Maxim begriff sich selber nicht. Zwei Jahre Fürsorglichkeit und Freundschaft hatte er so gut wie zerstört in einem einzigen, kurzen Gespräch ohne vieler Widerworte. Es regnete draußen, aber das interessierte ihn nicht. Er rannte, egal wohin ihn das auch führen möge, er rannte. Die Leute auf dem Bürgersteig hatten es eilig, in dieser Menschenmenge, die Schutz vor dem Regen suchte, fiel er nicht großartig weiter auf. Sein Körper war durchnässt und er wurde langsamer: Die Müdigkeit, die Anstrengungen, der Stress... all das war kurz davor, ihn umzubringen. Stattdessen aber verkroch er sich in eine Gasse und versteckte sich sitzend hinter leeren Kisten. Die Regentropfen vermischten sich mit seinen Tränen. Er blickte für einen Augenblick hoch und dachte sich: "Ob Selene auch weint...?"

Er saß dort für eine Weile und war völlig apathisch. Ein einziger leerer Blick auf den Boden zeichnete seinen Zustand komplett. Er dachte nach, ohne klare Gedanken zusammenfassen zu können. Sein schwacher Körper ließ nicht nach. Wie angwurzelt saß er nach mehreren Minuten immer noch am selben Platz und war glatt am Ertrinken. "Großvater hat mir nie erlaubt, im Regen zu bleiben... und wenn ich nass nach Hause kam, gab es Ärger... was würde passieren, wenn ich jetzt nach Hause gehen würde....?" Er hatte nichts konkretes erwartet. Wahrscheinlich würde er wieder geradewegs in sein Zimmer laufen und sich mit einer Decke trocknen. Das dachte er zumindest. Eine Begrüßung bekam er so gut wie durchgängig seit zwei Jahren nicht mehr, wenn er in der Herberge ankam. Nicht einmal die Gäste verloren ein Wort der Höflichkeit ihm gegenüber. Als ihm das auffiel, wurde er schlagartig darüber traurig. Bis heute hatte ihm das nichts ausgemacht, er hielt sich immer für rangniedriger und dachte, er hätte es nicht verdient, großartig beachtet zu werden. Edmond hielt er auch immer für einen sehr großen Glücksfall.

Er stand vor seiner Herbergstür. Es war ein ziemlich ungewöhnliches Gefühl, da er noch nie außerhalb geschlafen hatte und jetzt plötzlich erst mitten am Tag das Innere seines Zuhauses sieht. Er öffnete ganz normal die Tür und trat ein, als er plötzlich Ava durch den Empfangsraum streifen sah. Sie beide blickten sich überrascht an und es war sehr still. Nicht einmal das laute Plätschern der Regentropfen bemerkten sie noch. Ava brachte kein Wort heraus, sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Angeklagt hatte sie ihn und trotzdem schlief sie noch in seiner Herberge. Maxim, der diese Tasache völlig vergaß, ignorierte die Angelegenheit. Viel mehr war er seelisch davon zerstört, dass sie nichts sagte. Kein "Hallo", kein "Wie geht's dir", kein "Bitte bereite mir doch etwas zu Essen zu". Stille. Und er fühlte sich erneut wertlos. Er fing wieder an zu weinen und fing an zu reden: "Es ist so wie immer... a-aber..." Während sich seine Fäuste wieder zusammballten, trat Ava erschrocken einen Schritt nach hinten. "...es macht mich plötzlich so unglaublich traurig... i-ich... ich... spiele ich denn keine Rolle mehr? I-ich bin auch nur ein Mensch! Bitte! Ich bin auch nur ein Mensch, warum behandelt ihr mich alle so?! WARUM?!"

Doch er erwartete keine Antwort, sondern lief in sein Zimmer und knallte die Tür zu.