-
Ritter
Es roch nach Regen.
Meretes müde Augen schauten hinaus zum kleinen geöffneten Fenster, welches ihr einen Blick auf den wolkenverhangenen Horizont über dem Gasthaus gewährte, aus dem sie - noch vor dem Einschlafen - angenehm lebendige Laute wahrgenommen hatte. Kein Regen war zu sehen, doch der ölige Geruch der Luft kündigte ihn an. Ein entspanntes Seufzen folgte, bevor sie sich aus dem Bett begab, durch das Fenster die Wirtin des Gasthauses erblickte, die eben jenes mit einer Wasserkanne in der Hand verließ.
Ja, eindeutig. Es sieht nach Regen aus. Die Isländerin blickte - nun draußen stehend - in den Himmel und nahm mit einem kurzen Schaudern das dichte Zusammenspiel der dunklen Wolken wahr. Schlechtes Wetter hatte die Angewohnheit, dann aufzutauchen, wenn zuvor jemand starb. Die größten Schlachten in denen Merete kämpfte, waren jene, die von noch größeren Regenschauern abgelöst wurden, denen gewaltige Stürme folgten. Als wollte die Erde selbst sich vom Blut der Gefallenen befreien, als wollte der Flammen auslöschende Regen mit dem Flammen anstachelnden Wind um das lodernde Feuer kämpfen. Sie sah nie, wer gewann, zog weiter, noch bevor die Natur eine Entscheidung traf, in den vorübergehenden Schutz der nächsten Herberge.
Ruhig durchschritt sie ihre Route durch das Dorf, auf der Suche nach einem geeigneten Platz in der Nähe des Brunnens, von dem aus sie - wie so oft - das Treiben beobachten konnte, welches ihr das ständige Gefühl von belebter Sicherheit gab, nach dem sie sich ebenso andauernd sehnte. Vorbei am Haus des jungen Mechanikers, der ihr am vorigen Tag sein Vertrauen aussprach, konnte sie aus einiger Entfernung bereits einen doch unerwartet überfüllten Dorfplatz ausmachen. War es der Tod des Hauptmannes, der die Dörfler so aufbrachte? Oder war etwas Schlimmes eingetreten, die Vorahnungen des Verstorbenen wahr geworden?
Von der Neugier getrieben wurden ihre Schritte zügiger, nicht überhastet, aber fast wappnend, um auf jede Überraschung vorbereitet zu sein. Ihr Gang wurde erst wieder langsamer und leiser als sie die ersten Worte vernahm. Rekon war es, welcher die Wirtin über die jüngsten Ereignisse aufklärte - und auch Merete lauschte nun interessiert.
Es ist wahr. Hauptmann, Sie hatten Recht! Das Unheil war in Form dieser Sekte über das Dorf gekommen und sollte es nun von innen heraus auffressen. Hass und Missgunst würden die Bewohner aufhetzen. Jeder würde beginnen, seine Nachbarn zu beschuldigen. Mehr und mehr würde man auf die Ängste vertrauen, sich von ihnen zu voreiligen Entschlüssen verleiten lassen und selbst die Rechtschaffendsten reinen Gewissens in den Tode schicken. Merete müsste einen kühlen Kopf bewahren, die wahre Bedrohung vom Schein unterscheiden, sich aktiv einbringen, um für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Um nicht selbst Opfer der aufgebrachten Masse zu werden.
Nur kurz zögernd näherte sie sich dem besagten Schwert, dessen Klinge einige Zentimeter im Boden steckte. Es würde durch den aufkommenden Regen ohnehin seinen Halt verlieren, weswegen die Jägerin es am Griff packte und herauszog. Sie bückte sich und nahm den Zettel, besah ihn sich, doch konnte nichts anfangen mit den Buchstaben, die ihr wahllos aneinandergereiht vorkamen. Beides trug sie schließlich zu der kleinen Traube an Menschen, die besorgt dreinblickend offenbarte, was Merete im Innersten fühlte. Sie bekundete ihre Zustimmung der Idee ihres Jagdgenossen gegenüber und befand es als sinnvoll, auch ihre Idee zu äußern. Ohne in einer der üblichen Formen auf sich aufmerksam zu machen, begann sie zu reden, in der Hoffnung, dass ihren Worten auch ohne ein Räuspern oder gar das Podest am Haupthaus gelauscht wurde.
"Jemand sollte den Dorfschmied einweihen! Möglicherweise lässt sich anhand der Schmiedekunst des Schwertes die Herkunft seines Trägers bestimmen." Während sie sprach, besah sie sich die Klinge des Beidhänders, ohne jedoch auch nur im Ansatz ausmachen zu können, was für Schmiedemerkmale sie trug. Sie lernte, mit Waffen zu töten, nicht aber, sie zu erkennen. Doch wer würde ein einwandfreies Kampfgerät so einfach hergeben? "Und das hier..." - sie hielt das beschriebene Papier mit der rechten Hand vor sich - "... sollte jemand nehmen, der etwas damit anzufangen weiß." Sie nickte zu sich selbst, bevor sie sich - Zustimmung erhoffend - umsah, insbesondere den neuen Hauptmann anblickend.
"Wenn es mir gestattet ist, würde ich dem Schmied das Schwert nun bringen und ihn um Rat fragen."
Geändert von MeTa (24.03.2013 um 23:00 Uhr)
Berechtigungen
- Neue Themen erstellen: Nein
- Themen beantworten: Nein
- Anhänge hochladen: Nein
- Beiträge bearbeiten: Nein
-
Foren-Regeln