Dem Kaiserlichen schossen allerhand Gedanken durch den Kopf. Er versuchte die Lage irgendwie einzuschätzen, versuchte sich ein Bild davon su machen, was sinnvoll wäre, ob es sich lohnt, zum Anwesen zu reiten oder ob er besser daran täte, endlich den dritten Siegelstein zu holen... Wer war noch betroffen, vielleicht waren auch schon viele tot, die er kannte... was wenn Meister Juranos Anwesen ebenfalls angegriffen worden war... Und plötzlich wurden seine Gedanken von Erynns Worten einfach zerfetzt. Er schaute leicht verwirrt auf. 'Wir?!' Er schüttelte entschieden den Kopf. 'Wenn überhaupt ich... und ausschließlich ich... du wirst nach Skingrad zurückreiten...!'

Vor wenigen Wochen noch hätte Erynn zustimmend genickt, wäre auf ihr Pferd gestiegen und hätte sich im Gildenhaus verkrochen. Doch es war zu viel geschehen, um Arranges jetzt den Rücken zu kehren. Sie schüttelte ihrerseits nachdrücklich den Kopf. "Vergiß es. Ich lasse dich nicht allein gehen." Sie seufzte. "Ich stecke schon längst viel zu tief in der ganzen Sache drin, Beschwörer. Ich kann mich nicht einfach verpissen."

'Verdammt nochmal Erynn, die ganze Sache ist auch so schon schwer genug... mach es nicht noch schlimmer... du gehst zurück, weil ich über dich... verfüge... ja, verfüge... also bitte... sei brav, setz dich auf dein Pferd und mach dass du wegkommst!' An der Stimme allein war schon zu erkennen, dass es Arranges bitter Ernst damit war.

Sie schlug die Augen nieder und fühlte sich für einen Augenblick lang tatsächlich wie ein störrisches, ungezogenes Kind. Dann straffte sie ihre Gestalt und blikcte ihr Gegenüber ruhig an. "Du verfügst über mich, Arranges? Bist du dir so sicher, was das betrifft? Vielleicht mag die Gathering das glauben, und die Abtrünnigen auch... Verflucht, du sturköpfiger Hammel, ich will einfach nicht, daß du dich allein in eine Sache stürzt, die überhaupt nicht einschätzbar ist!" fauchte Erynn mit plötzlicher Heftigkeit. "Woher weißt du, daß dieser Bote echt war? Woher weißt du, daß es keine Falle ist? Die Abtrünnigen haben schon einmal versucht, dich in ihre Finger zu bekommen. Was sagt dir, daß sie ihre Methoden nicht ändern, um Erfolg damit zu haben?"

Der Kaiserliche zuckte zusammen und sah sie einen Moment nur fragend an. 'Ein weiterer Grund dafür, dass du nicht dabei sein wirst... ich will nicht verantworten, dich in diese missliche Situation noch weiter hinein zuziehen! Was du willst oder nicht willst, ist mir egal... das nächste Mal muss ich dir noch ein Bein abnehmen, aber davor würde ich mich eher in die nächstbeste Klinge stürzen... also bitte, verschwinde einfach...' Die letzten Worte sprach er nur noch leise.

"Arranges... wir wissen nicht, was vor sich geht. Nach allem, was uns bekannt ist, sind die Angriffe gezielt, effizient und vor allem schnell. Die Verräter kennen die Schwachstellen und wissen sie zu nutzen. Sie suchen sich Ziele aus, die nur wenig verteidigt sind, schlagen zu und verschwinden, bevor Verstärkung eintrifft."
Sie beugte sich vor, faßte das Kinn des Kaiserlichen mit festem Griff und zwang ihn dazu, sie anzusehen. "Ich weiß, du willst mich nicht in Gefahr bringen. Ich weiß das auch zu schätzen. Aber wenn du mich jetzt alleine fortschickst... wie lange, glaubst du, könnte ich mich gegen die Abtrünnigen wehren, wenn sie beschließen mich zu fangen und als Druckmittel gegen dich einzusetzen?" fragte sie mit gequälter Stimme. "Deine größte Schwachstelle im Moment... bin ich."

