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Ritter
Blanche schüttelte nur leicht den Kopf. "Ich hatte den Eindruck, dass sie genau die gleichen Schafe verdächtigte wie die meisten anderen auch. Gestern hat sie Böckling gewählt, davor glaube ich Garrett... aber ich habe ansonsten nicht viel mit ihr zu tun gehabt." Sie runzelte die Stirn. "Ich glaube, die Reißer wollten uns abschrecken, indem sie das hier tun. Aber es ist furchtbar, dass es ausgerechnet Jill treffen musste!"
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Nemo
Glöckchen hatte die Botschaft von Böckling mühsam entziffert, und war hin und her gerissen. Einerseits spürte sie Wut, dass sie alle so lange einem Reißer getraut hatten, der sie stolz ins Verderben geführt hatte. Andererseits war ihr wieder eingefallen, dass sie ohnehin einmal vor gehabt hatte, Goliaths Heldentaten für die Nachwelt festzuhalten. Sie hatte dies in dem Chaos, das die Heide heimgesucht hatte, vollkommen vergessen, aber nun war eigentlich der beste Moment, wirklich damit zu beginnen. Ihr Bruder war bestimmt das jüngste Schaf, das jemals Leithammel geworden war, und er würde es noch weit bringen, so etwas musste im Kot verewigt werden. Es ärgerte sie nur, dass sie damit etwas ausführte, worum ein Reißer gebeten hatte.
Sie las die Nachricht noch einmal, und ihr fiel nichts auf, was irgendwelche Hinweise hätte geben können. Doch dies war immerhin nicht das einzige von Böckling verfasste Kotstück, vielleicht hatte er in seinen eigenen Chroniken ja Hinweise oder Botschaften für seine Komplizen hinterlassen.
Glöckchen sah sich um. Hier waren Berge von Kothaufen, einige dunkel und steinhart, andere hell und dünn wie ein angefaultes Salatblatt. Sie hatte keine Ahnung, wo die Chroniken sein könnten, und mit ihren noch nicht ausgereiften Lesekünsten würde es ewig dauern, bis sie alles durchgesehen hatte.
Dann fiel ihr jedoch der Platz ein, auf dem Böckling ihr damals gezeigt hatte, wie man im Kot schrieb. Und tatsächlich, dort lagen all seine Hinterlassenschaften, fein säuberlich gestapelt.
"Erster Tag nach Böckling..." ,murmelte Glöckchen konzentriert.Durch Magie, durch sehr kompliziert hergestellte Tarnfelle die es ihnen erlauben die Form, den Geruch, die Gehweise und die Stimmen von Schafen anzunehmen, wir wissen es nicht.....Ramirez.... Integrationsunwillen...
Sie legte die Scheibe zur Seite und sah sich die Nächste an.
...zeigte Goliath keine Scham, sondern war sogar Stolz das "Auslandsschaf", wie er es nannte, los zu sein....Baron Baa.... einst eine Wolfsplage über seine ehemalige Herde gebracht...
Glöckchen stockte. Baron Baa hatte so etwas schon einmal erlebt? Wahrscheinlich hatten sie ihn deshalb an den Zaun geschickt. Er hätte vielleicht aus Erfahrung gewusst, wie man die Reißer besser enttarnt.
Die nächste Scheibe.
...wieder war es Goliath... Frau Määhra... Garrett...
Glöckchen schnaubte. Sie würde in ihren eigenen Chroniken einiges richtig stellen müssen, was der Reißer geschrieben hatte. Trotzdem gaben seine Niederschriften ein paar gute Informationen ab. Sie würde Goliath gleich davon erzählen, und so versuchte sie, sich die Zeilen möglichst genau einzuprägen. Wie gut, dass sie so ein kluges Lämmchen war.
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Held
Wer wohl verdächtig ist? Es stand also fest, dass sie noch unter den Schafen waren, diese Kreaturen, Finsterwandler, die sich tags in Schafe und des Nachts in Reißer verwandelten und sie waren auf Rache aus. Die gestrige Hinrichtung, Friedobert hatte sich auch gestern nicht getraut, dieser beizuwohnen, schließlich fand sie am Zaun statt. Nicht, dass noch ein Funke übersprang und ihn erwischte, schon allein bei dem Gedanken wurde Friedobert ganz mulmig zu Mute. Genauso wie das, stellte sich aber früher, oder später ein neues Problem, denn wenn sie weiterhin dem Zaun Schafe opferten, musste er irgendwann so beschädigt sein, dass die Elektrizität von alleine wich. Vielleicht war das ja das höhere Ziel des Rituals. Also, wenn der Zaun endlich befriedigt war, zumindest klang dieser Gedanke für Friedobert mehr als einleuchtend.
