Je länger die Elfin am Rand des undurchdringlichen Unterholzes entlanglief, umso mehr fühlte sie sich wie ein gefangenes Tier. Es bestand längst kein Zweifel mehr, dem Kaiserlichen war es gelungen, sie loszuwerden. Ich weiß deine Sorge ja zu schätzen, Beschwörer, aber das ist langsam mehr als albern. Ich bin doch kein kleines Kind, das du aus allem raushalten und beschützen müßtest... Und was zum Donner gibt dir eigentlich das Recht dazu, mich hier einfach kaltzustellen? Noch einmal blickte sie sich suchend um, aber noch immer war außer den Zweiglingen, die sie wachsam beobachteten, keine Seele zu sehen. „Harchaxas? Was soll dieses Spielchen? Zeigt Euch, verdammt noch mal!“

Einen Augenblick, nachdem ihr Ruf verklungen war, raschelte es im Blätterdach hoch über ihr. Ein einzelnes, grünes Blatt, gefolgt von zwei bereits vergilbten, abgestorbenen, selgelten hinter ihr zu Boden. Ein weiteres Rascheln von oben und plötzlich kam etwas Riesiges aus den Kronen heruntergeflogen. Ein dumpfer Aufprall, der den Boden kurz erzittern ließ... 'Ihr hättet natürlich auch warten können, bis ich euer Erwachen mit Worten meinerseits versehen hätte um euch einen möglichst schönen Morgen gewünscht zu haben...' Nachdenklich blickte Harchaxas zu Boden und hob das grüne Blatt auf. 'Hmm... ganz nebenbei, was fällt euch ein, Lady Erynn, mich in die Hektik der Welt draussen hinein zu ziehen?! Wagt es nicht noch einmal, mich herbeizurufen, wie einen Hund!'

Erynn legte den Kopf in den Nacken, um dem Argonier in die Augen sehen zu können. Der Druide war einschüchternd, ohne Zweifel, und sie mußte jede Menge Zorn und Mut zusammenkratzen, um dennoch mit fester Stimme antworten zu können: "Solange Ihr mich hier eingesperrt haltet wie ein wildes Tier, sehe ich keinen Grund für Geduld. Was habt Ihr und Arranges ausgekungelt? Warum glaubt ihr beide, ihr könntet mich einfach hier festhalten?"

Der Argonier seufzte. 'Ich glaube nicht, euch hier festhalten zu können, ich weiss, dass ich es kann... Arranges hat mich nur gebeten, dafür Sorge zu tragen, dass euch nichts geschieht... Um so mehr, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass irgendetwas gezielt nach ihm sucht... Ich kann ihn verstehen, wenn er mich bittet, euch zu schützen... Allein die Tatsache, dass er gerade mich dafür aufsucht, zeigt, wie wichtig das für ihn ist und wie sehr ihr ihm am Herzen liegt, auch wenn euch das bis hierhin noch nicht aufgefallen sein dürfte... Und seid unbesorgt, ihr werdet euch nicht länger eingesperrt fühlen müssen, ich werde weiter in Südwestliche Richtung wandern und ihr kommt mit!'

"Von allen sturköpfigen, arroganten... dieser verdammte Idiot!" Erynn schnaubte. "Ich weiß, daß irgendwelche Leute hinter uns her sind! Und sie werden damit nicht einfach durchkommen! Was glaubt Arranges eigentlich, wer er ist? Ich brauche keinen Schutz und ich habe nicht darum gebeten!" Sie atmete tief durch. "Harchaxas, Ihr sagt, Ihr seid ein Freund des Magiers. Wieso laßt Ihr ihn dann allein durch die Gegend rennen, obwohl Ihr genau wißt, daß die Verräter ihm im Nacken sitzen? Ich begreife das einfach nicht... Wißt Ihr wenigstens, wer genau uns verfolgt hat? Wieviele sind es? Wie sind sie ausgerüstet? Davon abgesehen: Ich habe nicht das geringste Bedürfnis mit Euch zu kommen und Ihr werdet mich nicht dazu zwingen!"

