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Thema: Schildstadt

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  1. #29

    Heerlager => Tel Vos

    Erynn hockte vor der Barracke, ungeachtet des unangenehmen Wetters. Die Ellbogen auf die aufgestellten Knie gestützt, den Blick auf den Erdboden vor sich gerichtet, wartete sie. Dies hier war nicht ihre erste Schlacht, und es würde, wenn alles glatt lief, auch nicht ihre letzte sein. Allerdings war es die erste, in der sie nicht den geringsten Einfluß auf den Einsatz hatte. Wenn sie mit anderen Gildenkriegern losgezogen war, meistens um irgendwelche Goblins oder Banditen zu jagen, hatte sie immer gewußt, was ihr Platz, ihre Verantwortung und ihre Befugnisse waren. In der Gilde hatten die Veteranen ohnehin immer darauf geachtet, sie aus dem größten Getümmel herauszuhalten – es mochte ein hartgesottener Haufen sein, aber sie gaben auf ihre Frischlinge acht.
    In Valenwald war es ganz anders gewesen – dort hatte die Verantwortung für eine verzweifelte Verteidigung großteils in ihren eigenen Händen gelegen, und auch dort hatte sich die Elfin gut geschlagen.
    Und heute? Erynn wußte noch nicht einmal, ob es unter den Söldnern so etwas wie Anführer gab. Vielleicht die Herren einiger größerer Rotten, die sich hier zusammengefunden hatten. Jedenfalls hatte Erynn hier und da das Banner eines bedeutenden Söldnerhaufens aus Hammerfell gesehen.
    Irgendwann bemerkte Erynn, daß Dreveni sich zu ihr gesellte. Genauso stumm wie sie selbst harrte die Assassinin der Dinge, die da kommen mochten.

