Am frühen Nachmittag stach die Frostbrecher in See. Das Wasser war ruhig und der Himmel klar, so daß man auf eine ruhige Überfahrt hoffen durfte. Erynn stand an der Reling und blickte mit gemischten Gefühlen auf das Wasser hinaus. Einerseits war sie froh über die unkomplizierte Passage nach Dagon Fel, andererseits zerrte es an ihren Nerven, für die nächsten Stunden nichts weiter tun zu können als zu warten. Sie würde trotzdem genau das machen, was Rokrast vorgeschlagen hatte: So wenig wie möglich im Weg stehen und ansonsten darauf achten, daß die Guars ruhig blieben. Hinter ihrem Rücken ging die Routine auf dem Schiff ihren Gang, doch die Elfin bekam all das nur mit halbem Ohr mit.
Hör auf, dich zu ärgern, sagte sie sich selbst bestimmt zum hundertsten Male das nützt jetzt auch nichts mehr. Konzentrier dich lieber auf das, was vor dir liegt, bevor du dich in deiner Wut noch einmal so überrumpeln läßt wie heute morgen...

Als der Abend dämmerte, hatte die Frostbrecher die letzte Landspitze von Vvardenfell hinter sich gelassen. Die schmalen, von Wind und Wasser rundgeschliffenen Felsnadeln, welche Erynn schon früher aufgefallen waren, wurden zusehends mehr, es war, als führe das Schiff des Nords mitten hinein in einen Wald aus Stein, der direkt aus dem Meer wuchs. Ein bißchen unheimlich war ihr das im ersten Moment schon, bis sie sich daran erinnerte, daß Frachter und Besatzung diese Route nicht zum ersten Mal befuhren. Wenn Rokrast ganz bewußt in Kauf nahm, diesen Teil des Meeres in einsetzender Dunkelheit zu erreichen, wußte er sicher sehr genau, was er tat.
Die Kriegerin entschied, daß sie die Nacht über hier draußen bei den Guars bleiben würde für den Fall, daß die Tiere doch noch aus irgendeinem Grund unruhig wurden. In ihre Decke gewickelt setzte sie sich auf das Deck und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling. Die lange Zeit des Stehens, während sie betrachtet hatte, wie die Umgebung an ihr vorbeizog, hatte ihre Beine müde werden lassen. Es dauerte nicht lange, bis das sanfte Schaukeln des Schiffes und das regelmäßige Knarren seines Holzes sie in einen leichten, aber erholsamen Schlaf wiegten.


Dagon Fel war... wenig beeindruckend. Ungefähr so, wie Erynn Ald Velothi in Erinnerung hatte, nur kälter. Vom Salzwasser grau verfärbte Stege und Bretterbuden waren das erste, was man vom Schiff aus im Licht des frühen Morgens sehen konnte. Nachdem die Frostbrecher sicher vertäut war, verließen sie, Dreveni und Arranges zusammen mit den Guaren das Schiff und betraten die Straßen der Ansiedlung. Neben den Holzhütten gab es auch einige strohgedeckte Gebäude aus Stein, die schon sehr viel massiver wirkten. Die Insel Sheogorad hatte nicht viel gemeinsam mit der Molag Amur oder den Weideländern Vvardenfells. Die Gegend war felsig, Pflanzen gab es nur wenige. Diejenigen, die stur genug waren hier zu wachsen, kauerten sich in geschützten Winkeln und Spalten zusammen. Erynn glaubte, zwischen einer Hügelkette am Rand des Dorfes eine Struktur auszumachen, die einem Dwemerbauwerk ähnlich sah, aber ganz sicher war sie sich nicht. Der größte Teil der Bevölkerung bestand aus Nord. Sie paßten gut in diese rauhe, unwirtliche Umgebung. Fragend schaute die Dunmer zwischen ihren Gefährten hin und her. Was jetzt? sagte ihr Blick.