[Erynn]
Dreveni riß das Eingangstor auf, während Erynn sicherte. Vor ihnen führten ein paar Stufen nach unten, dahinter lag ein kurzer Gang, der sich zu einer Art Galerie verzweigte, die einmal komplett um eine ein Stockwerk tiefer liegende Arena zu laufen schien. Vereinzelt tauchten Fackeln das Innere von Rotheran in spärliches Licht. Sie schoben sich vorsichtig vorwärts und nutzten die zahlreichen Schatten, um unentdeckt zu bleiben. Dem ersten Eindruck nach schien die Feste verlassen zu sein, doch der Schein mochte trügen.
Während sich die beiden Frauen durch das Bauwerk bewegten stellten sie fest, daß zumindest die obere Ebene recht übersichtlich gehalten war. Rotheran wirkte, als habe es ursprünglich weniger zu dem Zweck gedient, daß niemand hinein- sondern eher dem, daß niemand herauskam.
Erynns Überlegungen wurden jäh unterbrochen, als sie um eine Ecke schlichen und einer schmalen Silhouette auf dem Boden gewahr wurden, welche die Dunkelelfin selbst auf einem Jahrmarkt mitten in Schwarzmarsch unzweifelhaft erkannt hätte. Sie konnten sich bis auf etwa fünf Schritte nähern, bis Gumora sie bemerkte und sich von seinem Lager aufrichtete.
„Was macht ihr hier? Ihr hattet Anweisungen, euren Posten nicht zu verlassen. Ich schicke euch die Ablösung wenn...“
Er erkannte seinen Fehler zu spät. Auf Erynn und Arranges mochte er vorbereitet gewesen sein, nicht jedoch auf Dreveni. Mit zwei schnellen Sätzen war sie bei ihm, versetzte ihm einen Tritt in den Brustkorb, der den Argonier herumwirbelte und schwer auf dem Bauch landen ließ. „Keinen Laut, wenn dir dein Leben lieb ist.“ Der Dolch der Assassinin drückte sich in die Schuppenhaut seines Halses.
Erynn sparte sich ihren Atem und schwieg, fesselte stattdessen die Hände ihres Ziels hinter seinem Rücken und verpaßte Gumora einen Knebel. Eine Echsenschnauze, so stellte die Kriegerin leidenschaftslos fest, eignete sich wirklich hervorragend zum Zubinden.

Sie wuchteten den Argonier auf die Füße und schleiften ihn in Richtung Ausgang. Drevenis Stilett bewegte sich währenddessen keinen Fingerbreit fort von seiner einmal gewählten Position. Leise rein und leise raus.
Er brachte es tatsächlich fertig, Erynn einen überheblichen und siegessicheren Blick zuzuwerfen, nachdem er den Beschwörer nirgends entdecken konnte. Du bluffst doch nur... Trotzdem blieb sie wachsam und lauschte auf verräterische Geräusche. Molag Bal allein wußte, wie viele Leute sich noch in der Dunmerfestung aufhalten mochten.

Gumoras selbstbewußtes Gebaren änderte sich erst, als sie schon wieder auf dem Dach der Ruine standen und die beiden toten Wächter entdeckte. Er warf sich unvermittelt nach hinten, weg von dem Stilett, und brachte Dreveni aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig versuchte der Tiermensch, trotz des Knebels nach seinen Kumpanen zu schreien.
Erynn, überrascht von den unheimlichen Kräften, die der spindeldürre Kerl zu entwickeln im Stande war, fackelte nicht lange. Die rechte Hand blieb in die Fesseln gekrallt. Es gelang Gumora, sie zwei oder drei Schritte mitzuschleifen, bevor sie ihren eigenen Dolch aus der Scheide im Stiefel befreit hatte. Zwei entschlossen geführte Schnitte, und das Knurren ihres Feindes wandelte sich zu einem atemlosen Fauchen, als die Achillessehnen durchtrennt wurden. Kriegerin, Assassinin und Echse fielen in einem wirren Haufen aus Armen und Beinen übereinander, dann war die Situation unter Kontrolle.
„Schade“, zischte Erynn dicht an seinem Ohr, „nach der Jagd, die du uns geliefert hast, hatte ich mehr Verstand von dir erwartet.“ Sie wuchteten den Argonier hoch und schleiften ihn weiter, den Weg über die Hügel zurück, den sie vorher gekommen waren.

[Dreveni]
Es gelang erstaunlich problemlos, die Echse aus ihrem Loch zu ziehen. Kurz hinter dem Eingang zu Rotheran lag er und schlief. Sie überwältigten ihn, und schließlich kam doch noch das, mit dem Dreveni insgeheim gerechnet hatte, sonst wäre es auch zu glatt gelaufen. Erynn fackelte nicht lange und schnitt ihm die Achillessehnen durch, danach schleifte sie ihn mit sich. Die Aussicht auf Rache schien ihr gigantische Kräfte zu verleihen. Schließlich kamen sie zu einer Senke, in der ein einzelner, schon halb toter Baum stand. Zusammen hieften sie ihn hoch und hängten ihn an den Armen an einen der unteren Äste. Es knirschte verdächtig in seinen Schultergelenken, als sie ihn hochzogen, aber die würde er ohnehin nicht mehr lange brauchen. Dreveni ging ein paar Schritte zurück und setzte sich auf den Boden, von wo aus sie die Szene still beobachtete. Das hier war Erynns Moment, und sie würde sich nicht einmischen, bis sie die andere darum bat. Außer sie kam auf den seltsamen Gedanken, der Echse doch noch die Freiheit zu schenken, das ging gegen Drevenis Prinzipien, nach dem was sie auf der Jagd nach ihm alles erlebt hatten.