    Irgendwann raffte auch Erynn sich auf und trabte von ihrer etwas abseits gelegenen Unterkunft los in Richtung der Zeltreihen, wo Herolde auf Guars damit beschäftigt waren, hauptsächlich Magier und Hilfstruppen auf ihre Positionen zu scheuchen. Die Soldaten und Kampfmagier wußten naturgemäß, wo ihr Platz war – wenn man mal einen von denen im Gewühl sah, konnte man davon ausgehen, daß es einen guten Grund dafür gab.
    Die Bogenschützin erreichte schließlich den Platz, den man dem einen der beiden Söldnerverbände zugewiesen hatte. Tatsächlich schien es hier so etwas wie Anführer zu geben – Erynn bemerkte einen bulligen Ork in der Rüstung des Fürstenhauses, allerdings wies diese bis auf die Farben seines Söldnerhaufens -er gehörte zu den Kerlen aus dem Norden Hammerfells, wie die Elfin vermutet hatte- keinerlei Rangabzeichen auf. Sie vermutete, daß der Knochenharnisch ein Geschenk oder eine Leihgabe der Telvanni war. Während er seinen armen Guar, der unter dem Gewicht der Grünhaut fast zusammenzubrechen schien, wieder und wieder um den zusammengewürfelten Haufen bezahlter Kämpfer herumscheuchte, bemerkte Erynn, daß sich tatsächlich so etwas wie eine Ordnung ergab. Es war nichts, das man wirklich als Formation hätte bezeichnen wollen, nicht einmal mit viel Phantasie, aber dennoch ein zusammenhängender Haufen, der sich, sollten seine Mitglieder den Namen ‚Söldner’ tatsächlich verdient haben, nicht direkt beim ersten Feindkontakt versprengen und aufreiben lassen würde. Erynns Respekt für den Söldnerhauptmann wuchs praktisch sofort. Er wußte, wie er seine Leute in die Reihe bekam.
    Assassinin und Kriegerin waren irgendwo ins hintere Drittel des Haufens gespült worden, kein schlechter Platz für zwei Bogenschützen. Und darüber hinaus relativ sicher, überlegte Erynn, die sich an das Versprechen erinnerte, welches sie Arranges gegeben hatte. Sie würde ihren Kopf so gut wie möglich unten halten.
    Die Wartezeit bis zum Abmarsch verbrachte sie damit, sich ihre Kampfgefährten näher anzusehen. Was auf den ersten Blick aussah wie eine unorganisierte, abgerissene Bande, entpuppte sich bei zweitem Hinsehen als wesentlich vielfältiger: Innerhalb des Haufens gab es mehrere Streiter, die ähnlich wie Dreveni und sie selbst ein Kämpferpaar oder eine kleine Gruppe bildeten, und Erynn sah auch, entgegen jeden Klischees, keinen einzigen Dreschflegel und keine Mistforke. Stattdessen viele Männer und Frauen verschiedenster Völker, deren Gesichtern und Ausrüstung man ansah, daß sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schwert bestritten. Etwa die Hälfte der Leute waren Dunmer, aber auch so ziemlich alle anderen Völker Tamriels waren vertreten – die Daedra allein wußten, wo die Telvanni sie alle zusammengekratzt haben mochten. Die Waffen und Rüstungen, welche Erynn sah, waren zum Großteil einfach wie ihre eigenen, aber gut gepflegt und in Schuß. Allerdings sah die Dunkelelfin hier und da auch Silber blitzen, einzelne Rüstungsteile aus Knochen oder gar Vulkanglas, eine Axt aus der goldgelben Legierung, wie sie für die Dwemer typisch war und manchmal auch das matte Schimmern auf Leder oder Metall, welches auf eine Verzauberung hinwies. Hier traten tatsächlich zum überwiegenden Teil Berufskämpfer und Abenteurer an, keine verzweifelten Bürger oder Bauern. Die Kunst würde in den kommenden Stunden darin bestehen, all diese Individualisten als geschlossene Gruppe agieren zu lassen. Erynn war ehrlich gespannt, ob den vielleicht selbsternannten, vielleicht von den Telvanni ausgewählten, den meisten Söldnern aber wohl unbekannten Anführern dieses Kunststück gelingen würde.
    Argonier befanden sich dummerweise keine in ihrer Nähe, stellte die Kriegerin fest. Die meisten Echsenwesen bevorzugten Speere im Kampf, weshalb sie weit vorne in den Schlachtreihen standen. Erynn nahm sich dennoch vor, die Tierwesen im Auge zu behalten. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, doch noch an der Seite von einem von ihnen zu fechten oder einen mit einem gut gezielten Pfeil aus der Bedrouille zu retten, mochte sich nach der Schlacht die Gelegenheit auftun, das ein- oder andere über Gumora in Erfahrung zu bringen.

    Erynn wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich der ganze Haufen wie ein einziger, großer Organismus in Bewegung setzte, auf das eigentliche Tel Vos zu. Nach etwa einer Stunde zügigen Marsches färbte sich der Nachthimmel über ihnen blutrot, als stünde die Siedlung längst lichterloh in Flammen. Es war deutlich zu spüren, daß daraufhin Nervosität durch die Reihen der Kämpfer lief wie eine schwache Welle, Erynn selbst jedoch blieb ruhig. Sie hatte zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, was auf sie zukommen würde.

    Etwa fünfhundert Doppelschritte später ergab sich ein genaueres Bild. Die Stadt an sich schien noch zu stehen, in welchem Zustand jedoch genau die Siedlung war, ließ sich im unheimlichen Licht der drei Tore im Vordergrund nicht erkennen. Instinktiv packte Erynn den Griff ihres Bogens fester. So etwas hatte auch sie noch nicht gesehen. Es gab Gerüchte, daß sich die Situation bei Kvatch ähnlich dargestellt hatte, in jener unglücksseligen Nacht, als die Stadt dem Erdboden gleichgemacht worden war.
    Ihr Trupp kam zum Halten. Die Heerführer ihres Haufens, der große Ork vornweg, zwei weitere, vermutlich Rothwardonen, an den beiden Flanken, forderten die Aufmerksamkeit ihrer bunt zusammengewürfelten Gefolgsleute ein, indem sie ihre Waffen hoch über die Köpfe erhoben hielten. Anspannung machte sich breit. Totenstill war es jetzt in den Reihen der Söldner - es war klar, daß es jetzt nicht mehr lange dauern konnte bis zum Zusammenstoß mit den Daedra.
    Von ihrer Position aus konnte Erynn nicht allzuviel sehen, es war aber zu erkennen, daß vor den Toren eine relativ große Anzahl niederer Daedra patroullierten – hauptsächlich Skamps und Clannfears, nicht viel mehr als Wachhunde. Die Angreifer aus den Totenlanden mußten sich ihrer Sache recht sicher sein, auch wenn ihnen der anrückende Entsatz kaum entgangen sein konnte. Genug Radau katte die Legion mit ihren Trommeln und Rufhörnern jedenfalls gemacht.

