-
Fossil
Großer Forst
Erynn verfolgte das Gespräch mit versteinerter Miene und zusammengepreßten Kiefern. Sie waren direkt in einen Hinterhalt gelaufen, wie dämliche Anfänger, und es gab nichts, was sie tun konnten. Die Siegelsteine! Wenn wir uns wehren und niederschießen lassen, bekommen sie die Siegelsteine! Dann werden sie sicher herausfinden, was der Rat plant und die Chance, ihnen so beizukommen, ist für immer vergeben. Trotzdem spannte sie die Muskeln, als der Ork sie von ihrem Pferd wegzerrte. Es sollte zu nichts führen, ihr fehlte schlicht die Masse, um sich gegen den Griff zu stemmen. Der Verräter hatte an alles gedacht. Den Fuchs würde Arranges nicht auf Spiel setzen, niemals. In dem flüchtigen Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, nickte Erynn unmerklich. Bring die Steine zurück... laß sie bluten für all das hier! Dann fiel ihr Begleiter zu Boden.
Sie starrte den falschen Mentor haßerfüllt an, bis dessen Scherge sie kurzerhand hochhob und sie sich wie einen nassen Sack über die Schulter warf. Ihre Gedanken rasten, während sie sich auf den Waldrand zubewegten. Sie sind nur zu zweit... keine Botschafter, keine Heckenschützen. Daraus muß sich doch irgendwas machen lassen. Ihre Waffen jedoch waren außerhalb ihrer Reichweite. Remogius hatte sie an sich genommen, selbst den Dolch im Stiefel hatten sie gefunden. Nach einer Weile begann sie zu zappeln. „Laß mich runter, du Scheißkerl! Ich kann alleine laufen.“ Ihre Entführer ignorierten sie. Erynn wand sich, bis es ihr gelang, von der Schulter des Orsimer zu rutschen. Er packte sie beim Genick und drückte sie auf den Waldboden. „Jetzt fühlst du dich wohl unglaublich stark, was? Geradezu heldenhaft, wie du das hinkriegst. Jetzt nimm deine Drecksgriffel weg!“ Sie kochte vor Wut, und sie wollte wütend bleiben, das war besser, als sich jetzt von der Furcht übermannen zu lassen, die dicht unter der Oberfläche ihrer Wahrnehmung brodelte. Der Kaiserliche kam heran, ging neben der Elfin in die Hocke. „Spart Euch das Gezeter, Novizin. Ihr verbessert Eure Situation nicht gerade, wenn Ihr so ein Theater veranstaltet.“
Sie knurrte wild. „Als ob dich das interessieren würde, Verräter. Frei bist du, ja? Du bist auch bloß ein Kettenhund, nur daß du an Dialgas Leine liegst... mach dir doch nichts vor.“ Remogius lächelte, dann wurde sein Gesicht kalt. „Weiter“, wandte er sich an den Ork. Erynn fühlte sich wieder hochgehoben, dann setzten sie den reichlich unbequemen Marsch fort. Sie versuchte herauszufinden, wohin sie sich gerade bewegen mochten, doch aus ihrer Perspektive, welche die Sicht erheblich einschränkte, war es ihr unmöglich sich zu orientieren. Sie würde abwarten müssen, bis sich die Gelegenheit zu einem Fluchtversuch ergab. Wenn sie erst einmal entwischen konnte, würde sie sich ihren Entführern entziehen können, dessen war sie sicher. Sie mochte der Kraft des Orks und wohl auch den Zaubern des Mentors nichts entgegenzusetzen haben, aber sie war flink und an das Leben im Wald gewöhnt. Zunächst einmal würde sie sich still verhalten.
Bis zum Abend taten ihr alle Knochen weh. In einer kleinen Senke wurde sie schließlich unsanft abgesetzt und gleich wieder auf den Boden gedrückt. Verflucht, hört das denn nie auf? „Laß sie los, Geshrak“, hörte sie den Kaiserlichen sagen. Der Druck der Pranke auf ihren Nacken verschwand, und sie setzte sich auf.