NEIN! Ich bin Mentor Arranges, ich habe nichts, was die Bezeichnung Schwachstelle verdient hätte! Der Nekromant machte sich grob vom Griff der Dunmer los und wich zurück. Man sah ihm deutlich an, dass er hin und her gerissen war. Einerseits sagte etwas in ihm mit Nachdruck, Erynn zu zwingen, nach Skingrad zurückzukehren, aber auf der anderen Seite haderte er mit sich selbst, da er irgendwo im Hinterkopf genau wusste, dass sie Recht hatte... 'Aber die Abtrünnigen... sie wissen nichts... was sollten sie mit dir als Druckmittel, ich meine... es... sie dürfen nicht... Es würde keinen Sinn ergeben, dich als Druckmittel zu verwenden...' Hatte er zuvor noch ganz genau gewusst, was er tun würde und wollte, so war er jetzt völlig ratlos und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Erynn einfach aufsitzen würde und davonreiten würde...

Erynn starrte den Kaiserlichen weiter an, ohne einmal zu blinzeln. Er begann schon wieder, sich die Realität passend zu biegen, wie so oft, wenn die Dinge aus dem Ruder liefen. "Was dürfen sie nicht? Welche Grenzen halten diese Leute noch? Es sind Verräter, oder nicht? Und was genau wissen sie nicht? Wo sie uns finden?" die Elfin schnaubte abfällig, fixierte dann wieder den Beschwörer. "Bin ich ein geeignetes Druckmittel, Arranges? Beantworte die Frage ehrlich. Mir und auch dir selbst gegenüber."

Er blickte durch Erynn hindurch, schien sie gar nicht zu sehen und schaute stattdessen auf das bröckelnde, rissige Konstrukt, das einmal die funktionierende Gathering gewesen war, ohne großes Wenn und Aber... die Gemeinschaft, die ihn aufgenommen hatte, ohne ihn wegen seiner Vergangenheit irgendwie zu verurteilen... Die Gathering war im Begriff zu zerfallen... aber das durfte einfach nicht sein... aber noch sehr viel weniger wollte Arranges riskieren, dass Erynn nochmals etwas zustößt, die Sache mit ihrem Finger hing immer noch lose in seinem Verstand herum und schwelte vor sich hin... Er konnte der Dunmer nicht länger in die Augen blicken und schaute auf den Boden. Als er den Kopf nach einigen Herzschlägen wieder hob, beantwortete er ihre Frage mit tonloser, leicht zitternder Stimme: 'Ja...'

Die Elfin schloß langsam die Augen, brach den unnachgiebigen Blick, mit dem sie ihren Begleiter festgehalten hatte. Verdammt... "Wo ist dieses Anwesen, Arranges?" fragte sie ruhig.

Arranges war nicht ganz sicher, was er von der Reaktion der Elfe halten sollte, aber jetzt, da er schoneinmal nachgegeben hatte, konnte er ihr auch das sagen. 'Das Anwesen liegt nordwestlich der Stadt Dune an der Grenze zwischen Elsweyr und Valenwald. Ich selbst habe das Anwesen nur einmal sehr kurz gesehen... es steht auf einer niedrigen Anhöhe in mitten des lichten Waldlandes, das sich wie ein Gürtel um den dichten Urwald im Herzen der Heimat der Bosmer legt. Das Anwesen selbst sieht einfach gesagt, einer schlichten Turmburg aus massiven Holzstämmen gleich. Ein gut 10 Meter hoher Turm, an welchen sich ein unregelmäßiges Wohngebäude anlehnt. Umgeben ist das Anwesen von einer mannshohen Palisade. Ich weiss nicht, wie es jetzt dort aussieht, geschweige denn, ob es dort Möglichkeiten zur Unterbringung der Verletzten gibt, ich habe das Gebäude zwar von innen gesehen, aber es wirkt eher wie ein etwas größeres Haus des Adels... Meister Parlovar ist ein mächtiger Magier und ein noch mächtigerer Nekromant. Er legt viel Wert darauf, möglichst unauffällig zu agieren und zu leben... seltsamerweise erregt er auch mit seinem Anwesen nicht wirklich Aufsehen, was sicherlich zu einem Großteil daran liegt, dass es eben recht abgeschieden ist...'