    Neben der linken Flanke entstand Bewegung, als ein Pfeilhagel irgendwo aus dem mittleren Abschnitt des Telvanniheeres in Richtung der Tore zischte, unsichtbar im schummrigen Halbdunkel des Schlachtfeldes, kurz darauf folgte ein zweiter. Dann stürmte eine Gruppe kaiserlicher Legionäre an ihrem Trupp vorbei, fräste sich in die Reihen der Skamps und Clannfears, kam zwischenzeitlich kurz zum Stehen, zog sich zurück, griff nach neuerlichem Pfeilbeschuß irgendwo tief aus den Reihen der Verteidiger von Tel Vos ein weiteres Mal an. Wer von den niederen Oblivionkreaturen sich bisher nicht in den Schutz der Totenlande zurückgezogen hatte, wurde niedergemacht.
    Was von der kaiserlichen Infanterie, welche für den ersten Schlag verantwortlich gewesen war, noch übriggeblieben war, zog sich jetzt geordnet von den Toren zurück, machte Platz für die nächste Welle. Das war der Moment, in dem die Anspannung in Erynns Trupp in Aktion explodierte. Die Möglichkeit, endlich handeln zu können, riß die Elfin mit sich, blutrot ihre Gedanken, blutrot der Himmel über ihr, blutrot die Tore vor ihr. In einem leichten Bogen, um den Rückzug der Legionssoldaten nicht zu stören, hielten sie auf die Tore zu – nur vorwärts, vorwärts, vorwärts!
    Ohne viel Ordnung, dafür wie im Rausch und alles Wollen und Denken nur auf ein Ziel gerichtet, stürmte das Söldnerheer auf das rechte der kleineren Tore zu. Erynn ließ sich von der tödlichen Welle tragen, von der sie selbst Teil war – wer jetzt zögerte, war schon so gut wie verloren.
    Mut hatten die Männer und Frauen, die an ihrer Seite kämpften, daran gab es keinen Zweifel – ohne zu zaudern sprangen sie durch den Schleier, der ihre Welt von Mehrunes Dagons Reich trennte, ohne ahnen zu können, was sie auf der anderen Seite erwarten mochte.
    Erynn war mittlerweile relativ immun gegen die kurze Phase der Desorientierung, die sich dann einstellte, wenn sie zwischen den Welten wechselte. Rasch verschaffte sie sich einen Überblick – und revidierte ihre frühere Überlegung, das Tor lieber mit einem kleinen Trupp infiltrieren zu wollen, umgehend. Das hier war kein unbedeutender Außenposten der Daedra irgendwo im Hinterland von Cyrodiil, ebenso wenig eine kleine Vorhut wie vor Cheydinhal, die für Schrecken und Verunsicherung unter einfachen Bürgern sorgen sollte. Was ihnen hier gegenüberstand, war eine Belagerungsarmee.
    Ein kurzer Blick zum Söldnerhauptmann an der rechten Flanke, dann das Signal auf das sie gehofft hatte: Erynn legte einen Pfeil auf die Sehne, zielte hoch über die Köpfe ihrer Leute hinweg, irgendwo mitten hinein in die feindlichen Reihen. Die Schlacht um Tel Vos hatte begonnen...
    Geändert von Glannaragh (15.04.2012 um 15:41 Uhr)

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