'Genug! ... Ich will nicht wissen, warum Arranges verfolgt wird, es ist mir auch ersteinmal egal... warum mich das nun trotzdem etwas angeht beruht darauf, dass sich seit ihr durch Bleichersweg gekommen seid, zweimal irgend eine aggressive Widernatürlichkeit versuchte, sich Zugang in meinen Wald zu verschaffen um euch vor dem Erreichen der orangenen Straße abzufangen... Die Kreatur oder was auch immer das war, schreckte vor nichts zurück, um irgendwie in den Wald vordringen zu können, nur mit Mühe konnte ich mein Reich vor dieser Verschmutzung schützen... wäre ich selbst da gewesen, hätte ich das Ding dorthin zurückgeschickt wo es herkam... Seid Arranges nun den Großen Forst verlassen hat, ist auch sein Verfolger wieder verschwunden... Die Gedanken dieses Menschen gehen mich nichts an und ich frage auch nicht weiter danach...' Harchaxas fixierte Erynn mit seinen Augen. 'Ich zwinge euch nicht mitzukommen, ihr werdet das freiwillig tun...'

Die Dunmer ließ sich auf den Waldboden sinken. Ihr Geschrei würde zu nichts führen; es interessierte den Druiden nicht einmal. "Wie könnte ich mit Euch kommen nach dem, was Ihr mir gerade erzählt habt?" fragte sie hilflos. "Arranges mag mächtig sein, aber er ist auch draufgängerisch und unvorsichtig. Wir haben oft Seite an Seite gekämpft... Meistens endete es damit, daß er es war, der mehr tot als lebendig im Dreck lag, nicht ich. Er macht sich etwas vor wenn er glaubt, mich beschützen zu müssen oder es mit allen Gefahren allein aufnehmen zu können. In dieser Art von Selbstbetrug hat er es übrigens zur Meisterschaft gebracht." Sie schüttelte den Kopf. "Ich werde mir diesen Irrsinn nicht tatenlos mit ansehen, Harchaxas... selbst wenn es nicht der Beschwörer selbst wäre, um den ich fürchtete, so hängt zu viel von der Suche nach diesen Toren ab, als daß ich noch ohne Ekel in den Spiegel schauen könnte, wenn ich Euch jetzt nachgebe."

'Ihr unterschätzt den Magier... Arranges ist wahrlich nicht oft in Begleitung unterwegs, er agiert auch nur dann unklug, wenn er jemanden um sich hat... das war schon immer so. Ist er allein, bewegt er mit seiner unbändigen Zähigkeit schonmal Berge... für euer seelisches Befinden kann ich leider nichts tun, ich soll eure körperliche Unversehrtheit wahren, mehr nicht...'

Erynn spürte, wie ihre Halsschlagader pochte. Schiere Wut über die Bevormundung verdrängte jede Vorsicht vor dem alten Argonier. "Was fällt euch beiden überhaupt ein?! Was ich will, zählt wohl gar nicht, oder was? Wie könnt ihr es wagen über mich zu entscheiden als sei ich ein Gegenstand ohne freien Willen? Meine 'körperliche Unversehrtheit' interessiert mich gerade nicht besonders... Jene, die uns verfolgen glaubten ebenfalls, über mich verfügen zu können und dafür werde ich sie zur Strecke bringen! Und weder Ihr, noch Arranges, noch dieses elende Dornengestrüpp werden mich davon abhalten! Also: Entweder, Ihr gebt mir den Weg durch das Unterholz frei -ich bin mir sicher, daß Ihr dazu in der Lage seid, Druide- oder ich hacke mir den Weg hindurch!"