Was war dieser Zaun überhaupt? Als er sich näher mit dem Gedanken befasste, musste Friedobert feststellen, dass es nicht der selbe sein konnte, den er seinerzeits kennengelernt hatte. Der hier war anders, er hatte so einen seltsamen Geruch, ein Geruch, der schon vor dem ersten Zaunopfer von diesem Zaun ausging. Er war anders als der, der von dem anderen ausging. Es war schwierig zu beschreiben...Friedobert konnte einfach nicht das passende Wort finden. Der Zaun, der ihn fast getötet hatte, hatte irgendwie den Geruch von frieschem Gras gehabt, das hatte sich mit seinem Erlebnis praktisch in Friedobert eingebrannt, aber dieser hier? Vielleicht lag es ja an der Spannung, oder an der Umgebung, aber dieser hier hatte einen eigenartigen Geruch, der viel mehr künstlich war. Technisch gesehen konnte es aber nicht sein, beide Zäune bestanden aus Holz, beide waren mit Blitzen bewaffnet, beide waren in einer wäldlichen Umgebung.
Selbst von der Machart schienen sie gleich zu sein, vielleicht war es einfach nur die Atmosphäre. Das musste es sein, auf seiner Heimatheide waren die Schafe stehts und ständig in ihre Arbeiten und Studien beschäftigt, das hat natürlich auch auf die Umgebung seinen Einfluss. Hier wiederum schienen sie es alle gelassen zu sehen, die einzige studientechnische Angelegenheit schien wohl der Kothaufen zu sein, den Friedobert vor ein paar Tagen gesehen hatte. Das und das Klima! Mit jedem Moment wurde es ihm ein wenig klarer, aber trotzdem...irgendetwas fehlte, irgendetwas wichtiges, etwas, was er übersehen hatte und was von entscheidender Bedeutung war. Vielleicht war es doch an der Zeit, sich einmal dem Zaun zu nähern, vielleicht würde die Erkenntnis ihn dann endlich überkommen...auf der anderen Seite...es war der Zaun und er war voller Elektrizität und das wohl schon sehr lange.
Damals, als sie ihn versucht hatten, auf diese Weide zu bringen...Friedobert war panisch gewesen und ließ sich nicht auf normalen Wege auf die Weide schaffen. Als Konsequenz davon haben sie ihn mit einem Helikopter über der Heide abgeworfen. Der Fallschirm ist aber zu früh losgegangen, weshalb er beinahe im Zaun gelandet wäre. Damals war dieser ebenfalls voller Elektrizität gewesen. Das wäre dann schon das zweite mal gewesen, dass er beinahe sein Leben verloren hätte. Warum war Friedobert überhaupt hier? Er versuchte sich zu erinnern.
Es gab eine Regel auf seiner Heimatweide: Jedes Schaf wird einmal in seinem Leben auf eine andere Weide geschickt, um dort etwas über andere Schafskulturen zu erfahren. Friedobert wollte unbedingt ebenfalls auf eine andere Weide, aber er erhielt immer nur ein und die selbe Antwort: es ist zu früh.
Irgendwann erreichte eine Nachricht die Oberhäupter seiner Heimatweide, eine Nachricht, dass der Schäfer mit dem Schäfer einer gewissen Düsterheide in Kontakt stand und dass eine Art freundschaftlicher Schafstausch stattfinden sollte. Allerdings stand noch nicht fest, welches Schaf das glückliche war, welches auf die andere Weide sollte. Was natürlich keiner wusste: dieser Tausch war dauerhaft und nicht wie sonst üblich, nur für eine bestimmte Zeit (es ging damals immer das Gerücht um, die Schafe werden nur deshalb für eine gewisse Zeit weggeschickt, damit sie dort fett werden, zumindest fand der Austausch immer in der Zeit vor Ostern statt und seltsamerweise verschanden einige Schafe kurz nachdem sie wieder in der Heimat ankamen, einfach spurlos über Nacht).
Friedobert war begeistert von der Neuigkeit und machte sich zugleich auf, den ältesten davon zu erzählen, vielleicht konnte er sie ja endlich davon überzeugen, selbst einmal auf eine andere Heide zu dürfen. Die Ältesten waren alles andere als erfreut, schließlich ging es ja um Friedobert, der, der schon Angst bekam, wenn sich ein Gewitter auf einer Entfernung von 5 km näherte, wie sollte er überhaupt am Zaun vorbeikommen? Mal davon abgesehen: dieser Austausch schien etwas besonderes zu sein, auch wenn kein Schaf wusste, dass es so war. Dennoch wollten sie lieber ihr bestes Schaf schicken und das war Friedobert nun einmal nicht.
