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Legende
Meisterin Marie hatte einige ihrer Botschafter mitgebracht. Es waren ihrer 7 Stück. Sie ließ das brennende Anwesen löschen und koordinierte Aufräumarbeiten. Alles um sie herum wirkte irgendwie kühl und steril, als könnte sie kein richtiges Mitleid empfinden. Sie ließ die toten Schüler aus den Trümmern schaffen. Von den ehemals 15 waren sage und schreibe 4 übrig geblieben. Es war Mittag. Die Sonne drang als blasse, verwaschene Scheibe durch die Wolkenbänder am Himmel. Sie und ihre Begleiter hatten viel mitgebracht, darunter einiges an Verbänden und Zeltplanen. Das großteils zerstörte Anwesen erinnerte schon nach kurzer Zeit an ein mit Planen notdürftig repariertes Haus. Der Keller war glücklicherweise nicht eingestürzt, sie mussten nur die Treppe räumen. Nach kurzer Zeit ließ Marie Arranges, der mittlerweile aschfahl war und nicht mehr spürbar atmete, nach unten bringen. Erynn verwehrte sie den Zutritt trotz allen Protests. Erst spät am Abend kam Marie wieder aus dem Keller. War ihr Gesicht zuvor noch kühl und abweisend gewesen, so zeigte es jetzt eine Spur von Trauer. Sie ging zu einem der Botschafter, der oben an der Treppe stand. Mit gedämpfter Stimme sagte sie zu ihm: 'Ich habe alles getan, was ich konnte... Er ist zwar zäh, aber die Verletzungen sind zu heftig... ich glaube kaum, dass er es schafft...' Die abstoßenden, meist von hässlichen Narben überzogenen Gesichter der anwesenden Botschafter, welche immer versteinert wirkten, regten sich undeutbar, als würden sie etwas wie Ehrfurcht vor den Wunden zeigen, die selbst Meisterin Marie nicht heilen konnte... 'Wir packen zusammen... am Mittag des morgigen Tages geben wir Parlovars Anwesen auf...' Dann verschwand die Kaiserliche nach draussen und mit ihr alle Botschafter.
Erynn hatte nicht das geringste Problem damit es dem Stab der Meisterin überlassen, sich um die Beseitigung der Leichen und schlimmsten Schäden zu kümmern. Wie betäubt lehnte sie sich an die geschwärzten Pfeiler des ehemaligen Wohnhauses und wartete. Die Nekromantin wollte ihr nicht erlauben, nach Arranges zu sehen, und ihre kalte Art sowie die Anwesenheit der Botschafter hielten die Elfin davon ab, sich allzu laut gegen diese Entscheidung auszusprechen. Nach einer Weile stand sie auf, um nach den wenigen überlebenden Schülern zu suchen. Tujenne war eine von ihnen, auch wenn sie arg mitgenommen aussah. Ihr Gesicht würde für immer entstellt sein, auf der linken Hälfte fehlten Ohr und Auge. Sie sprachen nicht, keiner von ihnen. Erynn versuchte für eine Weile, sie aus ihrer Starre zu holen, doch ihre Bemühungen führten zu nichts. Die Zeit war noch nicht reif dafür.
Aus dem Wald drangen ferne Schreie zu dem Anwesen herüber - die Botschafter verloren offenbar keine Zeit damit, die Verräter zu verhören. Erynn wünschte ihnen im Stillen viel Erfolg. Sollten sie leiden, diese verfluchten Hunde, ihretwegen für immer. Auch, wenn die Laute ihr den Magen umdrehten. Sie ließ die Schüler allein und setzte sich wieder auf ihren Platz an der Wand. Und wartete. Die schlechten Nachrichten der Meisterin nahm sie mit versteinerter Miene auf. In dieser Gesellschaft schien es ihr keine gute Idee, jetzt emotional zu werden, auch wenn sie am liebsten laut geschrien hätte. Sie stand langsam auf und ging die Kellertreppe hinab, nachdem Marie und ihre Elite sich entfernt hatten.