Harchaxas zeigte kaum eine Regung. 'Ihr seid recht dumm Erynn, auch wenn es mir widerstrebt, diesen Eindruck von euch zu haben, ihr wisst nichteinmal, in welche Richtung Arranges gegangen ist... Um ehrlich zu sein, kann ich die Sorgen des Magiers langsam ein wenig verstehen... ich werde versuchen, meine Gesellschaft für euch so angenehm wie möglich zu gestalten...' Der Druide schien gar nicht zu verstehen wollen, was Erynn so in Rage versetzte. 'Der Wald, gehorcht nicht mir, er folgt seinem eigenen, unergründbaren Wesen... Mir gehorchen nur die Zweiglinge, die Hüter des Waldes...' Und als ob er diese Aussage beweisen wollte, trat eine der Dryaden von hinten an die Dunmer. 'Wie gesagt, ich werde euch nicht zwingen, bei mir zu bleiben...' Der Zweigling legte sanft eine Hand auf die Schulter der Dunmer, während die andere vom Nacken aus nach vorn am Hals entlangstrich, sich seitlich um das Kinn der Kriegerin legte und sie zwang, zur Seite zu blicken, in die Augen des Zweiglings... Die Zeit schien still zu stehen, während sich ihre Lippen für einen Augenblick, der doch so lang wie die Unendlichkeit wirkte, aufeinanderlegten...

Du willst es einfach nicht begreifen! Laß mich einfach meiner Wege ziehen und wir beide sind glücklich... was zum...? Nicht schon wieder! Harchaxas, pfeif dieses Biest zurü..."
Was dann geschah überrumpelte die Elfin völlig, so daß ihr nicht einmal einfiel, sich wehren zu wollen. Wie paralysiert sackte sie in den Armen der Dryade zusammen und genoß die stille, sanfte Liebkosung, ohne einen Gedanken an die Seltsamkeit der ganzen Szene zu verschwenden, schloß die Lider und ließ den Kuß einfach geschehen. Sie fühlte, wie ein tiefer Frieden sie erfaßte und die Wut, die Sorgen und die Welt außerhalb der Lichtung hinfortspülte wie kühles, kristallklares Wasser. Unwillkürlich strich Erynn mit den Fingerspitzen über die borkige Haut am Arm des Wesens, komplett vereinnahmt von seinem Geruch, seinen Bewegungen und jeder seiner Berührungen. Wie viel Zeit verstrich, während sie so dasaß, fest an den schlanken, fremdartigen Körper der Baumfrau geschmiegt, vermochte sie danach niemals zu sagen. Es schien wie eine Ewigkeit.
Ein leiser, unwilliger Laut entrang sich ihrer Kehle, als der Zweigling sie schließlich vorsichtig auf dem Boden ablegte. Geh nicht weg... noch nicht jetzt... Sie schlug die Augen auf, stemmte sich auf die Ellbogen hoch und schaute reichlich verwirrt direkt in das Gesicht des Druiden. Hinter sich hörte sie ds leise, glockenhelle Kichern der Dryade. "Was... ist passiert?" fragte sie benommen. "Ich wollte irgendwas sagen, aber... es ist mir entfallen, wie es scheint..."

'Nun... wenn ihr nicht mehr wisst, was ihr sagen wolltet, wird es auch nicht weiter wichtig gewesen sein denke ich...' Der Druide machte eine auffordernde Bewegung mit einer der gewaltigen Hände. 'Wenn... ihr euch dann erheben würdet, Lady Erynn? Wir weilen schon zu lange am selben Ort... und...' Ein leises, vertrautes Zwitschern erklang aus dem Dickicht um die Lichtung. Der Zaunkönig kam aus dem Gebüsch geflogen und ließ sich wie auch schon am Abend zuvor, auf eines der Hörner des Druiden gleiten. Für Harchaxas schien das wohl keine weitere Bedeutung zu haben, außer eben jene, dass der Vogel von wo auch immer zurückgekehrt war. Der Argonier winkte Erynn und machte Anstalten, sich zum Gehen zu wenden...

"Ja... ja, so wird es wohl sein. Geschmeidig stand sie auf und folgte Harchaxas, während sie sich über das Bild des kleinen Vogels freute, der sich sich auf dessen horngekröntem Kopf sehr wohl zu fühlen schien. Woran habe ich bloß eben noch gedacht? Nun, vielleicht war es wirklich nichts besonderes... was solls.