Der Tag kam, an dem eine merkwürdige Box, von ein paar Menschen getragen, auf der Weide landete. Stolz wanderte das Prämienschaf, das war das Schaf auf der Heide, das von allen bewundert wurde, in Richtung einer Öffnung der Box, als plötzlich ein komisches Klingeln von irgendeinem komischen Gerät kam. Kurz darauf verschwanden die Menschen einen Moment und genau in diesem Augenblick gab es ein Donnern. Für den Tag war Gewitter angesagt und Friedobert voller Angst rannte wie immer panisch durch die Heide, auf der Suche nach Schutz. Da bot sie eine offene Box natürlich an. Noch bevor das Prämienschaf reagieren konnte, stürmten die Menschen wieder auf die Heide, schlossen die Box, sie waren überzeugt, dass das Schaf darin das ausgewählte war und stürmten damit zu ihrem Fahrzeug.
Bevor irgendjemand etwas bemerken konnte, waren sie schon auf dem Weg zur Düsterheide: zuerst über Land, dann mit dem Helikopter über Wasser und zuletzt auf die Düsterheide. Die Boten waren auf jeden Fall Idioten, denn als Friedobert sich weigerte, den Zaun zu passieren, sie waren dumm genug, ihn vorher freizulassen, schnappten sie ihn, stiegen in den Helikopter und warfen ihn einfach mit einem Fallschirm ab.
Was es nun mit dem Zaun auf sich hatte...wer weiß, aber im Moment gab es wichtigeres, wie diese Wale.
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General
"So weit ich mich erinnern kann, hat sich Jill nie auffällig verhalten, sondern stets brav an ihren Socken gestrickt und ruhig auf der Weide gegrast. Auch ihr Wahlverhalten hilft uns keinen Schritt weiter, sie hatte sich zumeist den anderen Schafen angeschlossen und keinen besonderen Verdacht gegen Jemanden gehegt. Allerdings war sie am vorletzten Tag vor ihrem Tode die Allererste, die Mike angeklagt hatte, ob dort ein Zusammenhang besteht? Nur dem Zufall konnte sie es womöglich verdanken, nicht in der selben Nacht umgekommen zu sein, denn die Reißer wurden gewiss von Scherzo abgelenkt, dessen Wahl allein auf Glöckchen fiel, ganz gleich, ob er wirklich etwas gewusst haben mochte. Nun aber lasst uns zunächst Jills Überreste endlich begraben und sobald alle Schafe erwacht sind, können wir gemeinsam über unser weiteres Vorgehen sinnieren, vielleicht fällt einem anderen Schaf ja noch etwas Kluges ein!"
Mit diesen Worten trug er die Wollfetzen und Knochen zusammen, die von Jill übrig geblieben waren, und machte sich dazu auf, am Apfelbaum ein weiteres Erdloch auszuheben, direkt neben der Stätte von Frau Määhra. Goliath hoffte, dass in der Zwischenzeit seine Schwester schon etwas Neues herausgefunden haben mochte, denn er sah, wie sie noch immer vertieft in weiter Ferne über den Kotscheiben stand.
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Ritter
Blanche hatte besser geschlafen als die Nacht zuvor, denn das Wissen, dass nun ein Wolf weniger sein Unwesen auf der Heide trieb, beruhigte sie ungemein. Am Abend hatte sie sich an Gary gekuschelt und gehofft, dass er nichts dagegen hatte, Kopfkissen für ein Lämmchen zu spielen. Als sie nun aufwachte, ließ sie erst einmal ihren Blick über die anderen Schafe gleiten. Sie war wohl heute die erste, alle anderen lagen noch friedlich da - wirklich alle? Bei näherem Hinsehen stellte Blanche fest, dass Jill nirgends zu sehen war. Mit einem sehr ungutem Gefühl richtete sich Blanche leise auf und wanderte ein wenig auf der Heide umher. Als sie am Hinrichtungsplatz vorbeikam, erstarrte sie. Spielten ihr ihre Augen einen Streich oder waren Böcklings Überreste in noch mehr Einzelteile zerfallen? Schaudernd lief Blnche zum See, um etwas zu trinken, doch auf halber Wegstrecke stolperte sie über etwas und fiel der Länge nach hin. Als sie sah, was ihr da im Weg gelegen hatte, weiteten sich ihre Augen vor Schreck. Panisch blickte sie sich um und sah noch mehr. Es war also noch nicht vorbei, auf der Heide gab es noch immer Reißer! Und nun wusste Blanche auch, wohin Jill verschwunden war. Auf der Wiese lag etwas blutiges, stinkendes, dass bevor es gewaltsam zerrissen worden war der Torso eines Schafes gewesen sein konnte. Einige Fetzen schmutziger, rot befleckter Wolle lagen noch daneben.
Geändert von Zitroneneis (06.05.2011 um 21:33 Uhr)
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