Arranges lag auf einem hölzernen Tisch, den Kopf auf ein Kissen gebettet. In einem Kamin in der Ecke brannte ein Feuer und verbreitete angenehme Wärme. Der Torso des Beschwörers war zum großen Teil von Verbänden bedeckt, seine Augen waren geschlossen, das Gesicht bleich und eingefallen. Erynn zog einen Stuhl heran, nahm seine kalte Hand in ihre und ließ ihre Stirn auf die Tischkante sinken. In dieser Nacht betete sie um jeden weiteren, mühsamen Atemzug.
War zu Beginn der Nacht noch mit sehr sehr viel gutem Glauben und Phantasie so etwas wie Atmungsaktivität zu sehen und zu hören, konnte man sich dies mit dem Voranschreiten der Nacht auch nicht mehr einreden. Nichteinmal mehr an der Halsschlagader war ein Puls zu fühlen. Und trotz des Feuers wurde der Körper des Nekromanten immer kälter. Die Nacht war halb vorrüber, als Meisterin Marie herunterkam und langsam neben Erynn trat. Sie sah kritisch auf das Gesicht des Magiers. Die Augen hatten sich mit der Zeit in Zeitlupe wie von selbst geöffnet, aber es war kein Glanz darin, sie wirkten wie Puppenaugen. In den Pupillen fehlte das Feuer und die dunkelblaue, fast schwarze Iris hatte eine gebrochene Farbe. 'Ihr mochtet ihn wohl sehr?' Fragte Marie. Ihre Stimme war zwar fest, aber ein seltsamer Unterton schwang mit.
Die Elfin ließ die schlaffe Hand ihres Begleiters nicht los, wenngleich sie immer kälter und lebloser wurde. Wie schwachsinnig starrte sie vor sich hin, reglos, nicht in der Lage, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Als die Nekromantin zurückkehrte, hob Erynn langsam den Kopf und schaute ihr gerade in die schwer zu deutenden Augen. Ihre Stimme war monoton und kraftlos, als sie antwortete. "Ja. Ja, ich denke schon. Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet, öfter als einmal. Aber heute war ich nicht schnell genug. Nicht gut genug..." sie verstummte.
'Das stimmt nicht Erynn und das wisst ihr... Euch ist es zu verdanken, dass er hier jetzt an einem Stück liegen kann...' Sie zog sich ebenfalls einen Stuhl heran und setzte sich neben die Dunmer. 'Wisst ihr, ich hätte allen Grund, mich über seinen Tod zu freuen... aber ich kann es nicht...'
Sie wand sich unter dem intensiven Blick der Meisterin, wußte nicht, wohin dieses Gespräch wohl führen mochte und was die Frau damit bezwecken wollte. Erynn wollte nur in Ruhe gelassen werden und sich darüber klarwerden, was eigentlich in ihr vorging. Die fast warme Stimme Maries machte sie mißtrauisch, aber ihr fehlte die Geistesgegenwart, um auf eventuelle Fallen reagieren zu können.
"An einem Stück vielleicht, Herrin, aber dennoch tot..." sie schluckte. "Ihr sprecht von Eurer Schülerin. Torrah. Ich kann Euch nichts dazu sagen, denn ich kannte sie nicht."
