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Thema: Das Dorf Gottes 2-Tag 1

Baum-Darstellung

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  1. #19
    Dünnbier also.
    Auf ein gepflegtes Frühstück um diese Uhrzeit ein schäumendes Getränk, das definitiv aussah wie das Zeug mit dem sich Konrad gestern Abend weggeschmort hatte.
    "Ich weiß ja nicht...", murmelte Lumi, während sie den bis zum Rand gefüllten Krug anstarrte und grübelte.

    Erfinder, Nonnen, im Gesicht tätowierte Möchtegern-Banditen - wo verdammt nochmal bin ich heir gelandet?

    Das Bier roch gut. Allerdings nicht gut genug, um sie spontan dazu zu bringen, mehr als einen Schluck zu probieren.
    Mh.
    Malzig.
    Aber nicht schlecht. Noch ein Schluck. Ein kleiner noch hinterher.
    Eienr ging noch.
    Ein großer noch, wäre ja unhöflich wenn sie etwas übrig lassen würde.
    "Ich stelle sie vor deinem Zimmer ab, Du kannst Dich daran bedienen und waschen…", hörte sie Brunhild sagen, als diese gerade wieder hereingekommen war mit einem rothaarigen Mädchen im Schlepptau, das sie als Luise vorstellte, und einer Kanne voller Wasser. Wie lange saß sie jetzt eigentlich hier? Zehn Minuten? Dreißig? Und warum wirkte alles so... so...
    "Gut!", sprach sie und kletterte mühselig vom Stuhl herunter. "Gut, gut, gut, gut!" Breit grinsend, nicht ganz betrunken, aber sichtbar angesäuselt schlenderte sie zu ihrem Zimmer und betrachtete die Kanne mit stechendem Blick. "Ich gehe dann mal jetzt...", sie deutete auf die verschlossene Tür. Sie war nicht betrunken. "... da rein." Pause, immer noch auf die Tür deutend, immer noch auf die Kanne glotzend. "Da rein." wiederholte sie. Und merkte, wie ihr das Dünnbier in den Kopf schoss wie Feuerwerksraketen.
    "Da rein."

    Schwankend, die Kanne in einer Hand neben sich tragend ging sie ins Zimmer und verschloss die Tür hinter sich. Musste ja nicht jeder sehen, wie sich eine Handvoll Wasser erst ins Gesicht, dann auf den entblößten Oberleib klatschte und sich all den Dreck der letzten Tage wegrieb als wären es ihre schlimmsten Gedanken. Heute würde sie versuchen zu verschwinden. Und anhand der lauten Stimmen die von draußen in die Taverne gekommen waren, musste ja etwas draußen los sein. Es interessierte sie zwar nicht wirklich, da sie vorhatte, sich von Hor-Ross Geld zu leihen (oder Konrad) und dann auf schnellstmöglichem Wege auf die Händlerroute südlich von hier zu kommen, aber man wusse ja nie. Vielleicht gab es noch eine andere Möglichkeit. Erfrischt und von oben bis unten immer noch nass (was sie im Dünnbier-Wahn nicht wirklich interessierte) wankte sie - deutlich frischer als noch vor ein paar Minuten - aus dem Zimmer und schaute kurz hinüber zu Brunhilda, die ein rothaariges Mädchen versuchte zu trösten, während ein brünettes Mädchen daneben saß.
    "Brunhilda?", fragte sie, doch die Wirtin schien gerade etwas geistesabwesend zu sein, "Zwei Dings...", sie hielt zwei Finger hoch, um allen im Raum anwesenden zu zeigen, dass sie rechnen konnte, "Erstens: Wer ist rothaariges Mädchen? Zweiter: Was geht da draußen vor?" Sie pausierte kurz, immer noch keine Antwort. "Jobb [Na gut], ich geh' gucken selbst. Und ich schwör...", sie deutete auf das rothaarige Mädchen. Ihr dämmerte gerade, wer sie war: Die Rothaarige die den Jungen mit der beschissenen Handschrift begleitet hatte, die Tochter von Analbert der nicht Analbert war sondern irgendwer anders der krank war, "Du hast zwar kein Seele, ne? Aber wenn Typ mit Dings im Gesicht dich wehgetan hat, ne? Ich schwör: Fogom ütni őt a rohadt csókoló [Ich box' ihm in seine scheiß Fresse]! Ich schwör, ich nicht stark, aber Schlag von Frau tut Mann in Ego und golyók [Eiern] weh!" Bei der Drohung schlug sie sich selbst mit der Faust in die flache Hand, was sie als sie zornig hinausging mit einem schmerzverzerrtem Gesicht quittierte. Doch bevor sie ging, wies sie Djángo mit eienr handgeste an, die Rothaarige zu beschützen. "Djángo ist WM. Wachmarder. Schwör. Bis gleich."