Erynn hörte genau zu, was Arranges über das Haus des Meisters zu sagen hatte. Die befestigung des Ortes schien nicht über das übliche Maß hinauszugehen, was aber, bedachte man die Macht der Gatheringmitglieder, unter normalen Umständen auch nicht nötig sein dürfte. Allein, es waren keine normalen Umstände.
"Bewaldete Umgebung, sagst du? Sind die Bäume hoch und dicht genug, daß sich ein Schütze darin verstecken könnte und einigermaßen Sicht auf irgendwelche Belagerer hätte?" Sie schaute versonnen vor sich ins Leere, ging die dürftigen Informationen wieder und wieder durch, um nur nicht über dieses eine, leise 'ja' nachdenken zu müssen, das ihr einen so tiefen Einblick in das Innere ihres Begleiters gegeben hatte. Es tat ihr in der Seele weh, dem Beschwörer eine solche Last zu sein, und zugleich war sie froh, daß sie es ihm hatte ausreden können sie wegzuschicken. Allein der Gedanke daran, er könnte sich aus übertriebener Sorge um sie ohne Rückendeckung auf so einen Irrsinn einlassen, machte sie rasend.
"Mach dir keine Gedanken um mich", setzte sie schließlich hinzu und blickte wieder in sein angespanntes Gesicht. "Ich werd meinen Kopf schon unten halten."

Die letzten Worte der Elfe trugen nicht wirklich dazu bei, dass Arranges sich entspannte, im Gegenteil. Jetzt, da er ernsthaft über die wahrscheinliche Lage dort nachdachte, verspürte er mehr noch als vor ein paar Minuten, den Wunsch, Erynn einfach wegzuschicken oder direkt in den Sattel zu springen und einfach loszureiten. 'Ja... die Bäume sind recht hoch, aber die Kronen insgesamt eher schmahl... ein Waldelf könnte sich in den Wipfeln vielleicht gut verstecken...' Murmelte er vor sich hin. Er überlegte noch einen Moment, wie er sagen konnte, was er gerade tatsächlich dachte, dann stand er auf. 'Ich werde direkt losreiten... Vermutlich werde ich nur ein niedergebranntes Anwesen vorfinden, aber dafür könnte ich mir dann ein besseres Bild von der Gesamtsituation machen... Du kannst nach Skingrad zurückgehen, wenn du willst, ich erwarte nicht von dir, dass du mitkommst...' Während er zu seinem Rotfuchs ging um die Verschnürung der Satteltaschen zu kontrollieren und allgemein Anstalten machte, das Lager abzubrechen, fügte er noch flüsternd hinzu: 'Verschwinde doch einfach und mach es mir nicht ganz so schwer...' Die grundlegende Sorge hatte schließlich über die Vermutung, dass die Abtrünnigen sie entführen und als Druckmittel gegen ihn verwenden könnten, gesiegt.

"Fang nicht schon wieder damit an." Erynn ging dem Beschwörer hinüber und packte ihn fest bei den Schultern. "Glaubst du etwa, ich will dich bei diesem Haus sehen? Denkst du wirklich, ich könnte mich seelenruhig in der Gilde schlafen legen und wie ein zahmes Weibchen darauf warten, daß du irgendwann zurückkehrst - oder auch nicht? Wir haben zu viel gemeinsam durchgestanden. Ich lasse dich nicht alleine gehen. Ende der Diskussion." Mit diesen Worten wandte sie ab, schwang sich auf den Rücken ihres Wallachs und wartete darauf, daß Arranges ebenfalls aufsaß.

Arranges seufzte. Es würde nichts bringen weiter darüber zu reden, Erynn würde nicht locker lassen. Er trat das Feuer aus und saß dann ebenfalls auf. Er wandte sich nochmals zu der Dunmer um, als wollte er etwas sagen, machte aber dann nur eine wegwerfende Geste und preschte ungeachtet des stark bewachsenen und unebenen Geländes los.