Erynn schaute der anderen Frau stumm hinterher, als diese verschwand, dann ließ sie sich auf die hölzerne Bank an der Wand des Gastraums sinken. Die letzten Worte der älteren Dunmer waren verdammt gut gezielt gewesen. Schlechter hätte es wohl nicht laufen können. Ich wußte ja, daß Dreveni Temperament hat, aber...
Sie schüttelte den Kopf und winkte der Schankmaid. „Matze... bitte“, brachte sie abgehackt heraus. Nicht zu fassen, dachte sie einigermaßen entsetzt über sich selber, ich kenne noch nicht einmal das Dunmeriwort für ‚bitte’, während mir das für den hiesigen Alkohol schon leicht über die Lippen geht. Wenn das hier alles vorbei ist, muß ich mich wirklich erst wieder an zivilisierte Umgangsformen zu gewöhnen, fürchte ich... Frustriert und grüblerisch von dem Ausgang ihres Gesprächs mit der Assassinin starrte sie mit hohlen Augen ins Leere. Hatte Dreveni am Ende gar Recht? Verhielt sie sich wirklich so bigott, wie die Andere sagte? Erynn dachte ernsthaft darüber nach. Sie wußte, daß sie gerade drauf und dran war, ihre Ideale zu verkaufen – ein hoher Preis, aber wohl nicht zu hoch, wenn es darum ging, ihre Selbstachtung zu retten. Arranges hatte das ein- oder andere mal von Verrat gesprochen, davon wie es sich anfühlte, hintergangen zu werden und plötzlich irgendwelchen Leuten oder Umständen ausgeliefert zu sein. Sie hatte es nicht nachvollziehen können zu der Zeit, hatte geglaubt, der Beschwörer übertreibe, um seinen zweifelhaften Lebenswandel vor sich selbst und vielleicht auch vor ihr zu rechtfertigen. Und hier saß sie nun, in irgendeiner Taverne in Morrowind, und spürte den Stachel des Verrats und der Machtlosigkeit mit quälender Deutlichkeit in ihrem eigenen Fleisch. Die Elfin hatte das Gefühl, daß ihr überhaupt keine Wahl blieb. Sie mußte Gumora jagen, ihn stellen und Rache nehmen, oder sie würde immer mit der nagenden Furcht leben müssen, daß es Leute gab, die sie zu ihrem Spielball machen konnten. Ungestraft. Seit jenem düsteren Tag bei Fanacasecul drückte dieses Wissen auf ihre Gedanken, ließ sie unsicher und verängstigt sein. Sie mußte das ändern. Sie würde es ändern, indem sie sich des Mannes entledigte, welcher der Auslöser für diese ganze Misere war.
...und in diesem Punkt unterscheiden wir uns sehr wohl, Dreveni. Ich habe keine Wahl. Du schon. Stimmte das? Hatte sie wirklich keine? Erynn bemerkte, wie ihre Gedanken sich im Kreis zu drehen begannen. Für eine ganze Weile noch saß sie an dem Tisch in der Ecke, trank zu schnell und zu viel, bis ihre Überlegungen ihr schließlich entglitten, ohne daß es ihr gelungen wäre, zu einem Ergebnis zu kommen. Nur eine Sache war klar und drang selbst durch den betrunkenen Nebel ihres Geistes: Sie konnte sich nicht vollends von den Worten freisprechen, welche Dreveni ihr entgegengeschleudert hatte, bevor sie ging.