Marie schüttelte leicht den Kopf. 'Sicher, ich liebte Torrah auf meine Weise, sie war mein Schützling, aber sie stand mir in Wahrheit lange nicht so nahe, wie ich es mir von Arranges gewünscht hätte...' Marie senkte den Blick. Sie konnte förmlich spüren, wie sich Verwirrung bei Erynn breit machte. 'Ich war nicht immer die kalte Nekromantin, die als einzige Frau im Kreis der Meister saß und jeden anderen Meister allein mit einem Blick zum Schweigen bringen konnte... Geistige Umnachtung und die Suche nach etwas Rückhalt brachten mich damals, vor so vielen Jahren zur Gathering - nachdem mein Sohn und mein Gatte brutal ermordet worden waren... Ich habe nie wirklich getrauert. Das Bild meines Mannes habe schon nicht mehr richtig vor mir... aber Arranges hat dafür gesorgt, dass das Antlitz meines Sohnes mich einige Jahre später, nachdem Torrah ihn zu mir geführt hatte, wieder verfolgte.' Sie blickte auf und ihre Augen waren feucht. Sie sah in das Gesicht des Nekromanten. 'Er sah damals genau so aus, wie mein Sohn... und die beiden würden sich auch sicherlich jetzt zum Verwechseln ähnlich sehen, würde mein Sohn noch leben...' Sie blickte Erynn wieder in die Augen. 'Seit dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, habe ich Arranges gehasst dafür, dass er diese schmerzliche Erinnerung wieder wachgerufen hatte... jedoch dankte ich immer wieder den Göttern für diese honigsüße Illusion... das war auch der Grund, warum ich Arranges nicht lehren wollte... für ihn sah es eher so aus, als hasse ich ihn aus Prinzip, als ich ihn von mir wies und er zu Meister Jurano kam... Den wahren Hintergrund kannte Arranges bis heute nicht... dabei war er niemals unfair zu mir, er hat meine Launen stets ertragen, sich von Torrah wie ein Ball umherwerfen lassen... und jetzt nehmen mir die Götter diese Illusion auch noch, nachdem sie mir schon Torrah entrissen haben...' Marie vergrub für einige Minuten das Gesicht in ihren Händen. Dann jedoch zog sie trotzig die Nase hoch und stand auf. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Augen und ging um den Tisch herum zum Kopf des Kaiserlichen. Sachte strich sie ihm über die Augen und schloss sie so. Bevor sie den Raum verließ, wandte sie sich nochmals zu Erynn um. 'Lasst es mich wissen, wenn ihr Abschied genommen habt... wir werden ihn spätestens im Morgengrauen verbrennen...' Dann ging Marie hinaus und zog die Tür leise hinter sich zu.
Erynn hörte fassungslos zu, während Marie sprach. Diese kalte, harte Frau... hatte sie tatsächlich... Gefühle? Eine Seele gar? Die Worte der Meisterin gingen ihr wie ein Stilett direkt ins Herz, doch sie schwieg, fand keine Erwiderung, die sie ihr hätte geben können.
Nachdem die Andere sie verlassen hatte, vergrub Erynn den Kopf in ihren Händen und die viel zu lange zurückgehaltenen Tränen brachen sich endlich Bahn. Sie würde sich hier nicht wegrühren, nicht bis zum Morgengrauen, bis jemand kommen und die Leiche abholen würde. Dialga... Dafür wirst du bluten! Und wenn es das Letzte ist, was ich tue...
Draussen wurde es im Osten allmählich heller. Doch auf dem Anwesen blieb alles ruhig. Regungslos, wie steinerne Wächter, standen die Botschafter verteilt auf dem Anwesen. Für Meisterin Marie hatte man ein extra Zelt vor dem Gebäude errichtet, während man für die vier Schüler ein Lager innerhalb der hölzernen Wände bereitet hatte. Von Morgengrauen konnte man jedoch noch lange nicht sprechen...
Das Feuer im Kamin des Kellers war heruntergebrannt und so wurde das gesamte Zimmer nur noch von einem hellen, roten Glutschein erfüllt. Erynn saß noch immer neben dem Kaiserlichen, sie weigerte sich noch immer, ihn einfach aus ihren Gedanken freizugeben. Ihre Tränen waren längst alle geweint. Von oben drang ein leises Poltern durch die Decke, gefolgt von leisem Geflüster, es war der orkische Schüler, der die Schlacht am besten überstanden hatte. Die rauhe mahnende Stimme eines Botschafters war zu vernehmen, während sich Schritte entfernten und plötzlich zuckte der Brustkorb des Magiers. Ein kratzendes Keuchen und dann schlug Arranges die Augen auf...
Nach einer langen Weile verklang das harte Schluchzen der Elfin. Ihre Augen brannten, ihr Gesicht war geschwollen und heiß. Mit leerem Kopf hing sie zusammengesunken auf ihrem Stuhl und starrte vor sich auf den Fußboden. Langsam übermannte sie die Erschöpfung. Sie döste ein wenig ein, schreckte aber alle paar Momente wieder hoch. Über sich hörte sie halb geflüsterte Worte. Nein, noch nicht. Es ist noch zu früh... geht weg!
