick zur Sonne stellte Brunhild zwar fest, dass es zum Öffnen der Schankstube noch etwas früh war, doch einzelnen hungrigen und durstigen Seelen verwehrte sie auch am Tag nicht den Einlass.
Wehmütg schaute sie noch einmal zum Treiben auf dem Dorfplatz und zu Konrad, der gerade die Hand auf die Bibel legte und kehrte dann seufzend um. Kurz bevor sie eingetreten war, Patricia schepperte gerade die Stufen hoch, fiel ihr etwas ein.
Mit einem: Grüß Dich, meine Liebe! Geh schonmal rein und mach’s Dir bequem, ich kümmer mich gleich um Dich, muss nur noch kurz etwas erledigen…, quetschte an der berüsteten Frau vorbei und eilte zu den Ställen. Wie vermutet waren die inzwischen sehr unruhigen Pferde noch nicht versorgt worden- ihr Pfleger hatte auch wahrlich gerade andere Sachen am Hals. Also richtete Brunhild noch einmal ihren Handverband und machte sich an die Arbeit, die Ställe auszumisten und die Rösser zu tränken und zu füttern.
Als sie schließlich die Schankstube betrat und die Heuke an den Haken warf, empfing sie ihr Gast bereits ungemütlich grunzend. Beschwichtigend hob sie die Hände, bevor sie sich daran machte, die restlichen Stühle hinunterzustellen und die Tische abzuwischen.
„Verzeih, gute Patricia, aber es herrscht gerade einiger Trubel, wie Du sicher schon mutbekommen hast.“ Das Feuer wurde neu geschürt und der Boden gekehrt.
„Ich meine, ich habe vorher noch nie von die Lumstern gehört, und auf einmal sollen sie sich hier tummeln und uns alle umbringen wollen… Und der Priester hat angeordnet, die Bedrohung durch den Strick zu lösen…heute Abend schon sollen wir alle darüber richten, wer zu der Sekte gehört und der oder die wird dann gehängt…
Sie erinnerte sich daran, dass Noel auch Patricias Namen als einen der potenziellen Sektenanhängern genannt hatte. Sie war wirklich eine sonderbare Frau, aber konnte sich die Wirtin schlecht vorstellen, dass sie nachts Jemanden morden könnte, ohne dabei das ganze Dorf zu wecken.
Zur Antwort erhielt sie ein weiteres erbostes Gegrunze, in dem sie etwas wie „mit Honig“ herauszuhören glaubte. So holte sie aus der Vorratskammer Brot, zwei Würste und ein kleines Fässchen, von welchem sie einen Krug abfüllte. Alles stellte sie vor Patricia ab.
Das ist selbsgebrauter Met, ich hoffe er ist gut geworden, ich über noch an der perfekten Rezeptur… Und ich mach gleich noch Brei, damit Du auch mal wieder was Warmes im Bauch hast..., sprachs und setzte sogleich großzügig bemessen Roggenbrei auf.
Als dieser sich langsam über der Kochstelle erhitzte, fiel der beschürzten Frau auf, dass irgendetwas anders war als sonst. Hastig blickte sie sich um, ehe es ihr einleuchtete: Sie wurde garnicht vom sonst stets hinter ihr hertapsenden Rüdiger bei der Arbeit gestört!
“RÜDIGER, BIST DU ENDLICH TOT?“, rief sie einigermaßen laut und hoffte auf keine Reaktion, abgesehen von Patricias offenbar beglückten Schmatzen.
Von oben waren allerdings eilige Schritte zu hören, kurz gefolgt von dem Klang von etwas oder Jemandem, der die Treppe hinunterpurzelte. Mit aufgerissenen Augen erblickte sie im Gang den auf dem Rücken gelandeten Schäferhundgreis, der wild mit den Pfoten rudern wieder auf die Beine kam und ruteschwingend auf die zugetrabt kam, ein vollgesabbertes Unterhemd im Maul.
Entsetzt entriss sie dieses dem Köter und herrschte ich dann an: „Himmel, Arsch und Zwirn! -vergib mir meine Worte, Herr- bist Du jetzt auch noch senil geworden?! Du hast oben nichts zu suchen, das weißt Du genau! Geh ja auf Deinen Platz und da bleibst Du für den Rest des Tages! Wehe Dir, Du wagst es auch nur daran zu denken, Dich zu bewegen, mein Freundchen, dann wirst Du Dir wünschen, Du hättest dir bei der Treppe das Genick gebrochen…“
Rüdiger legte sich mit hängendem Kopf vor den Kamin und beobachtete mitleidig sein Frauchen, welches das Unterhemd hastig unter den Tresen warf. Einen Moment blickte sie zornig auf Patricia, bevor sie merkte, was sie tat und schnell wieder ein Lächeln aufsetzte.
Entschuldige…wo war ich?, gab sie seufzend von sich, während sie den Brei umrührte und mit getrocknetem Kerbel würzte.
Achja, diese Abtstimmung… ich halte garnichts davon, vielleicht unschuldige zu morden. Irgendein Dumschwätzer hat dem Priester in der Beichte vorgesäuselt, dass ausgerechnet Konrad zu diesen Mördern gehören soll. Kannst Du Dir das vorstellen? Er hat also auf jeden Fall eine Stimme, und wird jetzt draußen vom Priester und wohl auch Ross verhört…“ Sie sah hinüber zur Eingangstür und malte sich einige Momente die Szene aus, ehe sie vom fertigen Brei in eine Schale schöpfte und sie vor Patricia abstellte, welche sich gleich darüberhermachte und mit einem kurzen Grunzer Nachschank forderte.