„Damit kommst du nicht durch, Remogius.“
„Ach, wirklich nicht?“
„Ihr seid doch nur ein Haufen Spinner, zu schwach, um nach den Regeln der Gathering zu leben, zu erbärmlich, euch das einzugestehen. Die Erwachten, pah! Geistig umnachtet seid ihr, alle miteinander!“
Der Kaiserliche holte aus, versetzte ihr einen harten Schlag mit dem Handrücken. Erynn schmeckte Blut, als sie den Kopf wieder hob und ihn böse anfunkelte. „Ihr werdet jetzt Eure vorlaute Klappe halten, Dunmer. Oder ich sorge dafür, daß ihr jedes einzelne weitere Wort bitter bereuen werdet. Bleibt an Ort und Stelle, und wir werden wunderbar miteinander auskommen.“ Damit wandte er sich ab, ließ sie unter den wachsamen Augen seines Begleiters zurück.
Die Kriegerin sah keine Möglichkeit zu handeln. Von der Senke aus konnte sie das Gelände nicht überblicken, der Ork paßte auf wie ein Wachhund. Diese Jungs sind sicher nicht so blöd, wie ich es gerne hätte. Sie wissen ziemlich genau, was sie tun. Wenn es ihnen gelingt, mich zu diesem Dialga zu schaffen, wars das... Verflucht, Arranges, sieh zu, daß du unsere Fährte aufnimmst.
Irgendwann döste sie ein, nur um viel zu kurz darauf wieder aus dem Schlaf gerissen zu werden. Die Monde standen noch hell am Himmel, als sie erneut aufbrachen. Erynn verrenkte sich den Hals, während sie nach bekannten Landmarken suchte, aber hier sah alles gleich aus. Sie mußten irgendwo zwischen der Schwarzen und der Goldstraße sein, so viel wußte sie. Was habt ihr Mistkerle vor? Wollt ihr mich umdrehen? Nicht besonders klug, seinen Laden auf Leuten aufzubauen, die man zur Kooperation gezwungen hat, wirklich... Die Berichte von Parlovars Schülern fielen ihr wieder ein. Zwei von ihnen waren von den Abtrünnigen verschleppt worden, ebenso wie sie jetzt gerade. Die Kriegerin hatte damals geglaubt, daß man sie benutzen würde, um das Aufgebot an Untoten zu verstärken. Aber sie? Remogius hatte gesagt, daß sie sich für sie interessierten, weil sie einen Botschafter erledigt hatte. Als sabbernder Zombie würde von ihren Fähigkeiten wohl nicht viel übrig bleiben. Oder...?
Was wußte sie schon über diese Kreaturen? Praktisch nichts, außer daß sie stanken und häßlich waren. Langsam aber sicher griff die Furcht mit kalten Fingern nach ihrem Herzen. Oder geht es hier gar nicht um mich? Habe ich Recht gehabt mit meiner Vermutung, und sie wollen Arranges? Wollen erreichen, daß er freiwillig zu ihnen kommt? So oder so, ich muß hier weg...
Nach ihrer Schätzung mochten ihr vielleicht noch zwei Stunden Dunkelheit bleiben. Jetzt oder nie. Erynn spannte die Muskeln an, bäumte sich auf und biß dem Ork mit aller Kraft in den Nacken. Mit einem Laut des Erschreckens schleuderte er sie von sich. Sie rollte sich ab und lief Haken schlagend durch das Unterholz. Irgendwohin, nur weg von diesen Verrückten. Ein Zauber verfehlte sie nur knapp, schlug in einen nahen Baum ein. Die Elfin sah sich nicht um, sondern lief weiter. Sie hörte, wie ihre Entführer ihr folgten, spürte sie deutlich im Nacken. Sie mußte schneller sein. Schneller...
