Sie trennten sich vor der Friedhofsmauer. Erynn ging das relativ kurze Stück bis zum Osttor, in dessen Nähe sich das Haus ihrer Eltern befand. Ihr Besuch war natürlich nicht geplant, aber die beiden würden sich trotzdem freuen, sie wiederzusehen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die Hand hob und an die Tür des relativ kleinen, aber gepflegten Hauses klopfte. Jemand hatte das Gefache neu getüncht, fiel ihr auf.
Taros und Ernse begrüßten sie freudig überrascht, wenngleich ein bißchen erschrocken über ihr abgerissenes Erscheinungsbild. Umfangreiche Beteuerungen, daß sie sich gerade auf einer langwierigen Mission befand und deshalb momentan nur selten in den Luxus kam, ihren Kram und sich selbst anständig in Schuß halten zu können, beruhigten die beiden schließlich leidlich, auch wenn die Sache mit dem Oger, der für das Aussehen ihrer linken Hand verantwortlich war -zumindest weitgehend- ihre Eltern recht deutlich schockierte.
Erynn stieß einen schicksalsergebenen Seufzer aus und fügte sich in die Betüddelung, die ihre Mutter ihr angedeihen ließ. Selbst wenn sie eines Tages einen Drachen erschlagen würde, für Ernse würde sie immer irgendwo das Kind bleiben, um welches sich zu kümmern die einfache Fischerin so glücklich machte. Eigentlich, so dachte die Kriegerin bei sich, während sie den Dreck der vergangenen Wochen im dampfenden Wasser des Zubers im Keller einweichen ließ, war das eine sehr tröstliche Vorstellung. Sie schloß die Augen und genoß es, sich gerade einmal um gar nichts kümmern zu müssen, sowie das Wissen darum, daß ihre Familie sich einfach freute, daß sie da war. Es war fast, als kehre ein bißchen der lange verloren geglaubten Normalität zurück.

Später am Abend, als sie gegessen hatten und noch diesen selten gewordenen Moment genossen, in dem sie alle zusammen sitzen konnten, fragte Erynn: „Warum haben wir eigentlich kein Dunmeri mehr gesprochen, seit wir hier leben? Mein Weg führt mich jetzt nach Morrowind, und ich kann kaum ein Wort meiner eigenen Sprache...“ Kurzes Schweigen. Es war Taros, der schließlich redete, und die junge Dunkelelfin hörte ein paar Dinge, von denen sie zwar so ungefähr gewußt hatte, aber eigentlich niemals darüber nachgedacht hatte, was es für ihre Eltern bedeutet hatte, nach Cyrodiil zu gehen. Der ältere Dunmer erzählte von den Seuchen, die Vvardenfall immer stärker heimgesucht hatten, davon, wie der Tribunalstempel die Zügel anzog und das Volk auf Linie brachten, ohne etwas gegen die sich rasch ausbreitenden Krankheiten tun zu können oder dagegen, daß es vielen Dunkelelfen schlicht nicht gut erging – was wiederum dazu führte, daß Gaunereien und Schmuggel blühten, auch und gerade in so kleinen, abgelegenen Dörfern wie Ald Velothi.
„Viele machen das Kaiserreich dafür verantwortlich“, fuhr ihr Vater fort, „allen voran die Camonna Tong. Aber das ist nur Gerede. Morrowind liegt am Boden, weil Fürstenhäuser und Tempel viel zu sehr in ihre eigenen Querelen und Intrigen verstrickt sind, als daß sie die Bedürfnisse derer überhaupt noch wahrnehmen würden, die sie eigentlich beschützen sollten. Ohne die kaiserliche Administration, das Militär und den Handel aber stünde es noch sehr viel schlimmer um das Land, glaub mir das...“
Er machte eine kurze Pause und schaute ins Leere, als habe er sich in Erinnerungen verloren. Dann schüttelte er leicht den Kopf, lächelte seine Tochter an und fuhr fort: „Trotzdem haben deine Mutter und ich lange gezögert, bis wir von dort weggegangen sind. Wir wußten nicht viel von der Welt außerhalb der Westspalte, sprachen nur bruchstückhaft Cyrodiilisch. Außerdem hatten wir kaum genug Draken, um auch nur bis nach Seyda Neen zu kommen... Es gelang uns schließlich doch... vielleicht erinnerst du dich, daß wir lange zu Fuß unterwegs gewesen sind...“ Erynn nickte. Dunkel und verschwommen kamen ihr einige Bilder in den Sinn, aber sie hätte nicht mehr sagen können, was davon reale Erinnerung war und was ihrer Phantasie entsprang. „Außerdem“, sagte Taros, „hatten wir einfach Angst. Was wäre, wenn wir unter den Menschen nicht willkommen wären? Wenn man mit uns genauso umspringen würde wie mit den Fremdländern in der Alten Heimat? Was wäre, wenn wir keinen Weg finden würden, unseren Lebensunterhalt zu verdienen? All diese Befürchtungen sind nicht wahr geworden, aber vielleicht nur, weil wir von Anfang an hart daran gearbeitet haben. Ernse und ich haben gemeinsam entschieden, vor dir und vor den Leuten in Cheydinhal kein Dunmeri mehr zu sprechen, weil wir nicht wollten, daß vielleicht jemand Anstoß daran nimmt – und du solltest dir sicher sein können, wohin du gehörst und nicht ewig zwischen zwei Welten leben müssen, so wir wir das jetzt seit fast fünfzig Jahren tun...“ Er lächelte noch einmal, strich sich das schulterlange Haar aus den Augen, das ebenso schlohweiß war wie das seiner Tochter. „...aber es ist in Ordnung. Es ist gut, hier zu sein und ich habe es niemals bereut. Wenn du jetzt nach Morrowind gehst, und sei es nur für eine kurze Weile, wirst du dir ein eigenes Bild machen können, aber ich fürchte du wirst bestätigt finden, was ich dir vorhin sagte. Und noch eines: Glaube nicht, daß man dich dort freundlich aufnehmen wird, nur weil deine Haut dunkel und deine Augen rot sind. Für die Einheimischen gehörst du nicht mehr zu ihnen. Es wäre auch nicht anders, wenn du die Landessprache fließend sprechen könntest.“

Erynn erfuhr noch einiges über Morrowind im Allgemeinen und Vvardenfell im Besonderen an diesem Abend, und es wurde recht spät, bis die Kriegerin sich schließlich schlafen legte. Dennoch erwachte sie am nächsten Morgen herrlich ausgeruht und ließ sich etwas Zeit, bis sie sich schließlich, beladen mit guter Wegzehrung, ein paar Heiltränken und drei Sätzen von Taros’ selbstgebauten Pfeilen auf den Weg zum Haupttor machte, wo sie Arranges und Dreveni treffen wollte.