Während sie den Krug auffüllte, fuhr sie in ihrem Monolog fort: Es ist vollkommen klar, dass Konrad unschuldig ist, aber das Problem ist… Ich möchte wirklich keinen hinrichten lassen und auch die Anderen sollten sich diese Sünder nicht aufbürden. Aber selbst wenn ich alle davon überzeugen könnte, sich ihrer Stimme zu enthalten, würde es die Stimme des Priesters nichtungeschehen machen und damit Konrad…
Brunhild schluckte und schob den aufkommenden Gedanken beiseite.
„Das heißt also, dass ich, -wir alle, für sein Leben das eines anderen opfern müssen und hoffen, dass es einer dieser Verrückten ist. Ich weiß wirklich nicht, ob ich das mit meinem Gewissen vereinbaren könnte. Notfalls würde ich ja mi-„
In dem Moment betraten der Schweinehirt samt seiner Töchter die Schankstube und beendeten damit ihren laut ausgesprochenen Gedankenfluss jäh. Dankend fuhr die Wirtin der Berüsteten über das Schulterstück, ehe sie sich ganz der Bedienung ihrer Gäste widmete für die nächsten Stunden.
Unter ihnen war überraschender Weise auch Noel, der sie auf den Platz als dumm ob ihrer Meinung und ihres Unvermögens zu Lesen hinstellte. Wenn er damit nicht irgendwo Recht hätte, würde sie ihn vielleicht sogar wieder hochkant rauswerfen, doch mit großer Bildung kann sich Brunhild wahrlich nicht rühmen. Außerdem würde sie es nur in absoluten Sonderfall einen Gast Speis und Trank verwehren. Und schließlich war der Bursche auch zu den meisten anderen so rüpelhaft, also nützte es nicht, einen Groll deswegen gegen ihn zu hegen…
So schritt sie anfangs noch bemüht lächelnd ob ihrer Gedanken auf den sich an den leeren Tresen Setzenden. Als sie zur Begrüßung anhob, kam er ihr mit einem :
"Jeder Gast ist ein willkommener Gast. Ist es nicht so?", zuvor. Verdutzt schaute sie ihn an. Was sollte das denn jetzt? Sie wollte etwas darauf sagen, wusste aber nicht recht, was.
Ihr über die Jahre perfektioniertes Wirtinnenlächeln kehrte schnell zurück:
Was darf’s denn für den Herren sein?
"Ein Bier, wenns genehm ist. Möglichst süß, ich mag keine bitteren Dinge. Das süße Bier der großen Städte ist hervorragend, ich bin gespannt, einen Vergleich zu ziehen."
Ihre Miene vereiste bei diesen leicht spöttischen Worten leicht. Kurz nickte sie, ehe sie den anderen Gästen zuerst ihre Getränke und Mahle brachte und dann zurück hinter den Tresen schritt, um dem Gesichtsbemalten sein so unglaublich süß abzuzapfen. Sie war vielleicht keine helle Leuchte unter Gottes Himmel, aber ihre Braukunst schlechtreden zu wollen, passte ihr garnicht in den Kram. Kurz war sie versucht, dem anspruchsvollen Herren sein Bier noch mehr zu versüßen und zog auch schon leise die Nase hoch… doch dann wand sie sich schlicht um und stellte den Krug mit einem extrabreiten Grinsen vor ihm ab.
Einige Zeit später sah sie Lumi die sich zu dem selbsternannten Bierexperten gesellt hatte und sollte auch für sie eine Maß abzapfen. Folgend beobachtete sie die beiden aus den Augenwinkel immer mal wieder und ihr fiel auf, dass sich Noel ihr gegenüber offenbar netter zeigte. Nicht so kriecherisch wie bei Luise, aber immerhin… In ihm steckte also wirklich noch irgendwo ein guter Kerl, auch wenn nur wenige in den Genuss kamen, diesen jemals wirklich zu Gesicht zu bekommen…
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Zum dritten Mal füllte Brunhild gerade die Breischale Patricias auf, als die Eingangstür stürmisch aufgestoßen wurde.
"Es geht los! Es geht los!"
Der Bauer schluckte bedeutungsschwer.
"Die Hinrichtung. Die Wahl des Hängenden. Sie beginnt! Alle auf den Dorfplatz!"
Und damit verschwand er auch schon Richtung besagten Platzes.
Stille kehrte ein, gefolgt von eifrigem Gemurmel, als auch schon die meisten Gäste sich erhoben und das Gasthaus verließen, darunter auch Lumi und Noel.
Die restlichen wurden mehr oder weniger schnell von der Wirtin hinauskomplimentiert, die mehr und mehr ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bekam angesichts der Tatsache, dass die Abstimmung nun unmittelbar bevorstand. Als auch der letzte Gast den Schnakraum verlassen hatte, wurden eifrig alle Stühle wieder hochgestellt sowie die dreckigen Krüge und Schalen abgewaschen. Danach schritt Brunhild langsam zur Eingangstür, dort angekommen die Heuke wie in Zeitlupe anlegend. Sie trat hinaus in die Kälte und den nun aufkommenden Regen, blickte noch einmal zurück. Rüdiger hob den Kopf und wedelte aufgeregt mit der Rute. Mit todernstem Blick deutete sie mit zwei Fingern zuerst auf ihre Augen und danach auf die ihres alten Hundes, der draufhin sein Haupt wieder auf die großen Pfoten aufbahrte.
Alsdann schloß sie ihre Heim- und Arbeitsstatt ab und machte sich auf den Weg zu der sich vergrößernden Menschentraube.
Geändert von Mephista (26.03.2013 um 13:46 Uhr)
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