Ein anderes Geräusch drang durch ihre vernebelten Gedanken, und sie erstarrte. Ganz langsam drehte Erynn den Kopf. Sollten ihre überreizten Sinne ihr einen Streich spielen? "Arranges...?" Ihre Stimme war kratzig und tonlos, und sie erhob sich schwankend. Die Lider des Kaiserlichen flatterten, die Augen zuckten schwach hin und her, als versuche er zu begreifen, was geschehen war. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, als schiere Erleichterung durch jede Faser ihres Körpers flutete. Abermals faßte sie seine Hand. "Sei ganz ruhig. Du bist in Sicherheit..."
Der Kaiserliche wusste nicht, wo er sich befand. Aber zumindest war die... Umgebung gleich, er erinnerte sich als letztes nur noch an einen blutroten Himmel. Und hier hatte er eine rot angeleuchtete Steindecke über sich. Bin ich tot... ist das mein Mausoleum?! Interessant... Erynns Stimme drang in seine Gedanken und riss ihn vollends ins Leben zurück. Jemand griff nach seiner Hand. Die Wärme der anderen Hand fühlte sich mehr als gut an. Der Reflex seines Zwechfells zwang den Kaiserlichen zum Atmen und erst nach ein paarmal krampfhaftem Schnappen nach Luft, atmete er wieder normal. Er spürte, wie sein Herz wieder richtig pumpte, Leben drang in seine Gliedmaßen und dann blickte er in das geschwollenen Gesicht der Dunmer, die sich leicht über ihn beugte. 'Meine Güte siehst du beschissen aus...'
Erynn hätte alles erwartet, aber das nicht. Die Schrecken der letzten Stunden lösten sich in einem ziemlich heiseren, aber ehrlichen Lachen, nachdem sie den Beschwörer für einen Moment völlig baff angesehen hatte. Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst. "Wir dachten, du seist tot..." flüsterte sie und spürte, wie ihr schon wieder die Tränen in die Augen traten. "Der Angriff wurde zurückgeschlagen. Meisterin Marie ist hier... sie hat die Verräter vernichtet."
Man dachte ich sei tot und Erynn saß die ganze Zeit hier?! Aber wie... Der Kaiserliche sah, wie die Augen der Dunmer begannen zu glänzen. Er wusste nicht, was er erwidern sollte, stattdessen drückte er einfach nur ihre Hand.
Die Tür wurde aufgeschoben und Marie trat ein. Mitten in der Bewegung erstarrte sie jedoch, als ihr Blick auf Arranges fiel. Unzählige Gedanken rauschten durch ihren Kopf und ihre Mundwinkel zuckten, aber mehr Regung war nicht zu erkennen. 'Ich hätte nicht gedacht, dass ihr nochmals die Augen öffnet Arranges...' Sagte sie kühl, während sie an den Tisch herantrat. 'Tut mir leid, dass ich euren Wünschen nicht nachkommen kann Meisterin Marie, ich gelobe Besserung...' Gab Arranges zurück.
Marie nahm Erynn mit nach oben. Sie gab ihr in einem Gespräch unter vier Augen zu verstehen, dass es besser für sie wäre, ihr kleines Geheimnis für sich zu behalten. Außerdem würde Marie mit 4 ihrer Botschafter zu ihrem Haus zurückkehren. Die restlichen drei unterstellte sie dem direkten Befehl der Dunmer. 'Passt gut auf ihn auf, wir lassen euch Verbände und Arznei da... ich hatte wirklich nicht geglaubt, dass er auf meine Heilzauber anspricht... Sorgt dafür, dass er noch ein paar Tage absolute Ruhe hat, ich bin kein Gott und wenn seine Wunden aufreissen, kann ihm keiner mehr helfen... bis zu unserem nächsten Treffen, Erynn!' Damit verschwand Marie mit den 4 Botschaftern im Wald.
Als Erynn in den Keller zurückkehrte, war Arranges gerade dabei, auf der Tischkante sitzend, an den Verbänden um seinen Oberkörper herumzuzupfen.
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