    Eine Menschentraube hatte sich gebildet auf dem Dorfplatz. Wie Moses das Meer teilte teilte Lumi die Menschentraube vor sich (u.a. Konrad der gerade Horst anpöbelte) und studierte, was auf dem Dorfplatz herumlag: Ein blutbesudeltes Schwert mit einer Nachricht, eine weitere Nachricht am Ankündigungsbaum - Mann, wusste derjenige der das angestellt hatte nicht, wieviel Papier kostete? Konrads Name stand darauf, dahinter ein Strich. Und NOCH EIN ZETTEL hing am Pfosten in der Mitte des Platzes, bei allen guten Geistern wieso soviel Papierverbrauch? Das machte Lumi jetzt noch rasender als sie schon so war. Sie hatte keine Verbindung zum rothaarigen Mädchen, aber hatte genügend ungesunde Beziehungen zwischen ihrer Mutter und allem möglichen Gesocks aktiv mitbekommen um zu wissen, wie schädlich so etwas sein konnte. Fußfetisch-Junge stand geistesabwesend da, während Konrad, ein Pfarrer-Typ (mit noch eine Zettel - bassza meg...), der Holzfäller-Typ und noch ein paar andere Typen kurz davor waren, sich entweder gegenseitig den Schädel einzuhauen, die Bibel abzuknutschen die der Pfarrer-Typ mit sich trug oder sich gegenseitig mit der Bibel die Schädel einzuküssen. Moment, was? Egal. Sie studierte das, was auf dem Zettel geschrieben stand. Kleinlaut murmelnd las sie sich selbst die Nachricht vor. Deutsch sprechen konnte sie um einiges schlechter als es lesen, aber selbst lesen fiel ihr schwer bei einem derartigen Krickelkrackel. "Warum musse alle in diese Dorf so eine scheiße Handschrift haben? Ich versteh' nicht!", murmelte sie nun etwas lauter, während sie weiterlas.

    Es ratterte im Kopf.
    Ratterte.
    Arbeitete.
    Deus lo vult.
    Das hatte sie schon einmal irgendwo gesehen. Oder gehört?
    Nee.
    Sie las den Zettel der am Schwert hing.
    Lumianer.
    Ihre Augen rissen so weit auf, dass die Augäpfel am liebsten aus dem Kopf herauskullern wollten.
    Ein leises "Kacke..." entglitt ihr. Noch nie hatte eine ihrer Prophezeiungen gestimmt. Noch niemals. Dieses Mal musste es ein schlechter Scherz sein der mit ihr gespielt wurde. Sie hockte da, schaute abwechselnd auf den Dolch, die eine Nachricht, die andere Nachricht, die beschissene Handschrift, es passte nichts zueinander und doch fügte sich alles zu einem homogenen Ganzen zusammen.
    "Szent rohadt szar.", flüsterte sie, den Tränen nahe. So unauffällig wie möglich stand sie auf und ging langsam zurück zur Taverne, auf dem Weg für einen Augenblick den Rothaarigen Tattooträger einen Blick zuwerfend, öffente leise die Tür und setzte sich stumm zu Brunhild und Luisa. In der Hoffnung, dass man ihr das Lächeln abkaufte, das sie so schnell es ging aufgesetzt hatte. Sie musste hier weg. Heute noch.

    "Ist ja gar nix los da draußen, hä?", sagte sie mit einem Anflug von Sarkasmus in der Stimme und strich all die Gedanken, die ihr gerade im Kopf herumspukten, zur Seite.

    Geändert von T.U.F.K.A.S. (25.03.2013 um 18:18 Uhr)

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