Dann fühlte sie sich von einer großen, kräftigen Hand herumgerissen. Ihre Welt wurde schwarz, als die Faust des Orks auf ihre Schläfe traf.
Es war noch dunkel, als sie wieder zu sich kam. Ihr Schädel dröhnte. Sie lehnte halb aufrecht an einem Baum und stellte fest, daß sie sich nicht wirklich bewegen konnte. Man hatte ihr Hände und Füße gebunden. Remogius, offenbar durch leises Stöhnen aufmerksam geworden, trat an sie heran und ging vor ihr in die Hocke. „Du hast dich also endlich dazu entschlossen aufzuwachen.“ Von der falschen Freundlichkeit, die er noch bei Fanacasecul an den Tag gelegt hatte, war nun nichts mehr in seiner Stimme zu finden. „Schade eigentlich. Es war ein sehr ruhiger, angenehmer Tag, so ganz ohne deine erbärmlichen Versuche, Widerstand zu leisten... Der Meister wird davon erfahren, das ist dir hoffentlich klar. Wir werden sehen, was ihm so dazu einfällt, aber sei versichert, daß ich das Schauspiel genießen werde. Weißt du, ich selbst glaube eigentlich nicht, daß du den ganzen Ärger wert bist, also erwarte nicht von mir, daß ich weiterhin Nachsicht üben werde.“ Er streckte die Hand aus und strich ihr leicht über die Wange. Angewidert drehte Erynn den Kopf weg. „Du wirst dich von jetzt an fügen, oder ich überlasse dich Geshrak. Du sollst lebendig und in einem Stück ankommen, aber weitere Anweisungen habe ich nicht. Denk gut darüber nach, bevor du wieder irgendeinen Unsinn anstellst.“
Die Bogenschützin war noch viel zu benommen, um irgendetwas erwidern zu können. Den Rest der Nacht und auch den folgenden Tag war sie viel zu sehr damit beschäftigt, die Übelkeit und den Schmerz in ihrem Kopf irgendwie zu ertragen, als das sie irgendwas hätte unternehmen können. Tatsächlich hätte sie das auch längst nicht mehr gewagt – das Versprechen, daß sie sonst dem Ork als Zerstreuung dienen würde, hatte Wirkung gezeigt. Sie zweifelte mittlerweile stark daran, daß Arranges oder sonst jemand sie noch finden würde.
Erst am folgenden Tag kehrten ihre Lebensgeister langsam wieder. Geshrak hielt sich lange nicht mehr so aufrecht wie noch vor drei Tagen, und sie hörte ihn häufiger unterdrückt fluchen, während er mit ihr auf dem Rücken durch den Wald trampelte. Irgendwann hatte er scheinbar genug. Er ließ die Elfin einfach fallen, und sie schlug schwer auf dem Boden auf. „Mentor Remogius“, dröhnte seine tiefe Stimme. Der Angesprochene wandte sich um, einen leicht spöttischen Ausdruck im Gesicht. „Was willst du?“
Im folgenden, hitzig geführten Gespräch wurde schließlich beschlossen, daß sie für eine Weile rasten würden. Der Kaiserliche war nicht begeistert, gewährte diese Gnade am Ende aber dennoch 'großzügig'. Er ließ sich sogar dazu herab, Erynns Fesseln zu lösen. Sie keuchte gepeinigt, als das Blut in die schon so lange tauben Glieder zurückfloß. Plötzlich packte der Mentor grob ihren Schopf und riß ihr den Kopf in den Nacken. „Das ist schiere Freundlichkeit meinerseits... wage es nicht, irgendwelchen Blödsinn zu veranstalten, oder ich füge deiner Wange ein paar neue Verzierungen hinzu, hast du verstanden?“
Geändert von Glannaragh (03.04.2011 um 03:39 Uhr)
Berechtigungen
- Neue Themen erstellen: Nein
- Themen beantworten: Nein
- Anhänge hochladen: Nein
- Beiträge bearbeiten: Nein
-
Foren-Regeln