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Fossil
Es dauerte, bis Arranges wieder ganz zu sich gefunden hatte, doch er schien die Strapazen der vergangenen Nacht recht gut verkraftet zu haben. Schon bald darauf waren sie wieder unterwegs, und während der Kaiserliche die Gelegenheit nutzte, ihr ein paar Verhaltensregeln einzuschärfen, wurde Erynn zusehends stiller. Ihr war, als begäbe sie sich wie ein Lamm mitten unter die Wölfe.
Sie roch den Korruptor eher, als daß sie ihn sah. Und irgendwie... spürte sie ihn auch. Nicht nur seine Erscheinung sondern auch das, was darunter lag, die ganze Essenz des Wesens, strahlte Fäulnis aus, als sei seine Seele ebenso zerfressen wie sein Fleisch und befände sich noch immer in einem Zustand fortschreitender Auflösung. Die Elfin wollte sich nicht vorstellen, welche Qualen es wohl in jedem Augenblick litt, und sie fragte sich, in wie weit wohl der Fluch, in dieses faulige Fleisch gekleidet zu sein seinen Verstand noch weiter zerrüttete und es so unberechenbar und bösartig sein ließ. Ihre Gedanken setzten aus, als der Korruptor auf sie zukam. Der abstoßende Gestank wurde überwältigend und brachte ihren Kopf zum Schwimmen. Daß Arranges seine Arme um sie schlang und sie fest an sich drückte, bekam sie kaum mehr mit, so vollständig füllte die unheilige, durch finstere Magie geschaffene Präsenz ihr Denken aus.
Von dem Moment an, in dem die abstoßende Kreatur sich abwandte und verschwand, bewegte sich Erynn durch das Anwesen, als hätte man sie vor den Kopf geschlagen, so tief saß der Schock. Sie sprach nicht, fragte nicht. Folgte ohne Aufforderung und ohne bewußten Willen. Ihre Umgebung nahm sie kaum wahr, sie hätte nicht sagen können, ob sich unter den verschiedenen Gesichtern, die ihr begegneten, ein bekanntes befand. Auf einiges war sie vorbereitet gewesen, aber nicht auf diese kranke, perverse Abnormität, ein... Ding, wie es eigentlich nicht sollte existieren dürfen. Wer erschafft so etwas, fragte sie sich in hilflosem Unverständnis, und besitzt dann auch noch die Herzlosigkeit und Seelenkälte, es am Leben zu lassen? Wer immer das tat, dieser Jemand, so war sie überzeugt, war böse – vollkommen, abgrundtief und unbekehrbar böse, verderbt bis ins Mark und von einer Grausamkeit, die ihre ganze Vorstellungskraft überstieg. So sehr der Anblick des Korruptors sie auch verstört hatte: Der Gedanke, daß dahinter ein Erschaffer stand, der die Kreatur dazu verdammt hatte leben zu müssen, ängstigte sie nicht minder.
Erst, als Arranges die Tür zu seiner Kammer hinter ihnen schloß und damit auch in gewisser Weise das Geschehen auf dem Anwesen aussperrte, fiel die Starre von ihr ab. Eine Weile schaute sie nur stumpf vor sich hin, während die eine oder andere Information mit erheblicher Verzögerung durch ihr Hirn spülte. Dann jedoch ruckte ihr Kopf so heftig zu dem Kaiserlichen herum, daß die Halswirbel knirschten. Von dem Eindruck, den der Korruptor hinterlassen hatte in die Enge getrieben, reagierte sie wie ein wildes Tier. „Vergiß es“, knurrte sie heiser. „Du legst mich an keine verfluchte Kette!“
Geändert von Glannaragh (24.05.2011 um 20:21 Uhr)
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